Irische Musik Irische Schriftsteller Irland Kultur

On Raglan Road – ein Irish-Folk-Song über eine unerfüllte Liebe

Heike Fries
Written by Heike Fries

On Raglan Road ist ein bittersüßer Irish Folk Song, der von unerwiderter Liebe erzählt. Die Zeilen sind wahr – und sie sind ein Beweis dafür, dass das Leben und all die schönen und traurigen Dinge darin als Inspiration für die Kunst dienen können. Die poetischen und melancholischen Worte stammen vom irischen Dichter und Schriftsteller Patrick Kavanagh, der On Raglan Road ursprünglich als Gedicht schrieb.

Der arme Poet auf der Raglan Road

Der Text handelt von seiner unglücklichen Liebe zu Hilda Moriarty, die im Jahr 1944 ihren Anfang fand: Der knapp vierzigjährige Dichter lebte zu dieser Zeit in einer Pension auf der Raglan Road in Dublin. Obwohl er in der Vergangenheit bereits einige Erfolge gehabt hatte, lief es zu dieser Zeit nicht sehr gut führ ihn. Er war arbeitslos und so pleite, dass er seine Wohnung untervermietet hatte. Die 10 Schilling für die einfache Pension, in der er leben musste, zahlte ihm sein Mäzen, der Erzbischof McQuaid.

Kavanagh hatte kurz zuvor seinen Job als Klatschkolumnist bei der Irish Press verloren und arbeitete gerade an der Überarbeitung eines abgelehnten Romans und einer – ebenfalls – abgelehnten Gedichtsammlung. Die Umstände waren ungünstig und der Dichter litt an Depressionen.

Das hatte er sich sicher anders vorgestellt als er fünf Jahre zuvor aus Inniskeen nach Dublin kam. Seine bäurische Art – wie er selbst sagte – hatte er weder in Aussehen noch Sprache seitdem abgelegt. Kurzum: Sein Leben in der Stadt war zu diesem Zeitpunkt trist und mühsam. Bis eines Herbsttages eine junge Frau mit rabenschwarzem Haar in sein Leben trat: Es handelte sich um die 22jährige Hilda Moriarty aus Dingle, die damals Medizin studierte. Und die auf ihrem Weg zur Universität immer in der Raglan Road vorbeikam.

Joseph Mischyshyn / Dublin – Grand Canal – Poet Patrick Kavanagh

Die Liebe auf den ersten Blick

Als der Dichter sie erblickte, war es sofort um ihn geschehen. Das lag wohl auch an Hildas Erscheinungsbild: Sie galt damals als eine der beiden schönsten Frauen Irlands – die andere war Schauspielerin Kathleen Ryan.

Der Dichter trat mit der anmutigen Frau in Kontakt. Sie interessierte sich für Literatur und fühlte sich geschmeichelt, dass ein bekannter Dichter Interesse an ihr zeigte. Außerdem hatte sie Mitgefühl mit seiner schwierigen beruflichen Situation. Die beiden verbrachten ab da regelmäßig Zeit miteinander, indem sie sich unter anderem zum Mittagessen trafen. Kavanagh war elektrisiert und berichtete seinem Mäzen Erbischof McCain überschwänglich von den Begegnung. An Weihnachten 1944 folgte er Hilda sogar zu ihrer Familie nach Dingle – natürlich unangemeldet.

Das traf bei Hildas Eltern nicht gerade auf Begeisterung. Ihr Vater, ein angesehener Arzt, hatte sich einen anderen Partner für seine hübsche Tochter vorgestellt. Ein wesentlich älterer mittelloser Schriftsteller war nicht nach seinem Geschmack. Nach Hildas allerdings auch nicht so recht. Aber Patrick Kavanagh war blind vor Liebe und bemerkte von den ablehnenden Gefühlen offensichtlich wenig. Er blieb im Gästehaus und machte anschließend immerhin noch ein kleines Geschäft: Er schrieb einen Artikel namens Christmas in Kerry über seinen Aufenthalt, den er in der Irish Press veröffentlichte.

Blind vor Liebe – zuviel ist zuviel

Der Dichter suchte auch danach immer wieder die Nähe der jungen Frau. Er zeigte ihr zum Beispiel seine Gedichte. Sie unterstützte ihn – neckte ihn aber auch, dass er lieber über Menschen als bloß über Rüben und Kartoffeln schreiben solle. Er versprach das zu tun und schrieb sein erstes Liebesgedicht namens Bluebells in Bloom. Er war inspiriert von einem gemeinsamen Besuchs des Anwesens von Lord Dunsany in Meath.

Doch die Nähe wurde Hilda irgendwann zuviel. So sehr sie die Gesellschaft des Dichters zunächst genossen hatte, so sehr versuchte sie ihn ab einem gewissen Punkt zu meiden. Er war enorm besitzergreifend und spionierte ihr nach – auch wenn sie sich mit Freundinnen oder Verehrern traf.

Das machte ihn immer mehr zur Gespött der Leute. Ende 1945 wurde schließlich auch dem verliebten Dichter klar, dass Hilda seine Liebe nicht erwidern würde. Aber er blieb ihr dennoch an ihrer Seite. Merkwürdigerweise begleitete er sie sogar bei einigen Treffen mit dem charmanten Donogh O’Malley. Der spätere Politiker sah ihn offenbar nicht als Gefahr, sondern fand ihn amüsant.

Aus der unglücklichen Lieb entsteht ein Gedicht

Die Hochzeit Hildas mit O’Malley im Jahr 1947 brach dem Dichter aber fast das Herz. Denn so endete die Liebesgeschichte – die von Beginn an einseitig gewesen war und Kavanagh nur Schmerz brachte.

Die unglückliche Liebe brachte er zu Papier. Das Gedicht Dark Haired Miriam Ran Away erschien am 3. Oktober 1946 in der Irish Press. Er vermied es Hildas Namen zu nennen, indem er sich für die Angebetete im Gedicht den Namen einer Freundin seines Bruders borgte.

Doch in seinem Gedicht schrieb er nicht nur darüber, dass er schon beim Anblick von Hildas schwarzem Haar wusste, dass die Begegnung schmerzhaft enden würde. Er ließ auch Verbitterung durchklingen, dass Hilda seine Liebe nicht erwiderte. Später sagte er auch, dass sie sich eine gute Chance hatte entgehen lassen.

Patrick Kavanagh © Wikimedia Commons (WIL pk5)

Aus Worten werden Klänge

Sehr wahrscheinlich hatte Kavanagh schon beim Schreiben des Gedichts eine alte irische Melodie im Kopf: Dawning of the Day ist ein Folk-Song von 1847, dessen ursprünglicher Text in gälischer Sprache verfasst ist. Aber die Zeilen des Gedichts passen perfekt zur Melodie. Und der Dichter wollte seine Zeilen ganz bewusst auch als Lied veröffentlichen. Deshalb zeigte er das Gedicht jedem in seinem Umfeld, mit einer guten Singstimme.

Doch lange wurde nichts aus der Idee, Hilda mit einem Liebeslied ein Denkmal zu setzen. Das änderte sich, als Kavanagh eines Abends in der Bar The Bailey in Dublin auf Luke Kelly von den Dubliners traf. Ein Mann mit hervorragender Singstimme, soviel stand fest. Der Dichter nutzte seine Chance und stellte ihm das Gedicht mitsamt Melodie vor.

Luke Kelly nutze die Chance ebenfalls und nahm den Song dankend an. Und die Dubliners veröffentlichten ihn unter dem Namen On Raglan Road als B-Seite von And Scorn Not His Simplicity im Jahr 1971. Ein Jahr später erschien er auf ihrem Live-Album Hometown!

Die Dubliners machen On Raglan Road zum Hit

Ab da wurde der On Raglan Road auch von anderen Künstlern ins Programm genommen – neben Folk-Bands auch unzählige andere wie die Dire Straits, Loreena McKennit, Billy Joel und Roger Daltrey. Kavanagh hatte seine Vision wahrgemacht und schließlich seine Zeilen in einem großen Hit verewigt.

Bittersüße Liebe und ein unsterblicher Folk-Song

Seine Liebe zu Hilda hatte Patrick Kavanagh lange nicht losgelassen. Man sagt, er habe noch Jahre danach ein Bild von ihr in seinem Zimmer gehabt. Aber auch, wenn sie sein Herz brach, der Song der dabei entstand hat diese Liebe dennoch unsterblich gemacht. Denn On Raglan Road gehört heute zu den bekanntesten Folk-Songs Irlands.

Und letztlich hatte der Dichter wohl auch in Hildas Herz einen kleinen Platz behalten: denn als er im Jahr 1967 starb sandte sie ein Gesteck in Form des Buchstabens H aus roten Rosen.

Über den Autor

Heike Fries

Heike Fries

Irland ist eine Herzensangelegenheit für mich und neben der irischen Musik hat es mir vor allem der irische Sagenzyklus angetan.

Ich habe Irland schon als Schülerin mehrmals besucht. Damals hatte ich das Glück, die ganze Insel über mehrere Wochen kennenzulernen. Das blieb natürlich nicht ohne Folgen: Es ist bis heute mein Lieblingsland.

Ich bin Autorin und Künstlerin und irische Motive schmuggeln sich auch immer wieder in meine Zeichnungen. In meiner Freizeit spiele und singe ich in einer Band. Wir sind zwar keine richtige Folkband, haben aber den ein oder anderen irischen Song im Programm. Ich spiele außerdem ein wenig Bodhrán. Da ich nicht genug übe, bin ich nicht besonders gut – aber ich bin mit Begeisterung dabei.

Kommentar hinterlassen