Irland in der Neuzeit

Tsunami in Irland 1755

Tsunami in Irland
Nadja Uebach
Written by Nadja Uebach

Als der Boden am 1. November 1755 in der Stadt Cork und zahlreichen anderen Orten entlang der Süd- und Westküste Irlands plötzlich vibrierte, dachten die Iren im ersten Moment sicherlich an eine Täuschung ihrer Sinne. Einige wenige schrieben das fast unmerkliche Rütteln vielleicht einem leichten Erdbeben im Atlantik zu. Doch niemand ahnte welche Naturgewalt nur wenige Stunden später auf die Küste der Grünen Insel treffen würde. Mit seinen bis zu vier Meter hohen Wellen versetzte ein Tsunami in Irland nicht nur die Bewohner in einen Schockzustand; sondern veränderte vielerorts die Landschaft der irischen Küste und hinterließ dabei Spuren, die bis heute sichtbar sind!

Tsunami in Irland: Ein Erdbeben vor der Küste Portugals

Die leichten Vibrationen, die man an diesem Novembermorgen entlang der irischen Küste spüren konnte, waren die Ausläufer eines Erdbebens, das mehr als 1.500 Kilometer südlich die Erde erschütterte. Das Beben vor der Küste Portugals erreichte nach Angaben des amerikanischen Erdbebendienstes eine Stärke von 8,7 und ist somit bis heute eines der stärksten Beben in Europa.

Lissabon 1755: Die zerstörte Stadt

Gerade einmal drei bis sechs Minuten bebte am Morgen des 1. November 1755 die Erde in der portugiesischen Hauptstadt. Allerdings reichten diese Minuten aus, um unzählige Gebäude zum Einsturz zu bringen und tiefe Schluchten im Stadtgebiet zu hinterlassen. Augenzeugen berichten von mehreren Feuern, die fast zeitgleich zwischen den Trümmern ausbrachen.

Als sich die Bevölkerung Schutz suchend in den spärlich bebauten Hafen zurückzog, fanden sie das dortige Hafenbecken komplett leer vor. Verankerte Schiffen lagen zwischen verlorener Ladung auf dem Grund und gaben ein unwirkliches Bild ab. Die skurrile Leere des Hafens wehrte jedoch nicht lange. Etwa 40 Minuten nach dem Beben rollte eine gigantische Flutwelle von bis zu 20 Metern gefolgt von zwei kleineren Wellen auf die Stadt zu und zerstörte 85% der Gebäude und Straßenzüge. Gleiches gilt für benachbarte Ortschaften und Städte entlang der Algarve Küste!

Genaue Angaben zu der Anzahl von Todesopfern sucht man heutzutage vergeblich. Die Schätzungen gehen von 30.000 Opfern bis hin zu 100.000 Toten weit auseinander. Historiker sind sich jedoch einig, dass es sich bei dem Erdbeben von Lissabon um eines der tödlichsten und verheerendsten Naturkatastrophen in Europa handelt!

Von Portugal über den Atlantik

Die Auswirkungen des Seebebens trafen jedoch nicht nur Lissabon und die umliegende Küste, sondern breiteten sich über den Atlantik sogar bis zu den Karibischen Inseln aus, wo eine Flutwelle an der Küste von Barbados und Martinique für Verwüstung sorgte.

Nordafrika, die Kanaren sowie die Azoren fielen dem vom Beben ausgelösten Tsunami ebenfalls mit zerstörten Städten und mehreren Hundert Toten zum Opfer. Während die Küstenregionen Nordafrikas und Europas mit der Flutwelle zu Kämpfen hatte; blieben die Stöße des Bebens auch weit im Landesinneren Mitteleuropas nicht unbemerkt. In Luxemburg und der Schweiz stürzten Gebäude ein. Städte und Ortschaften in Italien und entlang der Mittelmeerküste verzeichneten spürbare Vibrationen und leichte Schäden an Gebäuden. Sogar im mehr als 3.000 Kilometer entfernten Finnland nahmen die Menschen an diesem Morgen Erderschütterungen wahr!

Tsunami in Irland: Wenn das Meer die Küste überfällt

Nachdem die Iren entlang der Süd- und Westküste am Morgen ein leichtes Beben der Erde unter ihren Füßen spürten, verlief der Tag zunächst, wie jeder andere. Erst rund vier Stunden später erreichte eine bis zu vier Meter hohe stehende Welle die Küste der Grünen Insel.

Augenzeugenberichten aus Kinsale in der Grafschaft Cork zufolge rollte der Atlantik plötzlich in einer gewaltigen Welle auf den Hafen zu und überraschte die Einwohner mit einer unbändigen Kraft. Auffallend ist, dass dabei immer wieder von einer kompletten Windstille die Rede ist. Ein Leserbrief in der Novemberausgabe des Gentleman’s Magazine sprach von Schiffen bis zu 60 Tonnen schwer, die aus ihrer Verankerung gerissen wurden. Etliche kleine Fischerboote tanzten wie Weinkorken auf dem Wasser und wurden wie durch ein Wunder vor der zerstörerischen Kraft bewahrt; und samt ihrer Mannschaft an Land gespült, als der Marktplatz unter mehreren Metern Salzwasser begraben wurde. Der Atlantik zog sich fast genau so schnell zurück, wie er über den Hafen hergefallen war, nur um eine viertel Stunde wieder aufs Land zuzurollen. Mit jeder Welle verringerte sich die Kraft des Tsunamis, bis sie schließlich vollends verebbte.

Ähnliche Berichte finden sich entlang der Küste von Kinsale bis nach Galway überall. Hafenbecken wurden von Sandmengen für Schiffe unpassierbar gemacht. Inseln wurden kreiert und Strände erhielten weitläufige Dünenlandschaften, die mit der gewaltigen Welle vom Meeresboden angeschwemmt wurden. Auch jenseits der Küste hinterließ der Tsunami in Irland seine Spuren. Entlang der Ufer zahlreicher Tidenflüsse hinterließen die Flutwellen Überschwemmungen und zerstörte Gebäude und Brücken.

Kinsale Hafen

Bild von alanbatt auf Pixabay

Der Tsunami in der Grafschaft Cork

Während Kinsale mehrere Wasserschäden an Gebäuden sowie zerstörte Schiffe, Boote und Anlegestellen entlang des Hafenbeckens verzeichnete, bahnte sich die Flutwelle über die Mündung des Bandon River einen Weg ins Landesinnere bis nach Innishannon. Dort fiel die Bogenbrücke am Ortseingang der Welle zum Opfer. Wo vor dem Tsunami Schiffe bis in die Ortschaft Bandon fahren konnten; sorgten Sandablagerungen, die mit der Welle angespült wurden dafür, dass der Fluss nur noch bis zu seiner Mündung bei Kinsale passierbar war.

In der nächsten Bucht schnitt die Flutwelle den Hafenort Timoleague auf eine ähnliche Weise vom Schiffhandel ab. Der bis zu diesem Zeitpunkt florierende Handelshafen konnte aufgrund der gewaltigen Sandablagerungen in der Bucht nicht mehr von Schiffen angefahren werden. Eine Tatsache, die dafür sorgte, dass nur wenige Kilometer weiter die Ortschaft Courtmacsherry am Eingang der Bucht entstand, die weiterhin für Schiffe zugänglich war. Heutzutage ist Courtmacsherry ein beliebter Urlaubsort, den es ohne den Tsunami in Irland vielleicht nie gegeben hätte.

Weiter westliche veränderte die anrollende Flutwelle mit weiteren Sandablagerungen das Gesicht einiger beliebter Strände. So haben wir es dem Tsunami zu verdanken, dass wir heutzutage den Blick von den Dünen am Inchydoney Beach in Clonakilty, Long Strand in Castlefreke sowie dem Warren Beach in Roscarberry und Barley Cove bei Mizen Head über den Horizont schweifen lassen können!

Inchydoney Beach in Clonakilty

In einigen Berichten ist zudem von mehreren Todesopfern die Rede, Aussagen, die jedoch nie belegt wurden. Zudem ist auffällig, dass zahlreiche Häuser entlang der Küste noch im selben oder im darauffolgenden Jahr renoviert wurden. Womöglich ein Zeichen für Gebäudeschäden, die der Tsunami verursacht hat.

Spuren der Flutwelle in Clare & Galway

Die besonders zerklüftete Küstenlinie rund um Ballyvaughan, Furbo und Flaggy Shore ist ein Überbleibsel der zerstörerischen Kraft der Tsunamiwelle, die hier tiefe Furchen in die Küste gerissen hat. Zudem wird berichtet, dass die heutige Insel Aughinish durch die Welle vom Festland getrennt wurde. Ihre Bewohner waren binnen weniger Stunden vom Rest der Grünen Insel abgeschnitten! Heutzutage ist Aughinish über eine Dammstraße wieder mit dem Festland verbunden.

Nur wenige Kilometer weiter westlich fiel in der Bucht von Kinvara das Corran rue Castle dem Tsunami zum Opfer. Berichten zufolge fanden sich bereits nach den Vibrationen des Erdbebens Schäden an der Fassade der Burg, in der die Familie O`Hynes zuhause war. Die Gewalt des eindringenden Wassers der Flutwelle machte das Castle dem Erdboden gleich; sodass sein Standort bis heute nicht zweifellos belegt werden kann. Historiker vermuten, dass sich der O`Hynes Familiensitz am Westufer der Bucht von Kinvara befand. Die Welle machte auch vor der Hafenstadt Galway nicht Halt. Der Atlantik bahnte sich seinen Weg in den Hafen und riss dabei mehrere Schiffe und Boote mit sich. Entlang der Promenade brachte die Welle einen Teil des Spanish Arch, einem heutigen Wahrzeichen der Stadt zum Einfall!

Sehenswürdigkeiten in Galway

Spanish Arch Galway, Co. Galway (Irland),
© Tourism Ireland

Wenn man Anekdoten und Erzählungen Glauben schenkt, war ein Müller etwas außerhalb der Ortschaft Kinvara für die Tsunamiwelle verantwortlich. So bat er Gott und Teufel gleichzeitig für ausreichend Wasser, um seine Gezeitenmühle zu betreiben. Dem Aberglauben zufolge erhörten die Geister am 1. November, dem keltischen Fest Samhain mit der gewaltigen Flutwelle erhört. Der Müller ertrank und seine Mühle wurde zerstört!

Tsunami in Irland: Eine Welle mit zeitlosen Spuren

Die Auswirkungen des Tsunamis auf den damaligen Alltag der Menschen sind kaum vorstellbar. Menschen, die plötzlich von Schiffhandelsrouten oder gar dem irischen Festland abgeschnitten waren, deren einzige Einnahmequelle in Form eines Fischerbootes zerstört wurde und deren Häuser von heute auf morgen renovierungsbedürftig waren. Schicksale, die die Zeit vergessen hat und die sich nur in vereinzelten Berichten, Briefen, Geschichten und Zeitungsartikeln wiederfinden.

Doch, obwohl der Tsunami in Irland bereits mehr als 260 Jahre her ist, hat er auch bleibende Spuren hinterlassen, die man heute noch entlang der Küste von Cork, Clare und Galway findet – Spuren, die die Zeit nicht vergessen hat. Spuren, die nicht nur die Landschaft der Küste, sondern auch ihre Geschichte nachhaltig verändert haben. Wären die Strände entlang der Südküste Corks ohne ihre Dünen heute genauso schön? Würde die kleine bunte Ortschaft Courtmacsherry überhaupt existieren; und wäre die Nordküste Clares ohne die tiefen Einschnitte in ihr Land heute vielleicht weniger dramatisch?

Über den Autor

Nadja Uebach

Nadja Uebach

Da ich seit elf Jahren auf der grünen Insel lebe, bedeutet Irland für mich in erster Linie Alltag. Wenn ich nicht mit meinem Laptop bewaffnet in einem Café oder Zuhause sitze und schreibe, findet man mich höchstwahrscheinlich mit meinen drei Kindern am Strand. Die Natur, die Kultur und insbesondere die Menschen sorgen dafür, dass sich in unseren Alltag immer wieder ein bisschen Magie einschleicht. Diese besondere irische Alltagsmagie versuche ich in meinen Texten in Worte zu fassen.

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