Scariff Island ist nur eine von vielen kleinen und kleinsten Inseln vor der Westküste des irischen „mainland“, das ja ebenfalls nichts anderes als eine Insel ist. Und doch hat jede dieser winzigen Inseln ihre Besonderheiten, sowohl in ihrem Äußeren als auch in ihrer Geschichte. Jedes von diesen kleinen, von Wind und Wellen umtosten Stückchen Landes beherbergte im Lauf seiner Existenz unterschiedliche Bewohner. Viele von ihnen wurden Zeugen von menschlichem Drama und realem Existenzkampf; und einige wenige in neuester Zeit auch zum Schauplatz fiktiver Kämpfe für Kino-Blockbuster wie Star Wars. Welche Besonderheiten Scariff Island aufzuweisen hat, zeigen wir Euch hier.
Lage und Größe
Scariff Island liegt vor der Küste Kerrys im Westen Irlands. Fährt man entlang des Wild Atlantic Way auch die Küste der Halbinsel Iveragh entlang, hat man einen guten Blick auf das kleine Eiland, ebenso auf die kleinere Nachbarinsel Deenish Island. Vom Aussichtspunkt Hog’s Head auf Iveragh liegt Scariff Island etwa sieben Kilometer entfernt. Die Entfernung von Deenish nach Scariff beträgt nur einen Kilometer.
Dennoch ist es schwierig, dort hinzugelangen, die Insel wird nicht oft von Schiffen angesteuert. Einfacher ist es also, einfach nur den Blick aus der Ferne hinüber zu dem kleinen schroffen Felsen im Atlantik zu genießen.
Die Insel ist etwa 366 Hektar groß. Sie besteht hauptsächlich aus steilen, von windgepeitschtem Gras überzogenen Klippen. 252 Meter hoch erhebt sich die höchste von ihnen über dem Meeresspiegel. Die westliche Küste von Scariff ist von zahllosen Höhlen durchzogen und mit Klippen und spitzen Felsnadeln versehen. Kein Wunder, wenn man bedenkt, dass insbesondere dieser Teil seit Jahrtausenden von mächtigen Atlantikstürmen umtost wird und sich die Meereswogen mit unvorstellbarer Gewalt an den Felsen brechen.
Daher auch der Name Scariff: Er kommt von dem irischen Wort An Scairbh, was auf Deutsch so viel wie zerklüftet bedeutet.
Nicht zu verwechseln ist Scariff Island übrigens mit der Stadt Scariff, die im Innern der Grünen Insel am Lough Derg liegt.
Die Geschichte von Scariff Island
Über die frühe Geschichte der heute unbewohnten Insel ist wenig bis gar nichts bekannt. Es scheint, als ob Menschen die rauen Wetterbedingungen und die Einsamkeit des Inselchens in der Tat mieden.
Die spärlichen heute noch sichtbaren Zeugen ihrer frühen Geschichte sind nämlich die Ruinen einer Klosteranlage samt Kirche. Offensichtlich gehörten also in der frühchristlichen Zeit christliche Mönche zu den Bewohnern der Insel. Unter Umständen waren sie zu der Zeit die einzigen hier lebenden Menschen.
Aus späteren Jahren stammt die einzig andere Ruine der Insel: die Überreste eines Cottages. Hier lebte einst eine Farmersfamilie. In aller Abgeschiedenheit hütete die Familie das auf der Insel weidende Vieh. Was für ein Leben mit dem Heulen des Windes und dem Rauschen der Wogen im Ohr, über dem Kopf nichts anderes als den weiten Himmel und in der unmittelbaren Nähe nichts weiter als das meist stumme, grasende Vieh! Die Aufzeichnungen über diese Familie stammen aus dem Jahr 1837.
Bei der Volkszählung 1911 dagegen war kein einziger Bewohner der Insel mehr verzeichnet. Demnach verließen die letzten Bewohner von Scariff Island ihr heimatliches Fleckchen Erde irgendwann zwischen den Jahren 1837 und 1911.

Deenish (L) and Scariff (R) Islands by Michael Earnshaw, CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons
Der rote Mönch von Scariff Island
Wie so oft in Irland rankt sich jedoch auch um die kleine, schon so lange verlassene Insel eine Legende. Die Legende von Brathair Rua na Scairbhe, also des Red Monk of Scariff. Dies war ein offenbar einsiedlerisch lebender Mönch, der die Klosteranlage von Scariff bewohnte und dort im Jahr 1653 von Cromwells Soldaten enthauptet wurde. Sein Schädel kann heute in der franziskanischen Friary im nahen Killarney besichtigt werden.
Hier möchte ich ich dir die Geschichte des Roten Mönches ein wenig veranschaulichen.
Der Sommer war angebrochen, wie der Einsiedler mit dem spärlichen Kranz roten Haares es in seinen alten, gichtgeplagten Gliedern spürte. Vor allem aber sah er es, als er an diesem Morgen aus seiner Zelle hinaus vor die Abtei trat. Der Himmel über seinem einsamen Eiland war so weit und blau, wie er es seit Wochen nicht mehr gesehen hatte. Nur wenige Wolken trieben darüber hin. Und der Wind, der ihm noch vor wenigen Tagen den Regen fast waagrecht ins Gesicht getrieben hatte, strich ihm heute nur sanft um Wange und Bart.
Dankbar hob der Mönch seine Arme gen Himmel, um Gott dafür zu preisen. Mitten in der Bewegung jedoch hielt er inne. Er beschirmte seine Augen mit der Hand und blickte hinaus auf den Ozean. Da waren sie wieder, die Schiffe. Viel zu häufig hatte er sie in letzter Zeit zu sehen bekommen. Er, der hier seit vielen Jahren, als die letzten seiner Mitbrüder hinüber auf die Hauptinsel gezogen oder verstorben waren, die Stille und Einsamkeit genoss, blickte mit wachsender Besorgnis auf diese Schiffe. Heute kamen sie gar so nahe, dass er die roten Röcke der Soldaten darauf erkennen konnte.
War es heute soweit?, fragte sich der Mönch. Würden die Soldaten heute die günstige Witterung nutzen und auf seiner Insel landen statt wie bisher weiter zu segeln? Einen bangen Augenblick starrte er hinunter auf das eine Schiff, das sich in der Tat der Insel näherte, dann ermahnte er sich selbst.
Gott, der Schöpfer aller Dinge, ist auch größer als alle Armeen dieser Welt, sagte er sich. Weshalb also sollte ich diese Soldaten fürchten? Vielmehr sollte ich mich daran machen, die Messe zu lesen und meinem Gott die Ehre zu geben, so wie an jedem anderen neuen Tag auch!
Er faltete die Hände vor seiner Brust und schritt der Kirche entgegen. Voll Ehrfurcht kniete er nieder und richtete seine Aufmerksamkeit auf seinen Schöpfer. So viertieft war er in seine Anbetung, dass er die nahenden Soldaten erst wahrnahm, als ihre Stiefel über den Steinboden der Kirche polterten. Näher und näher kamen ihre Schritte.
Langsam hob der Mönch sein Haupt und blickte ihnen entgegen. Mit gezücktem Schwert kamen sie auf ihn zu. Ihre Blicke hatten sie bereits auf das Tabernakel hinter ihm gerichtet, wo sie einen reichen Schatz zu finden hofften. Einer der Rotröcke hob sein Schwert, holte aus – und der Mönch hatte seinen irdischen Lauf vollendet. Seine Augen sahen den Herrn, dem er so treu gedient hatte, nun tatsächlich, während sein Haupt über den Boden der Kirche rollte. Achtlos stiegen die Soldaten darüber hinweg, um das Gotteshaus zu plündern.
So oder ähnlich könnte sich dieser 23. Juni 1653 auf Scariff Island abgespielt haben, und noch heute wird er mit dem Abhalten einer Messe gefeiert.
Die Umgebung von Scariff Island
Jeweils nicht weit vom Hog’s Head mit seinem Ausblick nach Scariff Island, liegen die beiden Städte Killarney und Kenmare. Beide sind sehr sehenswert: Killarney mit seinen beiden Seen, der Ruine von Muckross Abbey und dem Herrenhaus Muckross House.
Ebenso Kenmare, mit seiner einmaligen Lage „zwischen“ den beiden Halbinseln Beara und Iveragh. Wobei Kenmare touristisch eventuell etwas weniger frequentiert wird – was ich selbst als einen Vorteil empfinde. Tatsächlich ist Kenmare mein persönlicher Sehnsuchtsort in Irland. Wenn ich von der Beara-Seite aus über die Bucht hinüber auf die dunstverhangenen Berge von Iveragh blicke, geht mir regelrecht das Herz auf und ich möchte am liebsten an Ort und Stelle Wurzeln schlagen…
Es lohnt sich also definitiv, Scariff Island, Killarney und Kenmare mit eigenen Augen und live zu sehen statt nur auf dem Bildschirm!


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