Irische Schriftsteller

Lady Augusta Gregory – Bewahrerin keltischer Mythologie

Lady Augusta Gregory
Monika Dockter
Written by Monika Dockter

Ein Schriftstellerkollege, George Bernard Shaw, bezeichnete Lady Augusta Gregory einst als „the greatest living Irishwoman“. Als solche schrieb sie Schauspiele und Kurzgeschichten, war Mitbegründerin des Abbey Theatre in Dublin und verkehrte mit anderen literarischen Größen wie W.B. Yeats, Sean O’Casey und George B. Shaw. Vor allem aber widmete sich Lady Gregory den alten irischen Legenden und Mythen, die sie einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machte. Damit diente sie einer Bewegung, welche die traditionelle irische Literatur zu neuem Leben erweckte. Wie kam es dazu?

Das Elternhaus der späteren Lady Augusta Gregory

Isabella Augusta Persse wurde am 15. März 1852 im County Galway geboren. Ihre Familie gehörte dem anglo-irischen Landadel an und bewohnte ein großes Anwesen. Roxborough House in Galway, das während des irischen Bürgerkriegs vollkommen zerstört wurde. Wie alle weiblichen Mitglieder ihrer Gesellschaftsschicht wurde das Mädchen nicht nur zu Hause erzogen, sondern erhielt hier auch seine gesamte „Schulbildung“.

Allerdings gab es in Roxborough House keine Bibliothek und Isabellas Mutter, eine strenge Protestantin, verbot ihr das Lesen jeglicher Geschichten oder Romane. Einen Ausgleich dazu bot ihre irische Nanny: Sie sprach nicht nur Irisch, sondern brachte dem Mädchen schon sehr früh die irische Geschichte und Folklore nahe. Diese Liebe zu allem Irischen prägte Isabella für ihr ganzes weiteres Leben.

Hochzeit und erste Werke

Im Jahr 1880 heiratete Isabella Augusta Persse den Witwer Sir William Henry Gregory. Damit wurde sie zu Lady Gregory und zur Herrin des Anwesens Coole Park nahe Gort in Galway.

Sir William Henry, der im Übrigen 35 Jahre älter war als seine Gattin, war ein gebildeter Mann mit weit gefächerten Interessen. So empfing das Paar in seinem Londoner Stadthaus namhafte Größen aus Literatur und Kunst, darunter Robert Browning, Henry James und Alfred Lord Tennyson.

Außerdem reisten die beiden gerne. Ziele wie Indien, Ägypten, Spanien und Italien standen auf ihrer Reiseroute. Während dieser Reisen war es auch, dass Lady Gregory das Schreiben für sich entdeckte. Sie verfasste (politische) Pamphlete, Gedichte und Kurzgeschichten. Darunter auch eine Serie über ihre Kindheitserinnerungen An Emigrants Notebook (1883 – 1884). Veröffentlicht wurde diese Serie jedoch ebenso wenig wie der Großteil ihrer übrigen frühen Werke.

Lady Gregory wird zur irischen Nationalistin

Als Sir William Henry 1892 starb, zog Lady Gregory sich auf ihr Anwesen Coole Park zurück, um dort seine Memoiren zu vervollständigen. 1894 dann erschien diese Autobiographie ihres Mannes.

In demselben Zeitraum fiel auch ein Besuch auf den Aran-Inseln , der Lady Gregorys Vorliebe aus den frühen Kinderjahren wieder weckte. Die Liebe zur irischen Sprache und allem, was echt irisch war. Sie begann, alte irische Mythen und Legenden zu sammeln mit dem Ziel, diese zu veröffentlichen.

Zudem publizierte sie einen Teil der Korrespondenz von Sir William Henrys Großvater. Die geschichtlichen Recherchen in diesem Zusammenhang führten von ihrer bislang gemäßigten Haltung zu einem tiefen Misstrauen und einer Abneigung gegen England. Lady Gregory wurde zur offenen Verfechterin des irischen Nationalismus.

Lady Gregorys Freundschaft mit W.B.Yeats und die Gründung des Abbey Theatre

Im Haus ihres Nachbarn Edward Martyn, der selbst Dramatiker war, traf Isabella 1896 zum ersten Mal auf den Poeten und späteren Nobelpreisträger William Butler Yeats. Ihre Leidenschaft für Literatur und regelmäßige Diskussionen darüber einte die drei, und es dauerte nicht lange, bis der Gedanke an die Eröffnung eines irischen Theaters aufkam.

So gründeten sie im Jahr 1899 das Irish Literary Theatre. Das Theater spielte Stücke wie Yeats „The Countess Cathleen“ und Lady Gregory arbeitete nicht nur an den Dialogen der Stücke mit, sondern sammelte auch Gelder für das Theater. Dennoch musste das Irish Literary Theatre nach nur zwei Jahren aus finanziellen Gründen schließen.

Lady Gregory und die übrigen Gründer jedoch ließen sich nicht so leicht entmutigen. Sie holten sich noch etliche Gleichgesinnte an Bord, gründeten die Irish National Theatre Society und erwarben Gebäude in Dublins Lower Abbey Street. Am 27. Dezember 1904 öffnete das Abbey Theatre zum ersten Mal seine Pforten.

Plakat

National Library of Ireland at Flickr [Public domain], via Wikimedia Commons

Lady Gregory als Direktorin des Abbey Theatre

Das Stück, das am Eröffnungsabend aufgeführt wurde, stammte aus Lady Gregorys eigener Feder: Spreading The News. Bis zum Ende ihrer Zeit als Theaterdirektorin im Jahr 1928 schrieb oder übersetzte Lady Gregory mehr als vierzig Theaterstücke, meist folkloristische Komödien. Heute erscheinen diese Stücke wenig zeitgemäß und werden deshalb nur sehr selten aufgeführt. Eines davon – The Rising of the Moon – allerdings wurde 1937 als Fernsehspiel für die BBC produziert. Im Jahr 1957 adaptierte John Ford dasselbe Stück auch für das Kino.

Darüber hinaus übernahm Lady Gregory manchmal selbst Rollen in den Stücken ihres Spielplans, führte Vorstellungsgespräche mit Schauspielern und veranstaltete Premierenfeiern.

Theaterstück von Lady Gregory

See page for author [Public domain], via Wikimedia Commons

Die irische Mythologie – Lady Gregorys Leidenschaft

Nach wie vor aber widmete sich Lady Gregory der irischen Sprache sowie der heimischen Mythen und Legenden. Zum einen organisierte sie an der Schule von Coole den Unterricht in irischer Sprache. Zum anderen brachte sie weiterhin Mythen und Legenden aus ihrer heimischen Umgebung zu Papier. Vor allem die Einwohner des örtlichen Arbeitshauses in Gort dienten ihr dabei als Quelle. Auf diese Weise entstanden Werke wie A Book of Saints and Wonders (1906), The Kiltartan History Book (1909) und The Kiltartan Wonder Book (1919).

Ihre Sammlungen alter irischer Mythen tragen Titel wie Cuchulain of Muirthemne (1902) und Gods and Fighting Men (1904). Cuchulain of Muirthemne gilt bis heute als herausragende Nacherzählung der Legenden des Ulster Zyklus, also der  Geschichten um Deirdre, Cuchulainn, und die Tein Bo Culy.

Lady Gregorys letzte Jahre

Isabellas andauerndes Interesse an diesen Themen wurde auch genährt von regelmäßigen Treffen der Irish Literary Revival. Oft fanden diese Treffen auf ihrem Anwesen Coole Park statt. Aus gesundheitlichen Gründen zog sie sich zwar 1928 aus dem Theater in Dublin zurück, doch die Beziehungen zu der Bewegung pflegte sie auch weiterhin.

Bis heute gibt einer der Bäume auf dem Anwesen Zeugnis von dem illustren Kreis namhafter Literaten, die sich hier versammelten: der sogenannte „Autograph Tree“. In seiner Rinde verewigten sich Mitglieder der Revival  wie Yeats, Synge, Shaw, K. Tynan und Violet Martin.

Lady Gregory starb 1932 im Alter von achtzig Jahren an Brustkrebs. Das Wohnhaus von Coole Park wurde später abgerissen, das Anwesen wurde (und ist bis heute)  eine für Besucher zugängliche Naturparkanlage, doch ihre Leidenschaft für Irland und dessen Literatur leben weiter.

 

I feel more and more the time wasted that is not spent in Ireland, sagte Lady Isabella Augusta Gregory einst. Sollte es Ihnen ähnlich ergehen, wenden Sie sich wegen der Planung Ihrer nächsten Reise gerne an das Team der gruenen-insel!

Über den Autor

Monika Dockter

Monika Dockter

Als Schriftstellerin bedeutet Irland für mich Inspiration in ihrer schönsten Form. Ich finde diese Inspiration in den Worten begnadeter irischer „Storyteller“, zwischen den verschlungenen Wurzeln einer uralten Eiche und auf der Brücke über einen Bach, dessen Wasser vom Torf so braun ist wie der Ginster am Ufer gelb…
Für die gruene-Insel.de zu schreiben betrachte ich als einmalige Gelegenheit, etwas von der für mich so faszinierenden Atmosphäre dieses Landes weiterzugeben – und zwar an eingefleischte Irlandfans ebenso wie an solche, die genau das einmal werden wollen.

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