Essen & Trinken in Irland

Aqua Vitae – Als die Whiskey-Destillation nach Irland kam

Aqua Vitae Whiskey Irland
Written by Neil Saad

Die Frage, ob Irland oder Schottland den Whiskey erfand, ist alt. Tatsächlich lässt sie sich bis heute nicht verlässlich beantworten. Dazu sind zu viele Informationen in den Nebeln der Zeit verschwommen. Die Geschichte des Whiskeys reicht bis in das Mittelalter zurück und findet ihren Ursprung in den Kirchen und Klöstern auf der Grünen Insel und dem benachbarten Schottland. Dort waren es die christlichen Mönche, die mit der Destillation von Aqua Vitae, dem Wasser des Lebens begannen. In unserem Artikel werfen wir einen Blick in die Vergangenheit und suchen zwischen Kirchenbüchern und Klostermauern die historischen Spuren des heutigen Whiskeys.

Irish Whiskey Geschichte

Irland ist eine der bedeutenden Whiskey-Nationen der Welt. Genau wie Schottland blickt das Land auf eine lange Tradition der Destillation zurück. Dabei ist die jüngere Geschichte des Irish Whiskey von einem beeindruckenden Boom im 19. Jahrhundert sowie einem kolossalen Einbruch im 20. Jahrhundert geprägt. Hierbei stieg der irische Whiskey in knapp einhundert Jahren zum Weltmarktführer auf und verschwand anschließend beinahe vollständig von der Bildfläche.

Seine Ursprünge hat der Whiskey, den wir heute kennen, in dieser Zeit. In großen Brennereien aus Getreide destilliert, in Fässern veredelt und für den feinen Genuss in Flaschen abgefüllt. Derart produziert ist Whiskey eine der beliebtesten Spirituosen der Welt. Jedoch reicht seine Geschichte deutlich weiter zurück. Als Aqua Vitae stellten die Menschen bereits im Mittelalter ein Destillat her, welches als der Großvater des heutigen Whiskeys betrachtet werden darf. Dabei waren die Zutaten zum heutigen Getränk grundverschieden. Lediglich die Technik ist bis heute nahezu unverändert.

Irish Whiskey Geschichte Alambic Pot Still Clonakilty

Modell eines Alambik, der ursprünglichen Brennblase (Foto: Irish-Whiskey-Blog.de)

Aqua Vitae: Auf die Gesundheit!

Die Technik der Destillation ist wahrlich uralt. Bereits die Babylonier kannten vor über dreitausend Jahren eine einfache Form der Alkoholherstellung. Zudem ist das Destillieren aus den meisten Hochkulturen wie den Ägyptern oder Römern überliefert. Dabei fand ein Alambik, der Vorläufer heutiger Brennblasen, Verwendung. Allerdings diente die Gewinnung von Alkohol medizinischen Zwecken. Dem Alkohol wurden verschiedene Pflanzen hinzugefügt und diese Tinkturen gegen Leiden eingesetzt. Doch auch als Parfum wurde die Kombination von hochprozentigem Alkohol und duftenden Zusatzstoffen beliebt.

Durch die zwischenzeitlich gewaltige Ausdehnung des römischen Reiches verbreitete sich Wissen im heutigen Europa. So auch das Wissen um die Destillation und die Anwendung von Alkohol in der Medizin. An einem gewissen Punkt der Geschichte gelangte dieses Wissen in die Kirche. Bereits früh reisten Mönche durch die Länder. Sie missionierten, sie pilgerten und lernten. Dabei brachten sie von ihren Reisen neues Wissen mit in ihre Heimat. Insbesondere Irland besaß eine große Tradition reisender Mönche. Heute beliebte Sehenswürdigkeiten wie die Klosteranlagen von Glendalough waren im frühen Mittelalter berühmt für ihren Wissensschatz. Historiker vermuten, dass diese reisenden Mönche auch die Alkoholherstellung auf die Grüne Insel brachten. Allerdings ist unbekannt, wann genau dies geschah.

Aqua Vitae im 14. Jahrhundert

Die erste dokumentierte Erwähnung von Aqua Vitae befindet sich im Red Book of Ossory. Hierbei war Ossory (oder Irisch: Osraige) ein Königreich, welches unter anderem das Gebiet des heutigen Kilkenny umfasste. Es ging nach der anglo-normannischen Invasion Irlands im 12. Jahrhundert unter. Jedoch gründete sich zur selben Zeit ein Bistum. Als solches bleibt es bis heute erhalten. Dabei liegt das Zentrum des Bistums in der St. Canice’s Cathedral in Kilkenny. Von 1317 bis 1324 hieß der Bischof Richard de Ledrede. Berühmtheit erlangte er durch die Verfolgung der Alice Kyteler, die er der Hexerei bezichtigte und verfolgte. Allerdings ist sein nachhaltigstes Werk das Red Book of Ossory. Hieran arbeitete er bis zu seinem Tod. Darin schrieb er alle wichtigen Kirchenbelange nieder. Er verfasste religiöse Gedichte und Lieder. Zudem schrieb er auf zwei Seiten detailliert auf, wie Aqua Vitae herzustellen sei. Hierbei beschreibt er die Zutaten, die Destillation und welche Heilpflanzen dem Destillat hinzuzufügen sind, um verschiedene Heilwirkungen zu erlangen.

Zunächst bildete Wein die Basis von Aqua Vitae. Dazu wurde dieser Destilliert und anschließend mit den gewünschten Zusatzstoffen versetzt. Jedoch musste Wein importiert werden. Dies war zeitaufwendig und kostspielig. Zudem kam es im mittelalterlichen Irland zu teilweise anhaltenden Epidemien. Während solcher war Irland durch das Einstellen des Schiffverkehrs vom Handel mit dem Kontinent abgeschnitten. Hieraus entstand mutmaßlich die Idee, anstatt des Weines Bier zu destillieren. Das Getreide für Bier wuchsen in Irland. Somit gehörten Verfügbarkeitsprobleme der Vergangenheit an. Dazu war das Brauen ohnehin eine übliche Praxis. Die Destillation von Getreide, so wie sie bis heute zur Whiskey-Herstellung praktiziert wird, war geboren.

St. Canices Cathedral Kilkenny

Altarraum der St. Canice’s Cathedral in Kilkenny (Photo by Patrick Browne/Fáilte Ireland)

Aus Aqua Vitae wird Poitín

Wann genau es üblich wurde, Bier statt Wein zu destillieren, ist unbekannt. Ebenso ist nicht bekannt, wann das Destillieren die Kirchengemäuer verließ und bei der einfachen Bevölkerung beliebt wurde. Schließlich blieb die berauschende Wirkung des Alkohols, abseits der heilenden Kräfte, nicht unbemerkt. Aus den Analen von Clonmacnoise ist überliefert, dass im Jahr 1405 ein lokaler Stammesführer an den Folgen übermäßigen Konsums von Aqua Vitae starb. Hochprozentiger Alkohol wurde zum Genussmittel.

Zudem standen die Zutaten für die Herstellung den meisten Menschen zur Verfügung. Das Getreide wuchs auf den Feldern, Wasser gab es im Überfluss und Hefe war ebenfalls verfügbar. Dazu hatte die Destillation einen praktischen Hintergrund. Gelagertes Korn, welches zu verfallen drohte, war durch das Brauen zu Bier länger haltbar. Drohte das Bier abzulaufen, ließ es sich als Destillat noch länger aufbewahren. Schließlich änderte sich mit dem Einzug der Destillation in die Privathaushalte auch dessen Bezeichnung. Das Lateinische Aqua Vitae wurde zum Irischen Uisce Beatha. Eine wörtliche Übersetzung von „Wasser des Lebens“. Da bei der Destillation eine einfache Brennapparatur Verwendung fand, die an einen kleinen Topf erinnerte, bürgerte sich letztlich der Name Poitín für den Brand ein. Poitín bedeutet übersetzt „Kleiner Topf“. Poitín ist der unmittelbare Vorgänger des heutigen Whiskeys.

Und wer hat es nun erfunden?

Die erwähnte Rezeptur aus dem Red Book of Ossory ist die früheste, bekannte Quelle über die Destillation in Irland. Dagegen ist die erste Überlieferung aus Schottland erst aus dem Jahr 1494 bekannt. In einem Register der Lindores Abbey ist der Einkauf von Malz zur Destillation dokumentiert. Somit wäre Irland 170 Jahre früher dran als der schottische Nachbar. Jedoch ist keinesfalls sicher, dass die beiden Quellen tatsächlich die jeweils ersten Erwähnungen bleiben. Allein in Irland sind tausende Kirchenbücher unerforscht. Somit ist es gut möglich, dass eines Tages ein früherer Fund weiteres Licht in das Dunkel wirft.

Über den Autor

Neil Saad

Nach Irland zieht es mich regelmäßig mehrmals im Jahr und zu jeder Jahreszeit. Besonders das Wandern in Irland hat es mir angetan und alleine oder mit meiner Familie erkunde ich zu Fuß die Gebirge und Wanderwege der grünen Insel. Aber auch auf klassischen Road Trips liebe ich es, Irland immer wieder neu zu entdecken. Dabei bevorzuge ich das Prinzip des Slow Travel, denn gerade in Irland ist weniger ganz oft so viel mehr. Mit der Liebe zur grünen Insel kam auch der Wunsch, über Land und Leute zu schreiben und möglichst viele Menschen daran teilhaben zu lassen.

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