Irland Kultur

Iren vs Deutsche – eine kulturelle Übersetzungshilfe

Iren vs Deutsche
Written by Nadja Uebach

Neben ihrer grandiosen Landschaft punktet die Grüne Insel bei vielen Irland-Fans mit ihren Menschen und ihrer Kultur. Trotz ihrer überschaubaren Größe scheint die Atlantikinsel oft eine ganz andere Welt zu sein. Eine Welt mit einer eigenen Zeitrechnung, Namen, die es nur hier gibt, einer typischen und ganz besonderen Atmosphäre, ihren eigenen Traditionen und Bräuchen und nicht zuletzt ihrer eigenen fast vergessenen Sprache. Wer zum ersten Mal auf der Grünen Insel unterwegs ist, dem kommen viele Dinge, die für Iren alltäglich sind auf den ersten Blick womöglich komisch vor. Angefangen bei Bräuchen, die tief im katholischen Glauben verwurzelt sind, über Umgangsformen, die sich aus der einzigartigen Mentalität der Iren ergeben. Bis hin zu skurrilen Hausmitteln, von denen keiner wirklich weiß, wo ihr Ursprung liegt, haben Iren vs Deutsche viele kleine Unterschiede, die es im Alltag zu verstehen gilt.

Als kleine kulturelle Übersetzungshilfe haben wir euch hier zehn Dinge zusammengefasst, sodass ihr die Iren, die ins Leere zu winken scheinen, sich plötzlich bekreuzigen oder mitten auf der Straße eine Schlange bilden, zukünftig besser verstehen könnt.

Iren vs Deutsche 1. Einsame Elstern verabschieden

Als die am acht häufigsten vorkommende Vogelart in Irland ist die Begegnung mit einer Elster auf der Insel fast schon garantiert. Während wir in Deutschland die schwarz-weißen Vögel mit dem blau-grün schimmernden Schwanz im Alltag kaum bemerken, haben sie bei den Iren eine besondere Bedeutung; und wer einer einsamen Elster über den Weg läuft, verabschiedet sie typischerweise mit einem Winken.

Grund dafür ist ein alter Reim, welcher der Sichtung von Elstern bestimmte Omen zuschreibt:

One for sorrow
Two for joy
Three for a girl
Four for a boy
Five for silver
Six for gold
Seven for a secret never to be told

Eine für Leid
Zwei für Freude
Drei für ein Mädchen
Vier für einen Jungen
Fünf für Silber
Sechs für Gold
Sieben für ein Geheimnis, das nie verraten wird

Wer also demnach eine einsame Elster sieht, wird Leid erfahren, es sei denn, er verabschiedet sich höflich mit einem Winken von dem Vogel und dem Leid, das er mit sich bringt.

2. Vor dem Bankautomaten und an der Bushaltestelle einreihen

In Irland Geld abheben, geht dank der EU mittlerweile problemlos und günstig. Geldautomaten gibt es nicht nur in den Städten an jeder Ecke, sondern zudem in den Dörfern. Doch egal, ob man das „Hole in the Wall“, wie viele Iren einen Bankautomaten bezeichnen, auf offener Straße, in einem Laden oder in der Bank benutzen möchte; es gilt: Ordentlich Schlange stehen, selbst wenn man dabei Eingänge oder Gehwege blockiert. Die Schlange vor dem Bankautomaten hat Vorrang und wird von Passanten respektvoll umgangen.

Gleiches gilt für Bushaltestellen. Wer auf der Grünen Insel auf den Bus wartet, stellt sich bereits an der Haltestelle in Reih‘ und Glied auf. Das bedeutet, wer als Erstes an der Haltestelle steht, darf als Erstes in den Bus einsteigen.

3. Grüße beim Autofahren

Besonders auf dem Dorf sind die Iren dafür bekannt andere Leute – egal, ob Freunde oder Fremde – mit einem freundlichen „Hey, how are you?“ (Hallo, wie geht’s?) zu grüßen. Allerdings hört damit die Höflichkeit nicht auf, denn auch Autofahrer grüßen unterwegs andere Autofahrer und Fußgänger. Selbst wenn diese Handzeichen für Nicht-Iren im ersten Moment befremdlich wirken, tragen sie dazu bei, dass sich Besucher auf der Grünen Insel so schnell heimisch fühlen.

Allerdings werden nicht alle gleich gegrüßt. Im Gegenteil, die irischen Autofahrer folgen dabei besonders in ländlichen Gegenden einer ganz bestimmten Etikette.

Gruß für Fremde: Einen Finger vom Lenkrad heben
Grüße für Bekannte: Zwei Finger vom Lenkrad heben
Gruß für Freunde: Alle Finger heben, die Handfläche ruht allerdings weiterhin auf dem Lenkrad.
Grüße für gute Freunde & Familie: Mit der ganzen Hand winken/grüßen

Iren vs Deutsche: 4. Ein „Danke“ für den Busfahrer

Eine weitere Höflichkeit der Iren, die für Besucher des Landes zunächst ungewohnt erscheint, ist das leise „Thanks“, das jeder Ire seinem Busfahrer beim Aussteigen zumurmelt.
Obwohl ein persönliches „Danke“ von keinem irischen Busfahrer erwartet wird, ist es eine nette Geste der Wertschätzung, die Nicht-Iren oft schon nach wenigen Tagen übernehmen.

5. Kein Weihnachten ohne die „Toy Show“

Das Konzept der „Late Late Toy Show“ jemandem zu erklären, der nicht in Irland aufgewachsen ist, ist gar nicht so einfach. Die „Toy Show“ ist im Prinzip eine Weihnachtssondersendung der beliebten irischen Late-Night-Talkshow. Sie wird jedes Jahr Ende November oder Anfang Dezember ausgestrahlt und gibt den inoffiziellen Startschuss in die Weihnachtszeit. In der Sendung selbst werden eine Reihe neuer Spielzeuge, Bücher und andere Geschenkideen für Kinder von Kindern vorgestellt. Dazwischen sorgen viele bunte Tanz- und Showeinlagen von Vereinen und Kindern aus allen Ecken Irlands für Unterhaltung. Jedes Jahr unterliegt die Show einem bestimmten Thema, wie beispielsweise „The Greatest Showman“ oder „Willy Wonka and the Chocolate Factory“.

Allerdings ist die Sendung so viel mehr als das, sie ist schon fast ein eigenes Gefühl. Ein Highlight, das vielen Iren noch aus ihrer Kindheit bekannt ist und das nun als Tradition an neue Generationen weitergegeben wird. Die Toy Show versprüht eine ganz besondere Art von Weihnachtszauber mit ihrer Exklusivität, ihrem großen Herzen für Wohltätigkeit, den Showeinlagen und den kleine Gästen, die an diesem Abend wie Stars behandelt werden!

Außerhalb Irlands kann die Toy Show auf der Webseite des RTE Player gestreamt werden.

6. Ein Telefongespräch beenden

Wer mit einem Iren telefoniert oder ein Telefongespräch auf der Grünen Insel mitbekommt, der wird feststellen, dass es gar nicht so einfach ist, dieses Gespräch zu beenden.

Wo wir uns in Deutschland mit einem förmlichen „Auf Wiederhören!“ oder einem freundlichen „Tschüss!“ begnügen, besteht das Verabschiedungsritual der Iren aus einer Reihe von „Byes!“. Dabei sagen beide Gesprächspartner abwechselnd mehrmals hintereinander „Bye, bye, bye, …“ zueinander, bis einer schließlich auflegt. Nicht selten verabschiedet man sich auf diese Weise bis zu 20 oder 30 Mal.

Iren vs Deutsche: 7. Die alten Legenden respektieren

Dass viele Iren abergläubisch sind, ist kein Geheimnis. Das ist in einem Land mit einer so reichhaltigen Geschichte und Kultur auch kein Wunder. Die zahlreichen Mythen und Legenden der alten Kelten sind auch heutzutage vielerorts allgegenwärtig und Bestandteil vieler Erzählungen.

Da überrascht es nicht, dass viele Iren an Feen und andere Fabelwesen glauben. So sehr sogar, dass die Behausungen der Feen, die sogenannten Fairy Forts (Feenfestungen), die sich auf den Ruinen von Ringforts oder anderer prähistorischer Schauplätze befinden, noch immer respektiert werden. Bauern sind bekannt dafür, dass sie ihre Weidezäune um die mystischen Orte herumbauen. Kinder werden daran gehindert, in ihrer Nähe zu spielen und im Mai, wenn die Feen besonders aktiv sein sollen, bleibt man diesen Orten besser fern. Wer die Feen stört, wird mit nie endendem Unglück bestraft.

Gleiches gilt für stehende Steine oder Steinkreise. Wer ein solches Monument auf seinen Ländereien findet, der lässt es unberührt. Im Volksmund kursieren unzählige Geschichten über Bauern, die solche Steine entfernt oder versetzt haben sollen und deren Familien anschließend über Generationen hinweg von Leid und Unglück verfolgt wurden.

8. Abgestandenes 7Up als Allheilmittel

Jeder kennt wohl einige gängige Hausmittelchen gegen kleine Wehwehchen. Meist handelt es sich dabei um Tees, Kräuter, Schnäpse oder Nahrungsmittel, denen besondere Wirkungen zugeschrieben werden.

Die Iren haben in Sachen Hausmittel allerdings den Heiligen Gral gefunden. Egal, ob Erkältung, Magen-Darm-Erkrankung oder Kater, ein oder zwei Gläser abgestandenes 7Up hilft immer. Da es die beliebte Limonade natürlich nicht abgestanden zu kaufen gibt, rührt man die Kohlensäure einfach mit einem Löffel aus dem Getränk.

9. Die Pub-Runde

Dass die Iren gesellig sind und sich gerne mit ihren Freunden im Pub treffen, ist für Irland-Kenner nichts Neues. Dass dabei allerdings eine ganz bestimmte inoffizielle Bar-Regel herrscht, ist vielleicht nicht so bekannt.

Wo wir in Deutschland alle unsere eigenen Getränke beim Barkeeper bestellen würden, bestellen die Iren eine Runde für die ganze Truppe. Reihum holt jeder jeweils eine Runde. Zwei wichtige ungeschriebene Gesetze hierbei sind: Nicht das teuerste Getränk zu bestellen und sich nicht davor zu drücken eine Runde für seine Freunde zu übernehmen!

Iren vs Deutsche: 10. Bekreuzigen in allen Lebenslagen

Die Grüne Insel ist traditionell ein katholisches Land, in dem die Kirche bis vor Kurzem nicht nur ein hohes Ansehen genoss, sondern zudem großen politischen Einfluss hatte. Obwohl die Blütezeit der katholischen Kirche in Irland mittlerweile der Vergangenheit angehört; stecken viele katholische Bräuche noch tief in den Knochen der Inselbewohner. Allen voran: das Bekreuzigen.

Nicht nur ältere Menschen, sondern auch junge Erwachsene, Kinder und Jugendliche, die nicht viel mit der Kirche am Hut haben Bekreuzigen sich, wenn …
… ein Krankenwagen an ihnen vorbeifährt,
… sie an einem Friedhof vorbeikommen,
… die Kirchenglocken läuten,
… sie über jemanden sprechen, der gestorben ist,
… sie an einer Mariengrotte vorbeikommen,
… ein Trauerzug an ihnen vorbeizieht,
… sie an einer größeren Kirche vorbeikommen.

Über den Autor

Nadja Uebach

Da ich seit dreizehn Jahren auf der grünen Insel lebe, bedeutet Irland für mich in erster Linie Alltag. Wenn ich nicht mit meinem Laptop bewaffnet in einem Café oder Zuhause sitze und schreibe, findet man mich höchstwahrscheinlich mit meinen drei Kindern am Strand. Die Natur, die Kultur und insbesondere die Menschen sorgen dafür, dass sich in unseren Alltag immer wieder ein bisschen Magie einschleicht. Diese besondere irische Alltagsmagie versuche ich in meinen Texten in Worte zu fassen.

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