Irlands Mythen, Sagen und Legenden

LeprechaunAuf den Spuren von Elfen, Leprechauns und Co. Der Autor und Journalist Frank Delaney drückt es so aus: „ Jedes Feld in Irland erzählt eine Geschichte, über jeden Berg gibt es einen Mythos. Jeder Fluss ist gesäumt von Sagen…Geschichten erzählen ist die nationale Kunstform Irlands.“ Frank Delaney ist nicht der einzige berühmte Geschichtenerzähler aus Irland, Jamey Joyce, Bram Stoker, C.S Lewis, Oscar Wilde, Joseph O`Connor, Maeve Binchy, Seamus Heaney und Bernard McLaverty, sind nur einige der großartigsten Autoren und Schriftsteller die internationale Bekanntheit erlangt haben.

Aber zurück zum Thema, es gibt einige sehr bekannte Mythen und Legenden aus Irland, hier möchte ich Ihnen ein Märchen vorstellen. Irlands Legenden und Märchen wurden zum Glück nicht nur mündlich von Generation zu Generation weitergegeben, sondern auch aufgeschrieben. Uralte Bände wie das Book of Ballymote, das in der Royal Irish Academy in Dublin steht oder das Book of Leinster, das man in der Bibliothek von Dublins Trinity College bewundern kann, enthalten die ersten schriftlichen Aufzeichnungen irischer Mythen.

 Das weiße Kalb vom Knocksheogowna

In Tipperary liegt ein Berg so seltsam gestaltet, wie keiner auf der Welt. Seine Spitze sieht aus wie eine Nachtmütze, die dir im Schlaf verrutscht ist. Auf seinem höchsten Punkt ist ein kleines Haus zur Erholung in den Sommertagen aufgebaut worden. Das war aber lange nach der Zeit der Elfen und nun ist das Häuschen, wie man sagt, verlassen.

Bevor man aber jenes Haus baute oder einen Acker besäte, war dort ein geräumiger Weideplatz eingehegt, wo ein Hirte Tag und Nacht seine Herde hütete. Grund und Boden gehörte von Alters her den Elfen und diese verdrossen es, dass die Wiesen, auf dem sie sonst behänd und lustig umher gesprungen waren, von den schweren Klauen der Ochsen und Kühe zertreten wurde. Das Gebrüll der Herde klang ihren Ohren unerträglich und die Königin des Volkes entschloss sich endlich selbst, die Ankömmlinge wieder zu vertreiben.

Als die Erntenächte kamen, der Mond über den Berg sein Licht ausgoss, das Vieh still undFee gesättigt auf dem Boden lag und der Hirte, in seinen Mantel eingewickelt, hin und her sinnend sich der Gesellschaft der Sterne erfreute, die über ihm flimmerten, da zeigte sie sich in verschiedenen, aber immer hässlichen und furchtbaren Gestalten vor ihm tanzend. Einmal erschien sie als ein mächtiges Ross mit Adlerflügeln und einem Drachenschweif, laut zischend und Feuer ausatmend. Plötzlich verwandelte sie sich in ein kleines Männchen, lahm an einem Bein, mit einem Ochsenkopf und von einer lodernden Flamme umkreist. Dann war sie ein großer Affe mit Entenfüßen und schlug ein Rad dazu, wie ein welscher Hahn. Aber ich könnte tagelang erzählen, wenn ich sagen sollte, was für Gestalten sie noch annahm. Sie brüllte, oder wieherte, oder blökte, oder heulte, oder krächzte, wie bisher noch niemand auf der Welt hatte brüllen, wiehern, blöken, heulen oder krächzen hören. Der arme Hirte bedeckte sein Gesicht, aber was half ihm das! Sie hauchte ihn nur einmal an und das Stück Mantel, das er mit aller Kraft vor die Augen drückte, war weggeblasen; nun stand er da, ohne sich zu rühren; nicht einmal seine Augen konnte er zuschließen: von unbekannter Macht gefesselt, musste er diese schrecklichen Gesichte anstarren, bis seine sträubenden Haare seine Mütze einen halben Fuß über seinen Kopf hoben und seine Zähne vor lauter Klappern auszufallen drohten. Das Vieh aber riss panisch aus, als wäre es von Bremsen gestochen und der Spuk dauerte, bis die Sonne über den Hügel schien.

Die armen Tiere magerten aus Mangel an Ruhe ganz ab, auch wollte das Futter bei ihnen nicht anschlagen; dazu kam ein Unfall auf den andern. Keine Nacht verging, dass nicht einige Tiere in einen Sumpf fielen, lahm wurden und gar umkamen; oder sie gerieten in den Fluss und ertranken. Kurz die Unfälle nahmen kein Ende und was die Sache noch schlimmer machte, es war kein Hirte mehr zu finden, der nachts bei dem Vieh bleiben wollte. Eine einzige Erscheinung des Geistes reichte um dem unverzagtesten die Besinnung zu rauben. Der Eigentümer des Weideplatzes wusste nicht, was er anfangen sollte. Er bot doppelten, dreifachen, ja vierfachen Lohn, aber kein Geld konnte jemand bewegen, dem Grausen sich auszusetzen, das der Anblick des Geistes erregte. Sie selbst freute sich über den glücklichen Erfolg ihres Unternehmens und ließ mit ihren Quälereien nicht nach. Da die Herde immer kleiner wurde und kein Mensch mehr wagte, in dem Bereich der Geister zu verweilen, so kam das stille Volk in großer Anzahl zurück. Jetzt sprangen sie wieder so lustig, wie sonst umher, berauschten sich an den Tautropfen der Eicheln und feierten ihre Feste unter den geräumigen Schirmen großer Pilze.

Mysterious Cherry Blossom TreesDer arme, verwirrte Landmann wusste um sein Leben keinen Rat. Sein Vermögen nahm von Tag zu Tag ab, seine Leute waren in Furcht gejagt und der Termin, wo er die Pacht bezahlen sollte, rückte herbei. Wem wundert es also, dass er ganz trübselig aussah und sorgenvoll auf der Landstraße dahin wandelte. Nun lebte in der Gegend ein Mann, namens Larry Hoolahan, der blies die Pfeife besser als irgendeiner in fünfzehn Kirchsprengeln. Ein schneidiger Tausendsassa war Larry, der sich vor nichts fürchtete. Reichte ihm jemand eine gute Herzstärkung, so nahm er es mit dem Teufel selber auf. Er hätte sich einem wütenden Ochsen entgegengestellt und allein gegen einen ganzen Jahrmarkt geschlagen. Diesem Larry begegnete der Bauer einmal auf seinen sorgenvollen Gängen, und auf die Frage, was denn die Ursache seines Kummers sei, erzählte er ihm sein Missgeschick.

„Wenn’s weiter nichts ist“, rief Larry, „so gebt euerm Herzeleid den Abschied! Wären noch mehr Elfen auf dem Berg, als Kartoffelblüten in Eliogurty, sie sollten mich nicht in Furcht jagen. Ich müsste ja ein rechter Bärenhäuter sein, ich, der ich keinen Menschen mit Fleisch und Bein fürchte, wollte ich vor einem solchen Balg von Gespenst nur daumenbreit zurückweichen.“ „Rede nicht so frech, Larry,“ erwiderte der Andere, „»du weißt nicht, wer’s mit anhört, doch wenn du deine Worte wahr machst und meine Herde eine Woche auf dem Rücken des Bergs hütest, so sollst du Zugang zu meiner Schüssel haben, so lange bis die Sonne zu einem dünnen Lichtchen herabgebrannt ist.“

Der Handel ward abgeschlossen und als der Mond hinter dem Felsen hervorkam, stieg Larry auf den Berg. Der Bauer hatte ihm erst vorgestellt, was das Haus vermochte, auch mit einem frischen Trunk sein Herz gestärkt. Larry nahm oben seinen Sitz auf einem großen Stein unter einer Höhle, den Rücken gegen den Wind und holte seine Pfeifen hervor. Er hatte noch nicht lange darauf geblasen, als sich die Stimme der Elfen hören ließ, tönend wie ein leiser Strom von Musik. Nun aber brachen sie in lautes Gelächter aus und Larry konnte deutlich einen sagen hören: „Was, wieder ein Mensch in dem Elfenkreis! Geh hin, Königin, und lass ihn seine Verwegenheit fühlen!“

Sie flogen fort und Larry fühlte, wie sie gleich einem Mückenschwarm an seinem Gesicht vorbeizogen; als er rasch aufblickte, sah er zwischen sich und dem Mond eine große, schwarze Katze, die auf den Spitzen ihrer Pfoten stand, einen krummen Buckel machte und miaute, es klang, wie das Geräusch einer Wassermühle. Dann schwoll sie auf bis zu den Wolken und auf ihrem linken Hinterbein sich herumdrehend wirbelte sie so lange, bis sie auf den Boden fiel, von welchem sie in der Gestalt eines Lachses aufsprang, der eine weiße Binde um den Hals hatte und ein paar neuer Stulpenstiefel an. „Nur zu, mein Schatz“, sagte Larry, „willst du tanzen, so will ich pfeifen!“ und setzte an. So verwandelte sie sich bald in ein Ungeheuer, aber Larry spielte immer zu, ohne sich irre machen zu lassen.

Zuletzt verlor sie die Geduld, wie Frauen pflegen, auf deren Schelten man nicht achtet, undPath along the cliffs of Kilkee in Ireland. verwandelte sich in ein Kälbchen, so weiß wie Milch und mit Augen so sanft, wie die meiner Liebsten. Sie kam spielend und schmeichelnd herbei und dachte ihn in der Güte von seinem Geschäft abzubringen und ihm dann einen Streich zu spielen; aber Larry war nicht zu überlisten und als sie herankam, setzte er seine Pfeifen ab und sprang auf ihren Rücken. Wenn du von dem Gipfel des Knocksheogowna westwärts nach dem Atlantik schaust, so erblickst du die Shannon, Königin der Flüsse, wie sie, gleich einer See sich ausbreitend, in stolzem Lauf durch die Stadt Limerick fließt, um sich endlich mit dem Ozean zu vermischen. Er glänzte in dieser Nacht hell unter dem Mondschein und sah wunderschön aus vom Hügel. Fünfzig Boote schwammen hin und her auf dem lieblichen Strom und der Gesang der Fischer stieg fröhlich von den Ufern in die Höhe.

Larry saß, wie ich schon erzählt habe, auf dem Rücken des weißen Kalbs und die Elfin wollte ihren Vorteil nutzen. Von der Spitze des Bergs sprang sie in einem Satz über den Fluss Shannon hinweg, durchflog in einer Sekunde drei volle Stunden und sich auf einem entlegenen Damm niederlassend, bockte sie und warf Larry auf den weichen Boden. Aber wie er da lag, sah er ihr gerade in das Gesicht, strich sich über die Haare und rief: „Wahrhaftig, gut gemacht! Das war kein schlechter Sprung für ein Kalb!“

Sie betrachtete ihn einen Augenblick, dann nahm sie ihre wahre Gestalt wieder an und sprach: „Larry, du bist ein kühner Bursche, willst du den Weg auch wieder zurück machen?“ „Freilich“, antwortete er, „wenn du mich lässt.“ Sie verwandelte sich wieder, Larry setzte sich auf den Rücken des weißen Kalbs und mit einem zweiten Sprunge waren sie auf dem Gipfel von Knocksheogowna.

Da sprach die Elfin in ihrer natürlichen Gestalt: „Du hast dich so mutig gezeigt, Larry, dass, solange du die Herden hier auf diesem Berg hütest, du weder von mir noch einem der meinigen sollst gestört werden. Der Tag dämmert, geh hinab zu deinem Herrn und sage ihm das; und wenn du noch sonst einen Wunsch hast, will ich ihn erfüllen.“ Darauf verschwand sie.

Die Elfin hielt Wort. So lange Larry lebte, zeigte sie sich nicht auf dem Berg. Aber er ward ihr auch nicht durch Bitten lästig. Er blies seine Pfeifen, trank auf seines Herrn Kosten, ruhte sich hinter dem Ofen aus und sah dann und wann nach der Herde. Er starb endlich und ward in einem grünen Tal der schönen Landschaft Tipperary begraben. Ob das stille Volk nach seinem Tode wieder auf den Berg gezogen ist, kann ich nicht sagen.

Text basiert  auf der Übersetzung von Thomas Crofton Crokers Irischen Elfenmärchen

Bildnachweise:
1. Bild: ID 49995537 © snapgalleria – Fotolia.com
2. Bild: ID 51117278 © Subbotina Anna – Fotolia.com
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