Irische Mythologie

Die Kinder von Lir

Kinder des Lir
Heike Fries
Written by Heike Fries

Die Geschichte der Kinder von Lir ist eine der bekanntesten Erzählungen Irlands. In ihr treffen die alten Mythen aus der vorchristlichen Zeit und christliche Motive aufeinander. Es existieren verschiedene Varianten, die jedoch die Hauptaussage des Textes unberührt lassen. Er ist eng verknüpft mit realen Orten auf der Grünen Insel. Vor allem Gewässer spielen eine große Rolle. Darüber hinaus erklärt die Geschichte auch, warum in Irland bis heute keine Schwäne getötet werden dürfen. Aber lesen Sie selbst:

Eine irische Legende: Eng verbunden mit dem Wasser

Lir bedeutet Meer auf Altirisch. In der Mythologie ist der, der diesen Namen trägt der Vater des irischen Meeresgottes Manannán Mac Lir. Als die Tuatha de Danann eine entscheidende Schlacht gegen die Milesier verloren, zogen sich die einstmals mächtigen Götter in die Sidhe – ihre Feenhügel – zurück und wählten einen neuen König.

Lir war einer der Bewerber, aber er verlor die Wahl gegen Beodb Derg. Diese Niederlage grämte ihn so sehr, dass er die Versammlung verließ, ohne seinem neuen König die Ehre zu erweisen.

Lirs Schicksalsschlag – und sein Neuanfang

Dieser sah jedoch großzügig darüber hinweg und Lir kam ohne Konsequenzen davon. Doch einige Jahr später erlitt er einen tragischen Schicksalsschlag: Lirs Frau starb unerwartet und er verlor fast seinen Lebensmut. Der König Bodb Derg hörte davon und lud seinen ehemaligen Rivalen an den königlichen Hof ein.

Ergriffen von Lirs Schicksal bot der König ihm an, eine der drei Schwestern zur Frau zu nehmen, die im königlichen Palast als Ziehtöchter wohnten. Lir wählte nach reiflicher Überlegung schließlich die Älteste. Sie hieß Aoibh und schenkte ihm schon bald darauf zwei Kinder: Das Mädchen Fionnuala und den Jungen Aodh.

Später brachte Aoibh die beiden Zwillingsbrüder Fiachra und Conn zur Welt, bei deren Geburt sie jedoch starb. Lir verkraftete diesen erneuten Schicksalschlag nur schwer. Doch die Liebe zu seinen vier Kindern hielt ihn am Leben. Und Bodb Derg kümmerte sich erneut um Lir. Er gab ihm schließlich Aoibhs jüngere Schwester Aiofe zur Frau.

Diese war den Kindern zunächst eine liebevolle Stiefmutter. Als die drei Jungen und das Mädchen heranwuchsen, verspürte Aiofe immer öfter ein nagendes Gefühl: Eifersucht.

Aiofes Eifersucht

Denn ihr Mann Lir war ganz vernarrt in die Kinder und ließ sie nur selten aus den Augen. Und auch der König liebte die Kinder sehr und besuchte die Familie oft. Aiofe aber wollte Lir für sich. Blind vor Eifersucht dachte sie, dass Lir endlich wieder mehr Zeit mit ihr verbringen würde, wenn die Kinder nur weg wären.

Sie erdachte einen finsteren Plan und um diesen in die Tat umzusetzen, lud sie die Kinder auf einen Ausflug in den königlichen Palast ein. Freudig machten sich alle in Aiofes Kutsche auf den Weg. Unterwegs bei einer Rast, befahl die eifersüchtige Aiofe ihren Dienern, die Kinder zu töten. Diese waren entsetzt und weigerten sich.

Aiofe wollte zunächst selbst zum Schwert greifen, brachte es aber letztlich nicht übers Herz. Stattdessen besann sie sich auf ihre Zauberkraft.

Der Fluch

Deshalb lud sie die Kinder zu einem erfrischenden Bad in den Lough Derravaragh, den Eichensee, ein. Es war ein wunderschöner Tag und die Kinder fanden die Idee wunderbar. Sie schwammen und planschten freudig im klaren Wasser. Nur Fionnuala hatte ein ungutes Gefühl – als ahne sie, was kommen würde. Doch ihre Brüder beachteten ihre Warnungen nicht.

Als die Geschwister den See wieder verlassen wollten, berührte Aiofe die Wasseroberfläche mit einem Druidenstab. Augenblicklich verwandelten die vier Kinder sich in junge Schwäne. Fionnuala, die ihre menschliche Stimme noch hatte, flehte Aiofe an, ihre Tat ungeschehen zu machen. Aiofe kam tatsächlich zur Besinnung und wollte den Fluch zurücknehmen.

Doch dazu war es zu spät. Immerhin aber konnte sie den Fluch abschwächen und zeitlich begrenzen: Sobald ein Königssohn aus dem Norden eine Königstochter aus dem Süden zueinander finden würden, wäre der Fluch aufgehoben.

Bis dahin sollten die Schwäne jeweils 300 Jahre im Lough Derravaragh, auf Carraig na Ron zwischen Irland und Schottland und auf Erris und Inishglora leben. Außerdem durften sie ihre menschliche Stimme behalten.

Aiofes Strafe und Lirs Geschenk an seine Kinder

Aiofe kehrte alleine zurück und Lir und Bobd Derg wussten sofort, dass sie den Geschwistern etwas angetan hatte. Doch die genauen Details wollte Aiofe nicht verraten. Bobd Derg wurde daraufhin unglaublich wütend. Er verwandelte Aiofe in einen Dämon und verfluchte sie, bis zum Ende aller Tage über die Insel streifen zu müssen.

Voller Trauer machte Lir sich auf, um mehr über das Schicksal seiner geliebten Kinder zu erfahren. Kurzerhand ritt er zum Eichensee, von dem Aiofe nur undeutlich gesprochen hatte.

Dort fand er vier Schwäne, die zu seiner Überraschung zu ihm sprachen: „Vater, wir sind es, deine Kinder. Wir müssen 900 Jahre in dieser Gestalt bleiben und jeweils 300 Jahre an einem anderen Ort leben. Deshalb können wir nicht nach Hause kommen.“

Das machte Lir traurig. Doch er war froh, mit seinen Kindern sprechen zu können. „Ich will Euch etwas schenken, sodass die Zeit nicht so lang wird“, sagte er und warf vier Haselnusskerne in den See. Jeder Schwan aß einen davon und von da an besaßen sie die Gabe des wunderschönen Gesangs.

Und sie sangen. Die Tuatha de Danaan und die Menschen kamen oft an den See und lauschten dem zauberhaften Gesang. Und auch Lir besuchte seine Kinder in Schwanengestalt wann immer er konnte.

Kinder von Lir

Kinder von Lir by Harold Robert Millar (1869–1942)

Die Reise der Schwäne

Doch eines Tages, 300 Jahr später, verspürte Fionnuala den Drang, den Ort zu wechseln. Sie sprach zu ihren Brüdern: „Wir müssen fort. Von jetzt an wird Carraig na Ron, der Seehundfelsen unser Zuhause sein.“

Die vier Schwäne flogen dorthin. Es war bitterkalter Winter und das Salzwasser des Meeres brannte auf ihrer Haut. Die Schwäne richteten sich so gut wie möglich in dieser unwirtlichen Umgebung ein. Doch oft froren sie an den eisigen Felsen fest.

In dieser Kälte sangen die Geschwister nur noch selten. Doch ab und zu taten sie es: Seefahrer erzählten von einem wunderschönen und tieftraurigem Gesang. Und sie erzählten auch, dass sie vier Schwäne gesehen hatten, die sich gegenseitig wärmten und vor dem eisigen Wind schützten.

Aber irgendwann verspürte Fionnuala, dass die Zeit des Aufbruchs erneut gekommen war. Die Schwäne verließen das salzige Meer und flogen nach Erris, wo die See zu diesem Zeitpunkt ebenfalls tief gefroren war.

Die drei Brüder waren traurig, als sie sahen, dass sie weiter klirrende Kälte ertragen mussten. Doch Fionnala tröstete sie: „Irgendwann ist die Zeit gekommen. Dann werden wir wieder in unserem warmen Zuhause sein. Jeder Tag, der vergeht, bringt uns näher dorthin.“

Eines Tages war es dann soweit: Sie flogen zu ihrem Zuhause zum Sid Fionnachaid. Doch als sie dort ankamen, fanden sie den Ort verlassen vor. Das Haus war längst überwuchert mit Brennnesseln und niemand wartete dort auf sie.

Kinder des Lir Statue, Children of Lir

Kinder des Lir Skulptur, Ballycastle (Nordirland); Fotograf: Chris Hill, Creating Agency: Tourism Ireland

Eine neue Zeit

Traurig flogen sie weiter und kamen schließlich nach Inishglora bei Belmullet wo sich viele andere Vögel trafen. Das war ungefähr zu der Zeit, als der heilige Patrick auf die Insel gekommen war. Eines Tages hörten die Geschwister ein seltsames Geräusch. Es klang schrill und ungewohnt. Als sie es vorsichtig inspizieren wollten, entdeckten sie, dass der Klang von einer Glocke stammte, die ein Mönch geläutet hatte.

Er hieß Mochaomhóg und war erst kurz in Irland. Die Schwäne mochten ihn sofort und freundeten sich mit ihm an. Das Schicksal der Geschwister bewegte den Mönch sehr und er lud sie ein, bei ihm zu leben.

Endlich hatten die verzauberten Geschwister einen sicheren und warmen Ort gefunden, an dem sie bleiben konnten. Sie fühlten sich wohl und genossen das einfache Leben in der kleinen Hütte des Mönches.

So merkten sie auch gar nicht, dass eines Tages ein Königssohn aus dem Norden eine Königstochter aus dem Süden heiraten wollte. Doch die Königstochter Deoch wollte zuerst einen angemessenen Brautpreis, bevor sie sich vermählte.

Da sie viele Geschichten von den Schwänen und ihrem wundersamen Gesang gehört hatte, verlangte sie, dass ihr Bräutigam Lairgnen ihr die Schwäne bringen sollte. Vorher würde sie ihn nicht heiraten.

Der gebannte Fluch

Lairgnen machte sich also auf die Suche und fand die Schwäne schließlich im Haus des Mönches. Der hatte für die Geschwister zuvor filigrane Ketten gefertigt, die jeweils zwei von ihnen miteinander verbanden. So saßen sie zusammen, als der Königssohn sie fand. Er war ungeduldig, denn er wollte endlich heiraten. Deshalb zerrte er die Schwäne rüde an den Ketten aus der kleinen Hütte.

Doch kaum hatte er sie hinausgeschleppt, geschah etwas Seltsames: Die Schwäne veränderten sich: Sie verloren ihre Federn und plötzlich lagen drei uralte Männer und eine uralte Frau an ihrer Stelle.

Denn die bevorstehende Hochzeit von Deich und Lairgnen hatte den Fluch gebrochen und die Geschwister hatten ihre menschliche Gestalt wieder. Doch sie waren alt – sehr alt. Lairgnen lief erschrocken davon.

Doch Fionnuala rief nach Mochaomhóg: „Bitte komm schnell her. Wir sind am Ende unseres Lebens angelangt. Und wir beenden es als Menschen. Bitte taufe uns und begrabe uns dann eng beieinander.“

Der letzte Wunsch

Der Mönch erfüllte diesen Wunsch. Und so wurden die vier Geschwister so begraben, wie sie auch der Kälte auf dem Seehundfelsen getrotzt hatten: eng umschlungen und gemeinsam. Mochaomhóg errichtete einen Grabstein, in den er in Ogham ihre Namen einmeißelte. Man sagt, dass es sich bei Allihies im County Cork befindet.

Über den Autor

Heike Fries

Heike Fries

Irland ist eine Herzensangelegenheit für mich und neben der irischen Musik hat es mir vor allem der irische Sagenzyklus angetan.

Ich habe Irland schon als Schülerin mehrmals besucht. Damals hatte ich das Glück, die ganze Insel über mehrere Wochen kennenzulernen. Das blieb natürlich nicht ohne Folgen: Es ist bis heute mein Lieblingsland.

Ich bin Autorin und Künstlerin und irische Motive schmuggeln sich auch immer wieder in meine Zeichnungen. In meiner Freizeit spiele und singe ich in einer Band. Wir sind zwar keine richtige Folkband, haben aber den ein oder anderen irischen Song im Programm. Ich spiele außerdem ein wenig Bodhrán. Da ich nicht genug übe, bin ich nicht besonders gut – aber ich bin mit Begeisterung dabei.

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