Irland in der Neuzeit

Das geschichtsträchtige Kilmainham Gaol

Kilmainham Gaol Musuem
Nadja Uebach
Written by Nadja Uebach

Durch die schwere Eisentür der kleinen Zelle dringen die Geräusche der Nacht. Es ist kalt und dunkel, doch das entfernte Wehklagen der anderen Gefangenen bildet gemeinsam mit den strammen Schritten der Wächter auf den Holzdielen der Galerie einen unheimlichen Rhythmus. Ein Rhythmus, der die, auf einem Haufen feuchten Stroh liegenden Insassen im Dubliner Kilmainham Gaol regelmäßig bis in den unruhigen Schlaf verfolgte. Wurde es 1796 aus dem Willen heraus erbaut, bessere Verhältnisse für Gefangene zu schaffen; so fielen die alten Mauern des Gefängnisses auf dem Gallows Hill der Überfüllung mit Sträflingen zum Opfer, die schon bald unter verheerenden Bedingungen leben mussten.

Was als Schritt in eine neue moderne Gefängnisära auf der Grünen Insel begann; während der Großen Hungersnot eine grausame Wendung nahm und schließlich in der Zeit nach dem Osteraufstand 1916 Geschichte schrieb; ist heute ein Ort, an dem ein Teil der faszinierenden Vergangenheit der kleinen Insel bei einem Besuch zum Leben erweckt wird.

Kilmainham Gaol: Ein neues Gefängnis für Dublin

Im Jahr 1786 gab die Regierung der Stadt Dublin den Bau eines neuen Gefängnisses in Auftrag. Auf dem Gallows Hill westlich des Stadtzentrums sollte eine große und für seine Zeit moderne Sträflingsanstalt entstehen. Dadurch sollten die überfüllten Zellen des ehemaligen Gefängnisses der Grafschaft, in dem die Insassen unter schlimmen Bedingungen leben mussten, entlastet werden.

Man wählte den Standort des Neubaus bewusst aus. Durch die Lage auf dem kleinen Hügel außerhalb der Dubliner Innenstadt sollte das Wasser schneller und besser abfließen. Zudem erhoffte man sich eine bessere Luftzirkulation innerhalb der Gefängnismauern; was wiederum zum Wohlbefinden der Insassen beitragen sollte. Anders als im alten Gefängnis wurde das Kilmainham Gaol mit zwei Zellenblöcken geplant. Männer, Frauen und Kinder sollten so getrennt voneinander inhaftiert werden können. Allerdings bedeutete das keinerlei Komfort für die Sträflinge. Sanitäre Anlagen sowie warme Schlafstätten waren in den meisten Zellen nach wie vor Fehlanzeige. Anstatt einer Toilette verfügte jede Zelle lediglich über einen Nachttopf. Die einzige Licht- sowie Wärmequelle war meist nur eine einzige Kerze.

Eine bedeutsame Fassade

Nach seiner Fertigstellung im Jahr 1796 thronte das „Neue Gefängnis“, wie die Dubliner den Bau nannten, auf dem Gallows Hill. Mit seinen Mauern aus Kalkstein und Granit gab die Haftanstalt ein imposantes Bild ab. Ein kleiner Vorhof führt zum Haupteingang, über dem fünf eng umschlungene in Stein gemeißelte Drachen thronen. Jeder dieser Drachen verkörpert eines der fünf schlimmsten Verbrechen: Mord, Verrat, Vergewaltigung, Diebstahl und Piraterie! Diese bedeutsame Fassade bildete zudem jahrelang den stummen Hintergrund für zahlreiche Hinrichtungen von Gefangenen. Ein Ort, der heutzutage bei vielen Besuchern schon vor Betreten des Gefängnisses für Gänsehaut sorgt.

Der Ostflügel mit seiner großen Halle, dem verglasten Dachfirst und der dreistöckigen Galerie, auf der sich die Zellen befinden, entstand erst Mitte des 19. Jahrhunderts und war typisch für Gefängnisse zu dieser Zeit. Immerhin erlaubte der weitläufige helle Trakt in Kombination mit der übersichtlichen Anordnung der Zellentüren, die Überwachung des gesamten Flügels von einem zentralen Ort aus.

Kilmainham Gaol Tor

© Failte Ireland by Gareth Byrne

Kilmainham – letzte Station für Sträflinge

In seinen ersten 50 Jahren als County Prison wurde Kilmainham Gaol hauptsächlich als letzter Standort für Häftlinge aus dem Nordosten der Insel genutzt, die zur Verschiffung nach Australien verurteilt wurden. Mehr als 4.000 Straftäter warteten auf dem Gallows Hill auf ihre schicksalhafte Schiffsreise von Dublin oder Cork auf den australischen Kontinent. Aufgrund der katastrophalen Bedingungen auf den Schiffen, wo die Mehrheit der Gefangenen mehrere Wochen unter Deck in ihren eigenen Fäkalien hausten, war diese Reise für viele die letzte Reise ihres Lebens.

Besonders politische Verbrechen endeten oft mit dem Urteil der Verschiffung nach Australien. Zudem wurden unzählige Bagatelldelikte, wie beispielsweise der Diebstahl mit dieser Strafe geahndet. Die Verbannten verbüßten ihre Haft in australischen Arbeitercamps. Am Ende der Gefangenschaft erhielten sie einen Freibrief, der es ihnen erlaubte nach Irland zurückzukehren. Tatsächlich kehrte nur ein kleiner Bruchteil der australischen Sträflinge zurück auf die Grüne Insel. Die meisten entschieden sich für ein neues Leben auf dem fünften Kontinent. Von 1788 bis 1868 verschiffte man insgesamt 164.000 Gefangene nach Australien.  Ein Viertel dieser Häftlinge war irischer Herkunft. Viele von ihnen teilen Erinnerungen an die Zellen im Kilmainham Gaol als die letzten Erinnerungen an ihr Heimatland.

Das Leben hinter Gittern auf dem Gallows Hill

Ursprünglich sollten die Häftlinge im neuen Gefängnis ihre Strafe in besseren und insbesondere hygienischeren Bedingungen verbringen können als in der alten Haftanstalt. Allerdings sorgte der Strom von Verurteilten, die auf ihre Verschiffung nach Australien warteten schon kurz nach Eröffnung der Strafanstalt für die Überfüllung der kleinen Zellen. Außerdem brachte das Einsetzen der Kartoffelfäule und die daraus entstandene Große Hungersnot ab 1845 einen enormen Zulauf an Sträflingen mit sich. Die meisten von ihnen für nichts weiter verurteilt als dem Diebstahl von Brot. Die Inhaftierung von Menschen mit geistigen Behinderungen und seelischen Erkrankungen trug ebenfalls dazu bei, dass das Gefängnis seine Kapazität schnell erreicht hatte.

Unmenschliche Bedingungen in überfüllten Zellen

In die Einzelzellen wurden zu dieser Zeit bis zu fünf Sträflinge gesperrt. Matratzen waren kaum vorhanden, sodass besonders weibliche Gefangene auf einem kleinen Haufen Stroh schlafen mussten. Außerdem war es nicht länger möglich Männer, Frauen und Kinder getrennt voneinander gefangen zu halten. Diese notgedrungene Mischung der Häftlinge führte vermehrt zu Gräueltaten wie Missbrauch und Vergewaltigung unter den Gefangenen. Unter diesen Bedingungen herrschte ein inakzeptabler hygienischer Standard. Das Resultat: Schwache, kranke und dreckige Insassen!

In einem Bericht einer Generalinspektion der Strafanstalt aus dem Jahr 1847 wurden die Zustände in den überbelegten Gefängnismauern wie folgt beschrieben.

„Die elenden Geschöpfe [Gefangenen] müssen in den Gängen und Aufenthaltsräumen des Gefängnisses auf Stroh liegen. Es besteht keine Möglichkeit sich selbst zu waschen oder verschmutzte Kleidung zu wechseln. […] Die Inhaftierung von Landstreichern hatte zu Folge, dass sich Fieber und Dysenterie im Gefängnis ausbreiteten und viele Menschenleben forderten.“

Erst mit der Fertigstellung des neuen Ostflügels, der das Gefängnis um 96 Zellen erweiterte und der Einstellung der Gefangenentransporte wurden die Lebensbedingungen der Sträflinge im Kilmainham Gaol langsam besser.

Kilmainham Gaol als Mahnmal der irischen Unabhängigkeit

Nach dem Ende der Hungersnot sah Irland im späten 19. Jahrhundert einen generellen Rückgang von Straftaten und Gefangenen. Gemeinsam mit vielen weiteren irischen Gefängnissen wurde das Kilmainham Gaol 1910 geschlossen. Man verlegte die verbliebenen Häftlinge in das Mountjoy Prison im Norden Dublins und stellte die ehemalige Strafanstalt auf Gallows Hill der britischen Armee zur Verfügung. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs diente Kilmainham zunächst als Unterkunft der britischen Truppen sowie als Militärgefängnis für Soldaten. Diese Nutzung legte den Grundstein für die darauffolgenden Jahre, welche sicherlich die bedeutendsten Jahre der Gefängnisgeschichte waren.

Während das Gefängnis in Dublin schon seit jeher als Strafanstalt für politische Verbrecher aus den zahlreichen gescheiterten Aufstände der Iren gegen die Briten diente; war es die Gefangennahme und Hinrichtung der irischen Freiheitskämpfer des Osteraufstands 1916 für die Kilmainham in die Geschichte einging!

Kilmainham Gaol

© Fáilte Ireland

Der Osteraufstand und die Tage danach

Während die Engländer militärisch mit dem Ersten Weltkrieg beschäftigt waren, plante eine kleine Gruppe irischer Rebellen mit einem Aufstand für die Unabhängigkeit ihrer Insel zu kämpfen. Am 24. April 1916 erklärte Padraig Pearse Irland mit der Verlesung der Unabhängigkeitserklärung auf den Stufen des General Post Office in Dublin zur Republik. In den folgenden fünf Tage besetzten die Freiheitskämpfer mehrere wichtige Gebäude der Hauptstadt. Doch nachdem Verstärkung für die Briten aus England eintraf und sie den schlecht bewaffneten Rebellen somit weit überlegen waren, blieb den Iren keine andere Wahl als sich zu ergeben.

Nach der Kapitulation wurden über 3.000 Iren festgenommen unter ihnen die 16 Anführer des Aufstands. Während man die Freiheitskämpfer zunächst auf verschiedene Gefangenenlager verteilte, führte man die befehlshabenden Rebellen anschließend in der Kaserne Richmond Barracks zusammen. Hier verurteilte sie ein Kriegsgericht am 2. Mai 1916 zum Tode. Anschließend transportierte man die Gefangenen in das Kilmainham Gaol. Hier verbrachten sie ihre letzten Tage. Schließlich wurden alle aufständischen Häftlinge zwischen dem 3. und 12. Mai im Stonebaker’s Yard des Gefängnisses erschossen. Heute erinnert eine Gedenktafel an die 14 Männer, die in diesen Tagen ihr Leben für die Unabhängigkeit Irlands gaben.

Grundsteine des irischen Bürgerkriegs

Während die Mehrheit der irischen Bevölkerung zunächst nicht auf der Seite der Rebellen stand, sorgten die Hinrichtungen im Kilmainham Gaol für ein Umdenken bei den Iren. Diese Wendung verfestigte sich durch die Einführung des britischen Kriegsgesetzes und den Versuchen der Engländer die Wehrpflicht in Irland einzuführen. Die Unabhängigkeitsbewegung fand immer mehr Anhänger. Die Ziele, die Padraig Pearse einst mit der Verlesung der Unabhängigkeitserklärung verfolgte, wurden zum kollektiven Bestreben aller Iren. Die Weichen für den irischen Bürgerkrieg waren gestellt. Während dieser Unruhen diente das Kilmainham Gaol als Haftanstalt für politische Gefangene. Erst 1924 entließ man vor der Schließung des Gefängnisses den letzten Gefangenen. Dabei handelte es sich ausgerechnet um den zukünftigen Ministerpräsidenten Éamon de Valera.

Kilmainham Gaol Eintritt & Museum

Nachdem das Gebäude auf dem Gallows Hill mehrere Jahre lang leer stand, gründete eine Gruppe ehemaliger Rebellen ein Komitee, das sich ab 1960 um die Restaurierung des Gaols kümmern sollte. Nur sechs Jahre später wurde ein Teil des Kilmainham Gaol als Museum vom amtierenden Taoiseach und ehemaligen Insassen Éamon de Valera eröffnet.

Heutzutage haben Besucher während einer Führung die Möglichkeit auf den Spuren der ehemaligen Insassen zu wandeln. Dabei erhalten sie einen kleinen Eindruck, wie sich das Leben hinter Gittern in Irland damals angefühlt haben muss. Eine Tour, die garantiert für Gänsehaut sorgt und einen bleibenden Eindruck hinterlässt!

Tipp: Das Museum ist eine der Top Sehenswürdigkeiten in Dublin. Die Führungen und Eintritt müssen daher bereits vorab auf der offiziellen Webseite des Kilmainham Gaols gebucht werden.

Über den Autor

Nadja Uebach

Nadja Uebach

Da ich seit elf Jahren auf der grünen Insel lebe, bedeutet Irland für mich in erster Linie Alltag. Wenn ich nicht mit meinem Laptop bewaffnet in einem Café oder Zuhause sitze und schreibe, findet man mich höchstwahrscheinlich mit meinen drei Kindern am Strand. Die Natur, die Kultur und insbesondere die Menschen sorgen dafür, dass sich in unseren Alltag immer wieder ein bisschen Magie einschleicht. Diese besondere irische Alltagsmagie versuche ich in meinen Texten in Worte zu fassen.

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