Irische Musik

Finnegan‘s Wake – irischer Song mit doppeltem Boden

Heike Fries
Written by Heike Fries

Finnegan‘s Wake ist ein ziemlich rauer – und auf charmante Weise respektloser – irischer Song von etwa 1850. Er gehörte zum festen Repertoire der Dubliners und der Clancy Brothers. Und auch die Dropkick Murphys aus Boston spielen das Lied regelmäßig. Kein Wunder, denn der Song geht sofort in Ohr und Beine – und macht dabei richtig gute Laune. Das Klischee besagt ja, dass irische Songs entweder Liebesballaden, Protestsongs oder Trinklieder sind. Finnegan‘s Wake passt dazu, wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge. Denn es ist ein wildes und witziges Trinklied, das den irischen Whiskey hochleben lässt.

Tim Finnegan: Ein irisches Raubein mit Liebe zum Whiskey

Der Held des Songs heißt Tim Finnegan: Und er ist dem Irish Whiskey in besonderem Maße zugetan. Denn er nimmt “a drop of the craythur every morn” – was heißt, dass sich jeden Morgen vor der Arbeit einen guten Schluck gönnt. Denn so beschwört es das Lied: Tim ist ein großer Liebhaber des irischen Hochprozentigen. Er arbeitet als sogenannter Hod-Carrier, was zu damaliger Zeit so etwas wie ein Ziegelsteinträger war. Eines Tages steigt ihm der morgendliche Whiskey wohl zu sehr zu Kopf, dass er von einer Leiter fällt, sich den Schädel bricht und augenscheinlich tot ist.

Auf Finnegan‘s Wake geht es rund

Wie in Irland üblich, wird für den verstorbenen umgehend eine Totenwache – auf Englisch Wake – veranstaltet: Dabei handelt es ich um ein Zusammentreffen von Verwandten und Freunden am Totenbett, bei dem zusammen geklagt, aber auch gegessen, getrunken und anscheinend auch gestritten wird. Bei Tim Finnegans Totenwache läuft es zumindest genau so ab.

Zunächst gibt es Kaffee und Kuchen und alles verläuft in ruhigen Bahnen. Doch irgendwann folgt auf den Kaffee der erste Whiskey. Ab da geht es los: Biddy O’Brien beklagt plötzlich allzu bitterlich das Ableben des guten Tim. Paddy McGee verträgt das Jammern schlecht. Deshalb fährt er Biddy an, sie solle sich zusammenreißen. Maggy O’Connor bemerkt schließlich einfach so ins Blaue, dass Biddy total daneben läge. Was genau sie damit meint, bleibt unklar. Fest steht: Ein Wort ergibt plötzlich das andere, bis schließlich ein großer Streit ausbricht – und eine handfeste Prügelei im Gange ist.

Das Ganze geht soweit, dass einer der Beteiligten namens Mickey Malony einer Flasche Whiskey ausweicht, die ein anderer nach ihm wirft. Mickey kommt davon, doch der Whiskey landet auf dem aufgebahrten Tim Finnegan.

Irish Whiskey sorgt für eine Überraschung und der Irish Folk besorgt den Rest

Und dann passiert etwas vollkommen Unerwartetes: Zu aller erstaunen weckt der Geruch des Alkohols den guten Tim auf, sodass er von den Toten wieder aufersteht. Wie schon gesagt: Tim liebte den Whiskey zu Lebzeiten wirklich sehr.

Aber anstatt über die Tatsache seiner Rückkehr auch nur einen Moment erstaunt zu sein, ist Tim außer sich. Aber nicht wegen des Streits, sondern wegen der unglaublichen Tatsache, dass die Gäste derart nachlässig mit dem kostbaren Whiskey umgehen. Damit darf man doch nicht einfach so um sich werfen, Oder wie Tim es ausdrückt:

Throwing the whiskey round like blazes

Thanam ‘on dhoul , do you hink I am dead

 

Werfen hier mit dem Whiskey herum. Was zur Hölle?

Eure Seelen dem Teufel, denkt ihr etwa ich wäre tot?

Kurzum: Die Freude über die plötzliche Auferstehung ist bei den Anwesenden riesengroß und sie feiern eine große Party – am Totenbett auf Finnegan‘s Wake. Der passende Rhythmus und die tanzbare Musik tun ihr übriges, der Song reißt einfach mit – und das noch heute in jedem Irish Pub, entweder auf der grünen Insel oder anderswo.

Kleines irisches Wörterbuch zum Mitsingen

Es ist übrigens gut möglich, dass Sie trotz hervorragender Englischkenntnisse nicht alles im Text verstehen. Denn der Song ist mit einer ganzen Reihe von irischen Ausdrücken gespickt – und bietet so ganz nebenbei einen kleinen Irischkurs der etwas raubeinigen Sorte. Hier mal ein kleiner Überblick:

  • Brogue – irischer oder schottischer Akzent
  • Tippler – Betrunkener
  • Craythur – hochprozentiger Alkohol
  • Whack fol the dah – eine Art Gesang, der aus Lauten besteht
  • Trotters – Füße
  • Mavourneen – Liebling
  • Hould your gob – halt die Klappe
  • Belt in the gob – aufs Maul hauen
  • Shillelagh law – Handgemenge
  • Ruction – Kampf
  • Bedad – geschocktes Erstaunen
  • Thanam ‘on dhoul – Deine Seele dem Teufel

Der Songtitel selbst ist außerdem eine Wortspielerei. Denn im Englischen bedeutet der Ausdruck Wake nicht nur die Totenwache, sondern auch das Erwachen. Wenn man dann zusätzlich bedenkt, dass die gälische Bezeichnung für Whiskey Uisce Beatha Wasser des Lebens lautet, bekommt der Song auf einmal eine weitere Ebene: Denn der Whiskey hat Tim Finnegan zum einen das Leben gekostet, ihn aber am Ende wieder aufgeweckt. Damit schließt sich sozusagen der Kreis.

Der große irische Schriftsteller und seine Version von Finnegans Wake

So sah das übrigens auch der große irische Schriftsteller James Joyce, der inspiriert von diesem Song sein Alterswerk Finnegans Wake schrieb. Der Roman heißt allerdings Finnegans Wake, denn bei ihm geht es um die Mehrzahl – also um uns alle, wie Joyce selbst sagte. Das Buch gilt als äußerst rätselhaft und schwer verständlich. Manche behaupten, es wäre blanker Unsinn. Andere beharren darauf, dass es große Kunst sei.

Der Schriftsteller hat ganze 17 Jahre daran geschrieben – in seinen Augen muss es deshalb äußerst wichtig gewesen sein. Laut eigener Aussage handelt das Buch vom Kreislauf des Lebens – so wie letztlich der Song auch. Wenn sein anderes großes Werk Ulysses die Beschreibung eines Tages in Dublin beschreibt, zeigt Finnegans Wake eben die Nacht – voller rätselhafter Träume und Bilder.

Wenn der Song eine Inspiration für das Buch war, spielen vielleicht auch darin hintersinniger Witz und Absurdität eine Rolle. Denn genau wie wohl bei Buch und Song ist man beim Leben ja auch nicht sicher, ob es Blödsinn oder die ganz große Kunst ist.

Von der Absurdität des Lebens und der Freude daran

So gesehen ist Finnegan’s Wake auf den ersten Blick ein witziges Trinklied zum Tanzen und Mitsingen – mit einem lustigen Text, der vor Lokalkolorit nur so strotzt. Wer aber genau hinschaut – so wie auch James Joyce – erkennt in diesem kleinen Lied eine Parabel auf das Leben selbst. Es ist irgendwie absurd, raubeinig und voller Unstimmigkeiten – aber auch voller Wunder und mit einer Menge Spaß und Tanz. Finnegan’s Wake entspricht mit seinem wilden Charme und seiner unbändigen Lebensfreude ganz der irischen Seele. Oder wie es im Refrain des Songs heißt:

Whack fol the dah now dance to your partner

Welt the flure, your trotters shake;

Wasn’t it the truth I told you

Lots of fun at Finnegan’s wake!

 

Trällere und tanz mit deinem Gegenüber

Lass deine Füße über den Boden stampfen

ist es etwa nicht wahr, was ich dir gesagt hab

es ist ein Riesenspaß auf Finnegans Totenwache

Über den Autor

Heike Fries

Heike Fries

Irland ist eine Herzensangelegenheit für mich und neben der irischen Musik hat es mir vor allem der irische Sagenzyklus angetan.

Ich habe Irland schon als Schülerin mehrmals besucht. Damals hatte ich das Glück, die ganze Insel über mehrere Wochen kennenzulernen. Das blieb natürlich nicht ohne Folgen: Es ist bis heute mein Lieblingsland.

Ich bin Autorin und Künstlerin und irische Motive schmuggeln sich auch immer wieder in meine Zeichnungen. In meiner Freizeit spiele und singe ich in einer Band. Wir sind zwar keine richtige Folkband, haben aber den ein oder anderen irischen Song im Programm. Ich spiele außerdem ein wenig Bodhrán. Da ich nicht genug übe, bin ich nicht besonders gut – aber ich bin mit Begeisterung dabei.

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