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Grace O’Malley – Die berüchtigte Frau aus der Grafschaft Mayo

Neil Saad
Written by Neil Saad

In der Grafschaft Mayo an der irischen Westküste ist das Meer allgegenwärtig. Der wilde Atlantik beeinflusst seit Jahrhunderten das Leben der einheimischen Iren. Im Mittelalter hing das Leben der Menschen stark vom Meer ab. Dabei diente die See als Nahrungsquelle und Fischerboote und Handelschiffe kreuzten vor der schroffen irischen Küste. Im 16. Jahrhundert lebte Grace O’Malley, als Granuaile bekannt, an dieser Westküste. Ihr Leben war ebenfalls von der See bestimmt. Als Tochter eines Clan-Oberhaupts und als selbstbewusste, starke Frau machte sie das Beste aus dem Leben von der See. Dabei stieg sie bis zur Clan-Führerin auf, war eine erfahrene Seefahrerin, Händlerin und gilt heute als Piratenkönigin. Deshalb ist Grace O’Malley eine der imposantesten, weiblichen Persönlichkeiten der irischen Geschichte.

Grace O’Malley: Eine Piratenkönigin?

Die gängige Literatur weist Grace O’Malley als die irische Piratenkönigin aus. Fakt ist, dass die abenteuerlustige Frau mit ihren Schiffen Überfälle auf Siedlungen und andere Schiffe beging. Dennoch hat sie mit dem romantisierten Bild der wilden Freibeuterin wenig gemein. Vielmehr war sie ein klassisches Abbild ihrer Zeit. Einer Zeit, in der Überfälle auf Nachbarn und der Kampf um Einfluss zum Alltag gehörten. Allerdings war es untypisch, dass eine Frau im Mittelpunkt dieser Aktivitäten stand.

Irland im 16. Jahrhundert war ein Flickenteppich aus alten Klein-Königreichen. Clans herrschten über ihr kleines Territorium. Dabei standen sie mit ihren Nachbarn stets im Wechsel zwischen Partnerschaft und Krieg. Es ging um Machteinfluss, Land und Viehbesitz. Gleichzeitig herrschte an der Ostküste Irlands formell die englische Krone über Dublin und das Umland, dem Pale. Viel weiter hatten die englischen Könige ihren Einfluss auf die Iren nicht ausweiten können. Dies änderte sich in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts.

So geriet das Land der O’Malleys und deren Nachbarn in Mayo in den Blick der Engländer unter Königin Elisabeth I. England unterdrückte die alten, irischen Lebensweisen und Gesetze bei dem Versuch, den irischen Clans die eigenen Regeln und Macht aufzuzwingen. Dieser Machtkampf bestimmte das Leben von Grace O’Malley entscheidend.

Grace O'Malley Clare Island

Hafen von Clare Island, Heimat von Grace O’Malley. (Foto: Yvonne Treptow-Saad)

Der Aufstieg der Grace O’Malley

Grace O’Malley wurde um das Jahr 1530 als Tochter des Clan-Oberhaupts der O’Malleys geboren. Der Clan hatte seine Heimat an der Clew Bay im heutigen County Mayo. Ihre ersten Jahre verbrachte sie auf der Insel Clare Island an der Mündung der Bucht von Clew Bay. Der Legende nach war sie früh an der Seefahrerei des Vaters interessiert. Deshalb schnitt sie sich angeblich kurzerhand die Haare ab, um ihren Vater auf einer Handelsreise nach Spanien zu begleiten. Dies wollte ihr die Eltern mit dem Hinweis auf ihre langen Haare und die Gefahr, damit an Bord hängen zu bleiben, verweigern. Daher leitet sich ihr Spitzname Granuaile (frei übersetzt: die Geschorene) ab.

Mit circa sechzehn Jahren heiratete Granuaile 1546 erstmals. Sie zog nach Connemara auf die Länder ihres einflussreichen Mannes aus dem Clan der O’Flahertys. Aus der Ehe mit Donal O’Flaherty gingen drei Kinder hervor. Während dieser Zeit gewann die selbstbewusste Grace O’Malley die Zuneigung und Treue des Clans. Der Überlieferung folgend führte sie den Clan zeitweise ebenso an wie es ihrem Mann zustand. Ein Umstand, den die Eheleute oft hitzig diskutierten.

Schließlich starb Donal O’Flaherty 1564 im Kampf mit einem Nachbarn. Grace rächte sich furchtbar an diesem und plünderte dessen Hauptsitz am Lough Corrib. Letztendlich kehrte die Witwe Granuaile an die Clew Bay zurück. Mit ihren eigenen Schiffen und mit einer großen Gefolgschaft begann Sie, die Küste von Mayo zu kontrollieren. Unbewachte Schiffe auf Durchfahrt fielen ihr dabei zum Opfer. Weite Handelsfahrten brachten Sie bis nach Südeuropa. Grace O’Malley, die Seefahrerin war geboren.

Grace O'Malley Clan Wappen

Coat of Arms: Wappen des Clans der O’Malleys. (Foto: Yvonne Treptow-Saad)

Im Konflikt mit England

Grace O’Malley, jetzt anerkannte Anführerin ihres Clans und eine einflussreiche Lokalgröße, heiratet ein zweites Mal. 1576 vermählte sie sich mit Richard O’Burke vom benachbarten Clan der O’Burkes. Die Folklore berichtet, O’Malley habe ihren Mann nach Ablauf des ersten Ehejahres vor die Tür seiner eigenen Burg gesetzt. Mit den schlichten Worten „Ich verlasse dich“ beendete sie die Ehe. Ob diese Geschichte stimmt, ist strittig. In der Folge blieben Granuaile und Richard O’Burke in jedem Fall enge Verbündete.

Zudem brachte die Partnerschaft einen gemeinsamen Sohn hervor. Diesen gebar Granuaile an Bord ihres Schiffes. Der Geschichte nach überfielen am nächsten Morgen Piraten das Schiff. Grace, von der Geburt geschwächt, griff nichtsdestotrotz zum Schwert und kämpfte an der Seite ihrer Seeleute.

Zu dieser Zeit wuchs in Irland die Macht Englands an. Hierbei drang Elisabeth I. stärker als je zuvor in Irlands Westen vor. Die Clans sollten die Vorherrschaft Englands über die Grüne Insel anerkennen und im Gegenzug ihr Land zurück und zusätzlich einen englischen Titel erhalten. Während einige Iren dem Angebot folgten, kämpften andere wiederum erbittert dagegen an. Grace O’Malley fand sich in dieser Gemengelage wieder. Ihre alte Kultur stand am Rande der Verdrängung. Gleichzeitig trachteten alte Nachbarn und neue Emporkömmlinge, protegiert von den Engländern, nach ihrem Land. In den Turbulenzen dieses Konflikts geriet Granuaile 1567 in englische Gefangenschaft. Drei Jahre verbrachte sie in den düsteren Gefängnissen von Limerick und Dublin Castle.

Grace O'Malley Burrishoole Rockfleet Castle

Das Rockfleet Castle in Burrishoole. Heimstätte von Grace und Richard O’Bourke. (Foto: Yvonne Treptow-Saad)

Granuaile und Elisabeth I., Königin von England

Nach dem Ende ihrer Gefangenschaft kehrte Grace O’Malley zurück nach Mayo. Mit ihrem Mann/Partner Richard O’Burke, der zwischenzeitlich zum größten, regionalen Herrscher aufstieg, lebte sie am Lough Mask. Jedoch starb Richard O’Burke 1583. Die neuerliche Witwe Granuaile sicherte sich ihren Erbanteil und kehrte zurück an die Clew Bay. Derart potent ausgestattet war die mittlerweile gealterte Grace ausreichend selbstbewusst, neuerlich die Clan-Geschäfte alleine zu übernehmen.

Währenddessen ernannte Elisabeth I. 1584 einen Sir Richard Bingham zum Statthalter in der Provinz Connacht. Dieser machte in Grace O’Malley die Ursache allen Übels aus. Bingham führte schwere Geschütze gegen ihre traditionelle Herrschaft über die Ländereien an der Clew Bay ins Feld. Er überging die traditionelle Nachfolgeregelungen und brachte eigene Leute in wichtige Positionen. Eine mehrjährige, blutige Rebellion der Clans in Connacht war die Folge. Zudem konfiszierte Bingham die Ländereien von Granuaile und tötete ihren Sohn Owen.

O’Malley, vom Kampf gezeichnet und besitzlos, sah sich von ihrem Widersacher in die Ecke getrieben. In der größten Not wandte sie sich an die englische Königin selbst. Sie beklagte sich bei Elisabeth I. schriftlich über die brutale Behandlung durch Bingham und besuchte 1595 die Königin gar in London. Die irische Clan-Frau, berüchtigt zur See und zu Land, traf die Königin von England. Ein historisches Ereignis mit Erfolg für Grace O’Malley. Elisabeth I. gewährte ihr Pardon und wies ihren Statthalter in die Schranken.

Grace O'Malley Museum Königin Elizabeth

Darstellung des Treffen von Granuaile und Königin Elizabeth I. von England im Museum von Louisburgh. (Foto: Yvonne Treptow-Saad)

Rundreise durch die Heimat von Grace O’Malley

Nach ihrem Besuch bei der englischen Königin kehrte Grace O’Malley nach Mayo zurück. Sie lebte bis circa 1603. Dadurch erlebte sie das Ende der traditionellen irischen Kultur, welches die berühmte Flucht der Grafen (Flight of the Earls) 1607 besiegelte, nicht mehr mit.

Das beeindruckende Leben von Grace O’Malley hat bis heute Spuren hinterlassen. Um die Clew Bay sind verschiedene Orte aus dem Leben von Granuaile zu besichtigen. Dazu zählen das Kildavnet Castle auf Achill Island, der Stammsitz ihres Clans auf Clare Island oder das Rockfleet Castle in Burrishoole.

In Louisburgh, in Sichtweite von Clare Island, befindet sich das Grace O’Malley Museum. Eine interessante Ausstellung über das Leben der Granuaile. Ebenfalls lohnt für Reisende ein Trip nach Westport. Das Westport House gehört einer Linie von Nachfahren der berüchtigten Grace. Eine imposante Statue und eine weitere Ausstellung erinnern an das berühmte Familienmitglied.

Über den Autor

Neil Saad

Neil Saad

Nach Irland zieht es mich regelmäßig mehrmals im Jahr und zu jeder Jahreszeit. Besonders das Wandern in Irland hat es mir angetan und alleine oder mit meiner Familie erkunde ich zu Fuß die Gebirge und Wanderwege der grünen Insel. Aber auch auf klassischen Road Trips liebe ich es, Irland immer wieder neu zu entdecken. Dabei bevorzuge ich das Prinzip des Slow Travel, denn gerade in Irland ist weniger ganz oft so viel mehr. Mit der Liebe zur grünen Insel kam auch der Wunsch, über Land und Leute zu schreiben und möglichst viele Menschen daran teilhaben zu lassen.

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