Irische Mythologie

Amergin – Urvater aller irischer Poeten

The Song of Amergin
Written by Nadja Uebach

Als sich der mystische Sturm legte, breitete sich das Land von der Westküste in einem Teppich satten Grüns vor dem Boot aus, das seine Insassen aus dem heutigen Spanien in ihre neue Heimat gebracht hatte. Ein Anblick, der nicht nur das Ende einer Ära und den Beginn einer neuen markierte; sondern auch ein Anblick, der Amergin, den Urvater aller irischer Poeten zu Worten inspirierte, die Irland bis heute auf eine kraftvolle Art und Weise mit seinem Volk verbinden. Dabei ist das Lied des Amergin viel mehr, als nur ein Gedicht. Es ist eine Proklamation des Lebens und der Tatsache, dass wir Menschen nicht auf der Erde leben, sondern ein Teil davon sind. Eine Liebeserklärung und gleichzeitig ein Versprechen Amergins an ein unbekanntes Land, das jedoch schon seit jeher ein Teil von ihm war.

Wer dieser Mann war, wie er die Grüne Insel von den Túatha Dé Danann übernahm und welche Bedeutung sein Lied bis heut in der irischen Kultur hat, erfahrt ihr in den nächsten Zeilen.

Amergin & die Eroberung Irlands

Den Chroniken Irlands zufolge kamen die spanischen Kelten am 1. April im Jahr 700 v. Chr. mit ihren Schiffen an der Westküste Irlands an. Obwohl Archäologen die Herkunft der keltischen Siedler nicht bezweifeln, sind sie sich einig, dass ihre Ankunft jedoch viel weiter zurückliegt. Es wird angenommen, dass Amergin gemeinsam mit seinem Volk der Milesier etwa um 8.000 v. Chr. auf die Grüne Insel kam.

Zu diesem Zeitpunkt besiedelten die Nachfahren der Göttin Danu, das Volk der Túatha Dé Danann die Insel. Es wird angenommen, dass die Spanier mit ihren Booten zunächst entweder in Kenmare oder Tralee im Westen der Insel landeten und dort an Land gingen. Amergin nannte die dortige Bucht Inber Scéne, nach seiner Frau Scéne, die während der Überfahrt ums Leben gekommen war.

Amergin der Druide

Bereits in Spanien war Amergin als Druide, Dichter und Richter ein geschätztes Mitglied der Milesier. Zudem galt er als einer der acht Söhne des Stammesoberhaupts Milesius, was so viel wie „Soldat Spaniens“ bedeutet, als ein Führungsmitglied des Volkes. Dieser Rolle hatte es Amergin zu verdanken, dass er gemeinsam mit seinen Brüdern und weiteren Stammesmitgliedern nach Irland aufbrach. Ursprünglichen wollten sich die Milesier an den Túatha Dé Danann für den Tod von Amergins Onkel Íth rächen, der dort während einer Erkundungstour getötet wurde.

Das Ziel der Milesier war es, zunächst Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Allerdings wurde dieser Plan schnell in eine Invasion und Eroberung des Landes der Túatha Dé Danann umgewandelt. Milesius selbst starb noch, bevor die Boote in See stechen konnten.

Die Ankunft der Milesier in Irland

Wie genau sich die Ankunft von Amergin und seinem Volk in Irland wirklich zutrug, ist unklar. Es gibt mehrere Varianten. In einigen Erzählungen mussten sich die Milesier in zwei blutigen Kämpfen gegen die Könige der Túatha Dé Danann beweisen. Dabei kam unter anderem Amergins Mutter ums Leben. Am weitesten verbreitet ist jedoch eine andere Schilderung, die von zunächst friedlichen Verhandlungen erzählt, die jedoch schließlich in einem magischen Sturm endeten, den die Milesier bestehen mussten, um die Insel zu erobern.

Die drei Königsschwestern der Túatha Dé Danann, Ériu, Fódla und Banba, wollten die Milesier anfangs auf ihrer Insel willkommen heißen. Allerdings stellten alle drei die Bedingung auf, dass die Insel fortan ihren Namen tragen sollte. Bis heute lautet der irische Name Irlands Éire, was sich von Éiru ableitet. Die anderen beiden Namen, Fódla und Banba werden häufig als poetische Namen für die Insel verwendet.

Ein göttlicher Sturm und Amergins Sieg

Nach anfänglichen friedlichen Verhandlungen, sprachen sich die Ältesten der Túatha Dé Danann jedoch dagegen aus, ihr Land mit den Milesiern zu teilen. Stattdessen sollten die keltischen Spanier die Grüne Insel erobern. Die Túatha Dé Danann sandten Amergin und seine Leute zurück auf den Atlantik und machten ihm ein Versprechen: Sollte es ihnen gelingen erneut Fuß auf die Insel zu setzen, werden sich die Túatha Dé Danann ergeben.

Um das zu verhindern, beschworen die Túatha Dé Danann allerdings einen göttlichen Sturm herauf, der das Volk daran hindern sollte, das Ufer Irlands je wieder zu erreichen. Dem Druiden Amergin gelang es allerdings den Atlantik mit einem Zauber zu belegen, die Wellen zu beruhigen und seine Leute sicher zurück an die irische Küste zu bringen. Dem Mythos nach war es der Moment, in dem Amergin wieder irischen Boden unter seinen Füßen spürte, in dem er die heute berühmten Verse seines Liedes sprach! Du Túatha Dé Danann zogen sich darauf hin in die Unterwelt zurück, wo sie bis heute als das Volk der Sidhe unter den Hügeln der Grünen Insel leben.

The Song of Amergin: Das Lied des Urvaters irischer Poeten

Somit begann das keltische Zeitalter in Irland, dem Land vieler großer Dichter und Schriftsteller passenderweise mit einem Gedicht. Ein Gedicht, das so viel mehr verkörpert, als die Ankunft in einer neuen und fremden Welt. Worte, die beschreiben, wie das Übernatürliche und die Essenz unserer Existenz in allem steckt. Sowohl in der Natur als auch in uns Menschen und in jeder Handlung, die wie ihr ausführen. Somit werden wir alle eins mit unserer Umwelt und unseren Mitmenschen!

The Song of Amergin auf Irisch

Tatsächlich gibt es in unterschiedlichen Aufzeichnungen mehrere verschiedene Versionen dieses Gedichts. Obwohl sich die genauen Wortlaute und in einigen Fällen auch die Länge unterscheiden, ist das Wesentliche und die Kernaussage in allen Ausführung gleich.

Am gaeth i m-uir
Am tond trethan
Am fuaim mara
Am dam secht ndirend
Am séig i n-aill
Am dér gréne
Am cain lubai
Am torc ar gail
Am he i l-ind
Am loch i m-maig
Am brí a ndai
Am bri danae
Am bri i fodb fras feochtu
Am dé delbas do chind codnu
Coiche nod gleith clochur slébe?
Cia on co tagair aesa éscai?
Cia du i l-laig fuiniud gréne?

The Song of Amergin auf Deutsch

Wenn es um die Übersetzungen der altirischen Worte ins Englische geht, existieren ebenfalls mehrere Versionen und Auslegungen. Unsere deutsche Übersetzung orientiert sich auf einer weitverbreiteten modernen, allerdings eher wörtlichen Übersetzung des irischen Originals ins Englische.

Demnach erklärte Amergin Irland mit den folgenden Worten zu dem Land seines Volkes:

Ich bin der Wind auf dem Meer
Ich bin die Welle des Ozeans
Ich bin das Tosen des Meeres
Ich bin der Hirsch der sieben Schlachten
Ich bin ein Adler auf der Klippe
Ich bin eine Träne der Sonne
Ich bin die schönste Pflanze
Ich bin ein Wildschwein in Tapferkeit
Ich bin ein Lachs im Teich
Ich bin ein See in der Ebene
Ich bin ein Hügel der Poesie
Ich bin ein Wort des Wissens
Ich bin die Spitze des Speeres im Kampf
Ich bin der Gott, der Feuer in Köpfen entfacht
Wer wirft Licht auf ungeschliffene Dolmen?
Wer verkündet die Zeitalter des Mondes?
Wer kennt den Ort, wo die Sonne schläft?

Verwurzelung in der irischen Sprache

Amergins Lied ist jedoch mehr, als nur ein Manifest der neuen Heimat der Milesier. Sondern ist viel mehr der Grundstein, auf dem sich eine ganze Kultur aufgebaut hat. Amergin gelang es mit seinen Worten ein Lebensgefühl zu erschaffen, das den Iren durch ihre Sprache und ihre Traditionen über mehrere Jahrtausende hinweg erhalten blieb.

Immerhin ist Irland ein Land, in dem die Menschen seit jeher Seite an Seite mit den rauen und ungezügelten Gewalten der Natur leben, ohne zu versuchen, sie zu zähmen, zu beherrschen oder zu verändern. Darüber hinaus wird das Leben auf der Grünen Insel auch durch die enorme Präsenz der Mythen und Legenden geprägt. Bis heute werden Orten wie Feenhügel oder Steinkreise mit einem natürlichen Respekt behandelt. Ein Respekt, der jedoch nicht nur von den alten Geschichten her rührt, sondern tief in der Kultur und insbesondere der irischen Sprache verankert ist.

Die Worte, die Amergin vor so vielen Tausend Jahren sprach, bilden den Kern der irischen Sprache, die wiederum den Takt angibt, in dem das Herz der Grünen Insel schlägt. Ein Takt, der alle Lebewesen mit dem Land und der Kultur verbindet und der vermutlich eines der größten Geschenke war, das Amergin seinem Volk und seinen Nachfahren je hätte machen können!

Lesetipp: Wie fest verwurzelt die Sprache und die irische Kultur mit der Natur der Grünen Insel ist, erklärt der irische Autor Manchán Magan in seinem englischsprachigen Buch „Thirty-Two Words for Field“ auf eine unglaublich spannenden Art und Weise.

Über den Autor

Nadja Uebach

Da ich seit dreizehn Jahren auf der grünen Insel lebe, bedeutet Irland für mich in erster Linie Alltag. Wenn ich nicht mit meinem Laptop bewaffnet in einem Café oder Zuhause sitze und schreibe, findet man mich höchstwahrscheinlich mit meinen drei Kindern am Strand. Die Natur, die Kultur und insbesondere die Menschen sorgen dafür, dass sich in unseren Alltag immer wieder ein bisschen Magie einschleicht. Diese besondere irische Alltagsmagie versuche ich in meinen Texten in Worte zu fassen.

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