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Irisch: Die Geschichte Irlands wahrer Sprache

Irische: die wahre Sprahce Irlands
Cathal Foley
Written by Cathal Foley

Seit ich Irland verlassen habe, habe ich viele Gespräche über mein Heimatland – Irland – geführt. Ich weiß nicht genau, warum, aber die Deutschen sind neugierig und interessieren sich sehr für Irland. Eine Sache, die viele Menschen überrascht, ist, dass Irisch eine echte Sprache ist.

Diese Gespräche laufen normalerweise so ab: „Irische Sprache? Du meinst die Art, wie du Englisch sprichst?’“ „Nein, Irisch oder Gälisch ist eine völlig andere Sprache als Englisch. Es ist sogar eine viel ältere Sprache als Englisch.“ „Sprichst du Irisch?“ „Ja, aber nicht fließend. In meiner Familie spricht nur meine Mutter fließend Irisch. Heutzutage spricht nur eine Minderheit auf der Insel fließend Irisch.“ „Wieso?“ „Das ist eine lange, traurige Geschichte…“

Irisch: die wahre Sprahce Irlands By Ww2censor (Own work), CC-BY-SA-3.0 or CC BY 2.5, via Wikimedia Commons

Irland – nur theoretisch ein zweisprachiges Land

Offiziell gibt es heute in Irland zwei Sprachen: Irisch/Gälisch und Englisch. So gibt es zum Beispiel einen irischen TV-Sender und ein paar Radiosender. Und wenn man das irische Abitur macht, sind die drei Pflichtfächer, Irisch, Englisch und Mathematik. Straßenschilder sind zweisprachig, genau wie der irische Reisepass. Irisch ist auch eine der 24 offiziellen EU-Sprachen.

In Wirklichkeit ist Irisch jedoch eine Minderheitensprache in Irland. Die Sprache ist nicht tot, aber sie leidet. Auf der ganzen Insel leben 6.6 Millionen Menschen. Laut einer aktuellen Umfrage, können sich von diesen 500.000 auf Irisch unterhalten und weitere 150.000 sprechen Irisch auf Muttersprachlerniveau. Es gibt einige kleine Dörfer – die sogenannten “Gaeltacht” Dörfer – in denen Irisch immer noch die Hauptsprache ist. Aber im Allgemeinen ist Englisch die dominierende Sprache. Heute haben die meisten Iren, wie wir in Irland sagen, eine „Cúpla focal as Gaeilge” – ein paar Brocken Gälisch – bei Weitem nicht fließend, aber gut genug, um einen Ausländer zu verwirren.

2009 habe ich ein Erasmussemester in München verbracht. Eine Sache, die ich bemerkt habe, ist, dass Deutsche sehr stolz auf ihre Fremdsprachenkenntnisse sind – ganz im Gegensatz zu Franzosen, die immer nur Französisch sprechen wollen! Um uns vor neugierigen Zuhörern zu schützen, unterhielt ich mich mit einem irischen Freund in der U-Bahn meist auf Gälisch. Es war immer wieder lustig in fragende Gesichter zu blicken, wenn wir anfinden Irisch zu reden. Und was noch wichtiger war: Wir konnten uns ungestört über alles und jeden austauschen. Andere hatten allerdings nicht so viel Glück.

Während meiner Zeit in München unterhielt ich mich mit einer Irin (nennen wir sie Maria) über die Vorzüge der irischen Sprache, als diese mir folgende Geschichte erzählte: Als Maria und eine irische Freundin in der U-Bahn saßen, bemerkten sie einen sehr gut aussehenden Mann. Während der nächsten zehn Minuten tauschten sich die beiden offenherzig über die Vorzüge und möglichen Qualitäten des schönen Fremden aus. Ein unverfänglicher Spaß – bis der Mann ausstieg. Als er aus der Türe trat, sagte er auf Irisch „Go raibh maith agat!” – „Vielen Dank” und schmunzelte. „Mein Gesicht war röter als meine Haare!”, sagte Maria später zu mir. Und die Moral der Geschichte ist: Iren sind überall! Und Irisch ist nicht immer eine nützliche Geheimsprache, auch wenn es mittlerweile nur noch wenige Menschen gibt, die die Sprache fließend sprechen. Wie aber ging die irische Sprache verloren?

Versteckte Hinweise auf die irische Sprache

Heute erscheint Irland wie ein typisch englischsprachiges Land – wie Amerika oder Australien. Aber unter der Oberfläche finden sich überall Hinweise auf die ehemalige Muttersprache: in den Namen von Städten, Menschen und auch in der Art, wie wir Englisch sprechen (In Hiberno-Englisch/Irisch-Englisch, gibt es Ausdrücke, die direkte Übersetzungen aus der irischen Sprache sind und die nur in Irland existieren).
Ich bin mir sicher, dass fast jeder Deutsche irgendwann einmal Probleme hatte, einen irischen Namen wie “Siobhán“ oder “Eoghan“ auszusprechen! Was viele nicht wissen, ist, dass keiner der berühmten irischen Stadt- und Ortsnamen Sinn ergibt. Weder auf Englisch noch auf Irisch. Namen wie Dublin, Belfast, Galway, Kerry usw. bedeuten nichts. Der Grund: Als Irland unter britischer Herrschaft war, wurde die Sprache unterdrückt. Seite eins im imperialistischen Handbuch: um ein Volk zu kontrollieren, zerstöre seine Kultur.

Heute sind fast alle irischen Ortsnamen anglisierte Versionen ihrer ursprünglichen Namen. Zum Beispiel wurde Duibhlinn “Schwarzer Teich” zu Dublin, Béal Feirste “Mündung des Farset (ein Fluss)” zu Belfast. Die Stadt, aus der ich komme, heißt Trim. Trim, wie man vielleicht schon vermuten konnte, bedeutet nichts. Und meiner Meinung nach klingt es auch nicht sehr schön. Auf Irisch aber heißt die Stadt Baile Átha Troim – “Stadt an der Furt der Holunderblüten” (Troim ist also zu Trim geworden). Während des Sommers wird klar, dass der irische Name Sinn ergibt: überall sind Holunderbeeren zu sehen. Als die englische Sprache anfing in Irland eine Vorrangstellung einzunehmen, wurde eine Verbindung zu unserem kulturellen Erbe und ein Teil unseres Selbstverständnisses zerstört.

Die Geschichte des Irischen

Aber wann begann die englische Sprache in Irland zu dominieren? Betrachtet man die ganze Geschichte Irlands, ist das eigentlich nicht so lange her. Um zu verstehen, wie es zu dieser Dominanz kommen konnte, muss man sich die lange, komplexe und oft bittere Beziehung zwischen Irland und England/Großbritannien genauer ansehen.
Seit der anglonormannischen Eroberung Irlands im späten 12. Jahrhundert hat England versucht, Einfluss auf Irland auszuüben. Heinrich II (König von England) erklärte sich zum Herrscher Irlands und gab normannischen Kriegsherren irisches Land, um sich ihre Loyalität zu erhalten.

Die Anglonormannen ließen sich in Irland nieder. Innerhalb eines kurzen Zeitraums übernahmen sie die irischen Bräuche und die Sprachen. Wie Historiker heute sagen, wurden die Anglonormannen Irischer als die Iren selbst. Viele irische Nachnamen sind ursprünglich normannische Nachnamen. Hierzu zählen “Fitzgerald”, “Fitzsimons” (alles mit “Fitz”), “D’Arcy” und “Burke”.

Die anglonormannische Eroberung hatte also wenig Auswirkung auf die seit Jahrhunderten herrschende irische Sprache. Bis auf das englisch-kontrollierte Gebiet, welches “Pale” (Dublin und seine Umgebung) genannt wurde, wurde der Großteil Irlands von verschiedenen irischen Clans beherrscht, wodurch Irisch die vorherrschende Sprache blieb. Diese Herrschaft endete mit der vollständigen Eroberung Irlands durch die Tudors im Jahr 1603. Das gälische Irland war damit endgültig zerstört und das ganze Land stand nun unter englischer Herrschaft.
Unter englischer Herrschaft wurden verschiedene Richtlinien eingeführt, um das Land zu kontrollieren. Land wurde konfisziert und an der Krone loyale Siedler aus England, Schottland und Wales gegeben. Viele Aspekte der irischen Kultur, einschließlich der Sprache, wurden unterdrückt, aber Irisch blieb dennoch bis zum späten 18. Jahrhundert die Hauptsprache.

Irisch: Der Niedergang einer Sprache

Obwohl es viele verschiedene Faktoren gab, die zum Niedergang der irischen Sprache beitrugen, können zwei Hauptgründe ausgemacht werden. Der Erste ist die große Hungersnot, die in Irland zwischen 1845 – 1852 grassierte und zweifellos die größte Tragödie in Irlands Geschichte darstellt.

Mindestens eine Million Menschen starben an Hunger (die Dunkelziffer ist wohl um ein Vielfaches höher) und zwischen ein und zwei Millionen Menschen mussten fliehen (alle waren irische Muttersprachler). Während die arme irische Landbevölkerung verhungerte, als die Kartoffelernte fehlschlug, wurden andere Lebensmittel, oft unter bewaffneter Bewachung, in das britische Reich exportiert. Nach der großen Hungersnot nahm die Ausbreitung der irischen Sprache ab.

Der zweite Hauptgrund für den Niedergang des Irischen war die Einführung des Grundschulsystems in Irland. Hier wurde die Sprache von der britischen Regierung verboten. Eine besonders grausame Methode, die damals benutzt wurde, um die irische Sprache zu unterdrücken, war der sogenannte “Tally Stick”. Dies war ein Stock aus Holz, den jeder Schüler an einem Band um den Hals tragen musste. Wenn ein Schüler auf Irisch sprach, wurde der Stock markiert. Am Ende des Tages wurde der Schüler mit dem Stock geschlagen. Wenn man zehnmal auf Irisch sprach, erhielt man zehn Schläge. Die irische Sprache wurde buchstäblich aus der Iren heraus geprügelt.
Alles verloren?

Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts ist die irische Sprache im Niedergang begriffen. Sowohl vor als auch nach der Unabhängigkeit (1922) wurden Versuche unternommen, die Sprache wiederzubeleben. Doch obwohl die Sprache heute nicht tot ist, war keiner dieser Versuche wirklich erfolgreich.

Für mich ist das traurig, aber gleichzeitig muss ich zugeben, dass ich auch Teil des Problems bin. Als ich in der Schule war, hatte ich keine Lust, Irisch zu lernen. Ich habe es als langweilig und bedeutungslos empfunden. Und seit ich die Schule beendet habe, habe ich viel Irisch vergessen, weil ich es nicht benutze. Ironischerweise halte ich es jetzt als Erwachsener für sehr wichtig, dass die Sprache am Leben erhalten wird.
Wird das der Fall sein? Ich hoffe es, aber ich bin mir nicht sicher. Wenn nicht neue und kreative Wege gefunden werden, um die irische Sprache relevant zu halten, wird sie weiter zurückgehen und letztendlich aussterben.

Über den Autor

Cathal Foley

Cathal Foley

Ich bin gebürtiger Ire und komme aus Trim, einer kleinen Stadt nördlich von Dublin. Mein Weg hat mich nach Deutschland geführt, wo ich als Englischlehrer lebe und arbeite. Ich fühle mich meiner Heimat mit ihrer Geschichte und Kultur tief verbunden und lasse das in Artikel für gruene-Insel.de einfließen.

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