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Die irische Harfe – himmlisch und gefährlich

Irische Harfenspielerin
Heike Fries
Written by Heike Fries

Harfen, darunter auch die irische Harfe, sind geradezu himmlische Instrumente, die in Erzählungen bevorzugt von Engeln, Königen und magischen Wesen gespielt werden. Kein Wunder, denn Harfenklänge sind betörend und geheimnisvoll.

Wen wundert es also, dass die Harfe das Nationalsymbol Irlands ist? Sie passt einfach fabelhaft in die schöne Landschaft der Grünen Insel. Doch die irische Harfe liegt den Iren nicht nur wegen ihres verführerischen Klangs am Herzen: Nein, sie begleitete auch die wechselvolle Geschichte des Landes und steht für Widerstand und irische Identität. Es gab sogar einmal eine Zeit, da war das Spielen dieses Instruments in Irland so gefährlich, dass mancher es mit dem Leben bezahlte.

Göttliche Klänge

Doch bevor wir zu den knallharten Fakten kommen, möchte ich noch ein wenig die magischen Qualitäten der irischen Harfe beschwören: In der irischen Mythologie nimmt Musik eine herausragende Stellung ein. Die Tuatha Dé Danann, die irischen Götter, können mit dem Klang der Musik allerlei Wunderdinge vollbringen und die alten Legenden strotzen nur so vor magischen Objekten und Instrumenten: So zum Beispiel auch die Harfe des Dagda, des Allvaters in der irischen Mythologie.

Dazu erzählt man sich folgende Geschichte: Die Tuatha Dé Danann standen in einem immerwährenden Kampf mit ihren Widersachern, den Fomóiri. Nach einem Scharmützel stahlen die Fomóiri die Harfe des Dagda, der sich sofort auf den Weg machte, um sein Instrument zurückzuholen. Als er sich bei den Fomóiri anschlich, sah er die Harfe in einem großen Saal an der Wand hängen. Er rief sie mit einem Reim. Sie flog durch die Luft, tötete neun feindliche Soldaten und landete schließlich in seinen Händen. Dagda begann zu spielen, denn die Harfe besaß drei magische Saiten: Die Erste war die Saite der Traurigkeit und jeder, der sie hörte, musste weinen. Die Zweite war die Saite der Fröhlichkeit und brachte jeden Zuhörer zum Lachen. Die Dritte war die Saite des Schlafes und für die Zwecke des Allvaters genau die richtige. Er zupfte sie und die Fomóiri schliefen ein. So konnte Dagda sich mit seinem Instrument unbehelligt auf den Heimweg machen.

Irische Harfe, Zeichnung von Laumee

Eine meiner Zeichnungen zum Thema. Weil es so schön dazu passt. www.laumee.de

Die irische Harfe und der Hochkönig

Auch wenn die meisten Harfen nicht magisch sind, so sind sie doch geschichtsträchtige Instrumente, deren frühe Verwandte schon vor mehr als 3000 Jahren gespielt wurden. Die irische Harfe zeichnete sich durch ihre spezielle Form und den massiven Korpus aus. Sie wurde meist aus einem Stück Weidenholz gefertigt und anschließend mit Saiten aus Bronzedraht bespannt. Anders als moderne Harfen hatte sie keine Pedale und wurde mit den Fingernägeln gespielt.

Der genaue Ursprung des Instruments ist unklar. Die älteste Darstellung einer solchen irischen Harfe ist jedoch mehr als 1000 Jahre alt und befindet sich auf einem sogenannten Buchschrein. Brian Boru, der letzte Hochkönig der Iren, lebte ebenfalls zu dieser Zeit und soll ein ausgezeichneter Harfenspieler gewesen sein. Die legendäre Brian-Boru-Harfe befindet sich heute im Trinity-College in Dublin. Sie trägt zwar seinen Namen, aber der Hochkönig hat sicher nicht darauf gespielt – das Instrument stammt aus dem 15. Jahrhundert. Diese irische Harfe stand auch Modell für die symbolische Darstellung auf der Euromünze und dem irischen Wappen. Sie ist eine der letzten ihrer Art – es haben nämlich nur drei dieser alten Instrumente das Mittelalter überlebt.

Magische Klänge an den Höfen der Herrscher

Zwischen dem 11. und 15. Jahrhundert erlebte die Harfe ihre absolute Blütezeit. Die besten Spieler wurden von den Herrschern mit Ruhm, Ehre und Reichtum bedacht. Harfenspieler waren Berater der Könige und genossen einen ungemein hohen Status in der damaligen irischen Gesellschaft. Musik war ein wichtiger Teil des Lebens auf der Grünen Insel. Das fiel auch Außenstehenden wie dem anglo-normannischen Chronisten Giraldus Cambrensis aus dem 12. Jahrhundert auf. In seiner History and Topography of Ireland schwärmte er von den überaus begabten irischen Musikern und den schnellen, lebendigen Melodien – das will etwas heißen, denn er hatte sonst wenig Liebe für die Iren übrig. Doch die Erfolgsgeschichte der irischen Harfe sollte bald zu Ende gehen, denn die ersten Misstöne mischten sich bereits unter die sanften Klänge.

Schwere Zeiten für Harfenspieler

Irland stand schon immer im Interesse von Invasoren aller Art – seien es Wikinger, Römer, Normannen und so weiter. Über Jahrhunderte blieben diese Angriffe mehr oder weniger folgenlos. Nur die direkten Nachbarn ließen sich nicht so einfach abschütteln: Der englische Herrschaftsanspruch auf die Insel war schließlich erfolgreich und die englische Krone weitete ab dem 15. Jahrhundert ihre Macht in Irland aus. Die Iren sollten sich von da an den englischen Sitten anpassen. In Irland hatten Musiker stets zusammen mit dem König an einem Tisch gesessen. In den Augen der Engländer war dies jedoch barbarisch und fortan verpönt.

Alles Irische wurde mehr und mehr unterdrückt und im 17. Jahrhundert verschwand schließlich die irische Aristokratie – und mit ihr auch die letzten höfischen Harfenisten. Während im benachbarten Schottland die Kunst des Harfenspiels weiterhin hohes Ansehen genoss, befanden sich irische Musiker in Lebensgefahr: Wer ab dem 15. Jahrhundert irische Harfe spielte, musste damit rechnen, von der englischen Krone gefangen genommen oder sogar als Unruhestifter hingerichtet zu werden.

Tausende zerstörte Harfen

Die englische Königin Elisabeth I. fand während ihrer Herrschaft im 16. Jahrhundert zwar das Harfenspiel an ihrem eigene Hof ganz wundervoll, den Iren wollte sie die Harfenklänge jedoch nicht gönnen. Sie befahl, jeden Barden, Poeten und Harfenspieler in Irland zu erhängen und die Instrumente zu zerstören. Und die Zeiten für die irische Harfe wurden auch nach dem Tod der Königin nicht besser: Zwischen 1649 und 1658 befahl der Lordprotektor Oliver Cromwell die Zerstörung katholischer Kirche und Klöster in Irland – und die Vernichtung aller Orgeln und Harfen obendrein. Mindestens 500 Instrumente fielen diesem Befehl alleine in Dublin zum Opfer. Im ganzen Land wurden wahrscheinlich mehrere Tausend Instrumente zerstört.

All das blieb nicht ohne Wirkung: Im 17. und 18. Jahrhundert verloren traditionelle irische Musik und Poesie immer mehr an Bedeutung. Die alten Herrschaftsstrukturen waren zerstört. Wer seine Liebe zur irischen Harfe dennoch nicht aufgeben wollte, musste entweder das Land verlassen oder als Wandermusiker von Ort zu Ort ziehen und sich mühsam seinen kargen Lebensunterhalt verdienen.

Brian-Boru Harfe im Trinity College in Dublin

By National Library of Ireland on The Commons [No restrictions, Public domain or Public domain], via Wikimedia Commons

Von blinden Harfenspielern und geretteten Melodien

Doch die traditionelle Musik lebte im Verborgenen weiter und gegen Ende des 18. Jahrhunderts erwachte die irische Harfe noch einmal aus ihrem lagen Schlaf. Um die alte musikalische Tradition wieder aufleben zu lassen, riefen im Jahr 1792 einige Musikliebhaber das Belfast Harp Festival ins Leben. Es gab zu diesem Zeitpunkt nur noch wenige aktive Spieler – doch elf von ihnen kamen, was vielleicht auch an dem ausgeschriebenen Preisgeld lag. Über die Hälfte der Teilnehmer war blind. Der Älteste von ihnen war 96 Jahre alt und spielte als Einziger noch in der alten Art mit den Fingernägeln. Während dieses Treffens wurden viele der alten, kostbaren Melodien aufgeschrieben und vor dem Vergessen gerettet.

Teil des irischen Alltags wurde die traditionelle Harfe danach dennoch nicht. Dafür waren die Lebensbedingungen einfach zu schlecht und die Menschen hatten andere Sorgen.

Neues Leben für alte Musik

Die irische Harfe mit ihrem massiven Korpus und ihren Drahtsaiten geriet fast 200 Jahre lang in Vergessenheit und wurde erst in den 1970ern wiederentdeckt. Zu dieser Zeit kam es zu einem gewaltigen Revival des Irish Folk und zu einer Rückbesinnung auf alte irische Musiktraditionen.

Eine kleine Gruppe Gelehrter und Musiker wühlte sich damals durch die Archive, um Informationen zur irischen Harfe aufzuspüren – darunter waren auch die Aufzeichnungen vom Belfast Harp Festival. Die letzten verbliebenen Instrumente dienten als Vorlage für Nachbauten. Dank dieser Bemühungen können wir die irische Harfe heute wieder hören – und mit ihr die alten Melodien. Ob die Stücke der heutigen Musiker genauso klingen wie in den alten Zeiten weiß ich nicht – aber es ist so betörend und wunderschön, dass es Brian Boru und den Tuatha Dé Danann bestimmt gefallen hätte.

Über den Autor

Heike Fries

Heike Fries

Irland ist eine Herzensangelegenheit für mich und neben der irischen Musik hat es mir vor allem der irische Sagenzyklus angetan.

Ich habe Irland schon als Schülerin mehrmals besucht. Damals hatte ich das Glück, die ganze Insel über mehrere Wochen kennenzulernen. Das blieb natürlich nicht ohne Folgen: Es ist bis heute mein Lieblingsland.

Ich bin Autorin und Künstlerin und irische Motive schmuggeln sich auch immer wieder in meine Zeichnungen. In meiner Freizeit spiele und singe ich in einer Band. Wir sind zwar keine richtige Folkband, haben aber den ein oder anderen irischen Song im Programm. Ich spiele außerdem ein wenig Bodhrán. Da ich nicht genug übe, bin ich nicht besonders gut – aber ich bin mit Begeisterung dabei.

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