Irische Mythologie

Sankt Brendan und der Wal

Sankt Brendan ist einer der sogenannten Zwölf Apostel Irlands. Geboren im County Kerry gründete er im Lauf seines Lebens mehrere Klöster, unter anderem auf den Aran-Inseln. Bekannt ist er außerdem mit verschiedenen Beinamen: Brendan der Seefahrer, Brendan der Reisende, Brendan der Tapfere. Wie kam der Heilige und Schutzpatron aller Seefahrer zu diesen Beinamen, und vor allem, was hatte er mit einem Wal zu schaffen? Hier findet Ihr die historischen Hintergründe und die Legende seiner heldenhaften Seereise und Bekanntschaft mit dem Wal. Außerdem erfahrt Ihr, wer möglicherweise der wahre Entdecker Amerikas sein könnte!

Historische Fakten über Sankt Brendan

Etwa im Jahr 484 nach Christus wurde Brendan in der Nähe von Tralee, Kerry, geboren, gestorben ist er 577 in einem Kloster im County Galway. Dazwischen existieren wenige Daten, die historisch nachgewiesen werden konnten. Vermutlich besuchte Brendan eine Klosterschule und studierte später, wie die anderen 12 Apostel Irlands, unter Sankt Finnian von Clonard.

Im Alter von sechsundzwanzig Jahren wurde Brendan zum Priester geweiht. Als solcher unternahm er mehrere Reisen zur Gründung von Klöstern. Die erste Reise führte ihn auf die Aran-Inseln, später reiste er nach Schottland, Wales, in die Bretagne und nach England. Dem Wal jedoch begegnete er auf der bekanntesten aller seiner Reisen: Sankt Brendans Suche nach dem „verheißenen Land der Heiligen“.  Etwa sieben Jahre lang suchte Sankt Brendan mit einigen Begleitern nach diesem verheißenen Land, oder, nach keltischer Tradition, Tir na Nog.

Festgehalten wurde die Geschichte dieser Reise über ganz Europa verteilt in mehr als hundert Erzählungen. Die früheste davon stammt etwa aus dem Jahr 900 nach Christus.

Die Reise des Sankt Brendan – Suche nach dem Paradies

Eines Tages, als das Haar des heiligen Brendan längst weiß und sein Rücken gebeugt war, beschloss er, sich auf eine ganz besondere Reise zu begeben. Die letzte Seereise seines Lebens sollte ihn in das verheißene Land der Heiligen führen. Seine Klosterbrüder zeigten dafür wenig Verständnis. War es nicht eine verrückte Idee, nach einem Land zu suchen, von dem man nicht einmal wusste, ob es tatsächlich existierte – und das im hohen Alter??

Sankt Brendan jedoch traf, unbeirrt von ihrem Spott, seine Vorbereitungen. Aus Tierhäuten, die über ein Holzgerippe gezogen wurden, ließ er ein Boot bauen und sammelte Vorräte für die lange Reise. Außerdem fand er unter seinen Brüdern schließlich doch noch zwölf Reisegefährten, und eines kalten, klaren Morgens stachen sie in See.

Ein frischer Wind füllte das bescheidene Segel, das Rufen der Seevögel erfüllte die Luft und die irische Küstenlinie verschwand allmählich in der Ferne. Guter Dinge starrte Sankt Brandon auf den Horizont, wo die weite See und der Himmel einander begegneten und sich am Abend die Sonne zur Ruhe begeben würde. Er war voller Hoffnung, dort sein verheißenes Land zu finden!

Die Insel der Schafe

Zunächst aber sahen die Mönche für viele Tage nur die graue, raue See. Nicht das geringste Anzeichen von Land. Die mitgebrachten Vorräte und das Trinkwasser neigten sich dem Ende entgegen, als sie endlich eine Insel erreichten. Das Eiland war grün wie ihre Heimat, und hunderte von Schafen weideten darauf. So bezeichnete Sankt Brendan die Insel als die „Insel der Schafe“.

via wikimedia.org

Aus Dankbarkeit, gerade noch rechtzeitig hier gelandet zu sein, wollte der Heilige ein Feuer anzünden und eine Messe feiern. Der Platz, den er dazu erkor, war ein Hügel direkt am Ufer. Von hier aus hatten die Mönche den besten Blick über die Insel und die Küste. So entzündeten die jüngeren unter ihnen ein Feuer, während Sankt Brendan die Messe vorbereitete. Als das Feuer munter brannte jedoch geschah das Unerwartete: Der Boden unter ihren Füßen begann zu schwanken!

Jasconius, der Wal

Von Furcht erfüllt blickten die Mönche einander an. Was hatte das zu bedeuten – ein Erdbeben? Der Hügel hob sich in die Höhe, die brennenden Holzscheite glitten hinab und plötzlich öffnete sich mitten im Hügel ein großes Auge. Eine tiefe Stimme fragte dazu: „Wer wagt es, ein Feuer auf meinem Rücken zu entzünden?“

In panischer Angst flohen Sankt Brendans Reisegefährten den Hügel hinab, nur er selbst blieb stehen. „Wer bist du und wo bist du?“, fragte er. Da blinzelte das große Auge und wandte sich langsam in seine Richtung. „Mein Name ist Jasconius, und wie du siehst, bin ich ein Wal!“, antwortete die Stimme. „Ich habe mich hier im seichten Wasser zu einem Schläfchen niedergelassen, bis ihr mich störtet!“

Reuevoll goss Sankt Brendan Wasser über den Rücken des Wales, wo das Feuer gebrannt hatte, doch Jasconius lachte nur. Dank seiner dicken Haut hatten die Flammen ihm keine Schmerzen zugefügt. Nun schämten sich die übrigen Mönche ihrer Furcht und gesellten sich zu Sankt Brendan, der sich mit dem Wal unterhielt.

Die Heimkehr

„Ich werde eine Botschaft an alle anderen Wale schicken“, versprach Jasconius dem Heiligen am Ende ihrer Unterhaltung. „Sie werden euch kein Leid zufügen, sondern im Gegenteil helfen, euren Weg zu eurem verheißenen Land zu finden!“ Und so geschah es. Alle Wale, denen Sankt Brendan und seine Gefährten unterwegs begegneten, verhielten sich freundlich und halfen ihnen, den sichersten Weg über das Meer zu finden.

Unter Sankt Brendans weisem Kommando überstand die Mannschaft im weiteren Lauf der Reise noch manches Abenteuer. Sie trafen auf dampfspeiende Meeresungeheuer, entdeckten Inseln voller glühender Krater, ein „Paradies der Vögel“, einen kristallenen Pfeiler mitten im tiefsten Ozean und gerieten in ein „Klebermeer“, aus dem sie sich kaum mehr befreien konnten.

Schlussendlich aber erreichten sie ihr verheißenes Land, eine fruchtbare Küste, die sie vierzig Tage lang erforschten, ehe sie sich wieder auf den Heimweg machten. Unversehrt erreichten der Heilige und seine Begleiter das heimische Kloster. Sankt Brendan schrieb die Geschichte ihrer Entdeckungsreise nieder und beendete bald darauf friedlich sein Leben.

Sankt Brendan – Legende oder Wahrheit?

Soweit die Legende. Reine Fantasie oder trägt sie doch ein Körnchen Wahrheit in sich?

In mehreren mittelalterlichen Karten ist tatsächlich eine „Brendaninsel“ verzeichnet, und seit dem 19. Jahrhundert wurde versucht, Brendans fantasievolle Ausschmückungen seiner Reiseroute auf reale Orte zu beziehen. Demnach wäre beispielsweise die Insel der Schafe eine der heutigen Faröerinseln, die Insel voll glühender Krater ist Island und der kristallene Pfeiler mitten im Ozean ein Eisberg. Selbst für das Klebermeer gibt es ein reales Pendant: eine Algenwiese jenseits der Bermudainseln.

Das „verheißene Land der Heiligen“ aber wäre nichts anderes als der amerikanische Kontinent. Also gebührt die Ehre der „Entdeckung Amerikas“ eigentlich den Iren? Über dieser Frage rätseln Historiker bis heute.

Auf den Spuren von Sankt Brendan durch Irland

  • Wer sich im heutigen Irland auf die Spuren des Heiligen Brendan begibt, findet ihn an den verschiedensten Orten. Mit einer modernen Statue von Brendan wartet Samphire Island auf, eine kleine Felseninsel in der Tralee Bay (Sankt Brendans Heimat), die man über einen Damm erreichen kann.

Colin Park / St Brendan the Navigator

  • Andere gedenken des Heiligen und Schutzpatrons der Seefahrer an Sankt Brendans Brunnen auf Valentia Island im County Kerry.
  • Der Ort Cahersiveen in Kerry kann mit einer Skulptur aufwarten, die Brendan den Seefahrer und seine Reisegefährten in ihrem Schiff zeigt.
  • Ein realistisches Modell dieses Bootes findet sich in Dingle: das Curragh. Hierbei handelt es sich um ein traditionelles irisches Boot mit einem Korpus aus Holz und gegerbten Ochsenhäuten, der mit Schafsfett wasserundurchlässig gemacht wird. Auch das Segel ist aus Leder.

Und es ist tatsächlich möglich, mit einer solchen Konstruktion den Atlantik zu überqueren! 1976/1977 segelte der Brite Tim Severin in einem altirischen Leder-Curragh von elf Metern Länge und drei Metern Breite von der irischen Küste bis nach Neufundland vor Nordamerika. Ein Hinweis darauf, dass Amerika in der Tat schon lange vor Columbus von einem irischen Mönch entdeckt wurde? Entscheidet selbst – und das am besten direkt am Ort des Geschehens in Irland…

Über den Autor

Monika Dockter

Monika Dockter

Als Schriftstellerin bedeutet Irland für mich Inspiration in ihrer schönsten Form. Ich finde diese Inspiration in den Worten begnadeter irischer „Storyteller“, zwischen den verschlungenen Wurzeln einer uralten Eiche und auf der Brücke über einen Bach, dessen Wasser vom Torf so braun ist wie der Ginster am Ufer gelb…
Für die gruene-Insel.de zu schreiben betrachte ich als einmalige Gelegenheit, etwas von der für mich so faszinierenden Atmosphäre dieses Landes weiterzugeben – und zwar an eingefleischte Irlandfans ebenso wie an solche, die genau das einmal werden wollen.

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