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Samuel Beckett – wartet auf Godot

Samuel Beckett
Monika Dockter
Written by Monika Dockter

Samuel Beckett ist einer der bekanntesten irischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. 1969 gewann er sogar den Nobelpreis für Literatur. Auch in Deutschland ist er kein Unbekannter, und selbst derjenige, dem sein Name nichts sagt, ist sicher schon einmal auf den Begriff „Warten auf Godot“ gestoßen. Und damit gleichzeitig auf den Titel von Becketts bekanntestem Werk, dem Theaterstück „Warten auf Godot“. Wer genau ist nun der Mann, dem die Verleihung des Literaturnobelpreises so unangenehm war, dass er diesen nicht einmal persönlich entgegennahm und den Großteil des Preisgeldes verschenkte?

Samuel Beckett in jungen Jahren

Geboren wurde Samuel Barclay Beckett am 13. April 1906 in Dublin. Seine Eltern waren Bill und May Beckettt, der Vater von hugenottischer Abstammung und damit ursprünglich aus Frankreich. Möglicherweise ist das eine Erklärung für Becketts lebenslange Liebe zu Frankreich.

Als Internatsschüler besuchte Samuel die Portora Royal School in Enniskillen, Nordirland. Seine Mitschüler und Lehrer kannten ihn als scheuen, zurückhaltenden Jungen, aber literarisch begabten Schüler und passablen Sportler. Ab 1923 studierte er am Trinity College in Dublin, gewann 1926 ein Stipendium und graduierte im Jahr 1927. Daraufhin unterrichtete er zwei Jahre lang in Belfast Französisch, zog aber 1928 nach Paris, um dort zu unterrichten.  Hier machte Beckett die Bekanntschaft von bekannten Literaten wie James Joyce, der ihn sehr zum Schreiben ermutigte: Beckett versuchte sich zunächst an englischsprachiger Lyrik und mehreren Essays.

Die Jahre von 1928 bis 1936 verbrachte Beckett in ständigem Wechsel in Dublin, Paris und London. Geplagt von Liebeskummer, gesundheitlichen Problemen und der Unentschlossenheit, ob er nun lieber ernsthaft schreiben oder doch unterrichten sollte, begann er die Arbeit an einem ersten Roman: „Murphy“. Allerdings sollte „Murphy“ erst 1938 veröffentlicht werden, nachdem es von sage und schreibe 42 Verlegern abgelehnt worden war.

Auch existieren zahllose Briefe Becketts aus jenen Jahren der Unentschlossenheit. Auf hohem literarischem Niveau zeichnen sie ein Porträt eines jungen Künstlers mit noch unklarem, undefiniertem Ziel. „Weitermachen ist mehr, als ich tun kann“ lautet bezeichnenderweise der Titel der Briefesammlung aus den Jahren 1929 – 1940.

Erste Erfolge von Samuel Beckett

Im Jahr 1936 unternahm Samuel Beckett eine Deutschlandreise, von der er mit einer lebenslangen Abscheu vor dem Faschismus zurückkehrte, ehe er sich 1937 endgültig in Paris niederließ. Letztendlich war es eine Frau, die den Ausschlag dafür gab: die Pianistin Suzanne Deschevaux-Dumesnil. Auch wenn Samuel und Suzanne erst 1961 heirateten, hielt ihre Liebe bis zu Suzannes Tod im Jahr 1989.

Etwa in dieselbe Zeit wie der Beginn dieser Beziehung fiel die Veröffentlichung von „Murphy“, den Beckett nun selbst ins Französische übersetzte. Noch während er damit beschäftigt war, begann der zweite Weltkrieg. Die Kriegsjahre verbrachten Samuel und Suzanne zunächst in der „Resistance“, und nachdem die Pariser Widerstandszelle aufgeflogen war, im Untergrund im Süden Frankreichs. Sobald jedoch der Krieg vorüber war, kehrten die beiden nach Paris zurück und Beckett feierte, nun als französischsprachiger Autor, seine ersten Erfolge. Von 1946 bis 1948 vollendete er drei weitere Romane und ein Theaterstück mit dem Titel „En attendant Godot“. Zur Aufführung gelangte „Warten auf Godot“ allerdings erst am 3. Januar 1953 in Paris.

Der Durchbruch

Das Theaterstück wurde ein Riesenerfolg – und Beckett quasi über Nacht berühmt. Denn auch in Deutschland, London und New York wurde „Warten auf Godot“ zum Hit. Der „Dramatiker des Absurden (Theaters)“ war geboren! Endlich war Beckett seine finanziellen Sorgen los. Er verbrachte die nächsten Jahre mit dem Schreiben weiterer Theaterstücke und Romane sowie Hörspielen und Stücken für Film und Fernsehen.

Im Jahr 1969 dann erhielt er, wie bereits erwähnt, den Nobelpreis für Literatur – auch wenn er selbst der Ansicht war, ein Autor wie James Joyce hätte diesen viel eher verdient.

Wiederum zwanzig Jahre später, 1989, erschien mit der Gedichtsammlung  „Wie soll man sagen“ sein letztes Werk. Samuel Beckett starb am 22. Dezember 1989 und damit nur ein halbes Jahr nach seiner Frau Suzanne. Geblieben ist sein Ruhm als Meister des absurden Theaters, der hauptsächlich auf „Warten auf Godot“ beruht.

Warten auf Godot – Das Stück, das ihn zum Star machte

Erster Akt

Nach einem sinnvollen, durchgehenden Handlungsstrang sucht man in diesem Zweiakter vergeblich. Dasselbe gilt für eindrucksvolle oder auch nur abwechslungsreiche Bühnenbilder. Im Grunde besteht das Stück nämlich nur aus den Dialogen der Protagonisten, die irgendwo an einer Landstraße auf einen Unbekannten namens „Godot“ warten. Aus welchem Grund sie auf ihn warten – oder wer der geheimnisvolle „Godot“ überhaupt ist – wird nicht ersichtlich.

Im ersten Akt begegnen sich zwei Landstreicher unter einem Baum am Straßenrand. „Estragon“ und „Wladimir“ unterhalten sich über alles Mögliche, diskutieren unter anderem darüber, sich an dem Baum hinter ihnen aufzuhängen, dann wieder beschließen sie, einfach weiter zu gehen. Doch jedes Mal, wenn einer von ihnen diese Idee äußert, erinnert der andere ihn daran, dass sie hier warten müssen, bis Godot kommt. Irgendwann gesellen sich zwei weitere Männer zu ihnen: Pozzo und sein Diener Lucky. Pozzo treibt den mit allerhand Möbeln und Hausrat beladenen Lucky an einem Strick vor sich her. Er selbst lässt sich zu einer üppigen Mahlzeit unter dem Baum nieder und zwingt seinen Diener dazu, laut zu denken und zu tanzen, um die anderen Männer zu unterhalten. Wladimir regt sich darüber auf und will gehen, doch auch Pozzo erinnert ihn daran, dass er das nicht kann: er muss warten, bis Godot kommt.

Nachdem Pozzo und Lucky schließlich von der Bühne verschwinden, erscheint ein Botenjunge mit einer Nachricht: Godot werde heute nicht mehr kommen, aber sicherlich am folgenden Tag. Auch diese Nachricht gibt keinerlei Aufschluss über Sinn und Zweck ihres Wartens, aber jedenfalls ziehen Wladimir und Estragon endlich weiter.

Zweiter Akt

Am nächsten Tag treffen sich die beiden Landstreicher wieder an derselben Stelle. Alles ist wie gehabt, nur dass der Baum nun Blätter trägt und Estragon sich an ihre gestrige Begegnung nicht mehr erinnern kann. Die beiden diskutieren, streiten und versöhnen sich wieder und – warten auf Godot.

Irgendwann tauchen auch Pozzo und Lucky wieder auf. Allerdings ist Pozzo mittlerweile blind und Lucky stumm und keiner der beiden erinnert sich an die Ereignisse des vergangenen Tages. Und wiederum verschwinden die beiden, ehe der Botenjunge mit derselben Nachricht wie am Vortag erscheint.

Godot werde heute nicht mehr kommen, mit Sicherheit aber morgen. Daraufhin erwägen Estragon und Wladimir erneut, sich am Baum aufzuhängen, doch leider fehlt ihnen der passende Strick. Sie beschließen, diesen am nächsten Tag mitzubringen und das Warten für heute zu beenden, doch keiner der beiden rührt sich von der Stelle…

So endet das Stück ohne jegliche Handlung und ohne konkrete, erkennbare Angaben zu Personen, Ort oder Zeit. Begeisterte Zuschauer lobten Becketts geniale Darstellung der Sinnlosigkeit und Absurdität der menschlichen Existenz. Der Ausdruck „Warten auf Godot“ aber wurde zum Synonym für langes, sinnloses, vergebliches Warten.

Auf Samuel Becketts Spuren

Samuel Beckett Bridge Dublin

Die Samuel Beckett Brücke in Dublin; © Tourism Ireland

In seinem Heimatland Irland ist der große Schriftsteller bis heute in verschiedenen Formen präsent. Zum Beispiel beherbergt das Dublin Writers Museum nicht nur Schriftstücke von ihm, sondern auch ein – speziell für ihn designtes – Telefon. 1994 wurde zu seinem Gedenken eine Briefmarke gedruckt und 2006, also hundert Jahre nach seiner Geburt, zwei Gedenkmünzen. Im Dezember 2009 wurde in Dublin außerdem die Samuel Beckett Bridge geöffnet: Eindrucksvoll überspannt die moderne Schrägseilbrücke heute die Liffey und hält Becketts Name lebendig.

Und last, but not least, ehrt auch die nordirische Stadt Enniskillen, wo Beckett unterrichtete, ihren berühmten einstigen Bürger. Vom 22. bis zum 30. Juli 2019 feiert die Stadt das „Happy Days Enniskillen International Beckett Festival”. Hier finden Sie genauere Informationen über das Festivalprogramm und seine unterschiedlichen Darbietungen.

 

Möchten auch Sie das alljährliche stattfindende Fest besuchen oder die Samuel-Beckett-Bridge einmal mit eigenen Augen sehen? Dann warten Sie nicht länger – das Team von gruene-Insel.de ist gerne für Sie da…

Über den Autor

Monika Dockter

Monika Dockter

Als Schriftstellerin bedeutet Irland für mich Inspiration in ihrer schönsten Form. Ich finde diese Inspiration in den Worten begnadeter irischer „Storyteller“, zwischen den verschlungenen Wurzeln einer uralten Eiche und auf der Brücke über einen Bach, dessen Wasser vom Torf so braun ist wie der Ginster am Ufer gelb…
Für die gruene-Insel.de zu schreiben betrachte ich als einmalige Gelegenheit, etwas von der für mich so faszinierenden Atmosphäre dieses Landes weiterzugeben – und zwar an eingefleischte Irlandfans ebenso wie an solche, die genau das einmal werden wollen.

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