Irland im Mittelalter

Die Annalen von Ulster

Annalen von Ulster Title
Written by Monika Dockter

Bei den Annalen von Ulster handelt es sich um eine Sammlung von Jahrbüchern aus dem mittelalterlichen Irland. Sie gelten als eines der bedeutendsten Werke der irischen Geschichtsschreibung. Als solche beruhen sie auf historischen Tatsachen und dürfen nicht mit dem Ulster-Zyklus verwechselt werden. Dieser besteht ausschließlich aus mittelalterlichen Sagen. Die Einträge in den Annalen beginnen im Jahr 431 und enden im Jahr 1540. Aus heutiger Sicht sind sie spannend und an manchen Stellen skurril.

Vier erhaltene Handschriften der Annalen von Ulster

Ursprünglich wurden die Annalen zum größten Teil in irischer Sprache verfasst, mit nur wenigen Einträgen in lateinischer Sprache. Daher sind sie nicht nur für historisch Interessierte, sondern ebenso für Sprachwissenschaftler sehr aufschlussreich.

Bis heute existieren vier verschiedene Ausgaben der Schriften. In irischer Sprache sind dies die Originalhandschrift aus der Bibliothek des Trinity College in Dublin und eine weitere Handschrift aus der Bodleian Library der Universität Oxford. Diese beiden unterscheiden sich hauptsächlich durch verschiedene Autoren und durch ihre Zusammensetzung der Texte.

Eine englische Übersetzung des irischen Textes besitzt die British Library in London. Sie enthält einige Einträge, die im irischen Original nicht vorhanden sind.

Die vierte Handschrift, ebenfalls Eigentum der British Library, ist eine Übersetzung ins Lateinische, die allerdings nur den Zeitraum von 1200 bis 1296 umfasst. In dieser Ausgabe wurde zusätzlich Material von anderen Quellen entnommen.

Annalen von Ulster

Unknown authorUnknown author, Annals-of-ulster, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons

Ursprung der Annalen von Ulster

Die Jahrbücher bestehen nur zum Teil aus zeitgenössischen Schilderungen. Zum anderen Teil verfasste man sie erst später und somit aus der Retrospektive.

So sind die Einträge von 431 bis zum mittleren 6. Jahrhundert durchweg ein Rückblick. Hierfür fassten die Autoren frühere Chroniken und historische Aufzeichnungen zusammen.

Alle späteren Einträge wurden zeitgenössisch verfasst. Sie basieren hauptsächlich auf Erinnerungen und mündlichen Erzählungen. Vermutlich bestand die Hauptquelle für die Einträge des ersten Jahrtausends auf einer Fortsetzung der „Chroniken von Irland“, die später verloren ging.

Zum Inhalt der Annalen

Will man den Inhalt der Annalen von Ulster unter groben Stichpunkten zusammenfassen, so wären dies wohl die Begriffe „Könige“, „Orte“ und „Wikinger“. Denn genau daran orientieren sich die Annalen zum größten Teil: Am Leben bestimmter königlicher Personen einschließlich ihrer größten Schlachten und Raubzüge, an den Orten ihrer Herrschaft und an ihrem Tod.

Ein großer Teil der Annalen widmet sich außerdem der Invasion der Wikinger und speziellen Ereignissen aus den entsprechenden Jahren. Im Folgenden gehen wir ein wenig genauer auf die einzelnen Punkte ein.

Könige – die Helden der Annalen von Ulster

Wie gesagt, das Leben und die Taten der Könige bestimmen zum großen Teil den Inhalt der Annalen. Zwischen den Jahren 847 und 879 beispielsweise wird das Leben von drei verschiedenen Königen beleuchtet. Einer davon ist Máel Sechnaill mac Máele Ruanaid, der König des südlichen Ui Neill Clans.

Seine ersten erwähnten Tätigkeiten bestehen in der Ermordung zweier Männer, im nächsten Eintrag stirbt sein Vater, dann tötet er seinen Bruder und beginnt drei Einträge später seine Herrschaft. Nun folgen eine Reihe Einträge über Raubzüge, Schlachten – unter anderem gegen die Wikinger -, Geiselnahmen und sogar über Friedensverhandlungen. Im Jahr 859 nämlich fand eine Verhandlung statt, um „Frieden und Freundschaft zwischen den Männern Irlands“ zu schließen. Gleichzeitig mit dem Datum seines Todes wird dem König der Titel King of all Ireland verliehen.

Ein weiterer König aus dem erwähnten Zeitraum ist Aed mac Neill, der König des nördlichen Ui Neill Clans. Die Annalen bezeugen sein Leben nach dem gleichen Muster wie das von Máel Sechnaill, jedoch enthält der Eintrag über seinen Tod ein Gedicht. Es ist nichts anderes als eine Lobeshymne auf den großen König.

Bedeutsame Orte

Ein weiterer Fokus in den Annalen liegt auf bestimmten Orten Irlands, denen damals eine gewisse Bedeutung zukam. Was übrigens, bei den meisten davon, bis heute der Fall ist.

Einer dieser Orte ist die Stadt Armagh in Nordirland. Angeblich gründete der Heilige Patrick diese Stadt im Jahr 444. So besaß Armagh, nahe einer heidnischen Kultstätte gelegen, schon im frühen Mittelalter enorme kirchenpolitische Macht, die sich natürlich auch auf „weltliche“ Angelegenheiten erstreckte. Im Jahr 807 entstand hier das sogenannte Book of Armagh.

Außerdem liegt einer der bereits erwähnten Ui Neill Könige hier begraben, nachdem er 846 im River Callan ertrunken war. Auch der Hochkönig Brian Boru wurde nach seinem Tod in der Schlacht von Contarf 1014 in der Kathedrale von Armagh beigesetzt.

Die Stadt aber, die am häufigsten in den Annalen von Ulster auftaucht, ist Dublin. Ganze sechsundsechzig Mal wird sie unter ihren verschiedenen Namen Àth Cliath oder Duiblinn aufgeführt. Und zwar im Zusammenhang mit den verschiedensten Ereignissen. Einmal im Zusammenhang mit der Besiedlung durch die Wikinger, dann wieder mit dem Tod bekannter Persönlichkeiten oder mit Kämpfen, allen voran dem Kampf Brian Borus gegen die Wikinger.

Die Wikinger in den Annalen von Ulster

Damit wären wir bei dem letzten großen Thema der Annalen von Ulster angelangt, den Wikingern in Irland.

Die Jahrbücher dokumentieren die Invasion der Wikinger ziemlich genau vom zweiten Jahr ihrer Eroberungen an. Dabei ist die erste Erwähnung der Eindringlinge aus dem Jahr 794 recht kurz: „794.7 Verwüstung der Inseln von Britannien durch Heiden“. Später werden die Einträge ausführlicher, die Heiden bzw. Heathen werden auch bezeichnet als Foreigners, Norsemen, Norse-Irish und Danes.

Gemäß der Annalen waren die Raubzüge der Wikinger geprägt von Plünderungen und der Gefangennahme von Sklaven. Ein Eintrag aus dem Jahr 821 lautet: „Etar wurde von den Heiden geplündert, und sie nahmen eine große Anzahl von Frauen gefangen“.

Andererseits ist die Landnahme der Wikinger auch nicht einseitig dargestellt: Die Jahrbücher nennen ebenso die Ereignisse, in denen sich irische Könige mit den Wikingern verbündeten, um gegen ihre eigenen Landsmänner zu kämpfen und sie auszurauben.

Eine wichtige Rolle in den Aufzeichnungen über die Wikinger spielen die großen Schlachten wie diejenige um Brunanburh, um Tara und um Clontarf  – alles Ereignisse, die sich selbstverständlich auch in anderen historischen Quellen finden.

Dies alles sind nur Bruchstücke und winzige Auszüge aus einem bedeutenden Werk, um Euch einen kleinen Überblick zu verschaffen. Falls Ihr Euch eingehender damit beschäftigen wollt, bietet das University College Cork im Web eine englische Version an. Sie basiert auf den heute erhaltenen Handschriften. Ihr findet sie hier.

Wikinger in Irland

CC0, gemeinfrei, lizenzfrei

Über den Autor

Monika Dockter

Als Schriftstellerin bedeutet Irland für mich Inspiration in ihrer schönsten Form. Ich finde diese Inspiration in den Worten begnadeter irischer „Storyteller“, zwischen den verschlungenen Wurzeln einer uralten Eiche und auf der Brücke über einen Bach, dessen Wasser vom Torf so braun ist wie der Ginster am Ufer gelb…
Für die gruene-Insel.de zu schreiben betrachte ich als einmalige Gelegenheit, etwas von der für mich so faszinierenden Atmosphäre dieses Landes weiterzugeben – und zwar an eingefleischte Irlandfans ebenso wie an solche, die genau das einmal werden wollen.

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