Daniel O’Connell: Vorkämpfer irischer Bürgerrechte - ☘ gruene-insel.de
Berühmte Iren

Daniel O’Connell: Vorkämpfer irischer Bürgerrechte

Daniel O’Connell
Written by Nadja Uebach

Der Atlantik rollt im Südwesten der Grünen Insel unermüdlich seine Wellen gegen die schroffen Felsen, und über den grünen Hügeln liegt ein Dunstschleier, der die Landschaft in eine geheimnisvolle Stimmung taucht. Eine Szene, wie man sie seit Jahrhunderten in der irischen Landschaft findet. Auch zu einer Zeit, in der die englische Kolonialherrschaft die Bewohner der kleinen Atlantikinsel unterdrückte und entrechtete. Allerdings war es in Irland nicht nur die Landschaft, die still und kraftvoll ihrem Rhythmus folgte, denn auch unter den Iren gab es immer wieder Menschen, die mit Mut und Überzeugung für ihr Land kämpften. Einer dieser Menschen war Daniel O’Connell, der die Mauern der Besetzer nicht mir Schwertern oder Kanonen ins Wanken brachte, sondern mit dem festen Glauben, dass Gerechtigkeit, Freiheit und Würde nicht verhandelbar sind.

Damit ging er als The Liberator (der Befreier) in die Geschichte Irlands ein. Mehr über sein Leben und Wirken erfahrt Ihr in diesem Beitrag.

Daniel O’Connell – Die Geburt eines stillen Helden

Daniel O’Connell wurde am 6. August 1775 in Carhan im County Kerry geboren. Seine Familie war zwar katholisch, konnte allerdings dank der Unterstützung protestantischer Nachbarn ihre Ländereien behalten. Generell waren die Katholiken zu dieser Zeit allerdings von den sogenannten Penal Laws in ihrem Leben eingeschränkt. Diese Gesetze zielten darauf ab, Katholiken vom politischen Leben, vom Landbesitz und von höherer Bildung auszuschließen. O’Connell wuchs also in einem Spannungsfeld auf. Auf der einen Seite stand eine wohlgesicherte Herkunft, auf der anderen die ständige Erfahrung von Diskriminierung. Schon in jungen Jahren prägte ihn der Gedanke, dass Rechte nicht selbstverständlich sind, sondern erkämpft werden müssen. Er zählte dabei jedoch nicht auf Waffen, sondern auf Worte und politisches Geschick.

Seine Kindheit verbrachte er im ländlichen Kerry, besonders in der Gegend rund um Derrynane, wo er bei seinem alleinstehenden Onkel lebte. Hier, umgeben von Meer, Bergen und der Abgeschiedenheit der Küste, prägte sich seine Liebe zu Irland und seinen Menschen. Derrynane House war nicht nur sein Wohnsitz, sondern ein Ort, an dem er die Traditionen, die Sprache und die Kultur seines Volkes tief in sich aufnahm.

Daniel O’Connell

Alfred M. Hoffy, Public domain, via Wikimedia Commons

Ausbildung und politische Einstellung

Er erhielt eine Ausbildung, die für viele seiner Zeitgenossen unerreichbar war und besuchte beispielsweise ein Jesuitenkolleg in Frankreich. Von dort musste er jedoch im Zuge der Französischen Revolution gemeinsam mit seinem Bruder fliehen. Die Gewalt und die Radikalität dieser Ereignisse hinterließen bei ihm bleibende Spuren. Er sah, wie leicht Ideale von Freiheit und Gleichheit in Chaos und Blutvergießen umschlagen konnten. Von da an war er entschlossen, Gewalt als politisches Mittel strikt abzulehnen.

Später setzte er sein Studium in London und Dublin fort und wurde 1798 in der irischen Hauptstadt als Anwalt zugelassen. In dieser Rolle bewies O’Connell enormes Geschick. Seine Argumentationen verbanden juristische Präzision mit leidenschaftlicher Überzeugung. Er nutzte den Gerichtssaal als Bühne, um Missstände aufzuzeigen, und galt schon bald als Verteidiger der Schwachen und Entrechteten. Gleichzeitig distanzierte er sich von den militanten Republikanern seiner Zeit, die mit Aufständen versuchten, Irland von der britischen Herrschaft zu lösen. O’Connell glaubte fest daran, dass nur ein legaler, friedlicher Weg zu dauerhaften Erfolgen führen würde.

Daniel O’Connell – Entwicklung und Katholikenemanzipation

Ein Wendepunkt war das Jahr 1823, als O’Connell gemeinsam mit Richard Lalor Sheil die Catholic Association gründete. Diese Organisation wurde zum Sprachrohr der unterdrückten irischen Bevölkerung. Sie organisierte sich durch monatliche Mitgliedsbeiträge, der sogenannten „Catholic Rent“, die es jedem ermöglichte, Teil der Bewegung zu sein. Diese Struktur verlieh der Association sowohl finanzielle Stärke als auch eine tiefe Verwurzelung im Volk.

1828 wagte O’Connell den Schritt, der sein Leben und Irlands Geschichte verändern sollte. Er kandidierte im Wahlkreis Clare für das britische Parlament und gewann überzeugend. Als Katholik weigerte sich O’Connell allerdings einen Eid auf den König als Oberhaupt der anglikanischen Kirche zu schwören und konnte so zunächst nicht ins Parlament einziehen. Einige Mitglieder der englischen Regierung befürchteten, dass diese Tatsache in Irland zu großen Unruhen führen könnte, und überzeugten König George IV, diese Regelung abzuschaffen. Ein Jahr später begann die Katholikenemanzipation, die es den römisch-katholischen Iren wieder erlaubte, ihre Religion frei auszuüben und ihnen Zugang zu öffentlichen Ämtern verschaffte. O’Connell konnte sein Mandat so schließlich antreten. Für Millionen Katholiken war dies ein Triumph und O’Connell wurde endgültig zu einer Schlüsselfigur in der irischen Unabhängigkeitsbewegung.

Die Repeal-Bewegung – ein Traum von Selbstbestimmung

Nach diesem Erfolg setzte O’Connell sich die Aufhebung des Act of Union zwischen Irland und Großbritannien zum Ziel. 1840 gründete er die Repeal Association. Sein Traum war ein irisches Parlament, das über die Regelungen des Landes selbst bestimmen konnte. Er glaubte, dass Irland nur dann wirklich frei sein konnte, wenn die Entscheidungen nicht länger in Westminster, sondern auf irischem Boden getroffen wurden.

Seine Mittel waren einmal mehr friedlich. Auf riesigen Volksversammlungen, den sogenannten Monster Rallies, kamen Zehntausende, manchmal Hunderttausende Menschen zusammen, um seine Reden zu hören. Orte wie Tara oder Clontarf wurden zu Symbolen einer friedlichen Massenbewegung von bisher ungekanntem Ausmaß. Er sprach nicht nur von Politik, sondern auch von Würde, Gemeinschaft und der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Für viele Iren war es das erste Mal, dass sie spürten, dass ihre Stimme Teil von etwas Größerem war. Die englische Regierung sah besonders das große Ausmaß dieser Bewegung als Bedrohung und ließ die Versammlungen verbieten. Als O’Connell 1843 eine geplante Kundgebung in Clontarf absagen musste, war dies ein herber Rückschlag. Trotz der Absage der Versammlung verhaftete man O’Connell kurz darauf und er wurde von einem Verschworenengericht verklagt.

Die britische Regierung hob das Urteil jedoch wieder auf und entließ O‘Connell aus der Haft, doch mit der Haft endete auch sein Kampf zur Abschaffung des Act of Union, für den ihm nach der Abschaffung der Großversammlungen keine wirksamen friedlichen Mittel mehr zur Verfügung standen.

Daniel O’Connell – Der Blick über Irland hinaus

O’Connell war jedoch mehr als ein Kämpfer für katholische Rechte oder für die irische Selbstbestimmung. Sein Gerechtigkeitssinn war universell. Er sprach sich vehement gegen die Sklaverei aus, eine Haltung, die ihn auch international bekannt machte. Besonders eindrucksvoll war sein Zusammentreffen mit dem afroamerikanischen Freiheitskämpfer Frederick Douglass, der 1845 nach Irland kam. Douglass war tief beeindruckt von O’Connell, den er als moralischen Leuchtturm sah. Für ihn war der Ire einer der wenigen europäischen Politiker, die den Mut hatten, das Unrecht der Sklaverei klar beim Namen zu nennen. Douglass beschrieb später, wie er bei O’Connells Rede in Dublin spürte, dass er nicht nur für Irland, sondern für alle Unterdrückten sprach. Diese Begegnung zeigt, wie weit O’Connells Einfluss reichte, von der Küste Kerrys bis in die Herzen jener, die tausende Kilometer entfernt um ihre Freiheit kämpften.

Die letzten Jahre und das Geheimnis seines Herzens

Die Jahre und der ständige politische Kampf forderten ihren Tribut. Als die Große Hungersnot Irland in den 1840er Jahren heimsuchte, war O’Connell bereits ein gebrochener Mann. Er musste erleben, wie sein Volk Hunger und Elend erlitt, während die politischen Verhältnisse jede schnelle Hilfe erschwerten. Im Februar 1847, einem der verheerendsten Jahre der Hungersnot, wandt er sich ein letztes Mal an das britische Parlament und bat um die dringen benötigte Hilfe für seine Heimat. Aufgrund seines sich stetig verschlechternden Gesundheitszustandes begab er sich direkt im Anschluss auf eine Pilgerreise nach Rom, um für seine Gesundheit und Irland zu beten. Doch er starb unterwegs in Genua.

„My body to Ireland, my heart to Rome, and my soul to heaven.“

Seinem letzten Wunsch entsprechend wurde sein Körper nach Dublin überführt und auf dem Glasnevin-Friedhof in Dublin beigesetzt. Sein Herz jedoch sollte nach Rom gebracht werden, wo es zunächst in einer Gruft aufbewahrt wurde. Im Jahr 1927 stellte man allerdings fest, dass es nicht mehr in der Gruft ruhte, sondern auf mysteriöse Weise verschollen war. Dieses Rätsel verleiht der Geschichte des „Liberators“ eine fast mythische Dimension. Sein Herz, das so leidenschaftlich für Irland schlug, ist nun irgendwo zwischen seiner Heimat und dem Zentrum der katholischen Welt verloren gegangen, fast wie ein Sinnbild dafür, dass seine Mission unvollendet blieb.

Deserted Village Achill Island, Heinrich Böll irisches Tagebuch

Das Verlassene Dorf auf Achill Island – ein Zeitzeuge der großen Hungersnot © Yvonne Treptow-Saad

Daniel O’Connell und sein Vermächtnis

Heute erinnert in Dublin die imposante Statue auf der O’Connell Street an den Mann, der nie eine Waffe erhob und doch Millionen bewegte. Sie thront inmitten des pulsierenden Lebens der Hauptstadt, als stilles Symbol für den friedlichen Widerstand. O’Connells Erbe lebt in der irischen Identität fort, in der Erinnerung an die Kraft des Wortes und den Glauben an friedliche Veränderung. Er hat gezeigt, dass sich politische und gesellschaftliche Mauern nicht nur durch Gewalt niederreißen lassen, sondern durch Mut, Beharrlichkeit und die unerschütterliche Überzeugung, dass Freiheit ein Recht jedes Menschen ist. Sein Einfluss reichte über Irland hinaus. Viele der Bewegungen des 19. Jahrhunderts, die für Rechte und Gleichheit kämpften, sahen in ihm ein Vorbild. Und noch heute inspiriert er Menschen, die an friedlichen Widerstand glauben.

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Über den Autor

Nadja Uebach

Da ich seit 2008 auf der grünen Insel lebe, bedeutet Irland für mich in erster Linie Alltag. Wenn ich nicht mit meinem Laptop bewaffnet in einem Café oder Zuhause sitze und schreibe, findet man mich höchstwahrscheinlich mit meinen drei Kindern am Strand. Die Natur, die Kultur und insbesondere die Menschen sorgen dafür, dass sich in unseren Alltag immer wieder ein bisschen Magie einschleicht. Diese besondere irische Alltagsmagie versuche ich in meinen Texten in Worte zu fassen.

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