Irische Lieder

The Black Velvet Band – ein irischer Folk-Song

Belfast
Heike Fries
Written by Heike Fries

The Black Velvet Band handelt von Verrat und Strafe. Es ist ein traditioneller Folk-Song, der in keiner Irish Folk Session fehlen darf. Denn obwohl das Lied eine dramatische Geschichte erzählt, ist die Musik schwungvoll und reißt mit – typisch irisch eben.

Der Ursprung des Songs liegt vermutlich im späten 18. oder 19. Jahrhundert. Die im Song vorkommende Bezeichnung Van Diemen‘s Land für das zu Australien gehörende Tasmanien war bis mindestens um das Jahr 1856 gebräuchlich. Es existieren verschieden Versionen, die eine leicht abgewandelte Geschichte erzählen. Auch der Schauplatz unterscheidet sich von Version zu Version: In der bekanntesten von den Dubliners – auf die ich mich im folgenden Artikel hauptsächlich beziehe – spielt sich alles im nordirischen Belfast ab.

Wovon handelt The Black Velvet Band?

Das titelgebende Black Velvet Band – das schwarze Samtband – hält das lange Haar einer schönen jungen Frau zusammen. Der Erzähler im Song befindet sich gerade in Belfast und nutzt seine freie Zeit, um durch die Stadt zu spazieren. Dort begegnet er einer betörenden Schönheit, die ihn sofort in seinen Bann zieht. Er sieht nur ihre leuchtenden Augen, ihren schwanengleichen Hals und ihre Anmut – und ist ganz eingenommen von ihr. Die beiden verbringen etwas Zeit miteinander und gehen ein Stück gemeinsam durch die Straßen Belfasts. Doch plötzlich kommt ein reicher Herr an ihnen vorbei und die leuchtenden Augen der jungen Frau verändern sich.

Der Erzähler erkennt plötzlich eine verbrecherische Verschlagenheit in den Augen der Frau, die er kurz zuvor noch mit Diamanten verglich. Und tatsächlich stiehlt sie dem reichen Herrn geschickt eine goldene Uhr und drückt sie dem verdutzten jungen Mann in die Hand. Warum sie all das tut, ist in der Version der Dubliners unklar. In anderen Versionen ist der Erzähler ihr Verehrer, den sie unbedingt loswerden möchte, da sie sich in einen Matrosen verliebt hat.

Fest steht, dass die junge Frau in keiner der Versionen gut wegkommt. Der junge Mann aber auch nicht, denn er bleibt passiv und lässt die Tat einfach geschehen. Vielleicht ist er so geblendet von der Schönheit seines Gegenübers, dass er nicht schnell genug reagieren kann. Jedenfalls passiert das, was damals durchaus üblich war: Er landet am nächsten Tag vor Gericht und wird für sein angebliches Vergehen bestraft. Und die Strafen waren damals selbst für kleine Vergehen mehr als hart. Der Richter verurteilt ihn zu sieben Jahren in der Strafkolonie auf Tasmanien bei Australien – weit weg von Heimat, Freunden und Familie.

Hintergrund der Geschichte

Das war für den jungen Mann sicher keine Überraschung. Denn damals war es üblich, Verbrechen mit der Verschickung in die Kolonien zu ahnden. Das hatte für die britischen Herrscher Vorteile. Denn so mussten sie nicht für die Kosten der Unterbringung in einem Gefängnis vor Ort zahlen. Und außerdem konnten sich die Sträflinge in den neuen Kolonien nützlich machen.

Das war praktisch. Und vielleicht landeten deshalb auch viele Menschen in Straflagern, die nur geringe Vergehen begangen hatten. Denn schon das Stehlen von Brot genügte, um auf einem Schiff nach Australien zu landen. Und das galt nicht nur für Iren. Alle, die unter britischer Herrschaft standen waren davon betroffen.

Die englische Krone begann mit der sogenannten Sträflingsverschiffung nach Australien im Jahr 1787. Ab dem Anfang des 18. Jahrhunderts galt die Deportation als angemessener Ersatz für die Todesstrafe, die für schwere Verbrechen wie Hochverrat, Mord und Ähnliches verhängt wurde. Aber im Jahr 1718 trat ebenfalls ein Gesetz in Kraft, das eine Deportation schon bei einem Strafmaß von sieben Jahren erlaubte. Diese hohe Strafe war damals auch schon bei kleinen Vergehen wie Diebstahl gebräuchlich. Und auch der Erzähler im Songtext wird wegen der goldenen Uhr zu sieben Jahren verurteilt.

Nahezu jeder, der sich etwas zuschulden kommen ließ, lief damals deshalb Gefahr, nach Australien verschickt werden. Nach heutiger Schätzung landeten von 1787 bis zum gesetzlichen Ende der Strafkolonien am 26.6.1856 etwa 162.000 Menschen am anderen Ende der Welt.

Von 1793 bis 1840 wurden alleine etwa 30.000 Männer und 9.000 Frauen aus Irland nach Australien oder Tasmanien deportiert. Darunter auch viele politische Häftlinge, die sich zum Beispiel 1798 während der irischen Rebellion gegen die britische Herrschaft in Irland aufgelehnt hatten. Doch der größte Teil – fast 80 % der irischen Häftlinge – wurde wegen anderer großer und kleiner Vergehen verschifft. Um ein ähnliches Schicksal geht es auch in dem bekannten irischen Song The Fields of Athenry.

War wirklich der Alkohol schuld?

Interessanterweise wird die Sträflingsverschickung im Song nur kurz angesprochen. Es geht vielmehr um die junge Dame. Zunächst um ihre Schönheit und anschließend um ihre Verschlagenheit. Und am Ende des Songs schließt sich noch ein gut gemeinter Rat an die damaligen Herren an, sich nicht mit solchen Damen einzulassen – sie würden bloß zum Alkohol verleiten und Unglück bringen. Das kommt unverhofft und überraschend, denn in keiner Zeile des Songtextes wird zuvor Alkohol erwähnt.

Gut möglich also, dass dieser Rat später hinzugefügt wurde. Vielleicht wollte jemand die Popularität des Songs für diese Botschaft nutzen. Es ist denkbar, dass der Song im Laufe vieler Jahre immer wieder verändert wurde. Denn traditionelle Folk-Songs sind in vielen Fällen die Ergebnisse langjähriger Entwicklungen. Verschiedene Versionen, Handlungsstränge und Ideen fügen sich zu einer mehr oder weniger einheitlichen Mischung zusammen. Die mag auf den ersten Blick nicht immer stimmig sein, aber sie erzählt die Geschichte des Songs über die Jahre und Jahrzehnte. Und diese Songs beschreiben die Lebenswirklichkeiten der Menschen der damaligen Zeit.

The Black Velvet Band geht um die Welt

Die bekannteste Version von The Black Velvet Band stammt, wie schon erwähnt, von den Dubliners – die auch diesen Song kraftvoll und unwiderstehlich interpretierten. Aber es gibt viele weitere Versionen, zum Beispiel von den Dropkick Murphys, den Irish Rovers oder Johnny Logan. Und natürlich von nahezu jeder Irish Folk Band, die etwas auf sich hält.

Aber der Song reißt nicht nur Iren und Irland-Fans mit. Die im Text erwähnte Verschickung von Sträflingen machte The Black Velvet Band auch in Australien, Tasmanien und Neuseeland bekannt. Und der mitreißenden irischen Musik konnte sich kaum jemand entziehen: Tasmanische Walfänger mochten den Song so sehr, dass sie daraus ihr eigenes Trink- Arbeits- und Kampflied machten.

Über den Autor

Heike Fries

Heike Fries

Irland ist eine Herzensangelegenheit für mich und neben der irischen Musik hat es mir vor allem der irische Sagenzyklus angetan.

Ich habe Irland schon als Schülerin mehrmals besucht. Damals hatte ich das Glück, die ganze Insel über mehrere Wochen kennenzulernen. Das blieb natürlich nicht ohne Folgen: Es ist bis heute mein Lieblingsland.

Ich bin Autorin und Künstlerin und irische Motive schmuggeln sich auch immer wieder in meine Zeichnungen. In meiner Freizeit spiele und singe ich in einer Band. Wir sind zwar keine richtige Folkband, haben aber den ein oder anderen irischen Song im Programm. Ich spiele außerdem ein wenig Bodhrán. Da ich nicht genug übe, bin ich nicht besonders gut – aber ich bin mit Begeisterung dabei.

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