Irland Kultur

Tinker Pferde – Die Pferde der irischen Traveller

Tinker Pferde
Heike Fries
Written by Heike Fries

Vielleicht sind Ihnen in Irland auch schon einmal Tinker Pferde begegnet. Diese schönen Tiere fallen mit ihrem robusten Körperbau, dem oftmals gescheckten Fell und den haarigen Behängen an den Hufen sofort ins Auge. Und diese auffälligen und stämmigen Schönheiten lassen bei vielen Pferdefans das Herz sofort höherschlagen.

Eine echte Zier: die Arbeitstiere der Traveller

Dabei sind Tinker Pferde ursprünglich einmal Arbeitspferde gewesen. Eine echte eigene Pferderasse sind sie jedoch nicht. Aber was sind sie dann? Tinker waren und sind die treuen Begleiter der irischen Traveller, der Nachfahren der Romani, die etwa um das Jahr 1500 auf die britischen Inseln und nach Irland kamen. Der Name Tinkerpferd ist übrigens wenig schmeichelhaft, denn Tinker heißt im Englischen so viel wie “Kesselflicker” und ist durchaus abwertend gemeint.

Der Name Tinker für die schönen Pferde der Traveller hat sich interessanterweise nur in Deutschland und den Niederlanden eingebürgert. In anderen Ländern heißen sie Irish Cob, Vanner Horse oder Gypsy Horse. Aber genau wie Tinker ist auch die Bezeichnung Gypsy eher abwertend gemeint.

Traveller-Familie

National Library of Ireland on The Commons [No restrictions], via Wikimedia Commons

Die Pferde der irischen Traveller

Den Einheimischen waren die Nomaden in ihren Wagen wohl einfach unheimlich und fremd. Denn die Traveller zogen zu Beginn mit Handkarren und Mauleseln durchs Land und schliefen im Freien. Zunächst hatten sie weder Wagen noch Pferde. Die Tinkerpferde wurde erst später ihre Begleiter.

Wie genau die Romani diese prächtigen Tiere züchteten, ist nicht ganz klar. Aber vermutlich ergatterten sie Pferde, die keiner mehr wollte zu einem günstigen Preis – vielleicht beim Pferdemetzger oder irgendwo unterwegs.

Gut möglich, dass das auch eine Erklärung für die vielen gescheckten Tinker ist: Denn das auffällige Muster war vor allen den adeligen Pferdebesitzern einfach nicht schick genug. Wahrscheinlich legten sie zur damaligen Zeit großen Wert auf elegante einfarbige Tiere, die zum eleganten Erscheinungsbild der Reiter passen sollten. Zu grobschlächtige oder gemusterte Pferde wurden deshalb wahrscheinlich aussortiert.

So kamen die Traveller an die ersten Pferde, die ihnen schon bald gute Dienste leisteten. Denn ab etwa 1850 begannen die Traveller mit ihren Familien in großen Wagen zu leben. Diese fahrenden Behausungen heißen Vardo und sind in der Regel aufwendig verziert und prächtig geschmückt. Was lag also näher, Pferde zu züchten, die auch optisch dazu passten?

Obwohl die Traveller keineswegs nur auf die Optik achteten: Auch der Charakter und die Robustheit mussten passen – denn schließlich waren diese Pferde viel draußen unterwegs und mussten sich oftmals mit dem Futter begnügen, was sie am Wegesrand fanden. Außerdem mussten sie freundlich und gelassen sein, denn sie zogen schließlich ein ganzes Zuhause, in dem Großeltern, Eltern und Kinder lebten. Kurzum, Tinker mussten freundliche Familienpferde sein, die aber auch optisch etwas hermachen sollten.

Deshalb genossen diese Tiere eine spezielle Erziehung: Sie mussten zum Beispiel lernen, erst stehen zu bleiben, wenn sie am obersten Punkt einer Erhebung angekommen waren. Hätten sie mitten in der Steigung gestoppt, wäre die Last nämlich womöglich zu schwer gewesen und der Vardo hätte sich keinen Millimeter mehr bewegt.

Eine wilde Mischung – und wilde Geschichten

Gerüchten zufolge organisierten einige findige Traveller geheime nächtliche Treffen mit Adeligen und deren Hengsten, die bei dieser Gelegenheit die Stuten deckten und so für mehr edles Blut sorgten. Gut möglich, dass das nur wilde Geschichten sind, die sich prima am Lagerfeuer erzählen lassen.

Aber wer weiß? Und wer weiß auch schon, was die Traveller den Adeligen als Bezahlung boten? Haben sie ihnen vielleicht ganz dem Klischee entsprechend die Zukunft vorausgesagt? Das ist wohl eher Stoff für weitere Geschichten am Lagerfeuer.

Aber zurück zu den Pferden: Dass die Traveller gezielt bestimmte Pferderassen einzüchteten, stimmt. Denn eine richtige Rasse waren diese Pferde ohnehin nie. Vielmehr waren Tinker von Anfang an eine wilde Mischung aus allen möglichen Pferderassen, wie Shirehorse, Dale Pony und so weiter. Hauptsache robust und genügsam – mit einem freundlichen und intelligenten Wesen. Und natürlich mit einem stämmigen Körper, einem schönen Kopf und ziemlich viel Haar an den Fesseln.

Aufgrund der wilden Mischung können Tinkerpferde auch alle möglichen Fellfarben haben – Schecken kamen wahrscheinlich erst gegen 1900 so richtig in Mode, sodass die Traveller ihre Tinker gezielt in diese Richtung züchteten. Aber die gefleckten Muster hatten auch eine Menge Vorteile: Die Pferde waren auch im Dunkeln gut zu erkennen und jeder Pferdebesitzer erkannte sein Tier schon von Weitem, wenn es ihm zum Beispiel gestohlen worden war.

Aus einer Pferdeart wird eine Pferderasse

Die Zucht dieser Tiere war bei den Travellern mittlerweile zu einer Leidenschaft geworden und sie kreuzten die unterschiedlichsten Rassen ein, um den perfekten Tinker zu erhalten. Doch ihre Geheimnisse gaben sie untereinander nur mündlich weiter. Zuchtbücher oder Ähnliches existieren deshalb nicht.

Aber die Schönheit der Tiere fiel bald auch pferdeverrückten Touristen auf. Und ab den 1990ern gab es einen regelrechten Tinker-Boom. Erste Pferde wurden in alle Welt verschifft – oft zu hohen Preisen und unter schlechten Bedingungen. Irgendwann landeten die Schecken schließlich auch in Deutschland, wo sie als Tinkerpferde ab dem Jahr 2005 eine eigene Rasse wurden.

Mittlerweile gibt es die Pferdeart in vielen Ländern, so zum Beispiel in den USA, wo sie Gypsy Vanner Horse heißen und etwas anderen Rassestandards genügen müssen, als die deutschen Pferde. In Irland heißen sie schlicht Irish Cobs, wobei Cobs eigentlich nur stämmige Arbeitspferde sind.

Aber auch im Mutterland des Tinkers selbst, entstand im Jahr 1998 eine Gesellschaft zu Schutz der Tiere – denn diese drohten zu diesem Zeitpunkt in Irland auszusterben.

Davon ist heute keine Rede mehr. Denn heute gibt es weltweit Nachzüchtungen dieser schönen Tiere, die sich ideal als Familienpferde eignen. Denn sie sind freundlich, intelligent und genügsam. Da sie jedoch als Zugtiere gezüchtet wurden, sind sie nicht ohne Weiteres als Reitpferde geeignet. Sie haben einen sogenannten weichen Rücken, das heißt, ihre Rückenmuskulatur ist von Natur aus eher schwach. Und obwohl sie so stark und robust aussehen, macht ihnen schon ein Gewicht ab 60 Kilogramm zu schaffen.

Tinker Pferde – freundlich und intelligent, aber mit weichem Rücken

Wenn sie also einen Tinker reiten möchten, sollten Sie seinen Rücken frühzeitig stärken. Aber dazu haben sie ausreichend Zeit, denn diese Pferde sind Spätzünder: Sie sollten ohnehin erst ab dem sechsten Lebensjahr geritten werden. Und auch auf die Ernährung müssen Sie achten. Denn die irischen Pferde sind gute Futterverwerter. Kein Wunder, denn sie mussten oft aus dem Gras am Wegesrand das Beste herausholen. Deshalb ist schon ganz normales Futter für sie Kraftfutter.

Aber abgesehen von diesen Besonderheiten sind Tinkerpferde tolle Begleiter. Sie sind freundlich und genügsam – und Sie sehen einfach toll aus.

Über den Autor

Heike Fries

Heike Fries

Irland ist eine Herzensangelegenheit für mich und neben der irischen Musik hat es mir vor allem der irische Sagenzyklus angetan.

Ich habe Irland schon als Schülerin mehrmals besucht. Damals hatte ich das Glück, die ganze Insel über mehrere Wochen kennenzulernen. Das blieb natürlich nicht ohne Folgen: Es ist bis heute mein Lieblingsland.

Ich bin Autorin und Künstlerin und irische Motive schmuggeln sich auch immer wieder in meine Zeichnungen. In meiner Freizeit spiele und singe ich in einer Band. Wir sind zwar keine richtige Folkband, haben aber den ein oder anderen irischen Song im Programm. Ich spiele außerdem ein wenig Bodhrán. Da ich nicht genug übe, bin ich nicht besonders gut – aber ich bin mit Begeisterung dabei.

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