Irische Musik

Carrickfergus Song – seine Geschichte

Carrickfergus Castle
Heike Fries
Written by Heike Fries

Carrickfergus ist der Name einer Stadt im Norden Irlands. Und in der gleichnamigen irischen Ballade ist es ein Sehnsuchtsort. Wehmütig erzählt der Song vom schmerzhaften Zurücklassen der geliebten irischen Heimat und der großen Liebe. Und von der Unmöglichkeit, das Meer zu überqueren und beides wieder zu sehen.

Viele Menschen mussten im Laufe der Geschichte Irland verlassen. Vor allem die große Hungersnot trieb viele Iren in die Diaspora. Deshalb gibt es unzählige solcher Heimweh-Songs. Vor allem bei irischstämmigen Amerikanern erfreuen sie sich großer Beliebtheit.

Und Carrickfergus ist ein wunderbarer Song um gedankenverloren an der Bar über die Vergangenheit und die verlorene Heimat zu sinnieren – egal ob in New York, Melbourne oder anderswo. In jedem Fall ist die Liebe weit und die Sehnsucht nach Irland und den Lieben groß.

Bittersüße Nostalgie – mit fliegendem Besetzungswechsel

Der Song hat eine wunderschöne Melodie und verzaubert mit seiner melancholischen und typisch irischen Stimmung. Auf den ersten Blick ist Carrickfergus also eine klassische irische Ballade – nostalgisch und erzählerisch. Doch auf den zweiten Blick fallen Ungereimtheiten auf. Irgendwie passen die drei Strophen nicht zueinander:

Die erste Strophe erzählt in einfachen Worten von der Sehnsucht nach Carrickfergus:

I wish I was in Carrickfergus
Only for nights in Ballygrand
I would swim over the deepest ocean
Only for nights in Ballygrand
But the sea is wide and I cannot swim over
And neither have I the wings to fly
I wish I had a handsome boatsman
To ferry me over my love and I
Der zweite Vers kommt mit wesentlich poetischeren Zeilen daher. Aber immerhin geht es dabei noch um die gleiche irische Stadt:
My childhood days bring back sad reflections
Of happy times there spent so long ago
My boyhood friends and my own relations
Have all past on now with the melting snow
So I’ll spend my days in this endless roving
Soft is the grass and shore, my bed is free
Oh to be home now in carrickfergus
On the long rode down to the salty sea

Aber die dritte Strophe wirft Fragen auf: Warum sind wir plötzlich in Kilkenny? Und warum ist der Erzähler auf einmal ein alter Haudegen, der dem Alkohol zugetan ist und sich auf sein Ableben vorbereitet? Er behauptet sogar, dass er keinen Ton mehr singen wird, wenn er nicht sofort einen Drink bekommt:

Now in Kilkenny it is reported
On marble stone there as black as ink
With gold and silver I would support her
But I’ll sing no more now til I get a drink
Cause I’m drunk today and I’m seldom sober
A handsome rover from town to town
Ah but I’m sick now my days are number
Come all me young men and lay me down
Come all me young men and lay me down.

Von Carrickfergus ist überhaupt keine Rede mehr. Und wir sind urplötzlich in einem waschechten irischen Trinklied gelandet. Sehr seltsam. Was ist da passiert?

Der Schauspieler und sein Lieblingssong

Vielleicht hilft ein Blick auf die Entstehungsgeschichte des Songs? Denn auch diese ist mehr als ungewöhnlich. Und die genaue Herkunft von Carrickfergus ist ebenso voller Ungereimtheiten, wie der Song selbst. Eins aber ist sicher: Der Schauspieler Peter O´Toole hat entscheidend zur Popularität des Liedes beigetragen. Er stellte es dem Musiker Dominic Behan als eines der schönsten und berührenden ganz Irlands vor.

Woher der Schauspieler das Lied kannte, sagte er jedoch nicht. Vielleicht hat er es selbst in seiner Kindheit gehört. Dominic Behan hat es jedenfalls so begeistert, dass er den Song mitsamt überliefertem Text und Melodie ihn Jahr 1965 aufnahm. Behan erzählte später, dass er die erste und dritte Strophe von O‘Toole bekam und die zweite Strophe selber geschrieben habe.

Es gab allerdings auch Gerüchte, Behan hätte den kompletten Song selbst geschrieben und sich einfach eine gute Geschichte ausgedacht, um Carrickfergus als traditionellen Folk-Song auszugeben. Aber das erklärt nicht die unterschiedlichen Strophen, die einfach nicht so recht zusammenpassen wollen. Plausibler erscheint tatsächlich, dass Behan lediglich die zweite Strophe selbst geschrieben hat – und Peter O‘Toole den Song tatsächlich kannte.

Der Song und sein Ursprung: Die Geschichte vor der Geschichte

Denn es gibt Hinweise, dass Carrickfergus wirklich alt ist. Peter O‘Toole hat die Zeilen und die dazugehörige Melodie wohl tatsächlich irgendwo aufgeschnappt. Vermutlich stammt die Melodie aus dem 17. oder 18. Jahrhundert. Sie soll auf den irischsprachigen Song Do bhí bean uasal vom 1756 gestorbenen Dichter Cathal Buí Mac Giolla Ghunna zurückgehen.

In einem Liederbuch aus dem 19. Jahrhundert findet sich eine Version, deren Text jedoch von einem Mann erzählt, der von seiner Ehefrau betrogen wird. Die Melodie stimmt also, aber die Worte sind völlig andere.

Aber woher stammt den nun der Text? Teile davon stammen wahrscheinlich aus dem irischsprachigen Song An Bhean Uasal. Andere Zeilen gleichen den Strophen eines Liedes namens Sweet Maggie Gordon, das 1880 in New York veröffentlicht wurde. Carrickfergus ist also eine wilde Kombination aus drei vollkommen verschiedenen Songs – einem irischsprachigen und einem englischen Text mitsamt der Melodie eines weiteren Songs. Vielleicht haben die irische und englische Sprache damals selbstverständlicher nebeneinander existiert, als bisher gedacht.

Vielleicht haben aber auch Leute in einem Pub ihre Lieblingslieder gemeinsam gesungen und dabei ist diese wundersame Mischung entstanden. Ein schöner Gedanke. Denn irgendwie steht der Song für Vielfalt. Denn er besitzt sowohl Sprachvielfalt als auch Themenvielfalt. Solche musikalischen Mischungen waren vielleicht üblich.

Carrickfergus: Patchwork, das von Herzen kommt

Die genaue Entstehung von Carrickfergus bleibt also geheimnisvoll. Aber dieser widerspenstige Song zieht trotz aller Ungereimtheiten Menschen in seinen Bann – und lässt nostalgische Gefühle aufkommen. Wohl deshalb haben zahlreiche Musiker großartige Versionen davon aufgenommen: Am bekanntesten ist sicherlich die Versionen von den Dubliners aber auch die Clancy Brothers oder Loudon Wainwright III haben sich Carrickfergus zu eigen gemacht. Und sogar die deutsche Techno-Band Scooter konnte sich dem Zauber des Songs nicht entziehen und hat ihn auf ihre ganz eigene Weise interpretiert.

Der Song The Water is wide scheint ebenfalls eine Variante von Carrickfergus zu sein. Diese Version wurde unter anderem von Bob Dylan und Bryan Ferry aufgenommen.

Fest steht also: Wie auch immer der Song in die Welt kam, er berührt. Und er sprach und spricht vor allem irischen Auswanderern aus der Seele – ganz gleich, ob sie in Washington, Melbourne oder in München diesen Song mitsingen. Sie alle kennen das Gefühl, das er vermittelt.

Aber er begeistert auch alle, die gute irische Balladen lieben. Dabei ist es letztlich egal, ob er aus einem Guss ist oder einfach eine Kombination verschiedener Texte. Carrickfergus trifft in jedem Fall ins Herz – und das auf wunderbar irische Weise.

Über den Autor

Heike Fries

Heike Fries

Irland ist eine Herzensangelegenheit für mich und neben der irischen Musik hat es mir vor allem der irische Sagenzyklus angetan.

Ich habe Irland schon als Schülerin mehrmals besucht. Damals hatte ich das Glück, die ganze Insel über mehrere Wochen kennenzulernen. Das blieb natürlich nicht ohne Folgen: Es ist bis heute mein Lieblingsland.

Ich bin Autorin und Künstlerin und irische Motive schmuggeln sich auch immer wieder in meine Zeichnungen. In meiner Freizeit spiele und singe ich in einer Band. Wir sind zwar keine richtige Folkband, haben aber den ein oder anderen irischen Song im Programm. Ich spiele außerdem ein wenig Bodhrán. Da ich nicht genug übe, bin ich nicht besonders gut – aber ich bin mit Begeisterung dabei.

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