Irische Mythologie

Macha – die rachsüchtige irische Göttin

Machas Fluch
Heike Fries
Written by Heike Fries

Macha ist eine keltische Göttin des Krieges. Sie kommt mehrfach in den mythologischen Erzählungen Irlands vor: Zuerst findet sie als Ehefrau Nemeds in den Geschichten Erwähnung. In einer späteren Erzählung ist sie die Ehefrau Nuads und stirbt in der zweiten Schlacht auf den Ebenen von Magh Tuireadh.

Aber ihren spannendsten Auftritt hat sie in der folgenden Geschichte:

Alles beginnt mit einem Bauern namens Crunnchu, der Zeit seines Lebens stets fleißig gewesen war. Das hatte ihm im Laufe der Jahre Wohlstand gebracht. Er war verheiratet und hatte vier Söhne. Doch seine Frau starb, als die Kinder noch klein waren. Also versorgte Crunnchu seine Kinder und seinen Hof von nun an mithilfe seiner Bediensteten alleine.

Die stumme junge Frau

Das tat er einige Jahre lang. Bis sich eines Tages Folgendes zutrug: Crunnchu ruhte sich gerade von der Arbeit aus, da trat plötzlich eine großgewachsene, junge Frau ins Zimmer – und zwar mit einer solchen Selbstverständlichkeit, als wäre es ihr Haus. Crunnchu war überrascht und fasziniert, als sie ohne ein Wort damit begann, das Haus in Ordnung zu bringen. Er ließ sie gewähren und wunderte sich sehr, als sie sich anschließend zu ihm ans Feuer setzte – noch immer ohne ein einziges Wort.

Als es auf die Essenszeit zuging, stand sie schließlich auf und bereitete eine leckere Mahlzeit zu. Als sie sich an den Tisch setzte, brach sie zum ersten Mal ihr Schweigen, um den Bediensteten Anweisungen zu geben. Der Witwer wunderte sich sehr, aber er ließ es geschehen. Was hätte er auch dagegen haben sollen, dass plötzlich wieder eine Frau im Haus mithalf – zumal eine, die derart tatkräftig und attraktiv war. Darüber hinaus war auch das Essen hervorragend.

Als sie zusammen gespeist hatten, gesellte sich die seltsame Frau erneut zu dem Witwer ans Feuer und sprach nicht mehr. Als es Zeit war zu Bett zu gehen, folgte sie Crunnchu einfach ins Schlafzimmer und legte sich neben ihn – und den Witwer störte das ganz und gar nicht.

So wurde sie seine Frau und die beiden lebten glücklich zusammen. Jetzt könnte die Geschichte eigentlich schon zu Ende sein. Aber es kam anders.

Das Fest des Königs

Denn eines Tages veranstaltete der König ein großes Volksfest an seinem Hof – mit Pferderennen und Wettkämpfen. Und Crunnchu wollte dort unbedingt dabei sein. Aber die junge Frau, die Macha hieß, war hochschwanger und wollte ihm sein Vorhaben mit allen Mitteln ausreden. „Bitte geh nicht“, flehte sie.

„Aber ich bin doch am nächsten Morgen wieder zurück“, antwortete er. „Das ist keine gute Idee“ sagte Macha. „Du könntest ein Wort über mich verlieren und das solltest du unter keinen Umständen tun.“ „Warum sollte ich denn niemandem von dir erzählen?“, fragte Crunnchu. „Weil ich dich dann verlassen muss“, antwortete Macha.

Crunnchu zuckte zusammen und versprach eilig, niemandem von ihr zu erzählen. Dann machte er sich trotz allem Flehen auf den Weg zum Fest des Königs und Macha blieb alleine zurück.

Crunnchu und das vergessene Versprechen

Das Volksfest war wundervoll und Crunnchu genoss die aufgeregte Atmosphäre und die spannenden Wettkämpfe. Obwohl die Pferderennen eigentlich gar nicht besonders spannend waren. Denn die beiden neuen Pferde des Königs gewannen jedes Mal – so schnell waren sie.

Das Publikum war elektrisiert durch die Leistung der beiden Tiere. „Das sind die besten Pferde, die ich je sah. Nichts und niemand kann sie schlagen“, rief Crunnchus Sitznachbar voller Begeisterung. „Ach was, antwortete Crunnchu gedankenlos. „Meine Frau kann um einiges schneller laufen als die Pferde des Königs, dessen bin ich mir sicher.“

Dann lief es ihm kalt den Rücken herunter. Das hätte er nicht sagen dürfen. Er schaute sich um, ob jemand ihn gehört hatte. Leider ja. Denn plötzlich herrschte Aufruhr und irgendwie musste auch der König seine Worte vernommen haben. Denn er rief: „Was sagst du da? Das will ich sehen. Bringt mir diese Frau sofort her.“ Dann befahl er, Crunnchu festzunehmen.

Die Boten des Königs fanden Macha im Haus und forderten sie auf, mitzukommen. „Aber ich bin hochschwanger und bringe jeden Moment mein Kind zur Welt. Ich kann nicht mitkommen, das seht ihr doch“, antwortete sie. „Wenn du die Anweisung nicht befolgst, wird der König deinen Mann hinrichten lassen. Willst du das?“, sagte einer der Boten. Macha seufzte. Denn natürlich wollte sie das nicht. Also stieg sie in den Wagen und fuhr mit den Boten zum Fest des Königs.

Machas Flehen

Dort angekommen wurde sie auf den Rennplatz geführt. Das Publikum starrte die schwangere Frau an und johlte. Macha fühlte sich beschämt, dass sie in ihrer Verfassung den Blicken des Publikums so ungeschützt ausgesetzt war. Deshalb rief sie: „Seht ihr nicht, dass ich schwanger bin? Es ist falsch, dass ich hier sein muss. Was wollt ihr von mir?“

„Wir wollen, dass du gegen die Pferde des Königs läufst“, grölte das Publikum.  Macha war bestürzt: „Seht ihr nicht, dass ich jeden Moment ein Kind zur Welt bringe? Ich kann kein Rennen laufen.“ „Wenn das so ist, dann sieh zu, wie dein Mann stirbt“, antwortete der König kalt. Macha hatte Tränen in den Augen, als sie sich hilfesuchend umsah. „Bitte helft mir doch. Ich kann nicht um die Wette laufen. Seht ihr das denn nicht?“, schluchzte sie.

Doch niemand rührte sich. Macha wurde still. Dann drehte sie sich zum König um und sprach: „Bitte habt Mitleid. Wartet wenigstens ab, bis mein Kind auf der Welt ist. Dann werde ich für euch laufen. Doch der König schüttelte den Kopf. „Ich warte nicht. Du läufst jetzt oder dein Mann stirbt“, sagte er. „Schämt euch, schämt euch alle, dafür das ihr mir so wenig Respekt entgegenbringt. Das werdet ihr bereuen und einen hohen Preis dafür bezahlen“, rief Macha schließlich erbost.

Macha

Stephen Reid / Public domain

Machas Fluch

„Wie heißt du?“, wollte der König wissen. „Mein Name und der meines Kindes wird auf ewig an diesen Ort gebunden sein. Ich bin Macha, eine Tochter des Ozeans. Bringt die Pferde. Ich laufe gegen sie.“ Sie rannte gegen die Pferde des Königs und hängte sie mit Leichtigkeit ab. Als sie im Ziel war, fiel sie zu Boden und gebar Zwillinge – ein Mädchen und einen Jungen. Dann entfuhr ihr ein markerschütternder Schrei, der die Männer im Publikum jeglicher Kraft beraubte. Sie begannen sich zu winden und vor Schmerz zu schreien.

Dann sprach Macha: „Von diesem Tag an verfluche ich euch aufgrund eurer Grausamkeit. Dieser Schmerz wird euch und die nachfolgenden neun Generationen immer dann befallen, wenn Ulster in großer Not ist. Ihr werdet fünf Tage und vier Nächte nichts weiter tun könnt, als euch auf dem Boden zu winden – und ihr werdet die ganze Zeit so hilflos und schwach sein, wie eine Frau, die gerade ein Kind zur Welt bringt.“

Emain Macha und die Rache der Göttin

Der Ort, an dem sie das sprach, wurde von da an Emain Macha genannt: Was übersetzt so viel heißt, wie der Ort an dem Macha Zwillinge zur Welt brachte. An diesem Ort lebten später König Conchobhar Mac Nessa und die Krieger des roten Zweigs. Und auch Machas Fluch wurde wahr. Denn alle Männer aus Ulster wanden sich vor Schmerzen auf dem Boden, sobald Ulster Gefahr drohte.

Sie waren unfähig, ihr Land zu verteidigen – denn sie konnten in diesen fünf Tagen nicht mal ein Schwert heben. Erst Cú Chullain, der große Held aus Ulster widerstand Machas Fluch. Denn er war, als das Land wieder einmal einer Bedrohung entgegensah, noch kein erwachsener Mann – und deshalb nicht von Machas göttlicher Rache betroffen. Außerdem war er der Sohn des Gottes Lugh, was ihn zusätzlich schützte. Deshalb musste er auch alleine gegen die Armee von Queen Medb bestehen, als diese ins Land eindrang, um den Bullen von Cooley zu stehlen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Über den Autor

Heike Fries

Heike Fries

Irland ist eine Herzensangelegenheit für mich und neben der irischen Musik hat es mir vor allem der irische Sagenzyklus angetan.

Ich habe Irland schon als Schülerin mehrmals besucht. Damals hatte ich das Glück, die ganze Insel über mehrere Wochen kennenzulernen. Das blieb natürlich nicht ohne Folgen: Es ist bis heute mein Lieblingsland.

Ich bin Autorin und Künstlerin und irische Motive schmuggeln sich auch immer wieder in meine Zeichnungen. In meiner Freizeit spiele und singe ich in einer Band. Wir sind zwar keine richtige Folkband, haben aber den ein oder anderen irischen Song im Programm. Ich spiele außerdem ein wenig Bodhrán. Da ich nicht genug übe, bin ich nicht besonders gut – aber ich bin mit Begeisterung dabei.

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