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Er schrieb Gullivers Reisen – Jonathan Swift

Jonathan Swift
Monika Dockter
Written by Monika Dockter

Jonathan Swift – Geistlicher, Poet und Satiriker – ist einer der bekanntesten Schriftsteller Irlands. Wie kaum ein anderer verstand er es schon zu seinen Lebzeiten, die Vorstellungskraft seines Publikums zu berühren, und bis heute ist sein Name selbst denen vertraut, die Gullivers Reisen als schlichte Abenteuergeschichte für Kinder betrachten. Swift war ein Mann mit vielen Qualitäten. „Ein wahres Genie in dieser Welt erkennt man daran, dass sich alle Dummköpfe gegen ihn verbünden“, sagte er einst sinngemäß. Aber urteilen Sie selbst, ob er zu dieser Kategorie gehörte…

Jonathan Swift: Kindheit und Jugend

Am 3. November 1667 wurde Swift in Dublin geboren. Sein Vater starb, als er noch sehr jung war, und seine Mutter kannte er kaum. So nahm ein reicher Onkel, Godwin Swift, den Jungen unter seine Fittiche. Er schickte ihn auf die beste Schule und anschließend zum theologischen Studium aufs Trinity College. Offenbar entwickelte Jonathan bereits zu diesem Zeitpunkt seine rebellische Ader und nahm kein Blatt vor den Mund, denn seinen Abschluss erhielt er nur „By special favour“.

Mit 18 Jahren ging Jonathan nach England, um als Sekretär für Sir William Temple zu arbeiten. Hier begegnete er der achtjährigen Esther Johnson, einem Mündel Sir Williams. Swift wurde ihr Tutor, und Esther später zu „Stella“, die seine Gedanken und Gefühle ein ganzes Leben lang fesselte. Auch im Tod ist sie mit ihm vereint: Beide liegen gemeinsam in der St. Patrick‘s Cathedral in Dublin begraben.

Im Jahr 1693 kehrte Swift nach Irland zurück und ließ sich zum Priester der anglikanischen „Church of Ireland“ ordinieren. Zunächst diente er als Geistlicher einer kleinen Gemeinde in Antrim. Da es ihm dort nicht gefiel, ging er jedoch erneut nach England und arbeitete für Sir William. Hier vollendete Swift sein erstes größeres Werk A Tale of a Tub (Märchen von einer Tonne) und schrieb The Battle oft he Books (Die Schlacht der Bücher).

Erst nach Sir Williams Tod im Jahr 1699 fand Jonathan Swift sich endlich mit seiner Stellung als Geistlicher der „Church of Ireland“ ab und zog wieder in seine Heimat. Die mittlerweile zwanzigjährige Stella folgte ihm als seine Muse und lebenslange Gefährtin. Ob die beiden tatsächlich ganz im Verborgenen heirateten, wie es damals die Gerüchte verbreiteten, ist nicht zweifelsfrei erwiesen. Jedenfalls überlebte die Beziehung zu „Stella“ auch Swifts jahrelange Affäre mit einer Engländerin, die er „Vanessa“ nannte.

Mit The Journal to Stella wurden posthum Jonathan Swifts Briefe an seine geliebte Gefährtin veröffentlicht.   

Jonathan Swift: literarischer Werdegang

Im Jahr 1704 erschienen die beiden Satiren, die Swift bereits während seines Dienstes bei Sir William verfasst hatte: das Märchen von einer Tonne und Die Schlacht der Bücher. Diese beiden sicherten ihm einen Ruf als Schriftsteller, während er sich bis zu seinem Lebensende offiziell als Priester der St.Patrick’s Cathedral betätigte. Auch darüber hinaus befasste er sich stets mit Politik.

Zahlreiche politische Schriften stammen aus seiner Feder. Sein angeborener Sinn für Menschlichkeit und Gerechtigkeit machte Swift zum Patrioten und Anwalt des irischen Volkes gegen die britische Obrigkeit beziehungsweise deren Politik. Mithilfe von satirischen Bildern prangerte er die Ausbeutung der irischen Bevölkerung durch die Regierung an. Damit sorgte er für große Empörung derselben, und auch die Kirche warf ihm vor, das Volk aufzuwiegeln.

In The Drapier‘s Letters (Briefe des Tuchhändlers M.B. in Dublin) beispielsweise schmäht Jonathan Swift die Einführung der minderwertigen englischen Kupfermünzen in Irland. Noch viel bekannter und bis heute äußerst schwer verdaulich aber ist sein Werk A Modest Proposal aus dem Jahr 1729.

Hier empfiehlt Swift als Mittel gegen die allgegenwärtige Armut, den Reichen des Landes die Kinder der armen Bevölkerung zum Essen vorzusetzen. Er geht sogar so weit zu beschreiben, auf welche Art die Kinder am besten zubereitet werden könnten…

Letztlich ist es aber Swifts Werk Gulliver’s Travels (Gullivers Reisen), das seinen weltweiten Ruhm begründete.

Gullivers Reisen

Gullivers Reisen von Jonathan Swift

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Im Jahr 1726 veröffentlicht, wurde Gullivers Reisen sofort ein Erfolg. Auch wenn es weltweit hauptsächlich als (gekürztes) Kinderbuch, bekannt ist, handelt es sich dabei um nichts anderes als eine politische Satire.

Im Mittelpunkt der Handlung steht Lemuel Gulliver. Damit ist schon der Name des Helden eine Anspielung auf das englische Wort gullible, was so viel wie leichtgläubig oder einfältig bedeutet, und eine Charakterisierung der Figur. Lemuel Gulliver also bereist – mehr oder minder unfreiwillig – verschiedene Länder. Liliput, das Land der zwergenhaften Liliputaner, in dem er folglich ein Riese ist und als solcher einige Probleme behebt. Anschließend kommt er nach Brobdingnag, in das Land der Riesen. Die Riesen blicken so verächtlich auf ihn herab wie Gulliver zuvor auf die Liliputaner. Mit ihren derben Sitten sind sie außerdem das genaue Gegenteil dieses gebildeten, gesitteten kleinen Volkes.

Nachdem es Gulliver gelingt, den Riesen zu entkommen,  gerät er nach Lapute, Balnibarbi, Glubbdubdrib, Luggnagg und Japan, und schlussendlich ins Land der Houyhnhnms und Yahoos. In letzterem sind die Yahoos, ein hässliches Affenvolk, die Bediensteten der überaus edlen, vernünftigen und friedliebenden Pferde Houyhnhnms. Gulliver erkennt schockiert seine Ähnlichkeit mit den Yahoos und wird nach seiner Rückkehr in die Heimat ein großer Pferdefreund.

So prangert Jonathan Swift mit jedem dieser Länder auf sehr anschauliche, derbe Weise, eine andere unerfreuliche Eigenheit des englischen Staates und der menschlichen Natur im Allgemeinen an. Damit schuf er eine beißende  Satire auf die Politik seiner Zeit und Heimat. Und nicht nur das: Nebenbei kritisiert er ganz unmissverständlich das beginnende Zeitalter der Aufklärung und den Glauben an die menschliche Vernunft.

Jonathan Swift: Spätere Jahre und Tod

Jonathan Swift Plakette

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Stellas Tod im Jahr 1728 war ein schwerer Schlag für Jonathan. Mit seiner Gesundheit, die seit jeher nicht die Beste war, ging es immer weiter bergab. Sein Hör- und Erinnerungsvermögen begannen zu schwinden. Außerdem führte sein lebenslang ungezügeltes Temperament dazu, dass er seine Freunde vergraulte, und offenbar verlor er zunehmend seinen Verstand.

Nach einem Schlaganfall im Jahr 1742 war Swift unfähig, sich selbst zu versorgen. Er starb nur drei Jahre später im Oktober 1745.

Mit seinem Vermächtnis wurde in Dublin eine Klinik für „Geisteskranke“ gegründet. In Form des St.Patrick’s Hospital, einem großen Zentrum für mentale Gesundheit, existiert diese bis heute. Auch seine Grabinschrift hatte Swift selbst lange vorher verfasst. Auf Lateinisch allerdings. In der poetischen Übersetzung von W.B. Yeats lautet sie:

Swift has sailed into his rest

Savage indignation there

Cannot lacerate his breast.

Imitate him if you dare,

World-besotted traveller; he

Served human liberty.

Sie finden die Inschrift, ebenso wie Swifts und Stellas Grab, in Dublins St.Patrick’s Cathedral. Swifts Geburtshaus nahe des Dublin Castle ist ebenso mit einer Gedenkplatte versehen, eine weitere findet sich im St.Patrick’s Park. Selbstverständlich begegnen Sie den Werken des bekannten Schriftstellers auch im Dublin Writer‘s Museum.

Ein Besuch dieses Museums wird Ihren Dublin-Trip auf jeden Fall bereichern. Und wenn Sie auf der Suche nach weiteren Empfehlungen sind, ist das Team der gruenen-insel Ihnen gerne behilflich!

Über den Autor

Monika Dockter

Monika Dockter

Als Schriftstellerin bedeutet Irland für mich Inspiration in ihrer schönsten Form. Ich finde diese Inspiration in den Worten begnadeter irischer „Storyteller“, zwischen den verschlungenen Wurzeln einer uralten Eiche und auf der Brücke über einen Bach, dessen Wasser vom Torf so braun ist wie der Ginster am Ufer gelb…
Für die gruene-Insel.de zu schreiben betrachte ich als einmalige Gelegenheit, etwas von der für mich so faszinierenden Atmosphäre dieses Landes weiterzugeben – und zwar an eingefleischte Irlandfans ebenso wie an solche, die genau das einmal werden wollen.

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