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Brehon Laws – Die Gesetze der Kelten

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Heike Fries
Written by Heike Fries

Die altirischen Gesetze, die im Englischen Brehon Laws heißen, erlauben uns einen unmittelbaren Blick auf die keltische Gesellschaft und den Alltag der Menschen in Irland von einst. Denn die Brehon Laws waren zutiefst mit der Lebenswelt der Menschen verbunden. Zu jener Zeit gab es keine Gerichte und keine Polizei. Strafen, wie wir sie heute kennen, waren unbekannt. In vielerlei Hinsicht überraschen uns die Brehon Laws heute mit ihrer Fortschrittlichkeit. Vieles, was dort niedergeschrieben wurde, klingt heute modern und sinnvoll: So hatten Frauen zum Beispiel umfangreiche Rechte, Tierwohl spielte eine große Rolle und jeder musste für seine Vergehen und Verfehlungen gerade stehen – auch ein Herrscher.

Allerdings blicken wir bei den Brehon Laws durch eine Brille mit einem christlichen Filter. Denn die Kelten gaben ihr Wissen ausschließlich mündlich weiter. Aufzeichnungen dieser spannenden altirischen Gesetze entstanden erst um das Jahr 700 durch katholische Mönche. Wir können wohl davon ausgehen, dass die niedergeschriebenen Gesetze sich zur Zeit der Niederschrift mit christlichen Philosophien vermischt hatten. Ein vollkommener unverfälschter Blick in die Vergangenheit bleibt uns deshalb verwehrt. Aber ob verfälscht oder nicht – die Brehon Laws zeigen uns viel über die keltische Gesellschaft und ihre Werte.

Was genau sind die Brehon Laws?

Es handelt sich dabei um eine Art Rechtssystem, das durch sogenannte Brehons ausgelegt wurde. Das waren gelehrte Frauen und Männer, die sozusagen das Gesetz wahrten und bei Problemen und Streitigkeiten schlichteten und Urteile sprachen. Dicke Bücher zum Nachschlagen gab es damals nicht. Vielmehr mussten die Brehons eine umfangreiche Ausbildung durchlaufen und die mündlich überlieferten Gesetze genau kennen. Ihr Name stammt vom Irischen Breitheamh ab, was so viel wie Gelehrte des Rechts bedeutet. Sie waren weise Männer und Frauen, die als Schiedsrichter und Berater der Herrscher fungierten und deren Urteile auf den überlieferten Gesetzen und ihrem eigenen Ermessen beruhten. Im Prinzip bestand das altirische Gesetz aus einer umfangreichen Sammlung mündlich weitergegebener Rechte, Pflichten und Verboten, die vom Volk mitgetragen und in Ehren gehalten wurden. Sie basierten auf Erfahrungen, Traditionen und dem gesunden Menschenverstand.

Ehre und die Einhaltung moralischer Standards waren die Grundpfeiler der Brehon Laws. Die Brehons fällten weise Urteile und verhängten die passende Entschädigung. Wie zum Beispiel im Falle von zwei Mönchen: Der eine hatte das Buch eines anderen kopiert. Der Geschädigte brachte den Fall vor einen Brehon. Der entschied, dass das kopierte Buch dem Besitzer des Originals gehöre – ebenso wie ein Kalb auch dem Besitzer der Mutterkuh zufiel.

Wann entstanden die altirischen Gesetze?

Wann das Brehon Laws entstanden, ist unklar. Sie tauchen auch in den irischen Mythen auf. Vermutungen legen nahe, dass sie bereits seit der Bronzezeit bestehen– das heißt, sie können gut und gerne auf 4.000 Jahre zurückblicken. Das Gesetz wurde bis in das frühe 17. Jahrhundert angewandt – bis Cromwell allem Irischen den Garaus machte und auch die Brehon Laws durch englisches Recht ersetzte.

Dass das irische Gesetz so lange Bestand hatte, liegt wahrscheinlich daran, dass es von den Menschen für Menschen gemacht war – und nicht von oben herab diktiert worden war. Es kam sozusagen von den Leuten selbst und wurde deshalb von ihnen in hohem Maße akzeptiert. Ehrgefühl und das Gewicht des eigenen Wortes waren damals ebenso wichtig, wie Ansehen und sozialer Status.

Bei den Brehon Laws ging es, anders als heute, nie darum, eine Freiheitsstrafe zu verhängen. Sondern ein Täter hatte einem Beschädigten stets den Schaden zu erstatten oder ihn zu kompensieren. Die Gesetze behandeln nahezu alle Bereiche des alltäglichen Lebens und beziehen auch die Herrscher ein. Diese standen keineswegs über dem Gesetz.

Von A bis Z: Ein Gesetz für jede Lebenslage

Die keltische Kultur in Irland war komplex und die damalige Gesellschaft bestand aus verschieden Schichten.Vom Unfreien bis zum Adeligen und König befand sich dabei jeder innerhalb einer festen Ordnung. Die Brehon Laws regelten auch die Beziehungen untereinander und legten zum Beispiel fest, dass Harfenisten dem adeligen Stand angehörten – Trompeter oder Leute, die auf Jahrmärkten auf Pferderücken turnten, jedoch nicht.

Aber auch der Alkoholkonsum war strikt geregelt: So durfte ein normaler Bauer etwa sechs Pint Bier zum Essen trinken, ein Mönch aber nur drei. Bei einer Hochzeit behielten Frauen und Männer alles Land und alle Güter, die sie in die Ehe mitbrachten. Schwangere Frauen, die von ihren geizigen Ehemännern keine Extraportion Essen bekamen, konnten sich ebenso auf der Seite des Gesetzes wähnen, wie Verwundete oder Kranke, die wegen eines Behandlungsfehlers zu Schaden kamen.

Strafe musste sein, aber ein Gefängnis gab es nicht

Doch was blühte all jenen, die die Gesetze missachteten? Gefängnisse gab es in der keltischen Gesellschaft nicht – und auch die Todesstrafe war nur eine Strafe für die allerschwersten Fälle. In der Regel mussten allzu trinkfreudige Mönche, geizige Ehemänner und unfähige Ärzte für den entstandenen Schaden aufkommen und eine Art Strafe zahlen. Das konnte zum Beispiel so aussehen, dass der behandelnde Arzt, wenn er seine Arbeit nicht richtig erledigt hatte, alles Geld zurückzahlen musste, das ihm für die Behandlung gegeben wurde. Hatte er noch zusätzlichen Schaden angerichtet, musste er dafür ebenso aufkommen und alle Kosten der Genesung übernehmen.

Das traf übrigens auch auf alle zu, die jemanden verletzt hatten. Wenn derjenige starb, musste der Täter der Familie des Opfers sozusagen einen Schadenersatz zahlen. Kranke genossen auch bei folgendem Gesetz Schutz: Im Hause eines Arztes, in dem ein Kranker lag, durfte weder zänkisches Geschrei zu hören sein, noch Hundebellen oder Schweinegrunzen vor dem Haus. Außerdem durften sich niemand über das Bett des Kranken hinweg miteinander unterhalten.

Arbeitsschutz für Tiere und ein zugedrücktes Auge für Mäusefänger

Tiere hatten in der keltischen Gesellschaft ebenfalls umfangreiche Rechte. So durfte ein Bauer weder Ochsen noch Pferde zu übermäßiger Arbeit zwingen oder sie so schlagen, dass sie zu Schaden kamen. Aber auch Bienen spielten eine große Rolle in den Brehon Laws. Stach eine Biene zum Beispiel jemanden aus heiterem Himmel und hatte derjenige seine Genugtuung nicht schon durch das Töten der Biene erlangt, hatte er Anrecht auf eine Portion Honig. Ein Huhn, dessen Hinterlassenschaften die Küche verunreinigten, fand seinen Napf abgedeckt vor. Überhaupt wurden angriffslustige Tiere ebenso bestraft wie Menschen. Allerdings kamen dabei auch stets mildernde Umstände in Betracht. Wenn eine Katze bei einer wilden Mäusejagd Schaden anrichtete war das in Orndung – sie tat ja schließlich nur ihren Job.

Ehre und Ansehen als Pfeiler der Brehon Laws

Die altirischen Gesetze spiegelten dabei der Lebenswelt der Menschen. Gastfreundschaft war ungemein wichtig. Das erfahren wir auch aus den Niederschriften, denn jeder, der an eine Tür klopfte, musste verköstigt werden. Derjenige, der jemanden geschädigt hatte, überreichte diesem oft eine Art Pfand, bis die Entschädigung erledigt war. Das war in der Regel etwas Bedeutsames: Zum Beispiel ein Schmuckstück, ein wichtiges Werkzeug oder gar ein Schwert – zum Beispiel im Fall eines Ritters. Wichtig war, dass diese Gegenstände für den Täter große Bedeutung hatten. War die Strafe bezahlt, erhielt er es in der Regel zurück.

Wie wichtig Ansehen in der keltischen Kultur war, zeigt dieses Beispiel. Stand ein großes Fest an und war ein wichtiges Schmuckstück als Pfand abgegeben worden, musste es für die Feier zurückgegeben werden. Denn egal was er angerichtet hatte, das Gesicht verlieren sollte der Missetäter nicht.

Naturschutz in den Brehon Laws

Überliefert sind uns in den Brehon Laws auch Regelungen bei Verstößen gegen den Schutz von Bäumen. Die Kelten unterteilten die Bäume in vier verschiedene Klassen je nach ihrer Wichtigkeit für die Gemeinschaft. Auf das Fällen der sogenannten noblen Bäume wie zum Beispiel Eiche, Hasel oder Esche standen zwei Milchkühe, die der Missetäter abgeben musste. Wurden weniger wichtige Büsche gefällt, war es dagegen nur eine Milchkuh.

Über den Autor

Heike Fries

Heike Fries

Irland ist eine Herzensangelegenheit für mich und neben der irischen Musik hat es mir vor allem der irische Sagenzyklus angetan.

Ich habe Irland schon als Schülerin mehrmals besucht. Damals hatte ich das Glück, die ganze Insel über mehrere Wochen kennenzulernen. Das blieb natürlich nicht ohne Folgen: Es ist bis heute mein Lieblingsland.

Ich bin Autorin und Künstlerin und irische Motive schmuggeln sich auch immer wieder in meine Zeichnungen. In meiner Freizeit spiele und singe ich in einer Band. Wir sind zwar keine richtige Folkband, haben aber den ein oder anderen irischen Song im Programm. Ich spiele außerdem ein wenig Bodhrán. Da ich nicht genug übe, bin ich nicht besonders gut – aber ich bin mit Begeisterung dabei.

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