Irische Mythologie

Der Rinderraub von Cooley – Táin Bó Cúailnge

Rinderraub von Cooley
Monika Dockter
Written by Monika Dockter

Der Rinderraub von Cooley – die Táin Bó Cúailnge – ist ein Heldenepos aus vorchristlicher Zeit. Man betrachtet die Táin als die bekannteste Sage des nordirischen Sagenkreises. Damit ist sie gleichzeitig ein bedeutsames Stück mittelalterlicher irischer Literatur. Inhaltlich beschreibt die Sage in zahllosen Ausschmückungen und Details einen Krieg zwischen den Ländern Connacht und Ulster. Im Zentrum dieses Krieges stehen die leidenschaftliche Königin Medb, ein Stier als Verkörperung der Königsmacht und der junge Held Chú Chulainn.

Der historische Kontext des Rinderraubs von Cooley

Ein Viehdiebstahl als Auslöser eines Krieges – was in unseren Ohren seltsam klingen mag, war jahrhundertelang alltäglich. Der Besitz von Vieh war nicht nur bei den Kelten in Irland oft noch bedeutsamer als derjenige von Land. Bis ins 16. Jahrhundert hinein drehten sich zahlreiche Kriege um den Raub beziehungsweise Besitz von Vieh.

Zudem war der begehrte Stier kein beliebiges Stück Rindvieh, sondern besaß mystische Bedeutung. Sein Name war Donn (auch der Name des irischen Totengottes), und er wird auf sehr anschauliche Weise beschrieben. Donn war schwarzbraun, stolz, grimmig, knurrend und rotäugig, stark wie ein Bär und die Wut eines Drachen oder groß wie der Zorn des Königs. Als „Stier der Welt“ war er obendrein größer als ein Hügel und dreißig Männer fanden auf seinem Rücken Platz.

Damit verlieh er seinem jeweiligen Besitzer Macht und Würde. So war es nicht weiter verwunderlich, dass sich die beiden Königreiche um ihn stritten.

Verschiedene Fassungen der Táin Bó Cúailnge

Bis heute gibt es mehrere unterschiedliche Fassungen vom Rinderraub von Cooley. Eine der Handschriften stammt aus dem ausgehenden 11. Jahrhundert und wurden im Kloster Clonmacnoise hergestellt. Jedoch ist sie nur unvollständig erhalten und überschneidet sich in manchen Teilen mit einer weiteren, unvollständigen Version aus dem 14. Jahrhundert. Kombiniert man die beiden miteinander, ergibt sich ein relativ vollständiger Inhalt.

Auch das Buch von Leinster, das wir hier schon mehrfach erwähnten, enthält eine Version der berühmten Sage, von einer weiteren existieren nur noch Fragmente. Allen Versionen gemeinsam ist die Tatsache, dass sie in  alt- und mittelirischer Sprache verfasst wurden. Aber hiermit genug der Vorrede: widmen wir uns der Geschichte um den Besitz des sagenhaften Stieres selbst!

Die berühmte Sage: Der Rinderraub von Cooley

Die Könige von Connacht

Königin Medb, auch Maeve genannt, herrschte gemeinsam mit ihrem Gatten Ailill über das Land Connacht. Die beiden waren einander ebenbürtige, gleichgestellte Partner, auch in ihrem Besitz. Bis auf eines: einen übermäßig fruchtbaren Stier namens Finnbhenanach. Der Stier mit den weißen Hörnern und dem roten Körper war in Medbs Rinderherde geboren. Doch dessen ungeachtet beschloss der Stier, dass er nicht länger im Besitz einer Frau leben wollte, und ging zu der Herde ihres Mannes über.

Medb aber wollte nicht hinnehmen, dass ihr Mann nun mehr besaß als sie selbst. Sie begab sich auf die Suche nach einem anderen, ebenso kostbaren Rind. So machte sie den ebenso prächtigen Stier Donn Cuailgne ausfindig, allerdings im Nachbarland Ulster.

Zunächst bat sie Donns Besitzer, ihr das Tier leihweise für ein Jahr zu überlassen. Doch auf einen solchen Handel ließ dieser sich nicht ein und Medb wurde zornig. Wie ihr Name Medb – das heißt die Berauschte – andeutet, war die Königin zeitweise nicht ganz bei Sinnen, sondern ließ sich von ihren Emotionen fortreißen. In ihrem übermäßigen Zorn erklärte sie Ulster den Krieg.

Der Beginn des blutigen Krieges

Gemeinsam mit ihren Verbündeten aus Leinster und Munster begann sie ihren Feldzug. Der Anführer ihres Heeres war ein berühmter Krieger aus dem Feindesland Ulster, der in Connacht im Exil lebte. Fergus mac Róich hieß er, und war Königin Medb als Geliebter vollkommen verfallen.

Ehe die Armee loszog, erschien Medb eine Fee. Sie  war von großer Schönheit, mit hohen Schläfen und schmalen Wangen, goldgelbem Haar und Augen, die in drei verschiedenen Farben leuchteten. Mit großem Ernst mahnte Fedelm die Königin: „Ich sehe die Krieger alle rot, in Scharlachrot!“ Mehrmals stieß sie diese Warnung aus. Medb jedoch ließ sich nicht beirren. Mit ihrem riesigen Heer rüstete sie sich zur Schlacht.

Der Stier Donn wird geraubt

Der Zeitpunkt war günstig. Durch einen früheren Fluch waren die Krieger von Ulster nicht in der Lage, tatsächlich zu kämpfen. Nur einer war von diesem Fluch ausgenommen: Chú Chulainn, der Sohn des Sonnengottes.

Als solcher besaß er zwar übernatürliche Stärke, doch ein einzelner Mann gegen ein Heer von Sechzigtausend?? Zu allem Überfluss befand er sich, statt die Grenze zu bewachen, auf einem Stelldichein, sodass Medbs Heer ungehindert in Ulster einfiel. In der Talschlucht der Weiden stöberten die Krieger den Stier Donn samt seiner Herde auf und brachten ihn in Medbs Lager.

Der junge Chú Chulainn mit seinen gerade einmal siebzehn Jahren fühlt sich zutiefst gedemütigt. Er konnte den Rinderraub nicht verhindern! Dennoch gibt er sich nicht geschlagen: Noch kann er Medbs Armee davon abhalten, den Stier mit in ihr eigenes Land, nach Connacht, zu nehmen.

Chú Chullain als Einzelkämpfer

Jede Nacht erlegt der junge Krieger aus dem Hintergrund mit seiner Steinschleuder hundert der feindlichen Kämpfer. Vor allem aber besteht Chú Cullain auf dem Brauch, an der Furt eines Flusses Einzelkämpfe auszutragen.

Mann gegen Mann tritt er auf diese Weise gegen Medbs Kämpfer an. Er schlägt im Lauf der Monate unzähligen Gegnern den Kopf ab. Mit seinem einstmals besten Freund, der auf Seiten des Feindes steht, ringt ChúChulainn drei ganze Tage lang, bis er ihn schweren Herzens tötet.

Und schlussendlich steht er dem Heerführer Fergus gegenüber, an dessen Hof er jahrelang gelebt hatte. Auch diese beiden Männer verbindet eine tiefe Zuneigung, und Chú Chulainn ergibt sich Fergus kampflos. Allerdings nur unter der Voraussetzung, dass sich umgekehrt bei ihrem nächsten Zusammentreffen Fergus ihm ergeben muss!

Niederlage für Connacht

In Anbetracht der langen Zeit, die mittlerweile verstrichen ist, beginnen sich die Krieger von Ulster von dem Fluch zu erholen. Wieder im Besitz ihrer vollen Kraft kommt es bei Garrach im Lande Meath zu einer finalen Schlacht zwischen den beiden Armeen.

Auch der Heerführer Fergus stürzt sich in das Gemetzel. Schon bald trifft er auf Chú Chulainn. „Weiche von mir!“, brüllt dieser im Kampfesrausch. Und Fergus gehorcht. Wie er seinem jungen Freund zuvor beim Zweikampf an der Furt versprochen hatte, ergreift diesmal er den Rückzug. Und mit ihm das Heer. Die Schlacht ist entschieden, Chú Chulainn und Ulster haben den Sieg errungen! Den Stier jedoch führt Medbs Armee auf ihrem schmachvollen Rückzug mit zurück nach Connacht.

Der Kampf der Stiere

Sobald Donn, der schwarzbraune, stolze, grimmige, zornige Stier das Gebiet des anderen Stieres Finnbhenanach betritt, stößt dieser ein furchterregendes Gebrüll aus. Ein Rivale ist in sein Revier eingedrungen! Den ganzen Tag lang kämpfen der dunkle und der helle Stier vor den Augen der Männer Irlands gegeneinander. Bei Nacht aber vernehmen die Menschen das Donnern ihres rasenden Laufes rund um die Insel.

Am Morgen umrundet Donn bei Cruachan triumphierend den Sitz der Königin Medb. Auf seinen Hörnern trägt er die Überreste des zerstückelten Körpers von Finnbhenanach. Mit einem Schleudern seines mächtigen Kopfes verteilt er diese Stücke schließlich über die ganze Insel, ehe er abends in seine Heimat Ulster zurückkehrt. Als die Sonne sinkt, bricht Donn in sich zusammen und stirbt. So endet die Sage des Rinderraubs von Cooley.

Ortsnamen wie Athlone und Trim erinnern bis heute an Donns rasenden Lauf um die Insel. Bei Athlone an der Furt des Shannon fiel die Lende des Finnbhenanach ins Wasser und ein Stück weiter östlich die Leber. So nannte man diesen Ort Ath-Truim, heute Trim, die Furt der Leber.

Trim Castle, Der Rinderraub von Cooley

@ Ina Brecheis

Über den Autor

Monika Dockter

Monika Dockter

Als Schriftstellerin bedeutet Irland für mich Inspiration in ihrer schönsten Form. Ich finde diese Inspiration in den Worten begnadeter irischer „Storyteller“, zwischen den verschlungenen Wurzeln einer uralten Eiche und auf der Brücke über einen Bach, dessen Wasser vom Torf so braun ist wie der Ginster am Ufer gelb…
Für die gruene-Insel.de zu schreiben betrachte ich als einmalige Gelegenheit, etwas von der für mich so faszinierenden Atmosphäre dieses Landes weiterzugeben – und zwar an eingefleischte Irlandfans ebenso wie an solche, die genau das einmal werden wollen.

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