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Heinrich Bölls Irisches Tagebuch

Schriftsteller Heinrich Böll
Monika Dockter
Written by Monika Dockter

Mehr als sechzig Jahre sind vergangen, seit Heinrich Bölls Irisches Tagebuch erschien und die kleine Insel am Rande Europas als „Sehnsuchtsort“ ins Interesse der Deutschen rückte. Sechzig Jahre –  und noch immer sind seine Reiseberichte in der Lage, beim Leser die Sehnsucht nach Irland zu wecken. Bis heute gibt es Irlandreisende, die sich mit diesem Büchlein in der Tasche auf den Weg machen, um mit eigenen Augen zu sehen, was der Autor damals so poetisch beschrieben hat.

Es gibt dieses Irland: wer aber hinfährt und es nicht findet, hat keine Ersatzansprüche an den Autor. So stellt Böll selbst es seinen Berichten voran.

Die Entstehung des Irischen Tagebuchs

Im Alter von 36 Jahren trat Heinrich Böll 1954 seine erste Irlandreise an. Literarisch hatte er bereits einige Erfolge gefeiert und suchte hier einen Rückzugsort aus dem Trubel seines Lebens als Schriftsteller, Familienvater und Haus-Erbauer. Im Jahr 1955 folgte der ersten Reise eine Zweite, diesmal mit seiner Frau und den drei Söhnen. Auf Achill-Island, der in Deutschland quasi unbekannten, irischen Insel mietete die Familie ihr Ferienquartier. Und genau hierher kehrte sie künftig jedes Jahr während der Sommerferien zurück.

Die Eindrücke, die Heinrich Böll auf diesen ersten Reisen sammelte, wurden zunächst unter dem Titel „Irland-Impressionen“ in der Frankfurter Zeitung veröffentlicht. Erst 1957 brachte Heinrich Böll sie in die heute bekannte Form des Irischen Tagebuches. Genau wie „Ulysses“ von James Joyce, den Böll sehr bewunderte, umfasst es achtzehn Kapitel. Bis heute wurde es in mehr als fünfzig Auflagen gedruckt und weit über eine Million Mal verkauft. Dabei ist es an sich weder ein Tagebuch noch ein dokumentarischer Reiseführer. Sinngemäß nach Heinrich Böll ist es vielmehr: Der Versuch, in komprimierter Form ein Land darzustellen, in dem sich ständig das Süße mit dem Bitteren mischt, Gebet mit Fluch. Ein Idyll, das mit den Tränen auswandernder Kinder bezahlt wird. Ein Land, wo das dreizehnte sich mit dem zwanzigsten Jahrhundert mischt und das neunzehnte mit der Zukunft.

In den fünfziger Jahren, der Zeit des deutschen Wirtschaftswunders, war Irland noch eines der ärmsten Länder Westeuropas. Ausgeblutet durch die andauernde Auswanderung nach Großbritannien und Übersee, ohne nennenswerte Infrastruktur und zutiefst verhaftet in traditioneller Religiosität. Dennoch vermittelt Böll auf anschaulichste Weise einen liebevoll positiven Eindruck von Irland und den Iren.

Auszug aus dem Irischen Tagebuch

Im Folgenden ein kleiner Auszug aus dem Text, der Heinrich Bölls Sichtweise auf die Iren und ihre Gewohnheiten veranschaulicht.

Während seiner ersten Überfahrt mit dem Dampfer nach Dun Laoghaire beobachtet Heinrich Böll: Immer länger wurde die Schlange, wo es den Nektar Westeuropas in großzügigen Portionen um billiges Geld gab: Tee, als wären die Iren bemüht, auch diesen Weltrekord, den sie knapp vor England halten, nicht preiszugeben: fast zehn Pfund Tee werden jährlich pro Kopf in Irland verbraucht: ein kleines Schwimmbassin von Tee also muss in jedem Jahr durch jede irische Kehle laufen.

Kurz nach seiner Ankunft in Dublin, als Heinrich Böll sein erstes Frühstück in Irland genießt, führt er dieses Thema fort. Gleicht der kontinentale Tee einem vergilbtem Postscheckbrief, so gleicht er auf diesen Inseln … den dunklen Tönen auf russischen Ikonen, durch die es golden durchschimmert, bevor die Milch ihm eine Farbe ähnlich der Hautfarbe eines überfütterten Säuglings verleiht; auf dem Kontinent serviert man den Tee dünn, aber aus kostbarem Porzellan, hier gießt man aus ramponierten Blechkannen gleichgültig ein Engelsgetränk zu des Fremden Labsal, und spottbillig dazu, in dicke Steinguttassen.

Daran hat sich bis heute nicht viel geändert: Noch immer schimmert der irische Tee golden oft genug in Steinguttassen. Und noch immer halten die Iren den Weltrekord im Teetrinken. Im Jahr 2015 beispielsweise verbrauchten die Iren pro Kopf 4,6 Kilogramm! Nur zum Vergleich: In Deutschland waren es zeitgleich 250 Gramm pro Kopf.

Weitere anschauliche Auszüge aus Heinrich Bölls Text finden Sie hier. 

Heinrich Bölls „irische Heimat“: Achill Island

Achill Islanf auf dem Wild Atlantic Way

© Tourism Ireland

Auch an den Landschaften, die Heinrich Böll mit fantasievollen Bildern beschreibt, findet der Reisende heute manches noch fast genauso vor wie der Schriftsteller damals. Beispielsweise auf Achill Island, der größten irischen Insel.

Noch immer wacht der knapp 700 Meter hohe Berg Slievemore über die Insel, und an seinen Hängen das „Deserted Village“, dem Heinrich Böll ein Kapitel seines Tagebuches widmet. Skelett einer menschlichen Siedlung nennt Böll die Ruinen dieses Ortes, der seit der Zeit der großen irischen Hungersnot vor gut 150 Jahren, verlassen ist. Näheres zur Geschichte des Ortes und seinem heutigen Zustand lesen Sie hier.

Deserted Village Achill Island

Das verlassene Dorf: Ruinen vom Deserted Village auf Achill Island. (Foto: Yvonne Treptow-Saad)

In Heinrich Bölls Worten aber lautet die Beschreibung folgendermaßen: Graue Steinmauern, dunkle Fensterhöhlen, kein Stück Holz, kein Fetzen Stoff, nichts Farbiges, wie ein Körper ohne Haare, ohne Augen, ohne Fleisch und Blut, das Skelett eine Dorfes; grausam deutlich in seiner Struktur… . Alles, was nicht Stein war, weggenagt von Regen, Sonne und Wind – und von der Zeit, die geduldig über alles hinträufelt: vierundzwanzig große Tropfen Zeit pro Tag…

Keel

Keel Achill Island

Achill Island

Der Ort Keel allerdings, in dem Böll und seine Familie sich jährlich einquartierten, hat sich in den vergangenen siebzig Jahren weiterentwickelt. Das „Village Inn“ beispielsweise, in dem Heinrich Böll über etlichen Gläsern Bier tiefschürfende Gespräche mit einem Iren namens Padraic führte, existiert nicht mehr. Sehenswert ist dafür der drei Kilometer lange Sandstrand, ein beliebter Ort für Surfer.

Die rutschige Schotterstraße, die der mit Böll befreundete Inselarzt in Bölls Tagebuch entlang fährt, um ein Baby zu entbinden, ist längst geteert. Außerdem nennt sie sich heute Atlantic Drive und bietet eine fantastische Aussicht.

Touristen genießen diese Fahrt an sonnigen Tagen, mit leichtem Schauder, da sie auf einige Kilometer vom Auto aus senkrecht auf die weiß züngelnde See blicken; eine kleine Unachtsamkeit nur, und das Auto erleidet Schiffbruch an den Klippen dort unten, wo manches Schiff schon zerschellt ist. So schildert Heinrich Böll ein Stück dieser Wegstrecke.

Heinrich Bölls Cottage

Ebenfalls bis heute existiert Heinrich Bölls Ferienhaus. Seit 1992 wird es als Gästehaus für irische sowie internationale Künstler genutzt. Die sogenannte Heinrich-Boell-Association lädt Künstler und Schriftsteller zu einem kurzen Aufenthalt hier ein. Geknüpft ist das Leben im Künstlercottage jeweils an die Aufforderung, vor Ort Lesungen, Workshops oder Ausstellungen zu halten. Auf diese Weise dient das Cottage des großen deutschen Schriftstellers nicht nur als kulturelle Bereicherung der Insel, sondern als einzigartige, lebendige Erinnerung an den Verfasser des Irischen Tagebuchs.

Haben Sie Lust bekommen, das Irland Heinrich Bölls mit eigenen Augen zu sehen? Oder möchten Sie Ihr eigenes irisches Tagebuch schreiben?  Das Team der gruenen Insel ist Ihnen gerne bei der Reiseplanung behilflich…

 

 

Über den Autor

Monika Dockter

Monika Dockter

Als Schriftstellerin bedeutet Irland für mich Inspiration in ihrer schönsten Form. Ich finde diese Inspiration in den Worten begnadeter irischer „Storyteller“, zwischen den verschlungenen Wurzeln einer uralten Eiche und auf der Brücke über einen Bach, dessen Wasser vom Torf so braun ist wie der Ginster am Ufer gelb…
Für die gruene-Insel.de zu schreiben betrachte ich als einmalige Gelegenheit, etwas von der für mich so faszinierenden Atmosphäre dieses Landes weiterzugeben – und zwar an eingefleischte Irlandfans ebenso wie an solche, die genau das einmal werden wollen.

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