Irische Mythologie

Irlands Steine und Felsen: Vergessene Legenden

Irlands Steine und Felsen
Written by Nadja Uebach

Die Grüne Insel ist das Land der Mythen und Legenden. Ein Land, das über seine ursprüngliche Sprache, unzählige Geschichten und seine Landschaft untrennbar mit der Vergangenheit und einer lange vergessenen Kultur verbunden ist. Es scheint, als hätte jede Klippe, jeder Baum und jeder Stein seine eigenen Erzählungen. Erzählungen, die sich zu einem unendlichen Flickenteppich verweben, der die kleine Atlantikinsel in einen geheimnisvollen Mantel hüllt. Irlands Steine und Felsen scheinen dabei eine besonders große Rolle zu spielen.

Neben weltbekannten Felsformationen, wie dem Giant’s Causeway oder den magischen Steinkreisen, die auf der Insel zu finden sind; steckt Irland voller unscheinbarer felsiger Orte, die nicht nur einen Blick in die Vergangenheit des Landes erlauben; sondern mit ihren Legenden zudem ein Gefühl für die Geschichten des Volkes vermitteln, das die Grüne Insel zu dem gemacht hat, was sie heute ist.

Hier stellen wir euch eine kleine Auswahl von Irlands Steinen und Felsen vor, die ihre ganz eigenen Legenden erzählen.

The Hag of Beara, Co Cork

Auf der Beara-Halbinsel im County Cork finden sich unzählige steinerne Überbleibsel aus der Vergangenheit. Eines, um das sich die meisten Legenden ranken, ist die felsige Gestalt einer ehemaligen Göttin auf einer Klippe in der Nähe von Eyeries, die unter dem Namen „The Hag of Beara“ bekannt ist.

Demzufolge handelt es sich bei dem Felsen um die ehemalige keltische Göttin An Cailleach Béara. Zu ihrer Zeit galt sie als eine der mächtigsten Göttinnen der Insel und die Hauptgöttin in Cork und Kerry. Heute ruht sie in ihrer steinernen Form auf einem Hang, mit ihrem Gesicht auf ewig dem Atlantik zugewandt. Wie es jedoch dazu kam, ist umstritten. Einiger Legenden nach ließ sich die Göttin dort aus freien Stücken nieder, um auf die Rückkehr ihres Mannes Manannan Mac Lir zu warten. Laut einer anderen Erzählung wurde die Cailleach von einem Heiligen aus dem Ort versteinert, dessen Gebetsbuch sie gestohlen hatte. Heute gilt die felsige Göttin als Glücksbringer. Wer ihre Gunst erlangen möchte, hinterlässt bei seinem Besuch Münzen, bunte Steine oder Schmuckstücke als Opfergaben.

Irlands Steine: Lia Fáil, Hill of Tara, Co Meath

Der Lia Fáil oder zu Deutsch Stein von Fal ist unter Irlands Steinen wohl einer der bedeutendsten. Als der Krönungsstein der Hochkönig hatte er eine entscheidende Rolle zu erfüllen, denn nur wenn ein würdiger König auf ihm gekrönt wurde, schrie der Stein auf. Daher auch seine Beinamen „Der Stein des Schicksals“ oder „Der schreiende Stein“.

Der Krönungsstein wurde entweder von dem göttlichen Volk der Túatha dé Danann als einer der vier magischen Schätze aus der mystischen Stadt Falias nach Irland gebracht; oder landete während einer Einwanderungswelle aus Spanien auf der Grünen Insel. Genauso unklar wie die Ursprünge des Lia Fáil ist sein Verbleib. Viele glauben, dass der Stein, der auch heute noch im County Meath in den Himmel ragt, der Stein sei, der einst die Hochkönige Irlands bestätigte. Andere Aufzeichnungen bringen den Stein von Fal mit dem Stone of Scone in Schottland in Verbindung. Egal, ob Original oder nicht; die Stimmung rund um den Stein von Fal auf dem heutigen Hill of Tara, sorgt in jedem Fall für Gänsehaut.

Hill of Tara

Hill of Tara, Co. Meath, Irland © Macmillan Media, Tourism Ireland

Fairy Castle, Two Rock Mountain, Co Dublin

Unzähligen Mythen und Legenden zufolge treibt das Feenvolk auf der Grünen Insel schon seit jeher sein Unwesen. Bis heute glauben viele Iren an ihre Existenz; und halten sich aus Respekt und aus Aberglauben von Orten fern, die den Feen zugeschrieben werden. Einer dieser Plätze befindet sich auf dem Gipfel des 536 Meter hohen Two Rock Mountain in den Dubliner Bergen.

Das dortige Fairy Castle wird durch ein Steinhügelgrab markiert, in dem Archäologen die rituell bestatteten Überreste keltischer Inselbewohner vermuten. Legenden zufolge liegt unter den Steinen jedoch kein Grab, sondern der Eingang zu einer Burg der Feen begraben. Wie dem auch sei, lange Zeit hat sich niemand auf den Hügel getraut. Heutzutage gilt die Wanderung auf den höchsten Berg der Gegend jedoch als einer der schönsten Trails am südlichen Stadtrand der Hauptstadt.

Irlands Steine: Bull Rock, Co Cork

Wenn es um spektakuläre Felsformationen vor der irischen Westküste geht, liegt die Inselgruppe des Bull Rock, Cow Rock, Calf Rock und Heifer Rock ganz weit vorne. Insbesondere der Bull Rock gibt mit seinen schroffen und zerklüfteten Felswänden, den alten in Stein gemeißelten Behausungen in seinen Klippen, dem natürlichen Tunnel und nicht zuletzt dem Leuchtturm, der auf seiner Spitze thront ein eindrucksvolles Bild ab. Bull Rock ist jedoch nicht nur ein Abenteuer für die Augen. Der Meeresfelsen spielt auch in unzähligenLegenden der Grünen Insel eine zentrale Rolle. So ist der schmale Tunnel, der von der Kraft des Atlantiks kreiert wurde als Eingang in die Unterwelt bekannt. Eine Pforte, die Tote auf dem Weg zu ihrem letzten Ruheort durchreisen.

Alten Mythen zufolge soll Bull Rock zudem die letzte Ruhestätte des Donn, dem mythischen Herren des Totes, sein. Dieser soll gemeinsam mit Amergin auf der Atlantikinsel angekommen sein. Nachdem er die dort ansässigen Túatha dé Dannan beleidigt hatte, ertrank er in einem magischen Sturm, der von dem mystischen Inselvolk heraufbeschworen wurde. Anschließend beerdigte man ihn auf Bull Rock, der fortan als Teach Donn (Das Haus des Donn) bekannt war. Bis heute soll Donn dort die Seelen der Toten um sich herum versammeln. Wer an einem nebligen Tag den Blick übers Meer und hinüber zu Bull Rock schweifen lässt, dem fällt es sicherlich nicht schwer, dieser Legende zu glauben.

Uaimh na gCat – Höhle der Katzen, Co Roscommon

In der Nähe der kleinen Ortschaft Tulsk im County Roscommon befindet sich eine der größten und sicherlich wichtigsten archäologischen Anlagen der Insel. Obwohl ein Großteil der Anlage unerforscht ist; weiß man, dass es sich dabei unter anderem um den Regierungssitz der Königin Medb von Connacht handelte.

Eine der geheimnisvollsten Stätten der gesamten Anlage ist die Uaimh na gCat (auch: Oweynagat) oder Höhle der Katzen. Sie wartet nordwestlich von Tulsk mit einem unscheinbaren Höhleneingang. Der Eingang zu dem menschgemachten Vorraum der Höhle wird von einem Ogham-Stein geziert, der die Inschrift „Fraech, Son of Medb“ trägt, die Einkerbungen auf einem zweiten Ogham-Stein konnten bisher nicht entziffert werden. Ein weiterer kleinerer Durchgang führt von dem Vorraum in eine knapp 40 Meter lange natürliche Höhle. Das kleine Höhlensystem gilt als Irlands Tor zur Hölle. Von hier aus sollen zu Samhain (heute: Halloween) Wesen aus der Unterwelt auf die Erde gekommen sein, um das Land auf den Winter vorzubereiten.

Mehr zur Entstehung von Halloween, könnt ihr HIER nachlesen.

Kinder von Lir Grabstein, Allihies, Co Cork

Eine der bekanntesten Mythen der Grünen Insel ist sicherlich die Geschichte der Kinder von Lir, die von ihrer Stiefmutter in Schwäne verwandelt und dazu verflucht wurden 900 Jahre in diesem Zustand zu leben, bis sie das Läuten von Kirchenglocken von ihrem Fluch befreien sollte.

In der Nähe des Küstendorfes Allihies im County Cork läutete ein dort ansässiger Mönch schließlich diese schicksalhaften Glocken. Die Schwäne, die sich in der Umgebung aufhielten, verwandelten sich zurück in ihre menschlichen Gestalten. Doch nach so vielen Jahrhunderten waren aus den Kindern alte und gebrechliche Menschen geworden. Der Mönch erkannte, dass die Kinder von Lir nicht mehr lange zu leben hatten, und taufte sie vor ihrem Tod. Anschließend bestattete er sie in den Hügel von Allihies und markierte ihr Grab mit einem großen, runden, weißen Stein, auf dem Besucher heute noch kleine Grabgeschenke niederlegen.

Allihies, Ring of Beara

Allihies, Co. Cork, Irland © Chris Hill, Tourism Ireland

Irlands Steine: Cloughmore Stone, Co Down

Der Riese Fionn mac Cumhaill (auch: Finn McCool) ist auf der Nordhälfte Irlands für einige imposante Naturdenkmäler verantwortlich, so wird ihm neben dem Giant’s Causeway beispielsweise auch der Murder Hole Beach im County Donegal zugeschrieben.

Weniger bekannt, allerdings nicht weniger beeindruckend ist der Cloughmore Stone; der auf einem Hang südlich von Rostrevor über dem Carlingford Lough thront. Der Legende nach hatte sich der Riese nach der Jagd auf ein Wildschwein auf dem Slieve Foy nordwestlich von Carlingford am Hang des Berges ausgeruht, als auf der anderen Seite des Lough sein Widersacher, der Riese Ruscaire auftauchte.

Nachdem sich die beiden Feinde einen zweitagelangen Kampf mit ihren Schwertern über das Wasser hinweg geliefert hatten, erwachte Ruscaire am dritten Tag vor Fionn. Er schlich sich an den schlafenden Riesen heran und klaute sein Schwert. Als Fionn nach dem Erwachen den Diebstahl bemerkte, warf er in seinem Zorn einen 50 Tonnen schweren Felsen über den Carlingford Lough und traf Ruscaire damit am Kopf. Der verletzte Riese fiel nach hinten in den Hang und verschmolz dort mit dem Untergrund. Der Felsbrocken thront noch heute als Cloughmore Stone an dieser Stelle. Eine weniger legendäre Erklärung für den Felsen fanden Forscher in der letzten Eiszeit, die den Steinbrocken dort platziert haben soll.

Irlands Steine und Felsen als Wegweiser durch die Zeit

Es scheint als wären Irlands Steine und Felsen der rote Faden, der die Vergangenheit mit unserer Zeit und die Mythen mit der Realität verbindet. Egal, ob in der Gegenwart versteinerter Götter, mystischer Grabstätten oder auf der Schwelle zur Unterwelt, der Pfad in ein Irland längst vergangener Tage ist gesäumt von Felsen und Steinen.

Über den Autor

Nadja Uebach

Da ich seit dreizehn Jahren auf der grünen Insel lebe, bedeutet Irland für mich in erster Linie Alltag. Wenn ich nicht mit meinem Laptop bewaffnet in einem Café oder Zuhause sitze und schreibe, findet man mich höchstwahrscheinlich mit meinen drei Kindern am Strand. Die Natur, die Kultur und insbesondere die Menschen sorgen dafür, dass sich in unseren Alltag immer wieder ein bisschen Magie einschleicht. Diese besondere irische Alltagsmagie versuche ich in meinen Texten in Worte zu fassen.

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