Irland in der Neuzeit

Bloody Sunday – Ein Tag der irische Geschichte schrieb

Bloody Sunday 1972 Graffiti
Nadja Uebach
Written by Nadja Uebach

Der Jahrzehnte lang andauernde Nordirlandkonflikt, der auf der Grünen Insel unter dem Beinamen „The Troubles“ bekannt ist, spitzte sich am 30. Januar 1972 dramatisch zu. Während einer ungenehmigten Demonstration in Derry eröffneten britische Soldaten Feuer auf die demonstrierenden irischen Katholiken und töteten 14 unbewaffnete Menschen. 17 weitere Opfer wurden während des Massakers verletzt. Der Tag ging als Bloody Sunday in die irische Geschichte ein und markiert den Höhepunkt des Nordirlandkonflikts; der erst durch das Karfreitagsabkommen im Jahr 1998 ein Ende fand.

Was an diesem Januarsonntag vor fast 50 Jahren in Nordirland geschah, veränderte nicht nur die Geschichte, sondern die Gesellschaft der Insel. Der Schock, die Wut und der Schmerz saßen tief und sind bis heute nicht vergessen!

Der Bloody Sunday und seine Hintergründe

Die nordirische Stadt Derry entwickelte sich bereits in den 60er Jahren zu einem der Hauptschauplätze des Nordirlandkonflikts. Trotz einer hauptsächlich nationalistischen Stadtregierung sorgte kontinuierliche Wahlmanipulation dafür, dass ausschließlich Anträge und Beschlüsse der britischen Loyalisten genehmigt wurden. Beim Ausbau von Straßen und Autobahnen sowie in der Standortwahl für Bildungseinrichtungen und medizinischen Diensten hatte Derry kaum eine Chance und wurde von der britischen Regierung kategorisch benachteiligt. Dies führte zu zunehmenden Spannung zwischen den hauptsächlich katholischen und nationalistischen Iren und den protestantischen sowie loyalistischen Briten.

Bereits im Sommer 1969 kam es in Derry zu Unruhen. Das sogenannte Battle of the Bogside sah einen gewaltvollen Aufstand der Iren, dem die Polizei der Stadt nicht gewachsen war. Vom 13. bis zum 14. August herrschten im Stadtteil Bogside bürgerkriegsähnliche Zustände, die erst durch die Ankunft des britischen Militärs beendet werden konnten. Obwohl die mehrtägigen Unruhen keine Toten forderten, verzeichneten beide Seite insgesamt mehr als 1.000 Verletzte. Der nach wie vor wachsende Unmut der Iren führte dazu, dass die britische Armee weiterhin in Derry stationiert blieb, um weitere Aufstände zu verhindern!

Der Konflikt in Nordirland spitzt sich zu

In den darauffolgenden Jahren kam es zu zahlreichen blutigen Auseinandersetzungen zwischen den Iren und den Briten. Als Antwort auf die wachsende Gewaltbereitschaft der irischen Terrororganisation IRA erließ die Regierung die sogenannten Internierungsgesetze. Diese Regelungen ermöglichte es den Briten, katholische und nationalistische Iren ohne Gerichtsverfahren zu inhaftieren. Daraufhin landeten an nur einem Tag über 300 Iren im Gefängnis. Allein der Verdacht ein Anhänger oder Sympathisant der IRA zu sein, reichte für eine Festnahme.

1971 spitzte sich die Lage in der zweiten Jahreshälfte weiter zu. Im August fielen 11 Zivilisten in Belfast den Kugeln der Briten während des Ballymurphy Massacres zum Opfer. In den darauffolgenden Wochen erklärte sich die IRA für über 30 Tote der britischen Armee verantwortlich. In Derry endete das Jahr mit täglichen Konfrontationen zwischen nationalistischen Gruppen und dem britischen Militär. Mithilfe von insgesamt 29 Straßenbarrikaden grenzte die IRA in Derry ganze Stadtteile ab und erklärte diese zur Briten-Freien-Zone, dem sogenannten „Freien Derry (Free Derry)“.

Bloody Sunday – Was am 30. Januar 1972 geschah

Das neue Jahr startete 1972 mit einer Anordnung des nordirischen Premierministers, jegliche Art von Demonstrationen, Versammlungen sowie Paraden kategorisch zu verbieten. Trotz des Verbots organisierten sich die Iren am 22. Januar – eine Woche vor Bloody Sunday – zu einer Anti-Internierungs-Demo außerhalb von Derry. Dem britischen Militär gelang es, die demonstrierende Menge mithilfe von Gummigeschossen und Schlagstöcken zu zerschlagen. Als Antwort darauf planten die Iren eine weitere Demo, die am darauffolgenden Sonntag in Derry stattfinden sollte. Die britische Regierung wusste von der am 30. Januar geplanten Demonstration und entschied sich dazu eine Fallschirmfliegertruppe in der Stadt zu positionieren, um Randale und Gewalt zu verhindern. Ziel der Briten war es, möglichst viele der katholischen Demonstranten festzunehmen.

Der Demozug durch Derry beginnt

Die von der nordirischen Menschenrechtsorganisation NICRA organisierte Demo am 30. Januar 1972 sollte sich durch die überwiegend katholischen Vierteln der Stadt von Creggan über die Bogside bis ins Zentrum von Derry auf den Vorplatz des Rathauses bewegen. Aufgrund der vom britischen Militär positionierten Truppen entlang des Rathausplatzes entschieden sich die Organisatoren jedoch spontan dazu diesen Plan zu ändern. Der Protestmarsch sollte stattdessen an der Free Derry Corner enden.

Nachdem sich der Demozug gegen 14:45 Uhr in Bewegung setzte, zog er zunächst friedlich durch die Straßen. Auf Höhe der Abzweigung zum Rathaus änderte sich die Stimmung jedoch. Obwohl die meisten der bis zu 15.000 Demonstranten den Organisatoren in Richtung Free Derry Corner folgten; spalteten sich kleine Gruppen vom Hauptzug ab, um sich den britischen Soldaten auf der Straße zum Guildhall Rathaus entgegenzustellen. Die Demonstranten bewarfen die auf einer Straßensperre positionierten Briten mit Steinen, worauf die Soldaten mit Gummigeschossen, Tränengas sowie Wasserwerfern reagierten.

Die ersten Schüsse des Bloody Sunday fallen

Die Truppe der Fallschirmjäger hatte in der Nähe der Straßensperre in einem leer stehenden Gebäude Stellung bezogen. Als sich die Unruhen auf der Straße kurz vor 4 Uhr nachmittags verstärkten, entdeckten einige der Demonstranten die Fallschirmjäger in den Fenstern des mehrstöckigen Gebäudes und begannen mit Steinen auf sie zu zielen. Die Fallschirmjäger eröffneten daraufhin um 15:55 Uhr das Feuer auf die demonstrierende Menge. Diese ersten Schüsse forderten die ersten beiden Verletzten des Bloody Sunday, von denen einer mehrere Monate später an den Folgen starb. Beide Männer befanden sie auf einem ungenutzten Grundstück gegenüber des Gebäudes. Obwohl die Soldaten behaupteten wenigstens eines der beiden Opfer sei bewaffnet gewesen, konnte eine Untersuchung in den späten 90er Jahren belegen, dass keiner der beiden eine Waffe trug!

Um zu verhindern, dass die Situation nach den gefeuerten Schüssen eskalierte, erhielten die Fallschirmjäger den Befehl, randalierende Demonstranten jenseits der Straßensperre festzunehmen. Obwohl der befehlshabende General ausdrücklich anordnete die Menge nicht zu verfolgen, jagten die Soldaten die Demonstranten zu Fuß die Straße entlang. Die Randalierenden nutzten diese Chance und mischten sich unter die größtenteils friedliche Menge, um einer Festnahme zu entgehen.

Das blutige Ende der Demonstration

Die Soldaten gingen mit Schlagstöcken und Gummigeschossen auf die Demonstrierenden los und nahmen mehrere Zivilisten unter Anwendung von extremer Gewalt fest. Eine kleine Truppe der Fallschirmjäger spaltete sich von der Menge ab und positionierte sich hinter einer niedrigen Mauer auf Höhe der Straßensperre auf der Rossville Street. Von dort aus feuerten sie mehrere Schüsse in die Menge, die sechs Menschen töteten und weitere sieben schwer verletzten.

Die Schüsse versetzten die Menge in Panik. Viele der Demonstranten suchten Schutz im Hof eines Wohnkomplexes, wohin ihnen die Soldaten jedoch folgten und erneut Feuer eröffneten. Ein weiterer unbewaffneter Demonstrant wurde von den Kugeln getötet, sechs von ihnen verletzt. Ähnliche Szenen trugen sich auf dem Parkplatz des Glenfada Parks zu, wo zwei Menschen starben und vier verletzt wurden. Die Soldatentruppe verfolgte weitere Demonstranten entlang des Parks, wo weitere Schüsse die vier letzten Todesopfer des Bloody Sunday und mehrere Verletzte forderten!

Innerhalb von nur 10 Minuten feuerten die Fallschirmjäger über 100 Schüsse in die unbewaffnete Menge. Dabei wurden 13 Menschen sofort getötet und ein weiteres Opfer starb vier Monate später an den Folgen der Schussverletzungen. Insgesamt 17 weiter Menschen wurden zum Teil schwer verletzt. Das britische Militär rechtfertigte die Schüsse mit der Aussage, dass die Demonstranten das Feuer eröffnet hatten. Obwohl eine erste Untersuchung diese Aussage zunächst bestätigte, bewies der 30 Jahre später veröffentlichte Saville Berichts das Gegenteil!

Die Opfer des Bloody Sunday in Nordirland

Der Bericht belegte nicht nur, dass die Demonstranten das Feuer nicht eröffneten, sondern außerdem, dass keines der Opfer bewaffnet war. Diese Erkenntnis steht im kompletten Gegensatz zu den Aussagen der britischen Fallschirmjäger. Jeder Soldat gab an, dass jedes der Opfer eine Waffe bei sich trug und eine Bedrohung für alle Anwesenden darstellte.

Mithilfe von Fotoaufnahmen und zahlreichen Augenzeugenberichten, konnte die Untersuchung des Saville Berichts den Tathergang für jedes der Todesopfer rekonstruieren. Dabei entsteht ein erschreckend grausames Bild, das die Welt bis heute erschüttert und bei den Iren nach wie vor tiefe Trauer hervorruft. Nach dem Bekanntwerden dieser Einzelheiten im Sommer 2010 entschuldigte sich der damalige britische Premierministers David Cameron für die Handlungen der britischen Soldaten und bezeichnete diese für ungerechtfertigt und unentschuldbar.

Bloody Sunday Tote

SeanMack, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons

Die 14 Todesopfer des Bloody Sunday

  1. John Johnston, 59 Jahre

    John war einer der beiden ersten Verletzten und wurde von den Schüssen aus dem leer stehenden Gebäude getroffen. Besonders tragisch ist die Tatsache, dass er nicht einmal an der Demonstration teilnahm, sondern auf dem Weg zu einem Freund war. John war nicht nur unbeteiligt, sondern zudem unbewaffnet. Er starb vier Monate später an den Folgen seiner Verletzungen.

  2. John Duddy, 17 Jahre

    John Duddy gilt als erstes Todesopfer des 30. Januars 1972. Eine Kugel traf den Jugendlichen von hinten in die Schulter, während er vor den Soldaten davonrannte, um sich in Sicherheit zu bringen. Mehrere Zeugen berichteten, dass der schießende Soldat auf den Unbewaffneten zielte. John nahm aus einer Laune heraus und gegen den Rat seines Vaters an der Demonstration teil.

  3. Michael Kelly, 17 Jahre

    Michael fiel dem Kugelhagel an der Straßensperre auf der Rossville Street zum Opfer. Am 30. Januar 1972 schloss er sich seinen Freunden an, die an der Demonstration teilnehmen wollten. Nachdem er ihn ein Schuss in den Bauch traf, brachte man ihn zunächst in ein nahe stehendes Haus. Er starb kurze Zeit später in einem Krankenwagen an seiner Verletzung.

  4. Hugh Gilmour, 17 Jahre

    Hugh starb ebenfalls auf Höhe der Straßensperre. Als er versuchte vor den Schüssen zu fliehen traf ihn eine Kugel in die Brust und verletzte ihn tödlich. Fotoaufnahmen konnten später beweisen, dass er hingegen von Soldatenaussagen unbewaffnet war.

  5. William Nash, 19 Jahre

    William wurde von einer der Kugeln an der selben Straßensperre in die Brust getroffen. Berichten zufolge zielten Soldaten auf drei weitere Männer, die sich William näherten, um ihm zu helfen. Unter den Helfern war Alexander Nash, der Vater des Opfers, der beim Versuch seinem verletzten Sohn beizustehen selbst angeschossen und verletzt wurde.

  6. John Young, 17 Jahre

    John war ebenfalls einer der drei Männer, die William Nash zur Hilfe kamen. Während er sich zu dem Schussopfer hinunterbeugte, traf ihn eine tödliche Kugel.

  7. Michael McDaid, 20 Jahre

    Michael gehörte zu den Demonstranten, die im Rahmen des Protestzugs von der britischen Armee festgenommen wurden. Nachdem es ihm inmitten der Unruhen gelang aus einem der Militärfahrzeuge zu fliehen, kam er dem angeschossenen William Nash zur Hilfe. Dort wurde er von einer Kugel im Gesicht getroffen und tödlich verletzt.

  8. Kevin McElhinney, 17 Jahre

    Kevin war ein weiterer Jugendlicher, der den Schüssen an der Straßensperre zum Opfer fiel. Das tödliche Geschoss traf ihn in den Rücken; als er gemeinsam mit einem weiteren Demonstranten in Richtung eines Gebäudes kroch, um sich vor den Soldaten in Sicherheit zu bringen. Kevin trug keine Waffen bei sich.

  9. James Wray, 22 Jahre

    James nahm gemeinsam mit seiner Familie an der Demonstration teil und fiel den Schüssen im Hof eines Wohnkomplexes zum Opfer. Dort traf ihn eine Kugel von hinten in den Rücken, während er vor den Fallschirmjägern floh. Untersuchungen und Zeugenaussagen bewiesen, dass James von der ersten Kugel bereits schwer verletzt am Boden lag, als ein Soldat erneut auf ihn zielte und ihn schließlich tötete.

  10. William McKinney, 27 Jahre

    Die Schüsse im selben Hof wurden auch William McKinney zum Verhängnis. Der 27 Jahre alte Hobby-Fotograf hatte es sich zur Aufgabe gemacht den Protestmarsch zu filmen. Er floh vor den Soldaten, als ihn eine Kugel von hinten in den Rücken traf und tötete.

  11. Gerard McKinney, 35 Jahre

    Gerard war Vater von sieben Kindern und erwartet gemeinsam mit seiner Frau sein achtes Kind, als er von einem Soldaten erschossen wurde. Untersuchungen ergaben, dass Gerard auf dem Weg zu einem schützenden Gebäude einem Fallschirmjäger begegnete. Obwohl Gerard beide Hände hob und den Soldaten bat nicht zu schießen, durchschoss die tödliche Kugel seine Brust und traf den hinter ihm stehenden Gerald Donaghy. Gerards Frau brachte das achte gemeinsame Kind eine Woche nach seinem Tod zur Welt.

  12. Gerald Donaghy, 17 Jahre

    Gerald stand hinter Gerard McKinney und wurde von der gleichen Kugel in den Bauch getroffen. Zwei Demonstranten brachten den schwer verletzten Jugendlichen, der ein Mitglied der IRA Jugendbewegung war zunächst in ein Haus. Dort leistete ein Arzt Erste Hilfe. Außerdem durchsuchte man seine Taschen in der Hoffnung Hinweise zu seiner Identität zu finden. Anschließend wurde Gerald von einem Privatfahrzeug in ein Krankenhaus gefahren. Diese Fahrt endete jedoch an einer weiteren Straßensperre des Militärs. Die Soldaten übernahmen den Verletzten und stellten wenige Minuten später den Tod fest. Später fand man insgesamt vier Nagelbomben in den Taschen des Opfers, die dem Militär als Rechtfertigung der Schüsse dienten. Im Rahmen des Saville Berichts wurde allerdings festgestellt, dass diese Bomben während der ersten Durchsuchung seiner Kleidung nicht gefunden wurden und somit höchstwahrscheinlich im Nachhinein in den Taschen des Toten platziert wurden.

  13. Patrick Doherty, 31 Jahre

    Der verheiratete Familienvater Patrick Doherty wurde von einer Kugel getötet, die ihn in den Rücken traf, während er versuchte, sich in Sicherheit zu bringen. Soldaten gaben an, dass Patrick mit einer Pistole bewaffnet war. Fotos bewiesen jedoch, dass er keinerlei Waffen bei sich trug und zum Zeitpunkt seines Todes im Hof eines Wohnkomplexes entlangkroch, um vor den Kugeln der Soldaten zu fliehen.

  14. Bernard McGuigan, 41 Jahre

    Bernard war das letzte Todesopfer des Bloody Sunday. Der sechsfache Vater befand sich im selben Hof wie Patrick Doherty und wurde von einer Kugel von hinten in den Kopf getroffen, als er dem angeschossenen Patrick zu Hilfe eilte. Um den bewaffneten Soldaten seine friedlichen Absichten zu signalisieren hielt Bernard ein weißes Taschentuch in die Luft, während er sich dem Verwundeten näherte. Wenige Sekunden später fiel er dem letzten tödlichen Schuss des Tages zum Opfer.

Der Nordirlandkonflikt nach dem Bloody Sunday

In einer Stellungnahme am Montag nach dem Blutsonntag gab das britische Militär bekannt, dass die Truppe der Fallschirmjäger das Feuer der Demonstranten lediglich erwidert hatte, um einen weiteren gewaltvollen Verlauf des Protestes zu verhindern und die Allgemeinheit zu schützen. Schon damals wiesen jegliche Augenzeugenberichte daraufhin, dass dies nicht der Fall war. Stattdessen eröffneten die Soldaten das Feuer auf unbewaffnete und flüchtende Teilnehmer der Demonstration.

Obwohl bereits zu diesem Zeitpunkt bekannt war, dass kein einziger britischer Soldat während des Vorfalls Verletzungen erlitt; stand die britische Regierung hinter den Handlungen des Militärs. Die nordirische Parlamentsabgeordnete Bernadette Devlin wollte dem britischen Parlament als Augenzeugin einen realen Bericht vortragen, der die Rechtfertigungen des britischen Militärs infrage stellen sollte. Der Politiker und Sprecher des House of Commons Selwyn Lloyd verhinderte dies jedoch wiederholt. Devlin reagierte, indem sie Lloyd öffentlich ohrfeigte, und wurde daraufhin suspendiert.

Als 12 der Todesopfer am 2. Februar 1972 beerdigt wurden, trat die Bevölkerung der gesamten Grünen Insel in Streik. Dieser Streik ging als einer der größten Streiks nach dem Zweiten Weltkrieg in die Geschichte ein. Gleichzeitig stürmten wütende Iren die britische Botschaft in Dublin und setzten diese in Brand. Mehrere Folgeanschläge, wie beispielsweise der Bombenanschlag der IRA auf den Stützpunkt der britischen Fallschirmjäger am 22. Februar 1972 bei dem sechs Zivilisten ums Leben kamen; sorgten dafür, dass 1972 als das blutigste Jahr des Nordirlandkonflikts in die Geschichte einging.

Bloody Sunday – Untersuchungen & Gerechtigkeit

Bereits kurz nach den Geschehnissen am Bloody Sunday beauftragte die britische Regierung Lord Widgery des obersten Gerichtshof mit einer Untersuchung des Militäreinsatzes. Bereits elf Wochen später veröffentlichte Widgery seinen Bericht. Seinen Erkenntnissen zufolge erklärte Widgery, dass die Handlung des britischen Militärs gerechtfertigt waren. Als Beweise für seine Aussage führte er die Nagelbomben auf, die man bei einem der Todesopfer fand. Bleirückstände, die man an einem anderen Opfer fand, sollten ebenfalls beweisen, dass die Demonstranten bewaffnet waren. Der Tatsache, dass James Wray, an dem diese Rückstände nachgewiesen wurden, beruflich tagtäglich mit Blei in Berührung kam; schenkte Widgery in seinem Bericht jedoch keinerlei Aufmerksamkeit.

Neue Erkenntnisse und fehlende Beweise

Obwohl Widgerys Bericht bei einem Großteil der Bevölkerung als parteiisch galt, dauerte es mehrere Jahrzehnte, bis die britische Regierung eine weitere Untersuchung in Auftrag gab. Der Premierminister Tony Blair bat Lord Saville darum die Ereignisse des Bloody Sunday erneut zu analysieren. Diesmal betrug der Untersuchungszeitraum 12 Jahre, zog die Aussagen von über 900 Zeugen in Betracht und sichtet bisher unter Verschluss gehaltenes Foto- und Videomaterial. Der im Juni 2010 veröffentlichte Bericht beweist, dass die Handlungen des britischen Militärs weder nötig noch gerechtfertigt waren.

Die Erkenntnisse des Saville Reports hatten den Beginn mehrerer Mordermittlung gegen die involvierten Soldaten zur Folge. Aufgrund unzulässiger Beweise gelang es den Ermittlungsteams allerdings nur einen einzigen der Soldaten zur Anklage zu bringen. Der in den Medien als „Soldat F“ bekannte Fallschirmjäger wurde für den Mord an James Wray und William McKinney sowie für versuchten Mord in mehreren Fällen angeklagt. Sein Prozess war für Sommer 2020 angesetzt, wurde aufgrund der andauernde Pandemie jedoch bis auf weiteres verschoben. Die nordirische Staatsanwaltschaft gab im September 2020 bekannt, dass es aufgrund mangelnder Beweise keine weiteren Mordanklagen im Rahmen der Bloody Sunday Ermittlungen geben wird. Die Hinterbliebenen der Opfer fordern jedoch weiterhin Gerechtigkeit und drohen mit einer Klage vor dem obersten Gerichtshof!

Über den Autor

Nadja Uebach

Nadja Uebach

Da ich seit elf Jahren auf der grünen Insel lebe, bedeutet Irland für mich in erster Linie Alltag. Wenn ich nicht mit meinem Laptop bewaffnet in einem Café oder Zuhause sitze und schreibe, findet man mich höchstwahrscheinlich mit meinen drei Kindern am Strand. Die Natur, die Kultur und insbesondere die Menschen sorgen dafür, dass sich in unseren Alltag immer wieder ein bisschen Magie einschleicht. Diese besondere irische Alltagsmagie versuche ich in meinen Texten in Worte zu fassen.

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