Irland Traditionen

Die schönsten irischen Märchen

Irische Märchen
Written by Monika Dockter

Irische Märchen, Legenden und Mythen gibt es tatsächlich unendlich viele, und nicht wenige davon findet Ihr hier bereits unter unseren Artikeln. Die bekannteste Geschichte darunter ist vermutlich die Legende des Giants Causeway. Diesmal wollen wir aber ganz speziell auf irische Märchen eingehen. Fairytales, wie sie im Englischen genannt werden und damit bereits auch einen Hinweis auf ihren Inhalt geben. Nur, was genau ist eigentlich ein Märchen im Unterschied zu einer Legende, Sage oder einem Mythos?  Dieser Frage wollen wir auf den Grund gehen, bevor wir uns dann direkt in einige Märchen hinein vertiefen.

Märchen, Legende, Sage, Mythos?

In seiner Märchensammlung  Fairy and Folk Tales of the Irish Peasantry erklärt William Butler Yeats es etwa so: Im Lauf der Zeit entwickelten sich die übermächtigen Götter der vorzeitlichen Mythen, das Volk der Thúata de Danann, zu märchenhaften Feen, und die sagenhaften Helden zu den Riesen aus den Volksmärchen.

Denn hier liegt ein entscheidender Unterschied. Die Protagonisten in einem Mythos sind stets Götter oder göttliche Wesen. Eine Legende oder Sage dagegen handelt von Helden, die zwar menschliche Gestalt haben können, aber trotzdem nicht viel gemeinsam mit dem gewöhnlichen Volk. Im Märchen wiederum sind genau diese „gewöhnlichen“ Menschen die Hauptpersonen, allerdings in einer Welt voller Wunder, Magie und zaubernder Wesen wie Feen, Zwerge und Riesen.

Gerade in der irischen Folklore gibt es allerdings unzählige Überschneidungen und Mischformen dazwischen, sodass beispielsweise die Legenden um den Helden Fionn mac Cumhaill oft auch unter den Märchen aufgeführt werden. Oder sämtliche Geschichten, die sich um das mystische Wesen des Leprechaun ranken und quasi das Urgestein der irischen Folklore bilden. Diese Überschneidungen jedenfalls sind im Folgenden ausgespart, Ihr findet hier nur die „echten“ Märchen.

Bekannte irische Märchen: Der verzauberte See

Im Jahr 1825 veröffentlichte Thomas C. Croker eine irische Märchensammlung mit dem Titel Fairy legends and traditions of the South of Ireland . Die deutsche Übersetzung Irische Elfenmärchen stammt von niemand anderem als den Gebrüdern Grimm.

Eines der bekanntesten unter diesen Märchen ist Der verzauberte See. Im Westen von Irland gab es einst einen See, in dem schon viele junge Männer ertrunken waren, ohne dass man jemals einen Leichnam fand. Eines Tages nun verlor ein junger Mann dort seinen neu erstandenen Trauring, noch ehe er seiner Angebeteten einen Antrag machen konnte. Der Ring versank in den Tiefen des verzauberten Sees und schien für immer verloren. Ein Freund des jungen Bräutigams jedoch wagte es, nach dem Schmuckstück zu tauchen. Weit, weit unter der Wasseroberfläche gelangte er in das geheimnisvolle Reich einer gewaltig dicken Frau wie einer Biertonne auf zwei Beinen…

Wenn Ihr erfahren wollt, wie die Geschichte weiter geht – hier findet Ihr eine schöne Nacherzählung davon.

Lough Derg im Sonnenuntergang

© Sinead Cahalan

Bekannte irische Märchen: Fingerhütchen (Teil 1)

Es war einmal ein armer Mann, der hatte einen großen Höcker auf dem Rücken. Der Höcker drückte seinen Kopf so weit herab, dass, wenn der Mann saß, sein Kinn auf seinen Knien lag. Weil er so absonderlich anzusehen war, hatten die Leute große Furcht vor ihm, und doch war Fingerhütchen, so sein Name, der harmloseste Mensch auf dem Erdboden.

Eines Abends gelangte Fingerhütchen bei Dunkelheit an einen Grabhügel. Müde und erschöpft nach einem langen Fußmarsch, der ihm ob seiner seltsamen Gestalt weit schwerer fiel als anderen Menschen, lehnte er sich gegen den Hügel. Da vernahm er plötzlich die schönste Musik, die jemals an sein Ohr gedrungen war. Einen Gesang von vielen Stimmen, fremdartig und wundervoll, die klangen wie eine einzige. Und dies waren ihre Worte: Da Luan, Da Mort, Da Luan, Da Mort, und immer so fort.

Fingerhütchen war so verzückt von dem Gesang aus dem Grabhügel, dass er schon bald mit einfiel. Sein zartes Stimmchen gefiel den kleinen Wesen in dem Hügel so sehr, dass sie Fingerhütchen sogleich zu sich herabholten. Gemeinsam  machten sie nun Musik, und Fingerhütchen war selig. Erst recht, da er bemerkte, dass die kleinen Wesen ihn von dem entsetzlichen Höcker auf seinem Rücken befreiten. Vor Freude tanzte er, und war schließlich so erschöpft, dass ein tiefer Schlaf ihn überfiel.

Fingerhütchen (Teil 2)

Mahon Falls Walk, Waterford

© Tourism Ireland by Chris Hill

Als er die Augen wieder aufschlug, schien ihm hell die Sonne ins Gesicht und Fingerhütchen war ein neuer Mann. Frei und leicht und jung fühlte er sich ohne seinen Buckel, und bewunderte seinen eigenen Anblick. Sogar in ein schönes neues Gewand hatten die Wesen ihn gehüllt. So sprang und hüpfte er leichtfüßig ins nächste Dorf und hatte die größte Mühe, die Leute zu überzeugen, dass er wirklich der einst so ungestalte, hässliche Mann namens Fingerhütchen war.

Übers ganze Land verbreiteten die Menschen nun Fingerhütchens Geschichte, bis eines Tages ein weiterer Mann bei den kleinen Wesen am Grabhügel erschien. Wie Fingerhütchen wollte er gerne von seinem Buckel befreit werden. Auch er lauschte zuerst ihrem entzückenden Gesang. Aber sangen sie nichts stets dieselben Worte, immer und immer wieder? Hans Madden, so nannte man ihn, wurde ungeduldig. Er hatte ein bösartiges, heimtückisches Gemüt und es währte nicht lange, da unterbrach er den wundersamen Gesang mit hässlichen Worten.

Zornig holten ihn die kleinen Wesen zu sich in den Hügel hinab. Doch statt ihn von seinem Buckel zu befreien, bestraften sie ihn. Mit aller Kraft ihrer zierlichen Gestalten setzten sie ihm Fingerhütchens Höcker noch zusätzlich auf seinen eigenen, und nagelten ihn dort fester, als der beste Zimmermann im Lande es vermocht hätte. Sodann stießen sie Hans Madden aus dem Hügel, und als seine Mutter ihn am Morgen dort fand, war der junge Hans Madden mit seinen beiden Höckern auf dem Rücken erbärmlicher anzusehen als jedes alte Weib.

Verachtet und schwach verfluchte Hans Madden jeden, der künftig auf den Gesang der Elfen horchen mochte, und starb schon bald darauf.

Königliche Lehren (Teil 1)

Es war einmal ein König, der gab auf seinem Sterbelager seinem Sohn drei gute Ratschläge, die der gehorsame Sohn Donn zu befolgen versprach. Da er jedoch ein vernünftiger Mann war, wollte er die Worte seines Vaters zuerst einer gründlichen Prüfung unterziehen.

Die ersten beiden Lehren seines Vaters erwiesen sich als recht bald als wahr. Donn verlor ein Pferd, weil er es entgegen dem Rat seines Vaters nicht verkaufte, und er verlobte sich mit einer schönen Unbekannten, die ihm leider nicht treu war. Schlussendlich zog Donn aus, um sich auch von der Wahrheit des letzten Ratschlags zu überzeugen. Zu diesem Zwecke verkleidete er sich als Bettler und suchte das Haus seiner Schwester auf.

In seinem ärmlichen Gewand aber erkannte der Türsteher ihn nicht und verweigerte ihm den Einlass. So verabreichte Donn ihm eine derbe Ohrfeige, und seine Schwester selbst kam an die Türe. Voller Entsetzen über seine Erscheinung fragte sie ihn nach seinem Begehr. Donn berichtete, wie sein Haus von Räubern ausgeplündert worden sei, und dass er ihre Hilfe bräuchte. Doch alles, was seine Schwester ihm durch ihren Diener geben ließ, war eine Kanne Bier, um sich zu stärken.

Königliche Lehren (Teil 2)

Zurück in seinem eigenen Hause lud Donn alle Verwandten, auch seine Verlobte und den künftigen Schwiegervater, zu einem Festmahl. Sowie sie alle gesättigt waren, sprach Donn: „Liebe Freunde und Verwandten, lasst mich euch berichten, was ich durch die Ratschläge meines weisen Vaters gelernt habe. Er lehrte mich, mein Vieh stets zu verkaufen, wenn mir ein anständiger Preis dafür geboten wurde – weil ich dies aber nicht tat, verunglückte mein Pferd und musste sterben.

Er lehrte mich, ich sollte nie in zerrissenen Kleidern um Hilfe bitten, und als ich es dennoch tat, speiste meine eigene Schwester mich mit einer alten Kanne Bier ab. Und er lehrte mich, nie eine Braut zu nehmen, deren Familie ich nicht gut kenne. Als ich mich dennoch mit einer solchen verlobte, sagte sie mir, ich solle mich mit den Krücken ihres lahmen, buckligen Liebhabers begnügen! So hängte ich diese Krücken samt dem alten Krug und den Hufen meines Pferdes hier an die Wand, wo ihr alle sie sehen und dieser Ratschläge gedenken könnt. Und nun eine gute Nacht euch allen, ruhet wohl!“

Als Donn sich am nächsten Morgen von seinem Lager erhob, waren sämtliche Gäste entschwunden. Frohen Mutes ging er hin und heiratete die Tochter seines Nachbarn, die er schon sein Leben lang kannte, und die beiden lebten glücklich und zufrieden bis ans Ende ihrer Tage.

Falls Ihr jetzt auf den Geschmack gekommen seid und noch mehr dieser Geschichten lesen wollt, sind hier noch einmal die Titel der beiden Bücher, denen diese Märchen entnommen wurden: Fairy legends and traditions of the South of Ireland von Thomas C. Croker und Irländische Märchen von Karl Knortz.

 

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Über den Autor

Monika Dockter

Als Schriftstellerin bedeutet Irland für mich Inspiration in ihrer schönsten Form. Ich finde diese Inspiration in den Worten begnadeter irischer „Storyteller“, zwischen den verschlungenen Wurzeln einer uralten Eiche und auf der Brücke über einen Bach, dessen Wasser vom Torf so braun ist wie der Ginster am Ufer gelb…
Für die gruene-Insel.de zu schreiben betrachte ich als einmalige Gelegenheit, etwas von der für mich so faszinierenden Atmosphäre dieses Landes weiterzugeben – und zwar an eingefleischte Irlandfans ebenso wie an solche, die genau das einmal werden wollen.

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