Irische Mythologie

Morrigan – Die dunkle Göttin

Written by Jessica Jirschik

Um kaum eine keltische Sagengestalt ranken sich so viele Mythen und Legenden wie um die dunkle Göttin Morrigan. Das liegt vor allem an ihrer extremen Wandlungsfähigkeit. Die graue Alte, die schöne Verführerin, die dunkle Todesbotin, der schlaue Rabe – in all diesen Wesen finden sich Aspekte von Morrigan. Doch wer war sie wirklich?

Morrigans Ursprung

Es ist schwer herauszufinden, woher Morrigans Name ursprünglich stammt, da er in unzähligen Mythen der westeuropäischen Geschichte vorkommt. Die Silbe „Mor“ stammt von der indoeuropäischen Wurzel mora-incubus ab, was so viel wie Geist oder Kobold bedeutet. Es könnte auch auf das altenglische Lexen „more“ zurückzuführen sein, was so viel heißt wie Alptraum oder Monster.

Geisterkönigin, Große Königin, Meereskönigin – Morrigan hängen unzählige Namen an. Und jeden davon umweht ein dunkler, geheimnisvoller Hauch. Vielleicht ist sie in so vielen Kulturen zuhause, weil ihre Präsenz und ihr Wirken in dieser Welt so stark waren.

Noch heute verbindet man sie mit den Aspekten Krieg und Sexualität, einem männlichen und einem weiblichen Aspekt. Die Tatsache, dass sie beide zur Hälfte verkörpert, macht einen großen Teil ihrer Anziehungskraft aus.

Keltische Legenden um die dunkle Göttin

Sie gehörte zu dem Alten Volk der Tùatha Dé Danann, dem Volk der Göttin Danu. Nicht selten wird Morrigan mit der irischen Göttin Anu gleichgestellt. Diese verkörpert sowohl eine schöne junge Frau als auch eine hässliche Alte, und steht in beiden Aspekten für das Ur-Weibliche.

Laut der Sage des altirischen Ulster Zyklus ist sie die Feindin des Helden Cú Chulainn. Sie versuchte ihn in Gestalt verschiedener Tiere, damit er die Schlacht verlor, doch der Held widerstand der dunklen Göttin. Er verwundete sie tödlich, doch mittels Magie brachte sie ihn dazu, sie wieder zu heilen.

Sagen, Legenden, Lieder – immer wieder schafft es Morrigan, sich Zutritt zu unserer Welt zu verschaffen.

Morgaine Le Fay und Morrigan

Kein Mythos über Morrigan ist so beliebt und umstritten wie die Legende über Morgaine Le Fay.  Nicht selten werden beide Frauen in einem Atemzug genannt, haben sie doch weitaus mehr Gemeinsamkeiten als die Ähnlichkeit ihres Namens.

Morgaine Le Fay ist die Halbschwester von König Artus und später seine erbittertste Feindin. Wie Morrigan, so ist auch Morgaine als Herrin vom See, welche die entrückte Insel Avalon bewacht, eng mit dem Element Wasser verbunden. Nicht umsonst heißen Wassergeister in Britannien noch heute „Morgans“

Morgaine Le Fay besaß zudem magische Eigenschaften wie „das Gesicht“, eine Fähigkeit, die es ihr ermöglichte, in die Zukunft zu sehen. Zudem besitzt sie, genau wie die Göttin Morrigan, zwei Schwestern. Der beliebteste und bekannteste Roman über sie ist „Die Nebel von Avalon“ von Marion Zimmer Bradley.

Morrigan – die Gestaltwandlerin

Eine der wichtigsten Fähigkeiten von Morrigan war die Gabe der Gestaltwandlung, was sich auch in den Überlieferungen bemerkbar macht, nach denen ihr Charakter verschiedenen keltischen Göttinnen und weiblichen Feengestalten zugeordnet wird.

Der Legende nach konnte Morrigan sich in einen Raben oder eine Krähe verwandeln. Es gibt aber auch Überlieferungen, die sie als Schlange oder rote Kuh darstellen.

Ebenso existieren Erzählungen über „Die drei Morrigans“, in denen die Göttin aus drei Personen besteht. Vielleicht ist der Zusammenhang hier mit ihren zwei Schwestern Badb und Macha zu suchen. Erstere steht hierbei für die große Muttergöttin, die fortwährend Leben aus ihrem „Kessel“ hervorbringt, während Macha die Todesgöttin in Gestalt der „Hässlichen Alten“ verkörpert.

Morrigan war jene Schwester, die am meisten mit Zauber in Verbindung gebracht wurde. Sie ist Hüterin aller Formeln und Flüche. Vor Schlachten soll sie Runenzauber mittels Gesang gewirkt haben. Selbst das altenglische Wort „glamor“ für Zauberspruch stammt von Morrigans Kultort Glamorgan in Wales ab.

Die dunkle Göttin ist vielfältig und wandelbar, was sie für uns kaum greifbar macht. Zudem ist sie die Göttin der Nacht und des Todes. Obwohl beide Dinge in unserem menschlichen Geist negativ und angstbehaftet sind, sind sie doch ein wichtiger Bestandteil des Großen Ganzen.

Vielleicht steht Morrigan auch für das Dunkle, das in jedem von uns herrscht und das wir nie der Welt zeigen wollen. Das Ungesagte und Geheimnisvolle, die seltsamen Träume in der Nacht. Wenn das nächste mal ein Rabe über euch hinweg fliegt, ist es vielleicht die Göttin selbst, die euch daran zu erinnern versucht, dass es überall wo Licht ist, auch Dunkelheit gibt.

Über den Autor

Jessica Jirschik

Wenn es wahr ist, dass wir schon einmal gelebt haben, dann war mein Zuhause definitiv Irland. Seit meiner Jugend zog mich ein undefinierbarer Sog auf die Grüne Insel, doch erst 2017 konnte ich meinen Traum, einer Irlandrundreise wahrmachen. Seitdem ist der Sog nur noch stärker geworden. Wenn es regnet, denke ich an Irland. Im Pub kann es für mich nur Guinness sein. Laute Musik, Geschichten und Gesseligkeit gehören für mich zum Glücklichsein. Im Herzen bin ich eine waschechte Irin.

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