Irland in der Neuzeit

Martello Tower in Irland – Schutz vor Napoleon

Martello Tower
Neil Saad
Written by Neil Saad

Auf Reisen über die Grüne Insel begegnen Irland-Freunden immer wieder bemerkenswerte Monumente und Relikte aus vergangenen Tagen. Hierunter zählen uralte Steinzeitgräber wie in Newgrange zu den ältesten Monumenten. Wiederum andere, wie die typisch irischen Rundtürme, dokumentieren die Geschichte des Christentums in Irland. Zuletzt gibt uns eine Reihe von Bauwerken entlang der irischen Küsten einen Einblick in die militärischen Anstrengungen zur Verteidigung der irischen Insel. Darunter zählen die Martello Tower aus dem 19. Jahrhundert zu den bedeutendsten Verteidigungsanlagen. Gedacht, eine Invasion Napoleon Bonapartes zu verhindern, verloren sie schnell ihren Sinn. Heute dienen sie teils interessanten neuen Zwecken. Wir blicken im Artikel auf ihre Ursprünge, ihre Bauweise und berichten, wo die Rundfestungen heute zu sehen sind.

Martello Tower in Irland

Der Streit der Großmacht England mit anderen Nationen zog immer wieder Irland mit ins Geschehen. Insbesondere die englische Fehde mit Frankreich machte die Franzosen über die Jahrhunderte zu Verbündeten von revolutionären Iren. Hierbei gipfelte dies Ende des 18. Jahrhunderts in den Bemühungen Theobald Wolfetones, französische Truppen für die irische Rebellion 1798 anzuwerben. Dass dieses Werben in Teilen erfolgreich war und tatsächlich eine 15.000 Mann starke Flotte gen Irland segelte, ließ die Engländer aufhorchen. Zwar scheiterte die Invasion und letztlich auch die irische Rebellion, doch die Engländer sahen Irland als potenzielles Einfalltor in das eigene Königreich. Dementsprechend bedurfte es neuer Schutzmaßnahmen. Nicht zuletzt, da sich mit Napoleon Bonaparte ab 1799 ein ambitionierter Mann in Frankreichs Regierung befand. Dieser begann schon kurz darauf, große Teile von Mitteleuropa zu erobern. Die Napoleonischen Kriege brachen 1803 aus und England sah sich umso mehr bedroht.

Napoleon

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Schließlich bauten die Engländer als Reaktion ab 1803 Verteidigungstürme entlang der eigenen und der irischen Küste. Inspiration erhielten sie dabei von einem Bauwerk auf Korsika. Dort griffen zwei englische Schlachtschiffe 1794 den Küstenort Mortella an. Dazu benötigten die erfahrenen Engländer entgegen ihrer Erwartung ganze zwei Tage. Hierbei diente ein Rundturm aus dem 16. Jahrhundert der Verteidigung des Ortes. Dessen dicke Mauern hielten dem englischen Beschuss mühelos stand. Gleichzeitig hielten die Kanonen auf dem Dach des Turms die Angreifer zu See auf Distanz. Letztlich war es ein mühevoller Angriff über Land, der die Verteidiger in die Knie zwang. Derart beeindruckt von der Wehrhaftigkeit des alten Turms, diente der Turm von Mortella als Blaupause für die künftige Verteidigung der englischen und irischen Küsten. Da die Engländer jedoch kurioserweise den korsischen Ortsnamen Mortella falsch übernahmen, heißen die englischen Türme bis heute Martello Tower.

Genueser Turm Korsika

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Die Bauweise einer beeindruckend effektiven Verteidigungsanlage

Die Martello Tower haben eine runde Bauweise. Dabei sind sie zwölf Meter hoch und verjüngen sich nach oben hin. Ihr wichtigstes Merkmal sind ihre starken Mauern. Die mächtigen Gemäuer haben eine Dicke von bis zu zweieinhalb Metern! Im Inneren befinden sich auf zwei Etagen verteilt vier Räume. Während im Erdgeschoss Material und Munition lagerte, dienten die Räume im oberen Geschoss als Unterkünfte. Insgesamt lebten in den Türmen auf kleinstem Raum fünfundzwanzig Soldaten. Der einzige Zugang zum Martello Turm befindet sich drei Meter oberhalb des Bodens. Die Leiter konnte die Besatzung von innen einziehen. Hierdurch war es den Verteidigern möglich, Angreifer einfacher abzuwehren. Dagegen war das Einlagern von Material und Nahrung auf diese Weise stets ein mühsamer Akt.

Zudem befindet sich in den kühlenden Erdboden eingelassen ein Vorratskeller sowie eine Zisterne. In dieser sammelt sich Regenwasser, das als Trinkwasser genutzt werden kann. Zuletzt ist auf dem Dach ein Ausguck samt Kanone. Diese wies immer in Richtung See, ließ sich aber im Kreis schwenken. Diese minimalistische, aber hoch wehrhafte Bauweise hatte die Engländer in Mortella beeindruckt. Insbesondere die Effizienz der Anlage sahen sie als wichtig an. Die Martello Tower boten auf wenig Raum, den sie effektiv nutzten, maximale Verteidigungskraft.

Der Martello Turm in Irland

Ab 1803 bauten die Engländer in wenigen Jahren eine Verteidigungslinie entlang ihrer Küstenstreifen. Ziel war es dabei, die Türme in Signalweite voneinander zu bauen. Auf diese Weise sollte Kommunikation zwischen den Verteidigern möglich sein. Zudem ließ die Reichweite der Kanonen so möglichst keine Lücken in der Verteidigungslinie. Es entstanden 103 Türme entlang der englischen Küste, drei in Schottland und weitere in Wales. Aber auch weltweit sicherten die Engländer mit den Türmen ihr Reich. Hierzu gehören Orte wie Kanada, Australien und Antigua. Jedoch zweiter Schwerpunkt der Baumaßnahmen war Irland. Hier fürchteten die Engländer eine Invasion Napoleons am meisten.

Deshalb entstanden rund fünfzig Martello Tower in Irland. Davon bauten die Engländer 29 entlang der Ostküste. Der nördlichste steht in Drogheda. Jedoch war die wichtige Region Dublin der Schwerpunkt der Baumaßnahmen. Insgesamt 28 Martello Türme befinden sich zwischen Fingal im Norden der Hauptstadt bis Dún Laoghaire im Süden. Des Weiteren entstanden Türme entlang der Südküste. Von Wexford bis Cork sind diese heute noch zu sehen. Aber auch in Galway und gar im nördlichen Donegal sicherten die Bauwerke die Küsten und Flussmündungen.

Schließlich fand eine französische Invasion nie statt. Napoleon verschwand und mit ihm die französische Gefahr. Somit verloren die Martello Türme schnell ihren Nutzen. Außerdem entwickelte sich die Schusskraft von Kanonen über die Jahre derart, dass die Türme den modernen Waffen nicht mehr standhielten. Dementsprechend gaben die Engländer den Martello Turm letztendlich als Festungsanlage auf. Einige verfielen in der Folge, andere gingen in andere Nutzung über.

Fünf Martello Tower, die heute einen Besuch lohnen

Der Besuch eines Martello Tower kann sich für Irland-Reisende lohnen. Dabei dürfen die folgenden fünf Türme auf der Liste nicht fehlen.

1. Der James Joyce Tower in Sandycove, Dublin

Der Turm in Sandycove, einem südlichen Vorort von Dublin, ist der berühmteste von allen. In ihm lebte der irische Dichter James Joyce für kurze Zeit. Seine Tage in dem Turm verewigte er in seinem Werk Ulysses. Ihm zu Ehren befindet sich heute im James Joyce Tower ein Museum über den Künstler.

James Joyce Tower

2. Howth & Ireland’s Eye, Dublin (Fingal)

Die beliebte Halbinsel Howth beheimatet oberhalb des Hafens einen Martello Tower. Von dem aus besteht nicht nur eine tolle Aussicht auf den Hafen und das Meer. Im renovierten Turminneren ist das Ye Olde Hurdy Gurdy Museum of Vintage Radio. Ein Museum, gewidmet der Radiotechnologie.

Vom Hafen von Howth aus ist es eine kurze Strecke mit der Fähre zur vorgelagerten Insel Ireland’s Eye. Dort, am Bootsanleger, befindet sich ein zweiter Turm. Ungenutzt und dem Zahn der Zeit ausgesetzt, thront er als Landmarke auf der kleinen Insel.

Mortello Tower Howth

3. Sutton, Dublin (Fingal)

Der Martello Tower in Sutton ist der nördlichste der Region Dublin. Er befindet sich in Privatbesitz. Seine Besonderheit ist, dass Irland-Reisende in ihm übernachten können. Eine außergewöhnliche historische Unterkunft mit Meerblick.

Martello Tower Sutton in Dublin image in Nature and Landscapes category at pixy.org

Free image/jpeg, Resolution: 4608×3456, File size: 3.74Mb, Martello Tower Sutton in Dublin

4. Der Monning Tower: Cork Harbour, Cork City

Im Hafen von Cork bauten die Engländer zum Schutz der wichtigen Hafenstadt insgesamt fünf Wehrtürme. Darunter ist der Monning Tower ein bemerkenswertes Exemplar. Diesen griffen 1867 irische Rebellen an und eroberten den Turm. Dadurch ist der Monning Tower der einzige irische Turm, der jemals tatsächlich einen Angriff erfuhr – und direkt erobert wurde.

Manning_Point_Martello_Tower_Cork_Harbour

Guliolopez, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

5. Das Millmount Fort in Drogheda, County Louth

Auf der Anhöhe des Millmount Fort befand sich bereits seit der anglo-normannischen Invasion im 12. Jahrhundert eine Festung. Diese unterlag zahlreichen Erweiterungen und Umbauten über die Jahrhunderte. Schließlich entstand das heutige Millmount Fort, ein umgebauter Martello Tower mit mehreren Nebengebäuden. Im Turm befindet sich ein Museum, dass gute Einblicke in die militärische Geschichte von Drogheda liefert.

Millmount Tower Drogheda

Über den Autor

Neil Saad

Neil Saad

Nach Irland zieht es mich regelmäßig mehrmals im Jahr und zu jeder Jahreszeit. Besonders das Wandern in Irland hat es mir angetan und alleine oder mit meiner Familie erkunde ich zu Fuß die Gebirge und Wanderwege der grünen Insel. Aber auch auf klassischen Road Trips liebe ich es, Irland immer wieder neu zu entdecken. Dabei bevorzuge ich das Prinzip des Slow Travel, denn gerade in Irland ist weniger ganz oft so viel mehr. Mit der Liebe zur grünen Insel kam auch der Wunsch, über Land und Leute zu schreiben und möglichst viele Menschen daran teilhaben zu lassen.

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