Kelten Irland / Frühgeschichte Irland

Kochgrube in Irland: Das Rätsel der Fulacht Fiadh

Fulacht Fiadh
Written by Nadja Uebach

Die Landschaft der Grünen Insel ist gezeichnet von Überbleibseln der Vergangenheit. Zwischen Steinkreisen, uralten Ruinen und geheimnisvollen Grabstätten lässt es sich fast überall in die faszinierende Geschichte Irlands eintauchen. Neben den beliebten Sehenswürdigkeiten, wie beispielsweise Newgrange oder dem Rock of Cashel; sind es jedoch die kleinen und unscheinbaren Zeugen vergangener Tage, die uns den Alltag früherer Epochen auf besonders authentische Art und Weise näher bringen. Dazu gehört die Fulacht Fiadh. Was es mit der Kochgrube aus der Bronzezeit auf sich hat. Wie sie funktionierte und wo Ihr heute noch die Überreste dieser altertümlichen Outdoor-Küche findet, erfahrt Ihr in den nächsten Zeilen.

Kochgrube aus der Bronzezeit: Was ist eine Fulacht Fiadh

Der Begriff Fulacht Fiadh (ausgesprochen: Full-ocht fie-ah) stammt aus der irischen Sprache und bedeutet „wilde Kochstelle“. In der modernen Version der alten keltischen Sprache wird das Wort Fulacht sogar bis heute als eines von zwei Wörtern für Grill verwendet. Wobei die altertümliche Kochgrube mit einem Grill eher wenig gemeinsam hat. Denn hierbei handelt es ich wortwörtlich um eine in den Erdboden gegrabene Grube. Meistens legte man diese Grube in Irland mit flachen Steinen aus. Vereinzelt fand man auch Exemplare, die mit Holz verkleidet waren.

Je nach Größe konnten die so entstandenen Becken etliche Liter Wasser fassen. Neben der Kochgrube befand sich eine Feuerstelle. Hier schichteten die Iren der Bronzezeit einen Turm aus trocknem Holz und Steinen auf, der mehrere Stunden brennen musste. Sobald das Brennholz verkohlt war, kamen die glühend heißen Steine zum Vorschein. Diese transportierte man mithilfe von Schaufeln in das Wasserbecken. Je schneller die heißen Steine in der Grube landeten, desto schneller kochte das Wasser darin auf. Im Idealfall erreichte das Wasser bereits nach nur drei Minuten den Siedepunkt.

Kochen in der Grube

Während das Feuer die Steine erhitzte – was nicht selten drei bis vier Stunden in Anspruch nahm – bereitete man die Lebensmittel vor, die in der Fulacht Fiadh gekocht werden sollten. Meistens handelte es sich dabei um das Garen von Fleisch. Um die Hitze des Wassers so lange wie möglich zum Kochen zu nutzen, wickelte man das Fleisch in Heu ein. Das ist vergleichbar mit dem Einwickeln in Alufolie, wie wir es heute tun.

Sobald das Wasser kochte, legte man das in Heu gebündelte Fleisch in die Grube. Dort musste es mehrere Stunden zum Garen verweilen. In dieser Zeit musste man die erkalteten Steine regelmäßig mit neuen heißen Steinen ersetzen. Sodass sich die Temperatur des Wassers zu jeder Zeit rund um den Siedepunkt befand. Die Mühe lohnte sich jedoch, denn am Ende konnte man sich über ein saftiges Stück Fleisch freuen, das dank des Heus und der darin enthaltenen Kräuter einen leckeren erdigen Geschmack hatte.

In diesem Video bekommt man einen spannenden Einblick in die Funktionsweise einer Fulacht Fiadh!

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Irische Kochgrube: Zeichen menschlicher Siedlungen

Die meisten Fulachtaí Fiadh in Irland stammen aus der Bronzezeit. Allerdings fand man bei Ausgrabungen auch einige Exemplare, die bis in die Jungsteinzeit zurückdatiert werden konnten. Diese Art von Gruben existieren nicht nur in Irland. In anderen europäischen Ländern haben Archäologen ähnliche prähistorische Kochstellen gefunden. In England und Schottland werden sie beispielsweise als Burnt Mounds bezeichnet.

Auf der Grünen Insel hat man bisher fast 6.000 dieser Kochgruben archäologisch registriert und es werden jedes Jahr mehr von ihnen entdeckt. Viele der bekannteren Exemplare hat man in der Umgebung anderer historischer Orte gefunden. So zum Beispiel in der Nähe von Rosscarbery in der Grafschaft Cork. Dort warten neben dem Drombeg Steinkreis nicht nur die Grundmauern zweier ehemaliger Rundhütten, sondern zudem eine guterhaltene Fulacht Fiadh.

Experten gehen davon aus, dass die Existenz einer Kochgrube auf kleinere Siedlungen oder Ritualstätten hinweist. Allerdings trifft das nicht auf alle bisher bekannten Fulachtaí Fiadh zu. Denn eine auffallend große Anzahl der Kochstellen befindet sich in moorigen und nur schwer zugänglichen Gebieten. Ob man diese abgelegenen Gruben in Irland wirklich zum Kochen verwendet hatte, ist fraglich. Ihr Zweck gibt Experten jedoch bis heute einige Rätsel auf.

Fulacht Fiadh

Unukorno, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons

Fulacht Fiadh der Gezeiten

Allerdings findet man nicht alle dieser Kochgruben in Feldern oder Moorlandschaften. Einige wenige Exemplare befinden sich an Stränden und innerhalb von Buchten. Während man zunächst vermutete, dass sich diese Standorte ursprünglich auf trockenem Boden befanden, haben Archäologen mittlerweile festgestellt, dass man diese Fulachtaí Fiadh zu ihrer Zeit absichtlich in Meernähe gebaut hatte.

Am Strand von Coney Island in der Grafschaft Sligo fanden 2014 archäologische Untersuchungen an einer dortigen Gezeiten Fulacht Fiadh statt. Die Einwohner von Coney hielten die mit Steinen befestigte Grube Jahrhunderte lang für einen menschgemachten Brunnen, um den sich viele Legenden rankten. Experten der IT Sligo fanden jedoch heraus, dass es sich bei der Konstruktion tatsächlich um eine prähistorische Kochgrube handelt, die allem Anschein nach bewusst in der Gezeitenzone errichtet wurde.
Aufgrund von Muschelresten und hitzebeschädigten Steinen, die nach den Ausgrabungsarbeiten in unmittelbarer Nähe der Fulacht Fiadh von einem Sturm freigelegt wurden, nimmt man an, dass man in dieser Kochgrube Muscheln, Fisch und andere Meeresfrüchte garte. Sobald sich das Wasser bei Ebbe zurückzieht, behält das Becken rund 400 Liter Salzwasser über einen Zeitraum von etwa sieben Stunden. In dieser Zeit könnten die Iren der Bronzezeit das Meerwasser zum Kochen von gefangenem Fisch mithilfe von heißen Steinen erhitzt haben.

Ähnliche Gruben an der Küste von Norwegen lassen zudem die Vermutung zu, dass man die irischen Gezeiten Fulachtaí Fiadh zur Gewinnung von Tran verwendet hat. Während die norwegischen Konstruktionen fast doppel so groß waren und in ihnen hauptsächlich das Öl von Walen und anderen großen Meerestieren ausgeschmolzen wurde; ist es durchaus möglich, dass man die Gruben an Irlands Stränden zur Ölgewinnung von beispielsweise Robben und kleineren Fettfischen genutzt hat.

Das Rätsel der Fulachtaí Fiadh: Wenn nicht Kochen, was dann?

Obwohl der allgemeingültige Verwendungszweck der Gruben aus der Bronzezeit das Kochen ist, bestehen an dieser Theorie einige berechtigte Zweifel. Zum einen sprechen die abgelegenen und schwer zugänglichen Standorte vieler Fulachtaí Fiadh gegen eine Open-Air-Küche. Es wäre in den meisten Fällen sehr aufwendig und anstrengend gewesen sowohl das benötigte Material (Feuerholz und Steine) als auch die Lebensmittel an diese Orte zu bringen. Hinzukommt, dass sich viele dieser Gruben in Moorgebieten befinden. Das sorgt zwar dafür, dass sie automatisch mit Wasser gefüllt sind, was jedoch keine gute Voraussetzung zum Kochen ist. Das abgestandene, moorige Wasser würde jegliche Nahrungsmittel, die man darin garen möchte höchstwahrscheinlich verseuchen.

Experten haben daher eine Reihe anderer Vermutungen aufgestellt, wofür die Iren diese Kochgruben in der Bronzezeit verwendet haben könnten. Durch die Funde der hitzebeschädigten Steine ist man sich sicher, dass man die Fulachtaí Fiadh zum Kochen von größeren Mengen Wasser verwendete. Anstatt zur Zubereitung von Lebensmitteln könnte dieses Kochwasser anschließend zum Baden, in Saunen und Dampfbädern oder zum Färben von Tierhaut, Biegen von Holzbalken sowie zum Bierbrauen oder trocknen von Fleisch und Fisch verwendet werden. Wie dem auch sei, die große Menge der Steine in unmittelbarer Nähe der Kochgruben deutet darauf hin, dass die altertümlichen Iren diese oft und gerne nutzten. Es liegt daher naher, dass die Fulachtaí Fiadh mehrere Verwendungszwecke hatten.

Egal, ob prähistorische Kochstelle, Sauna oder Ölgewinnungsstätte – fest steht: Eine Fulacht Fiadh ist ein spannendes Überbleibsel aus einer längst vergessenen Zeit auf unserer Lieblingsinsel!

Über den Autor

Nadja Uebach

Da ich seit dreizehn Jahren auf der grünen Insel lebe, bedeutet Irland für mich in erster Linie Alltag. Wenn ich nicht mit meinem Laptop bewaffnet in einem Café oder Zuhause sitze und schreibe, findet man mich höchstwahrscheinlich mit meinen drei Kindern am Strand. Die Natur, die Kultur und insbesondere die Menschen sorgen dafür, dass sich in unseren Alltag immer wieder ein bisschen Magie einschleicht. Diese besondere irische Alltagsmagie versuche ich in meinen Texten in Worte zu fassen.

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