Irland in der Neuzeit

Die Spanische Grippe in Irland 1918

Spanische Grippe in Irland
Nadja Uebach
Written by Nadja Uebach

Gegen Ende des ersten Weltkriegs kam sie aus dem Nichts und fiel in drei tödlichen Wellen über den gesamten Globus her – die Spanische Grippe kostete während ihrer drei weltweiten Ausbrüche bis zu 100 Millionen Menschen das Leben! Während die Spanische Grippe in Irland bei ihrem ersten Auftreten im Frühjahr 1918 keine auffällig hohe Zahl an Todesopfern forderte, so brachten die beiden darauffolgenden Ausbrüche die Gesamtzahl der Todesopfer der Insel auf schätzungsweise bis zu 25.000 Menschen. Damit zieht die Anzahl der Grippetoten beinahe mit den irischen Opfern des Ersten Weltkriegs gleich und gilt in der Geschichte der Grünen Insel nach der Großen Hungersnot bis heute als eines der verheerendsten Kapitel!

Die Spanische Grippe und ihr Ursprung

Obwohl der Name der Krankheit nahelegt, dass sie aus Spanien stammte, gab es über die Jahre hinweg verschiedene Theorien über den Ursprung der todbringenden Erkrankung. Während ein großer Teil der Bevölkerung in Europa den Virus aufgrund seines großflächigen Auftretens in Spanien als „Spanische Lady“ bezeichnete; wurde die Krankheit in Spanien selbst „Soldat aus Neapel“ genannt. Bei den Deutschen Truppen war sie als der „Blitzkatarrh“ gefürchtet und die Japaner taten alles um ein Ausbrechen der „Amerikanischen Grippe“ in ihrem Land zu vermeiden! Eine Zeit lang ging man sogar davon aus, dass es sich bei der Grippe nicht um eine natürliche Krankheit, sondern um eine menschgemachte Biowaffe der Deutschen handelte!

Offiziell wurde die Grippe ursprünglich nach Kansas zurückverfolgt, wo ein Landarzt seinen Kampf gegen eine sich rasend schnell ausbreitende Krankheit mit einem schweren Verlauf sowie einer hohen Sterberate aufzeichnete. Über Truppenbewegungen gelangte das Virus zunächst nach Frankreich und breitet sich schließlich über ganz Europa aus. Neueste Erkenntnisse legen den Ursprungsort allerdings nach China. Hier wurde die Grippe von Hühnern oder Enten auf den Menschen übertragen und mit Arbeitern nach Amerika gebracht.

Die todbringende Krankheit kam nach Irland

Die Spanische Grippe in Irland verzeichnete ihre ersten Fälle im Mai 1918 auf einem Schiff der US Army im Hafen des heutigen Cobh. Schon zwei Monate später hatte sich die Spanische Grippe auf der gesamten Insel ausgebreitet. Während die Städte und insbesondere Dublin und Belfast am schlimmsten befallen waren, kämpften auch die dünn besiedelten Regionen Irlands mit der fatalen Viruserkrankung! Die Todesfälle waren jedoch zunächst nicht auffällig hoch und vergleichbar mit einer normalen Grippe.

Nachdem die Zahl der Erkrankten gegen Ende des Sommers zurückging und sich die Zahl der Toten in Grenzen hielt; wog man sich auf der Grünen Insel in scheinbarer Sicherheit. Die zweite Welle der Spanischen Grippe schwappte diesmal von einem norwegischen Frachter aus über den Erdball. Was keiner ahnte: Das Virus war mutiert und fiel von Oktober bis November über die nichts ahnenden und unvorbereiteten Inselbewohner her. Während dieser aggressiven zweiten Welle kam das öffentliche Leben in Irland zu einem fast gänzlichen Stillstand. Die hohe Sterberate von jungen Menschen und Kindern wird in dieser Zeit zum grausamen Markenzeichen der Spanischen Grippe!

Auf der Nachbarinsel Irlands brach die Viruserkrankung in England im Februar 1919 zum dritten und letzten Mal aus. Obwohl sie weltweit erneut eine hohe Anzahl an Erkrankten zu verzeichnen hatte, verlief die dritte Welle weniger tödlich als ihr Vorgänger im Herbst! Im Frühjahr und Sommer 1919 verschwand die Spanische Grippe. Sämtliche Grippewellen in den darauffolgenden Jahren und Jahrzehnten wurden aufgrund anderer Charakteristiken nicht mehr mit dem Virus in Verbindung gebracht.

Irland in der Grippezeit 1918 und 1919

Mit der zweiten Welle der Spanischen Grippen kam eine undurchdringliche Stille auf die Grüne Insel. Eine Stille, die sich wie ein Schleier über die Städte und Dörfer Irlands legte und das öffentliche Leben fast komplett zum Erliegen brachte! Der Grund dafür war jedoch kein von der Regierung angeordneter Lockdown. Stattdessen blieben Geschäfte, Schulen und andere Einrichtungen geschlossen, weil die Betreiber und Mitarbeiter entweder selbst erkrankt waren oder sich um infizierte Familienmitglieder kümmerten! Die sonst geschäftigen Läden und Marktplätze lagen über einen Zeitraum von mehreren Wochen verlassen da. Kameradschaftliche Gespräche und traditionelle Gesänge in den Pubs verstummten. Wer sich dennoch auf der Straße begegnete, der wechselte die Straßenseite anstatt freundlicher Worte.

Während die ältere Generation größtenteils immun gegen die Viren zu sein schien; nahm die Grippe bei jungen Menschen und Kindern einen besonders schweren Verlauf; nicht selten mir tödlichem Ausgang. Die Symptome ähnelten einer herkömmlichen Grippe: Hals-, Kopf- und Gliederschmerzen in Kombination mit hohem Fieber. Eines der spezifischen Symptome der Spanischen Grippe war jedoch eine bläulich-schwarze Verfärbung der Haut.

Augenzeugen berichteten, dass mancherorts plötzlich ganze Häuser leer standen – die Bewohner waren der Grippe zum Opfer gefallen. In vielen Fällen vergingen zwischen den ersten Symptomen und dem Tod nur wenige Stunden. Berichten zufolge fanden so mehrere Menschen auf offener Straße ihr Ende. Wie beispielsweise ein Mann aus Cork, der auf dem Weg zur Apotheke an den Folgen der Grippe starb, die sich erst fünf Stunden vorher mit den ersten Symptomen ankündigte!

So reagiert die Grüne Insel auf die Spanische Grippe

In einem Zeitalter vor Antibiotika und Paracetamol; als die Spanische Grippe noch nicht einmal zweifellos als Virus erkannt wurde, hatten die fatalen Erreger ein leichtes Spiel. Während einige wenige Länder, wie Australien zeitweise versuchten sich von der Außenwelt abzuschotten und mit Ausgangssperren die Ausbreitung einzudämmen; reagierten die meisten Nationen eher verhalten auf die Grippewelle!

Das irische Gesundheitssystem existierte 1918 kaum. Der Beauftragte für öffentliche Gesundheit war zum Zeitpunkt des ersten Ausbruchs 90 Jahre alt und nicht dazu im Stande eine Epidemie effektiv zu managen. Nachdem die Medien am 8. November ein Einschreiten der Regierung forderten, hielt man die irische Bevölkerung zu mehreren Vorsichtsmaßnahmen an. Anstatt einer übergreifenden Verordnung der irischen Regierung, waren die regionalen Räte für die Erstellung der Maßnahmen verantwortlich. Vielerorts sollten Häuser und insbesondere Toiletten regelmäßig desinfiziert werden. Veranstaltungen mussten in einigen Grafschaften abgesagt oder verschoben werden. Mancherorts blieben Schulen, Kinos, Theatersäle und Tanzcafés auf Anordnung geschlossen. Neben einer guten körperlichen Hygiene wiesen Politiker und Mediziner darauf hin, dass das Auswaschen der Nasenschleimhaut mit Seife die Verbreitung der Grippe eindämmen solle.

Darüber hinaus boomte das Geschäft der fragwürdigen Heilmittel. Heilendes Mundwasser, Schnupftabak sowie eine magische Pille gegen die mörderischen Viren und eine spezielle Porridgemischung hatten neben dem erhöhten Preise außerdem gemeinsam, dass sie gegen die Spanische Grippe nichts ausrichten konnten. Generell wurden Patienten mit Bettruhe und Whiskey behandelt. Für die sekundären bakteriellen Infektionen, wie beispielsweise einer Lungenentzündung gab es jedoch weder Hausmittel noch Arznei!

Spanische Grippe in Irland 1918 und ihre Auswirkungen

In den Jahren 1918 und 1919 erkrankten Berichten zufolge 800.000 Iren an der Spanischen Grippe. Zu dieser Zeit war das ein Fünftel der Gesamtbevölkerung war. Die Zahl der Toten wird auf mindestens 23.000 geschätzt. Unter Berücksichtigung der Menschen, die an Folgeinfektionen starben, wird jedoch angenommen, dass sich die tatsächliche Todeszahl auf etwa 25.000 beläuft. Die meisten Todesopfer waren zwischen 25 und 34 Jahren alt; das traurige Resultat: die zahlreichen Grippe-Waisen!

Während die wirtschaftlichen Auswirkungen dank des Aufschwungs nach Kriegsende eher mild ausfielen; hinterließ die Spanische Grippe eine tiefe Furche in der irischen Gesellschaft. Es gab kaum eine Familie, die keine direkten Verluste durch die Krankheit erlitten hatte. Der lähmende Schock und die Trauer der Inselnation waren noch Monate nach dem Rückgang der dritten Welle spürbar. Selbst Jahrzehnte später jagten die alten Geschichten und Erinnerungen einen Schauer über den Rücken derer, die die Spanische Grippe 1918 in Irland überlebt hatten!

Über den Autor

Nadja Uebach

Nadja Uebach

Da ich seit elf Jahren auf der grünen Insel lebe, bedeutet Irland für mich in erster Linie Alltag. Wenn ich nicht mit meinem Laptop bewaffnet in einem Café oder Zuhause sitze und schreibe, findet man mich höchstwahrscheinlich mit meinen drei Kindern am Strand. Die Natur, die Kultur und insbesondere die Menschen sorgen dafür, dass sich in unseren Alltag immer wieder ein bisschen Magie einschleicht. Diese besondere irische Alltagsmagie versuche ich in meinen Texten in Worte zu fassen.

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