Irland in der Neuzeit

Oliver Cromwell in Irland: Rückeroberung der Insel

Oliver Cromwell
Written by Nadja Uebach

Bereits zu seinen Lebzeiten im 17. Jahrhundert war Oliver Cromwell in seinem Heimatland England eine umstrittene Persönlichkeit. Während ihn die einen als Drahtzieher der Hinrichtung des Königs und machthungrigen Diktator verpönten; feierten ihn die anderen als Helden der Demokratie und Freiheit der englischen Bürger. Egal wie die Engländer den ehemaligen Abgeordneten des Unterhauses sahen; feststeht: 1649 kam Oliver Cromwell in Irland gemeinsam mit einer Armee an und veränderte die Geschichte der Grünen Insel auf brutalste Art und Weise für immer. Noch heute sorgt sein Namen unter den Inselbewohnern für Kopfschütteln und Entsetzen.

Doch wer war der Mann, der solche tiefen Wunden hinterlassen hat? Warum war Oliver Cromwell in Irland und wie fühlte es sich an zu seiner Zeit auf der kleinen Atlantikinsel zu leben? Das erfahrt Ihr jetzt!

Cromwell in Irland: Wer war der berühmt-berüchtigte Engländer?

Oliver Cromwell erblickte am 25. April 1599 im englischen Huntingdon das Licht der Welt. Durch seine Mutter Elizabeth Stewart, war er mit dem schottischen Königshaus der Stewarts verwandt. Während er durch seine Vorfahren auf väterlicher Seite Verbindungen zur Familie des ehemaligen englischen Königs Henry VIII. hatte.

Er war bereits in seinen Jahren als Student an der Universität von Cambridge ein bekennender Puritaner. Als er mit 29 Jahren zum ersten Mal als Abgeordneter ins Unterhaus gewählt wurde, brachte er diese Ansichten in das englische Parlament.

Im Rahmen des englischen Bürgerkriegs machte er sich als Kommandant einer Kavallerietruppe mit dem Beinamen „Ironsides“ einen Namen. Durch die Tatsache, dass die Truppe fast ausschließlich aus Puritanern bestand, die nicht gegen Geld, sondern aus Überzeugung kämpften; sowie die ausgezeichnete Führung durch Cromwell selbst, entwickelten sich die „Ironsides“ schnell zu einer unverzichtbaren Truppe von Elitesoldaten der New Model Army. Cromwell gewann dadurch zunehmend an Macht und Einfluss.

Nachdem die New Model Army den Bürgerkrieg gegen die Royalisten gewann und der amtierende englische König Charles I. im Januar 1649 hingerichtet worden war, übernahm Cromwell die Regierungsgeschäfte des Commonwealth. Das Parlament bot ihm sogar die englische Krone an. Doch Cromwell verzichtete aus Überzeugung darauf. Stattdessen trug er ab Dezember 1653 den Titel Lordprotektor von England, Schottland und Irland.

Irlands Rückeroberung: Oliver Cromwell auf der Grünen Insel

Nachdem die blutige Rebellion Irlands von 1641 ein Jahr später mit der Bildung der Konföderation Irland endete; formte sich auf der Grünen Insel eine immer größer werdende Bedrohung für England.

Das englische Parlament erkannte, dass sich Irland durch seine Selbstverwaltung immer mehr aus dem Commonwealth zog. Zuletzt lag nur noch ein kleines Gebiet rund um Dublin in der Hand der parlamentarischen Engländer. Die Bedrohung durch die umliegenden Streitkräfte wuchs stetig an. Zudem waren die Pläne der konföderierten Iren gemeinsam mit den in Irland stationierten Royalisten England zu besetzen. So wollten sie die Monarchie dort wieder herzustellen – ein enormes Risiko für die noch junge Republik England.

Oliver Cromwell sollte diesem Risiko mit der Rückeroberung Irlands im Jahr 1649 ein Ende setzen, das Land endgültig unter die Gewalt Englands bringen und die Insel in das Commonwealth integrieren. Für Cromwell selbst hatte sein Feldzug gegen die Iren allerdings noch einen ganz anderen Grund. Als tiefgläubiger Puritaner, war es seine Absicht, die überwiegend katholische Bevölkerung der Grünen Insel zum protestantischen Glauben zu bekehren – dafür war ihm jedes Mittel recht.

Rückeroberung Irlands 1649: Die Ankunft Cromwells in Irland

Nach dem gescheiterten Versuch der Konföderierten und Royalisten die Stadt Dublin im Rahmen des Battle of Rathmines einzunehmen landete Cromwell gemeinsam mit seiner Armee am 15. August 1649 mit 35 Schiffen in der irischen Hauptstadt. Nur zwei Tage später traf der englische General und Cromwells Schwiegersohn Henry Ireton mit 77 weiteren Schiffen ein.

Zunächst wollten die Engländer weitere Hafenstädte entlang der Ostküste Irlands unter ihre Kontrolle bringen, um die stetige Einschiffung von weiteren Truppen sowie Waffen und Lebensmitteln zu sichern. Schon wenige Wochen nach ihrer Ankunft brachten die Cromwellschen Truppen Drogheda in ihre Gewalt. Der Hafenort etwa 50 Kilometer nördlich von Dublin wurde nach einer einwöchigen Belagerung mithilfe einer brutalen und blutigen Schlacht eingenommen. Die schätzungsweise 3.000 Royalisten, Konföderierten, katholischen Geistlichen und Zivilisten, die dabei ums Leben kamen, gaben den Iren einen ersten Vorgeschmack auf Cromwells Methoden.

Anschließend zog Cromwell mit seiner New Model Army in den Süden und belagerte die Stadt Wexford. Während die Engländer mit den ansässigen Streitkräften in Wexford über eine friedliche Übergabe verhandelten, griffen die Cromwellschen Truppen an und rissen die Stadt in einer blutigen Schlacht mit bis zu 3.500 Toten an sich. Diese Horrorszenarien sorgten dafür, dass viele weitere irische Städte keinen Widerstand leisteten und sich freiwillig der englischen Regierung unterwarfen. Innerhalb kurzer Zeit gelang es Cromwell in Irland dadurch einen großen Teil des Ostens und Südens einzunehmen.

Die Irisch-Royalistische Front bricht zusammen

Das Bündnis der englischen Royalisten mit den irischen Katholiken, welches durch den damaligen englischen König Charles I. ins Leben gerufen wurde, fand im Mai 1650 durch die Hand seines Sohnes ein Ende. Um sich die Gunst der presbyterianischen Schotten zu sichern, distanzierte sich Charles II. im Mai 1650 von der Abmachung seines Vaters.

Oliver Cromwell nutzte das Zerwürfnis der Irisch-Royalistischen Front, um seine eigenen vom Winter, Hunger und Krankheiten geschwächten Truppen zu stärken. Er bot den Royalisten an, die Seite zu wechseln und sich seiner Truppe anzuschließen. Die Mehrzahl nahm sein Angebot an. Somit standen die Iren mit Ausnahme einiger vereinzelter Royalisten nun allein der gigantischen und gewaltbereiten Armee Cromwells gegenüber.

Noch im selben Monat verließ Cromwell die Grüne Insel, um sich in England einem erneute ausbrechenden Bürgerkrieg zu stellen. Er überließ seine Armee im Kommando von Henry Ireton. Der neue Kommandant machte es sich zur Aufgabe, die 6.000 Mann starke Armee von Ulster als die einzig übrige ernst zu nehmende Streitmacht auf irischer Seite zu schlagen! Dies gelang ihm im Juni 1650 während des Battle of Scarrifholis. In der Schlacht fielen bis zu 2.000 Ulster Soldaten und die meisten der Kommandanten und Offiziere wurden hingerichtet. Somit war die Armee von Ulster außer Gefecht gesetzt. Nachdem im darauffolgenden Jahr auch die Städte Limerick und Galway nach kurzer Belagerung fielen, war jegliche organisierte Form des irischen Widerstands endgültig gebrochen.

Cromwell in Irland und der Guerillakrieg

Selbst wenn die Iren keine bedeutende Streitmacht mehr auf ihrer Seite hatten, gaben sie nicht kampflos auf. Wo nach der Ankunft von Cromwell in Irland noch blutige Schlachten und Belagerungen die Kriegsführung dominierten, wandelte sich das Bild in den Jahren nach dem Verlust von Galway zu hinterhältigen und willkürlichen Angriffen.

Die irischen Guerillakämpfer nutzten den Vorteil, dass sie das Land besser kannten, als ihre englischen Feinde. Sie erklärten die ländlichen Gegenden zwischen den militärischen englischen Stützpunkten zu ihrem Territorium. Sämtliche Versuche, die verbleibenden Splittergruppen des irischen Widerstands zu zerschlagen, blieben erfolglos. Stattdessen galten die Ländereien rund um die Städte in englischer Hand als gefährlich. In Hinterhalten und Angriffen verloren zwar viele englische Soldaten, allerdings auch Zivilisten aus beiden Lagern ihr Leben. Zudem wurden Anlieferungen von Waffen und Lebensmitteln in die englischen Stützpunkte verhindert. Worauf die Engländer brutal mit der Zerstörung mehrerer irischer Siedlungen und Lebensmittellagern reagierten und so eine andauernde Hungersnot auslösten. Gemeinsam mit einem erneuten Ausbruch der Pest, galten die Jahre des Guerillakrieges deshalb als die tödlichsten für irische Zivilisten.

Cromwell in Irland: War es Völkermord?

Es gibt wohl kaum einen Namen, der so sehr mit der Jahrhunderte langen Unterdrückung der Iren durch die Engländer in Verbindung gebracht wird wie Oliver Cromwell. Noch heute gibt es unzählige Iren, denen der Schrecken von damals noch immer in den Knochen zu sitzen scheint. Und auch zahlreiche Historiker sind sich sicher, dass die Cromwellsche Rückeroberung Irlands eine besonders dunkle Zeit in der Inselgeschichte markiert.

Immerhin waren es seine Gesetzte, die die Verschiffung unzähliger Iren in die Kolonien zu verantworten hatten. Katholiken waren in seinen Augen wertlos. Er bezeichnete Iren sogar als gefährlich und als Menschen zweiter Klasse. Demnach war es Iren verboten, Land zu besitzen. Stattdessen wurden sie enteignet und aus ihren eigenen Häusern vertrieben.

Die Todesopfer der Schlachten, gemeinsam mit den unzähligen Opfern der von den Engländern verschuldeten Hungersnot sowie der Verschiffung vieler Iren sorgten in Kombination mit dem Ausbruch der Pest dafür, dass die Bevölkerung um bis zu mehr als 80 Prozent zurückging. Da dieser Rückgang hauptsächlich die irisch-stämmigen Bewohner der Insel betraf und die Ursachen größtenteils in der Verantwortung der Engländer liegen, wird in diesem Fall häufig von Völkermord gesprochen. Einigen erschreckenden historischen Statistiken zufolge, überlebten gerade einmal 500.000 Iren die Cromwellsche Rückeroberung ihres Heimatlandes.

In den letzten Jahren gab es jedoch immer wieder historische Stimmen, die die Geschehnisse in Irland zu Oliver Cromwells Zeiten zwar als brutal anerkennen, jedoch als zeitgemäße Kriegsführung einstufen. Ob man in diesem Fall wirklich von Völkermord sprechen kann, ist nach wie vor umstritten. Fest steht jedoch: Oliver Cromwell, schrieb ein weiteres bewegtes und leidgeprägtes Kapitel der Geschichte Irlands und des Jahrhunderte langen Kampfes um die Freiheit der Grünen Insel!

Über den Autor

Nadja Uebach

Da ich seit elf Jahren auf der grünen Insel lebe, bedeutet Irland für mich in erster Linie Alltag. Wenn ich nicht mit meinem Laptop bewaffnet in einem Café oder Zuhause sitze und schreibe, findet man mich höchstwahrscheinlich mit meinen drei Kindern am Strand. Die Natur, die Kultur und insbesondere die Menschen sorgen dafür, dass sich in unseren Alltag immer wieder ein bisschen Magie einschleicht. Diese besondere irische Alltagsmagie versuche ich in meinen Texten in Worte zu fassen.

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