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Die Legende vom Giant’s Causeway

Giant's Causeway, Giant's Causeway
Monika Dockter
Written by Monika Dockter

Ein Vulkanausbruch in grauer Vorzeit oder doch ein Riese, der mit Felsbrocken um sich wirft – wie entstand der Giant’s Causeway wirklich? Zunächst einmal die Fakten: Der Giant’s Causeway (englisch für Damm oder Pfad des Riesen) liegt im Norden Irlands im County Arnim und etwa 80 Kilometer von Belfast entfernt. Er besteht aus circa 40.000, bis zu zwölf Meter hohen, eckigen Basaltsäulen. Als Damm beziehungsweise Pfad führt er fünf Kilometer entlang der Klippen und endet im Meer. Das Alter der außergewöhnlichen Gesteinsformationen liegt bei etwa 60 Millionen Jahren, und sie entstanden nach einem Vulkanausbruch durch die Abkühlung heißer Lavamassen. Mehr Wissenswertes zu diesem Thema finden Sie hier.

Doch allein der Name „Giant’s Causeway“ deutet an, dass es darüber hinaus eine andere – und möglicherweise sehr viel „irischere“ – Erklärung für die Entstehung des Dammes gibt: Die Legende vom Giant’s Causeway!

Fionn, der Riese

Hoch droben im Norden Irlands lebte einst ein Riese; Fionn mac Cumhaill war sein Name. Seine Burg thronte auf der steilsten Klippe der Küste und ihr Turm war so hoch, dass er die Wolken am Bauch kitzelte. Für den Riesen aber waren es nur drei Schritte über die Klippen bis hinunter ans Wasser, und selbst wenn ein Sturm tobte, reichte die schäumende Brandung nicht bis über seine Schultern hinaus.

Mit seiner geliebten Frau Oonagh führte Fionn ein geruhsames Leben: Frühmorgens ging er zur Jagd, tagsüber sah er nach seinem Vieh und abends verzehrte er am Kaminfeuer ein köstliches Mahl, das Oonah bereitet hatte. Gelegentlich aber, wenn die Sonne ihn allzu warm im Bart kitzelte oder der Regen so heftig prasselte, dass selbst sein Riesenhaupt die Tropfen spürte, überkam ihn die Lust zu streiten. Fionn brauchte jemanden, mit dem er seine Kräfte messen konnte. Doch im ganzen Land gab es niemanden, der dies wagte, und das ärgerte Fionn ganz gewaltig. Was nützte es einem Mann, der stärkste Kerl im Lande zu sein, wenn er niemanden hatte, der sich mit ihm prügeln wollte?!?

Eines milden Abends hatte Fionn genug von diesem Elend. Er trat vor seine Burg, erhob die Stimme und rief so laut, dass selbst das Rauschen des Meeres verstummte: „Bin ich denn umgeben von lauter feige gackernden Hühnern und erbärmlich auf dem Bauche kriechenden Würmern?!?  Wo bist du, Krieger, der es wagt, sich in ehrlichem Kampf mit mir zu messen? Wag’ dich heraus aus deinem Erdloch und stelle dich zum Streit mit Fionn McCumhaill!“

Und was der Riese nicht erwartet hatte, geschah: Er erhielt Antwort!„Einen erbärmlich kriechenden Wurm nennst du mich, Fionn McCumhaill? Ha! Der Wurm bist du selbst, und wenn du dein Maul noch weiter aufreißen willst, werde ich dich unter meinem Daumennagel zerquetschen und deine Eingeweide den Walen zum Fraß vorwerfen!“ Es war Benandonner, Fionns schottischer Nachbar, den er manchmal auf den jenseitigen Klippen wandeln sah. Benandonners Worte erzürnten Fionn nun allerdings erst recht. Glaubte der Kerl dort drüben wahrhaftig, er wäre stärker als Fionn? Wütend schleuderte er eine Beleidigung zurück und im Nu war ein wahrer Riesen-Streit im Gange.

Der Bau des Giant’s Causeway

Wochenlang währte der Streit. Abend für Abend schallten wüste Beleidigungen übers Meer hinweg und die Wogen duckten sich unter bisher ungehörten Schimpfworten. Es kam der Tag, an dem Fionn in seinem Zorn ein Stück Erde aus dem Boden riss und es auf Benanndonner schleuderte. Der Erdbrocken jedoch fiel schon vor der jenseitigen Küste ins Wasser. Dort bildete er eine Insel, die hinfort „Isle of Man“ genannt wurde. Nicht im Geringsten entmutigt von diesem Misserfolg ersann Fionn einen neuen Plan: Aus den Klippen vor seiner Burg brach er Felsbrocken heraus. Er formte sie zu mächtigen Pfeilern und rammte sie in den Meeresboden. Ein Damm sollte daraus werden, auf dem Fionn hinüber nach Schottland spazieren und Benanndonner ein für allemal klar machen würde, wer hier der stolze Riese war – und wer der elende Wurm!

Tag und Nacht, Woche für Woche mühte sich Fionn. Bei jedem Pfeiler, den er in den Meeresgrund steckte, freute er sich auf seinen Kampf mit dem Großmaul Benanndonner. Und endlich war es so weit: Mit stolz geschwellter Brust betrat Fionn seinen Pfad und eilte der fremden Insel entgegen. Genau wie zu Hause erklomm er die Klippen mit drei Schritten – und erschrak. War das ein Berg, der da so steil vor ihm aufragte? Ein Berg, der geformt war wie eine riesige, nackte Fußsohle? Fionn schritt um den Berg herum und erschrak noch mehr: Der Berg war in der Tat eine riesige Fußsohle, und ihr Besitzer gewiss niemand anders als Benanndonner, der hier längelang am Boden lag und schlief. Benanndonner, der von der heimatlichen Küste aus kaum größer ausgesehen hatte als ein Mensch!

Voller Entsetzen wanderte Fionns Blick den nicht endenwollenden Körper entlang bis zum Gesicht des Riesen. Aus der Entfernung und mit geschlossenen Augen freilich wirkte es friedlich. Aber was, wenn Benanndonner erwachte und erkannte, wie klein sein Gegner Fionn aus der Nähe betrachtet war? Fionn überlegte nicht einen Augenblick länger. Mit einem großen Satz war er zurück an den Klippen und mit einem weiteren hinunter am Wasser. Dann trennte ihn nur noch der Damm von seiner schützenden Burg…

Legende mit Happy End

Oonagh, die stets geduldig über dem Geschehen gewacht hatte, erwartete ihren Mann bereits. Sie führte Fionn ins Schlafgemach, steckte ihn in eines ihrer Nachthemden und setzte ein besticktes Häubchen auf seinen Kopf. Derart kostümiert schickte sie ihn zu Bett. Als wenig später der schottische Nachbar ans Burgtor hämmerte, sodass sogar das Bett im Schlafgemach erzitterte, bat sie ihn freundlich herein. „Ich fürchte, mein Mann ist eben zur Jagd aufgebrochen“, erklärte sie, „aber komm doch bitte herein und warte auf ihn!“ Benanndonner folgte widerspruchslos. Fionns Sprung über die Klippen hatte ihn gewaltsam wie ein Erdbeben aus seinem Schläfchen gerissen und er war noch nicht ganz klar im Kopfe.

Er leerte den Bottich voll Tee, den Oonagh ihm anbot, und nahm auch ihre Einladung an, Fionns Leibspeise zu kosten. Als er sich jedoch an dem Sandwich aus zwei Scheiben Eichenholz, belegt mit armdickem Leder und zusammengehalten von Eisennägeln, einen Zahn ausbiss, wurde ihm leicht unbehaglich zumute. Was für ein Mann musste es sein, der sich auf diese Art ernährte?  Welch harter Brocken steckte hinter diesem Fionn??? Oonagh indessen bemerkte nichts von seinem Unbehagen. „Willst du nun, da du dich gestärkt hast, vielleicht auch Fionns Nachkommen die Ehre deines Besuches erweisen?“, schmeichelte sie lächelnd. Und Benanndonner blieb nichts anderes übrig, als zurückzulächeln, ihr ins innere Gemach zu folgen und das Baby zu bewundern: Fionn.

Derselbe hatte sich zu einer Kugel zusammengerollt, das Häubchen über die geschlossenen Augen gezogen und nuckelte hingegeben am Daumen. Benanndonner schluckte. Er hatte in seinem Riesenleben bislang nicht viele Säuglinge erblickt, doch eines war ihm klar. Dieser hier war weder klein noch niedlich, wie er es eigentlich sein sollte, sondern ausgesprochen groß, breit und hässlich. Was wiederum nichts anderes bedeuten konnte, als dass sein Vater noch viel größer, breiter und hässlicher war.

„Bei allen guten Geistern, nein!“, sagte er sich. „Ich laufe doch nicht sehenden Auges in mein Verderben, indem ich auf die Rückkehr dieses Burschen warte!“ Und damit lief er los, so rasch ihn seine nackten Sohlen trugen. Zurück zum Burgtor ging´s und über den Causeway hinüber auf seine eigene Insel. Unterwegs riss Benanndonner noch etliche der Felsensäulen aus dem Wasser. Nicht dass Fionn noch einmal auf die Idee käme, Benanndonner zu besuchen! Wie sollte er denn ahnen, dass Fionn ebenso viel Angst vor ihm hatte wie umgekehrt?

Fortan herrschte Stille über dem Wasser zwischen den beiden Inseln; und nur, wer den Giant’s Causeway mit offenen Augen betrachtet, mag noch etwas erahnen von dem uralten Zwist. Und von der List, die diesen mit Frieden beendete statt mit Gewalt…

 

Sie möchten den legendenträchtigen Norden Irlands erkunden? Dann haben wir hier noch Tipps für die Reise über die Coastal Route und hier noch die schönsten Highlights Belfasts für Sie. Lassen Sie sich inspirieren!

Über den Autor

Monika Dockter

Monika Dockter

Als Schriftstellerin bedeutet Irland für mich Inspiration in ihrer schönsten Form. Ich finde diese Inspiration in den Worten begnadeter irischer „Storyteller“, zwischen den verschlungenen Wurzeln einer uralten Eiche und auf der Brücke über einen Bach, dessen Wasser vom Torf so braun ist wie der Ginster am Ufer gelb…
Für die gruene-Insel.de zu schreiben betrachte ich als einmalige Gelegenheit, etwas von der für mich so faszinierenden Atmosphäre dieses Landes weiterzugeben – und zwar an eingefleischte Irlandfans ebenso wie an solche, die genau das einmal werden wollen.

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