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Whiskey Bonding: Eine verlorene Tradition Irlands

Whiskey Bonding
Written by Neil Saad

Die irischen Destillerien erlangten einst Weltruhm. Namen wie Jameson, Powers und Bushmills eroberten die Welt. Hierbei behielten sie bis heute ihren ruhmvollen Klang. Ihre Spirituosen sind eng verknüpft mit den Brennereien und ihrem Markennamen. Auch heute, in einer Zeit, in der immer mehr irische Destillerien entstehen, tragen diese stolz ihren Namen auf dem Flaschenlabel. Jedoch war dies nicht immer so. Ursprünglich traten die Brennereien nicht selbst als Anbieter auf. Vielmehr waren es die Händler, die den gereiften Brand unter das durstige Volk brachten. Diese sogenannten Whiskey Bonder spielten eine wichtige Rolle in den Hoch-Zeiten des Irish Whiskeys. Und gingen mit der irischen Whiskey-Industrie bedauerlicherweise unter. Ist ihre Tradition verloren? Wir werfen einen Blick auf die Geschichte des Whiskey Bonding in Irland.

Irish Whiskey im 19. Jahrhundert

Whiskey hat in Irland eine lange Tradition. Seine Geschichte reicht bis in die nebeligen Zeiten des Mittelalters zurück. Es sind die Tage, als Mönche hinter dicken Klostermauern begannen, einen Brand namens Aqua Vitae zu destillieren. Später verbreitete sich die Destillation in die Privathaushalte. Aqua Vitae, das Wasser des Lebens, wurde zu Uisce Beatha und schließlich Poitín. Mehr über die Geschichte des Irish Whiskey erfahrt ihr in unserem Artikel darüber.

Dabei dauerte es Jahrhunderte bis die Herstellung von Spirituosen ein kommerziell erfolgreiches Geschäft wurde. Vielmehr bildeten sich erst im späten 18. Jahrhundert die ersten Großbrennereien in Irland. Dank der Industrialisierung wuchsen die Brennblasen und mit ihnen das Geschäftsmodell. Zudem war Irish Whiskey beliebt. Schließlich verließ er den Heimatmarkt. Der zunehmende Export in die Überseeteile des Vereinigten Königreichs vergrößerte die Absatzmöglichkeiten. Jedoch wuchs der Bedarf nicht nur im Export. Mit steigender Nachfrage und zunehmenden Absatzmengen in Irland entwickelte sich ein erfolgreicher Markt für lokale Whiskey-Händler. Hierbei handelte es sich vor allem um Lebensmittelhändler und Pub-Besitzer: das Whiskey Bonding war geboren.

Whiskey Bonding: ein erfolgreiches Handelsgeschäft

Heute werden Whiskeys hauptsächlich von den Destillerien selbst in den Verkehr gebracht. Dazu vermarkten sie ihre Produkte unter ihrem eigenen Markennamen. Jedoch war dies ursprünglich nicht die gängige Praxis. Viel mehr verkauften sie im 19. Jahrhundert ihren Whiskey in größeren Mengen an Händler. Diese Händler hatten mehrere Vorteile. Einerseits standen sie im direkten Kontakt zum Konsumenten und konnten diesem ohne zusätzlichen Aufwand Kleinmengen verkaufen.  Zudem handelte es sich bei den Händlern hauptsächlich um Importeure, die für ihr Geschäft Weine und andere Spirituosen wie Cognac und Rum fassweise ins Land brachten. Dadurch waren sie ständig im Besitz leerer Holzfässer.

Irish Whiskey Fässer Lagerhaus

Die Fässer beeinflussen den Geschmack von Whiskey maßgeblich. (Foto: Neil Saad/Irish-Whiskey-Blog.de)

Die Fassreifung von Whiskey

Bereits früh entdeckten sie, dass diese ideal zur weiteren Lagerung von Whiskey geeignet waren. Zudem verbesserte sich durch die im Holz verbleibenden Reste der vorherigen Inhalte der Geschmack des Whiskeys. Somit brachten sie ihre leeren Fässer zu ihrer lokalen Brennerei und befüllten diese dort mit rohem Brand. Anschließend brachten sie die vollen Fässer in ihre Warenlager. Von dort verkauften sie den Brand in kleinere Behälter abgefüllt an den Konsumenten. Im Falle von Pubs erfolgte schlicht der direkte Ausschank vom Fass. Auf diese Weise fand der Whiskey seinen Weg zum Trinker ohne dass sich die Destillerien selbst um Lagerung, Abfüllung, Werbung und Verkauf kümmern mussten.

Whiskey Bonding: Die Namensherkunft und das Bonded Warehouse

Die Bezeichnung Whiskey Bonding hat einen steuerlichen Hintergrund. Während die Popularität des Whiskeys wuchs, blickte der Staat mehr und mehr auf die möglichen Steuereinnahmen hinter dem Geschäft. Die ersten Besteuerungen der Destillation im 16. und 17. Jahrhundert scheiterten, da die zahllosen kleinen Hausbrennereien ihrem Werke heimlich und illegal nachgingen. Als schließlich legale Großbrennereien entstanden, entwickelte der Staat verschiedene Ansätze der Besteuerung. Hierunter war ein Beispiel die Besteuerung anhand der Größe der Brennblasen und des damit möglichen Ausstoßes.

Jedoch brachte jeder dieser Ansätze einen großen Nachteil für den Hersteller: Er musste die Abgabenlast bei der Herstellung leisten. Dadurch trat er in Vorleistung, welche im Falle von Whiskey nicht gering war. Regelmäßig konnten Destillateure dies nicht leisten, da die Finanzmittel fehlten. Hierunter litten nicht nur Brennereien, sondern das Problem teilten alle Händler, die zoll- und abgabenpflichtige Waren importierten und handelten. Die Lösung? Das Bonded Warehouse.

Die Idee zum Bonded Warehouse entstand bereits im 18. Jahrhundert. Letztlich setzte sie sich im 19. Jahrhundert durch. Hierbei gibt der Besitzer eines Bonded Warehouse gegenüber dem Steuerempfänger eine Sicherheit ab, dass er die fällige Steuerlast bezahlt, sobald er das steuerpflichtige Produkt verkauft. Dadurch nimmt er eine Schuldverpflichtung auf, muss die Abgabe aber erst entrichten, wenn er selbst die Ware veräußert und sie das Lager verlässt. Hierbei bezeichnet man diese Schuld als einen Bond. Das Prinzip dahinter existiert bis heute und ist weltweit gängig.

Whiskey Bonder und Destillerien Hand in Hand

Bereits früh bauten sich die großen Destillerien einen guten Ruf auf. Insbesondere die Brennereien aus Dublin gingen hier voran. Ihr Whiskey war bei den Konsumenten im 19. Jahrhundert gefragt. Deshalb setzten viele Händler und Pubs auf Whiskey made in Dublin. Dementsprechend stand auf den Flaschen-Labeln stets der Name der herstellenden Destillerie und des Händlers. Für den Konsumenten war dies gleichbedeutend mit einem Qualitätssiegel, las er Namen wie John Jameson oder John Powers auf dem Etikett. Dagegen bezeugte es den guten Ruf des Händlers, dass er hochwertige Produkte vertrieb.

Whiskey Bonder begannen damit, Whiskey nicht nur in Fässern zu reifen, sondern sie begannen auch mit dem Blending. Weltweit gilt der Schotte Johnny Walker als Pionier des Whiskey Blendings. Grundsätzlich war dieses bereits bei Weinen oder auch bei Tee weit verbreitet. Daraus entstand die Praxis, Whiskeys von mehreren Brennereien zu vermischen. Darunter auch billigeren Whiskey. Gleichzeitig entwickelte sich der Ruf vieler Händler derart positiv, dass sie ihren eigenen Markennamen für die Blends entwickelten. Die herstellenden Destillerien verschwanden dabei im Hintergrund oder ganz vom Etikett.

Whiskey Bonding JJ Corry Irish Whiskey

Spirit Merchant J. J. Corry mit eigenem Label (Foto: Neil Saad/Irish-Whiskey-Blog.de)

Das Ende des Whiskey Bonding in Irland

Die Brennereien bemerkten, dass ihr Stern im Schatten der Whiskey Bonder erblasste. Zudem litten sie zunehmend unter Produktpiraterie durch schwarze Schafe. So füllten beispielsweise einige Whiskey-Händler billigen Whiskey ab und fügten ihm lediglich eine winzige Menge guten Whiskey hinzu. Dennoch gaben sie ihrem Produkt die Bezeichnung Dublin Whiskey oder verwendeten gar den Namen einer renommierten Brennerei. Diese verwerfliche Praxis nannte man Teaspooning. Hierdurch fürchteten die Brennereien um Ihren Absatz als auch um ihren guten Ruf.

Schließlich fingen die Brennereien an, ihren Whiskey unter eigenem Markenlabel selbst zu lagern, abzufüllen und zu vertreiben. Hierbei gilt die John’s Lane Distillery der Powers-Familie als die erste Brennerei Irlands, die eigene Flaschen befüllte. Als Erkennungsmerkmal entwickelten sie das Powers Gold Label. Ein Markenzeichen, dass sich heute noch auf ihren Flaschen befindet. Diese gravierende Änderung in der Zusammenarbeit mit den Whiskey Bondern leitete das Ende der Tradition des Whiskey Bonding in Irland ein. Letztlich verschwand diese im 20. Jahrhundert vollständig von der Bildfläche.

Jameson Whiskey 1780 Bow Street Distillery

Das bekannte Flaschen-Label der Jameson Irish Whiskey (Foto: Neil Saad/Irish-Whiskey-Blog.de)

Whiskey Bonder heute

Irland-Reisende entdecken noch heute häufig Schilder, die einen Laden oder Pub als Whiskey Bonder ausweisen. Oftmals sind es historische Relikte, die für die Zukunft erhalten bleiben. Hierbei drücken diese aus, wie verbreitet die Tradition des Whiskey Bonding einst war. Nahezu jeder Ort in Irland besaß seinen Händler und Bonder. Heute sind vor allem zwei berühmte Namen noch aktiv: Mitchell & Sons und Gilbey’s of Ireland.

Während Mitchell & Sons für die Spot Whiskeys bekannt ist, gehört zu Gilbey’s die Marke Redbreast. Mehr über diese beiden Abfüller erfahrt ihr in unserem Artikel über die bekanntesten Irish Whiskey-Sorten. Andere Markennamen erfuhren in den letzten Jahren eine Wiederbelebung. Insbesondere das junge Unternehmen Chapelgate Irish Whiskey hat sich ein Revival des Whiskey Bonding auf seine Fahnen geschrieben. Hierbei erweckten sie den Namen J. J. Corry zu neuem Leben. Dies war einst der lokale Händler im Küstenort Kilrush in der Grafschaft Clare, der Heimat von Chapelgate Irish Whiskey. Dabei legen sie viel Wert auf die Expertise des Blending. Ganz in der alten, irischen Tradition.

Über den Autor

Neil Saad

Nach Irland zieht es mich regelmäßig mehrmals im Jahr und zu jeder Jahreszeit. Besonders das Wandern in Irland hat es mir angetan und alleine oder mit meiner Familie erkunde ich zu Fuß die Gebirge und Wanderwege der grünen Insel. Aber auch auf klassischen Road Trips liebe ich es, Irland immer wieder neu zu entdecken. Dabei bevorzuge ich das Prinzip des Slow Travel, denn gerade in Irland ist weniger ganz oft so viel mehr. Mit der Liebe zur grünen Insel kam auch der Wunsch, über Land und Leute zu schreiben und möglichst viele Menschen daran teilhaben zu lassen.

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