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Bunratty Castle – auf den Spuren der Vergangenheit

bunratty castle
Daniela Kluetsch
Written by Daniela Kluetsch

Im Bunratty Castle und Folk Park kann man gut und gerne einen ganzen Tag verbringen. Schon als Kind war ich hier einige Male zu Besuch und konnte damals noch nicht wissen, dass es sich um ein Freilichtmuseum handelt. Die Häuser sahen für mich genauso aus wie im Rest Irlands. Für mich also kein Unterschied. Auch wenn ich es heute als Erwachsene besser weiß, kann ich mich immer noch darauf einlassen, zurück in Irlands Vergangenheit zu reisen. Besonders der Folk Park wirkt wie ein echtes irisches Dorf, nur eben vor 100 Jahren. Wer noch mehr Zeit für den Abend mitbringt, sollte sich das Bankett nicht entgehen lassen. Authentischer kann man das Leben im Mittelalter kaum erleben.

Geschichte und Entwicklung

Vikinger und Normannen

Die Geschichte des Bunratty Castle liest sich wie eine Geschichte der Zerstörung und des Wiederaufbaus. Insgesamt zweimal wurde das Schloss zerstört, verfiel einmal und wurde jedes Mal von wechselnden Eigentümern wieder aufgebaut. Das Gelände, auf dem das Schloss heute steht, wurde weitaus früher besiedelt. Im Jahr 970 nutzten es die Wikinger als Umschlagplatz für ihren Handel. Knapp 300 Jahre später, im Jahr 1250, ließ der Normanne Robert De Muscegro eine Holzfestung zur Verteidigung errichten, welche später von seinem Nachfolger Thomas De Clare durch eine steinerne Burg ersetzt wurde. Von da an wuchs Bunratty zu einer Stadt mit über 1000 Bewohnern an. In den folgenden 200 Jahren wurde die Festung im Kampf zwischen Iren und Engländern zweimal zerstört und wieder aufgebaut. 1425 wurde das Schloss vollständig durch die MacNamaras wiederhergestellt und 1475 von dem größten Clan Nord Münsters, den O’Briens, eingenommen.

Stammsitz der O`Briens

In den folgenden 200 Jahren wurde Bunratty zum Stammsitz der O’Briens. Sie bauten das Schloss vollständig wieder auf und erweiterten es durch einen prächtigen und weitläufigen Garten. 1690 wurde den O’Briens der Titel “Earls of Thomond” verliehen, womit sie dem britischen König die Treue erklärten und Bunratty Castle zu Gunsten der britischen Krone abgaben. Diese wiederum verteilte das Land nach und nach an verschiedene Plantagenfamilien, wovon die letzte von ihnen 1804 das Schloss verließ. Sie residierte fortan in dem für damalige Verhältnisse weitaus moderneren Bunratty House, welches man heute ebenfalls im Folk Park besichtigen kann. Von da an verfiel das Schloss vollständig und wurde erst 1954 von Lord Gort erworben. Zusammen mit der irischen Regierung wurde es authentisch restauriert und 1962 der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Das Bunratty Castle heute

Heute kann man Bunratty Castle auf eigene Faust oder im Rahmen einer Führung erkunden. Die drei Ebenen des Schlosses erreicht man über eine steile Treppe, welche die damaligen Verhältnisse und Größen der Bewohner erahnen lässt. Ich sage nur: Kopf einziehen! Auch die Räume sind eher klein und mit Möbeln aus dem späten Mittelalter und der frühen Renaissance ausgestattet. Der Weg bis ganz nach oben lohnt sich: Vom Dach des Schlosses aus hat man einen weiten Blick über den Park und den River Ratty, an klaren Tagen auch bis ins Hinterland der Grafschaft Clare. In der massiven Festung fühle ich mich in die Zeiten von Burgfräulein und Rittern zurückversetzt. Hier und da kann man durch kleine Aussparungen im Gemäuer, die heute Fenster sind, nach draußen spähen und den sich nähernden Feind beobachten. Im Sommer ist es hier schön kühl, im Herbst oder an regnerischen Tagen eher kalt und klamm. Ein Glück dass es damals in jedem Raum eine offene Feuerstelle gab. Ich ziehe dafür meine Regenjacke etwas fester zu und die Mütze ins Gesicht.

Bunratty Folk Park

Das Freilichtmuseum

Wie lebten die Menschen auf dem Land in Irland vor über 100 Jahren? Das frage ich mich oft, wenn ich durch Irland reise und die zerfallenen Steinhäuser in den kargen Gegenden betrachte. Im Bunratty Folk Park komme ich der Antwort auf die Spur. Auf einem Gelände von über 30 Hektar kann man als Besucher das Freilichtmuseum als eine Art “lebendiges Dorf” des 19. Jahrhunderts live erleben. Insgesamt 30 Gebäude vom einfachen Cottage bis zum edlen georgianischen Herrenhaus lassen die Vergangenheit wieder aufleben. Einige der Cottages wurden sogar auf ihrem Original Grundstück abgebaut und hier im Folk Park wieder neu errichtet wie das Shannon Farmhouse, das ursprünglich auf dem jetzigen Shannon Flughafengelände stand. Von der historischen Dorfstraße gelangt man zu verschiedenen Farmhäusern, einer Schmiede, einer Töpferei und sogar einer Windmühle. Ein Blick in die zum größten Teil frei zugänglichen Gebäude gibt mir ein Gefühl dafür, wie sich das Leben im Detail vor über 100 Jahren angefühlt haben muss.

Loop Head Farmhouse

Da ist zum Beispiel das einfache Cottage, in dem sich die Bauernfamilie den Wohnraum noch mit dem Vieh geteilt und über dem offenen Feuer gekocht hat. Ich komme nicht umhin, mir vorzustellen, wie das damals “gestunken” haben muss. Aber dies war wohl die geringste Sorge der Bauern: Besonders an regnerischen Tagen merkt man hier im Park, wie lausig kalt es in den Cottages damals gewesen sein muss. Da ist man damals wie heute froh über etwas Torf im Ofen und eine heiße Kanne Wasser. Im “Loop Head Farmhouse” wird außerdem wie damals auf traditionelle Art Brot gebacken, welches man probieren kann. Die meisten Häuser von anno dazumal sind “belebt”. In der Töpferei beispielsweise kann man das Entstehen des kunstvollen Handwerks bestaunen oder im Tea Room frisch gebackenen Apple Pie kosten.

Das Dorfpub

Auch ein Blick in die Geschäfte – wie das des Pfandleihers, das Postbüro oder das Haus des Arztes – verdeutlichen, wie anders und vor allem einfach das Leben im 19. Jahrhundert war. Was in einem irischen Dorf natürlich nicht fehlen darf, ist eine Kirche und ein Pub. Der Dorfpub “MacNamara and Sons” lädt zu einer Pause bei irischem Bier und Barfood ein. Hier und da begegne ich immer mal wieder einem Dorfbewohner, traditionell wie damals gekleidet versteht sich. Dies wirkt keineswegs gekünstelt, sondern – wie alles hier im Dorf des 19. Jahrhunderts – rustikal, entschleunigt und authentisch.

Ein Spaziergang durch den Folk Park ist auch wie ein Spaziergang durch die verschiedenen Stände Irlands. Da ist das “Bothan Scóir Farmhouse”, eine Art Einzimmerhaus eines armen Landlosen, neben dem “Golden Vale Farmhouse”, ein eher wohlhabendes Bauernhaus mit Stallungen und Scheune, wie man es aus den Grafschaften Limerick und Tipperary kennt. Was mich besonders beeindruckt, ist, dass ich einen Großteil der Häuser bereits “real” in Irland gesehen habe und immer wieder entdecke. Daher ist der Bunratty Folk Park für mich auch kein klassisches Museum, sondern vielmehr ein Ort, der die Vergangenheit mit der Gegenwart an einem Ort kompakt verbindet.

bunratty folk park

© Tourism Ireland

Walled Garden bei Bunratty House

Besonders schön ist der “Walled Garden” direkt neben Bunratty House. Nachdem die britische Plantagenfamilie Studdart 1804 das Schloss verließ, um komfortabler im modernen Bunratty House zu wohnen, ließen sie auf dem 2.000 Quadratmeter großen Gelände einen weitläufigen Garten errichten. Er diente vor allem zur Versorgung der Familie als Gemüse- und Küchengarten.

Mittelalterliches Bankett

Ein besonderes Highlight, welches man in Bunratty erleben kann, ist das mittelalterliche Bankett. Seit der Neueröffnung des Schlosses wird es im großen Festsaal regelmäßig veranstaltet. Dort begegne ich ihnen wieder, den Burgfräulein und Schlossherren, den Musikern und Gauklern. Ich werde selbst Teil dieser Szenerie und tauche ab in das 15. Jahrhundert anno dazumal in Irland. Schon zur Begrüßung wird es feucht fröhlich: Es wird Honigwein gereicht. Hier kann ich aus eigener Erfahrung zu mäßigem Konsum raten, denn der Wein hat es in sich. Aber keine Sorge, wenn man doch nicht widerstehen kann und gleich zwei oder drei Gläser kosten “muss”. Im Laufe des Abends wird ein deftiges Menü aus mehreren Gängen serviert. Da kommen zum Beispiel saftige Spareribs in Honig-Whisky-Sauce auf den Tisch, sowie frisches Gartengemüse und junge Kartoffeln. Das gleicht den Alkoholpegel wieder aus. Gegessen wird selbstverständlich ohne Besteck nur mit den Händen und einer Holzschale. Und immer wieder wird Honigwein gereicht. Begleitet wird das kulinarische Menü von klassischer Harfen- und Violinmusik und traditionellem Gesang.

Lage, Öffnungszeiten & Preis

  • Das Schloss ist täglich von 9 bis 17 Uhr geöffnet. Letzter Einlass ist um 16 Uhr.
  • Das Bankett findet von April bis Oktober meist in zwei Sitzungen statt.
  • Erwachsene: 15 EUR
  • Kinder: 9 EUR
  • Familienticket (2 Erw. + 2 Kinder): 33,60 EUR
  • Familienticket (2 Erw. + 6 Kinder): 38 EUR
  • Die genauen Uhrzeiten für das Bankett sowie die aktuellen Preise kann man auf der Website unter “Book Tickets” erfahren.
  • Reservierungen telefonisch unter: 00353 (0) 61 – 711222
  • reservations@shannonheritage.com

https://www.bunrattycastle.ie

Über den Autor

Daniela Kluetsch

Daniela Kluetsch

In meiner Kindheit habe ich nahezu jeden Sommer in Irland verbracht. Seither fühle ich mich eng mit der Grünen Insel verbunden und entdecke sich immer wieder neu. Heute liebe ich es dort in der rauen Natur zu wandern, im Atlantik zu surfen oder einfach nur über Märkte zu schlendern und in gemütlichen Cafés zu entspannen. Wenn ich über Irland schreibe, spricht die Liebe zu einem einzigartig ursprünglichen Land aus meinem Herzen.

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