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Es war einmal – Die irischen Geschichtenerzähler

irischen Geschichtenerzähler
Monika Dockter
Written by Monika Dockter

Es war einmal …

Menschen auf der ganzen Welt verknüpfen nostalgische Erinnerungen mit diesen drei Worten. Auch ich gehöre zu diesen Menschen. Gemütlich in unser Bett oder den Schoß eines Erwachsenen gekuschelt lauschten wir, welche Geschichte ihnen folgen würde. In welche unbekannte und gerade deshalb so interessante Welt unsere Eltern uns mit ihrem verheißungsvollen “Es war einmal” entführen würden. Heute, im Zeitalter der digitalen Medien, scheint diese Vorstellung überholt. Die Stimme des Erzählers kommt aus dem Kopfhörer und der einzige „Berührungspunkt“ mit ihm besteht im Wischen über den Bildschirm. Selbst vorgelesen oder gar frei erzählt werden Geschichten immer seltener, so scheint es. Nicht so in Irland!

In Irland ist die Kunst des Erzählens Tradition: Eine über die Jahrhunderte hinweg bis heute geliebte und von irischen Geschichtenerzählern sorgsam gepflegte Tradition.

Die Tradition des irischen Geschichtenerzählers

Es war einmal ein alter Seanchai…

Seanchai  nannte man den fahrenden Geschichtenerzähler in jenen längst vergangenen Jahren, als die wenigsten Einwohner Irlands lesen und schreiben konnten. Der Seanchai reiste von Ort zu Ort, erzählte in den Häusern seine Geschichten und verdiente sich damit eine warme Mahlzeit und ein Bett für die Nacht. Wenn die Zuhörer auch noch eine Lehre aus seinen Worten ziehen konnten oder Neuigkeiten aus anderen Landesteilen erfuhren, war die Mission des Seanchai erfüllt.

Auch Generationen später, als die Kunst des Lesens bereits in den meisten Häusern Einzug gehalten hatte, trafen sich Nachbarn und Freunde an den langen Winterabenden. Behaglich um den Kamin versammelt lauschten sie den uralten Legenden und Geschichten aus einer Zeit, in der die Welt offensichtlich noch Geheimnisse und Wunder zu bieten hatte.

Viele dieser bis heute überlieferten Legenden haben einen wahren Kern. Sie beziehen sich auf geschichtliche Ereignisse und auf reale Personen. Die Entstehung von Naturwundern und die Invasion der Wikinger finden sich in den Geschichten der Storyteller wieder. Ebenso wie die Einführung des Christentums und die englische Besetzung Irlands. Doch ein Geschichtenerzähler wäre ein denkbar schlechter Vertreter seines Fachs, wenn er es nicht verstünde, die harten Fakten fantasievoll zu erweitern und bildhaft-wortgewaltig auszuschmücken. Und je öfter die Geschichte erzählt wurde, desto detailreicher wurde selbstverständlich auch die Ausschmückung. Auf diese Weise wurde aus einem beliebigen alten König ein heldenhafter Riese oder ein Mann mit magischen Fähigkeiten und aus einer Naturerscheinung wie der des Giants Causeway das Bauwerk eines Riesen. Fasziniert erfreuten sich die Zuhörer an bildschönen Prinzessinnen, mächtigen Königen, hinterhältigen Stiefmüttern, praktisch begabten Heiligen und singenden Harfen …

Die irischen Geschichtenerzähler heute

Heute erfreut sich die Kunst des Storytellings in Irland wieder großer Beliebtheit. Mit „Storytellers of Ireland“ wurde 2003 eine Organisation gegründet, deren Ziel es ist, das mündliche Geschichtenerzählen in Irland zu fördern und weiterzuentwickeln. Darüber hinaus bieten Pubs nicht nur in Dublin und Belfast, sondern übers ganze Land verteilt verschiedene Events, bei denen die alten Geschichten im Vordergrund stehen.

Bei diesen Anlässen verzaubert der moderne Seanchai seine Zuhörer nicht nur mit dem Erzählen selbst, sondern auch musikalisch: Viele der heutigen Storyteller erwecken mit ihrem Gesang alte Balladen zu neuem Leben. Sie verleihen mit ihrem schauspielerischen Talent einer alten Sage eine völlig neue Bedeutung, oder schließen auch aktuellere Geschehnisse in ihre Erzählungen ein. Ein aktuelles Beispiel dafür ist Helena Byrnes, eine weltweit bekannte Geschichtenerzählerin. Ihr Album „Tóraíocht Shonais’, oder ‘Pursuit of Happiness‘ befasst sich mit der Geschichte der irischen Auswanderer in den USA und Kanada.

Eine echte irische Seanchai ist eben mehr als nur eine Märchentante und Storytelling eine wahre, aber unterschätzte Kunst. Den Iren allerdings scheint diese im Blut zu liegen. Manchmal genügt es schon, bei irgendeiner Sehenswürdigkeit eine Guided Tour zu buchen, um in den Genuss irischen Stotytellings zu kommen. Sei es nun der Busfahrer auf einer Tour durch die Wicklow-Mountains oder die ältere Dame im Tweedrock bei der Herrenhaus-Führung: Beide präsentieren Ihnen so viele kleine Geschichten und Anekdoten, dass Sie die Vergangenheit nicht nur hören, sondern auch sehen und riechen können!

Dinny McMahon, Ende der Fünfziger Jahre selbst ernannter Fremdenführer bei den Cliffs of Moher, sagte von sich: „Ich bin gut in Felsformationen und ich bin sehr gut in Geschichte und Gott allein kennt all die Geschichten, die ich noch zu erzählen habe.“ Das ist das Herz eines wahren Storytellers!

Das Storytellingfestival 2018

Eine ganze Anzahl an Geschichtenerzählern aus aller Welt versammelt sich jedes Jahr zu einem Storytellingfestival auf der südirischen Insel Cape Clear. Vom 31.08.- 2.9.2018 jährt sich dieses Festival zum dreiundzwanzigsten Mal. Damit ist es eines der bekanntesten Ereignisse im irischen ebenso wie im weltweiten Terminkalender des Storytelling.

Dementsprechend bekannt sind auch die Künstler, die hier auftreten: Lyn Ford als Vertreterin der USA und Czenge Zalka aus Ungarn. David Morten aus Wales erzählt neben walisischer Folklore auch griechische Mythen und Joe Brennan, einer der bekanntesten irischen Geschichtenerzählern, befindet sich hier auf heimischem Boden. Der Ire mit der grauen Löwenmähne bereiste nahezu die ganze Welt. Er schrieb Theaterstücke für Kinder, eines ohne Worte und ein Buch mit dem Titel Donegal Folk Tales. Unterstützt werden die Erzählkünstler von zahlreichen namhaften Musikern und einem irischen Puppenspieler.

Nicht zuletzt aber ist es die Atmosphäre dieser südlichsten Insel Irlands, die das Festival für seine Besucher unvergesslich macht. Cape Clear liegt acht Meilen vor der Küste Corks, ist drei Meilen lang und eine Meile breit. Zu erreichen ist es nur mit der Fähre. Die Veranstaltungsorte liegen über die ganze Insel verteilt und sind hauptsächlich zu Fuß zu erreichen. Was bedeutet, dass man bereits auf seinem Weg den Anblick des kleinen Hafens, des Lochloral oder des Old Lighthouse genießen kann. Im Westen der Insel liegt außerdem der berühmte Fastnet Rock mit seinem Leuchtturm. Sein wegweisendes Licht  erhellt auch die Nächte auf  Cape Clear.

Das Land der Geschichte(n)

Mich persönlich wundert es nicht, dass gerade eine kleine irische Insel der Austragungsort des Festivals ist. Oder, dass gerade Irland so viele Geschichtenerzähler hervorbringt. Irland ist ein Land, das Geschichte und Geschichten atmet. Und damit meine ich nicht nur die Steinkreise, Ringforts, Burgen und Kirchen, die von uralten Kulturen und Herrschern zeugen. Ich meine auch Nebensächlichkeiten, Kleinigkeiten, die auf den ersten Blick vielleicht unbedeutend erscheinen.

Ich spreche von dem Mann im Pub irgendwo im Nirgendwo. Schweigend sitzt er an der Theke und leert sein Pint, das er vorher wortkarg geordert hat, schweigend verlässt er die Bar schon bald darauf. Erst als er fort ist, sehe ich das Porträt an der Wand, das sein massiger Körper vorher verdeckt hat. Das Porträt zeigt ihn selbst, und ich frage mich: Wer ist der schweigsame Biertrinker? Was hat er getan, dass er mit diesem Porträt an der Wand geehrt wird? Ist er eine lokale Größe?

Und ich spreche von dem winzigen Stück Treibholz, das das Wasser des Lough Leane gegen meine Knöchel spült, als ich auf einem Felsbrocken im See sitze. Wo stand der Baum oder Busch, von dem es stammt? Wie lange war die Reise, die es bis hierher ans Ufer des Sees zurückgelegt hat? Was hat es auf dieser Reise gesehen und erlebt?!? Geschichten über Geschichten stecken hinter all diesen Fragen.

Ich bin froh, dass Irland in seinen Erzählern Stimmen besitzt, die seinen zahllosen Geschichten Gehör verschaffen…

 

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Über den Autor

Monika Dockter

Monika Dockter

Als Schriftstellerin bedeutet Irland für mich Inspiration in ihrer schönsten Form. Ich finde diese Inspiration in den Worten begnadeter irischer „Storyteller“, zwischen den verschlungenen Wurzeln einer uralten Eiche und auf der Brücke über einen Bach, dessen Wasser vom Torf so braun ist wie der Ginster am Ufer gelb…
Für die gruene-Insel.de zu schreiben betrachte ich als einmalige Gelegenheit, etwas von der für mich so faszinierenden Atmosphäre dieses Landes weiterzugeben – und zwar an eingefleischte Irlandfans ebenso wie an solche, die genau das einmal werden wollen.

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