Bridget Cleary – Das tragische Schicksal der letzten „Hexe“ Irlands - ☘ gruene-insel.de
Irland in der Neuzeit

Bridget Cleary – Das tragische Schicksal der letzten „Hexe“ Irlands

Written by Nadja Uebach

In den windumtosten Hügeln des ländlichen Irlands, wo der Nebel über Torfmoore zieht und jeder knorrige Baum zum Tor in eine andere Welt werden kann, lebte Ende des 19. Jahrhunderts eine Frau, deren Name bis heute wie ein dunkler Schatten in der Geschichte Irlands nachhallt: Bridget Cleary. Sie lebte in einer Zeit, in der selbstständige Frauen misstrauisch beäugt wurden. Und Bridget entsprach ganz und gar nicht dem Bild der gehorsamen Bäuerin, die still im Schatten ihres Mannes lebte. Eine Tatsache, die ihr in ihrer Ehe schließlich zum Verhängnis wurde und ihr das Leben kostete.

Geboren 1867 in Ballyvadlea, einem kleinen Ort im County Tipperary, wuchs Bridget in einer Welt auf, die noch tief verwoben war mit uralten Erzählungen, Aberglauben und der allgegenwärtigen Präsenz der Feen, die in den Hügeln, unter Steinen und bestimmten Bäumen ihre unsichtbaren Reiche bewohnten. Schon früh zeigte sich, dass Bridget nicht nur hübsch, sondern auch selbstbewusst war. Sie konnte Lesen und Schreiben und erlernte das Handwerk der Schneiderin, eine Fähigkeit, die ihr nicht nur ein Einkommen, sondern auch eine gewisse Unabhängigkeit verschaffte. In einer Zeit, in der die meisten Frauen kein eigenes Geld verdienten, war das nicht nur praktisch, sondern ein Stück Freiheit, das vielen verwehrt blieb.

Warum ausgerechnet diese Freiheit für eine tragische Wendung in Bridgets Leben sorgte, erfahrt Ihr in diesem Beitrag.

Bridget Cleary: Ihre Ehe und ein Leben im Aufbruch

1887 heiratete Bridget den Küfer Michael Cleary, nachdem sie sich in Clonmel während Bridgets Schneiderlehre kennengelernt hatten. Nach der Hochzeit zog Bridget zurück in ihr Elternhaus. Ihr Mann blieb in Clonmel, um dort weiter in seinem Beruf zu arbeiten. Während dieser Zeit wurde Bridget zunehmend selbstständiger. Sie baute sich mit dem Schneidern und dem Verkauf von Eiern ein kleines, verlässliches Geschäft auf und trug somit maßgeblich zur Familienkasse bei.

Nach dem Tod von Bridgets Mutter verbrachte Michael mehr Zeit mit Bridget und ihrem Vater. Das junge Paar übernahm die Verantwortung für Bridgets Vater, was sie dazu befugte, ein für diese Zeit begehrtes Arbeitercottage in Ballyvadlea zu erwerben, das die beiden nur kaufen konnten, weil der Vater vor seiner Rente als Arbeiter tätig war. Das Häuschen stand in unmittelbarer Nähe eines Fairy Forts, was das spätere Geschehen nur noch förderte.

Obwohl sie nun mit ihrem Mann zusammenlebte, blieb Bridget eine ungewöhnliche Frau ihrer Zeit. Sie kleidete sich modern, trug ihre Haare modisch und scheute nicht davor zurück, allein in die Stadt zu reisen, um ihre Näharbeiten zu verkaufen.
Diese Mischung aus Selbstständigkeit, Bildung und einer gewissen Weltgewandtheit sorgte in ihrem Umfeld teilweise für Bewunderung und vielleicht etwas Neid, aber auch für Unmut und sogar Angst. In einer Gesellschaft, in der Anderssein schnell zum Stigma werden konnte, reichte manchmal schon ein auffälliger Hut oder ein ungewöhnlich selbstsicheres Lächeln, um Gerüchte laut werden zu lassen.

Bridget’s Verhängnis: Krankheit, Gerüchte und Aberglauben

Nachdem Bridget im März 1895 an einem kalten, feuchten Tag ihre Lieferungen zu Fuß an entfernte Nachbarn gebracht hatte, erkrankte sie plötzlich. Ihre Krankheit wird immer wieder als Bronchitis bezeichnet, könnte allerdings auch eine Lungenentzündung gewesen sein. In der Vorstellung der Menschen ihrer Zeit war eine plötzliche und hartnäckige Erkrankung auch ein Hinweis darauf, dass anstatt eines Menschen nun ein Fairy-Changeling im Haus war. In Bridgets Fall wurde dieser Glaube von der Tatsache unterstützt, dass sie regelmäßig das Fairy Fort auf ihrem Land besuchte, da sie glaubte, dort ihrer verstorbenen Mutter begegnen zu können.

Grafschaft Tipperary

Wo am Morgen Nebel über die Hügel zieht, sollen einst Hexen ihr Unwesen getrieben haben © Tipperary Co.Council, Fáilte Ireland

Der tiefe Glaube an die Feen

Diese Feenhügel verhießen im Volksglauben nichts Gutes. Die dort ansässigen Feen waren dafür bekannt, gelegentlich Menschen – besonders junge Frauen – in ihr Reich zu entführen, um sie als Gefährtinnen oder Ammen zu behalten. An ihrer Stelle ließen sie ein Wesen zurück, das zwar äußerlich gleich aussah, innerlich aber verändert war. Dieser Changeling war meist kränklich, apathisch oder verhielt sich seltsam. Die Rückkehr der wahren Person konnte man erwzingen, indem man den Changeling vertrieb, was oft durch grausame Rituale geschah.

Zu jener Zeit war es keineswegs ungewöhnlich, in Fällen von Krankheit oder „Verzauberung“ einen sogenannten Fairy Doktor zu konsultieren. Das war eine Art Volksheiler, der sich auf die Abwehr von Feenmagie spezialisiert hatte. Diese Männer oder Frauen kannten alte Kräutermischungen, Segenssprüche und symbolische Handlungen, von denen man glaubte, dass sie den Einfluss der Anderswelt brechen könnten. Häufig arbeiteten sie mit bitteren Kräutern, Weihwasser, Feuer oder Milch, die als Opfergabe an die Feen gedacht war. Manche ließen Patienten mehrmals über einem Feuer stehen, um „die fremde Seele auszuräuchern“, andere bestanden auf nächtliche Prozessionen zu bestimmten Hügeln. In der Abgeschiedenheit ländlicher Gemeinden war ihr Wort oft ebenso verbindlich wie das eines Priesters und für viele galt ein Fairy Doktor als letzte Hoffnung, wenn weder Arzt noch Gebet eine Besserung brachten.

Michael Cleary, war fest davon überzeugt, dass seine Frau nicht mehr sie selbst war. Die Krankheit, ihr verändertes Verhalten und die alten Geschichten, die sich in den Köpfen festgesetzt hatten, webten sich zu einer Überzeugung, die stärker war als Logik und Medizin. Nach wenigen Tagen schickte er nach dem Fairy Doktor der Region, um seine Frau aus den Fängen der Feen zu befreien.

Der 15. März 1895 und Bridgets Schicksal

Was in den Tagen vor Bridgets Tod geschah, ist nur bruchstückhaft durch Zeugenaussagen, Protokolle und Gerichtsakten rekonstruierbar. Allein dadurch entsteht jedoch ein erschütterndes und grauenvolles Bild.

Michael Cleary und mehrere Verwandte versuchten, Bridget mit einer Mischung aus Kräutern, Milch und einer bitteren Flüssigkeit aus Holunder und Urin aus dem Feenreich zurückzuholen. Man tränkte ihren Körper in diesen Mixturen und zwang sie, davon zu trinken, während man Gebete über ihr sprach und ihr Fragen stellte, wie zum Beispiel: „Bist du Bridget, die Frau von Michael Cleary, im Namen Gottes?“

Am Abend des 15. März eskalierte die Situation. Zeugen berichteten, dass Michael Cleary seine Frau vor dem Kaminfeuer auf dem Boden hielt, während er wiederholt von ihr verlangte, ihm ihren Namen zu nennen. Als sie nicht in der Weise antwortete, die er erwartete, kippte die Stimmung endgültig ins Unheilvolle. Michale verkündete, dass die Person vor ihm nicht seine Frau war und das er den Changeling durch den Kamin vertreiben wolle. Bridget wurde geschüttelt, festgehalten, und schließlich übergoss Michael sie mit dem Öl einer Lampe und stieß sie so nah ans Feuer, dass ihre Nachtkleidung in Flammen geriet. Innerhalb von Minuten war sie tödlich verbrannt.

Zwischen Ritual und Mord

Ob Michael Cleary tatsächlich glaubte, damit den Changeling zu vertreiben, oder ob Wut, Eifersucht oder tief verwurzelter Aberglaube die Tat trieben, bleibt unklar. Insbesondere da nach der Tat Gerüchte in der Gegend laut wurden, dass Bridget eine Affäre gehabt haben soll. In den Gerichtsverhandlungen sprach Michael von der Hoffnung, die „wahre“ Bridget zurückzubekommen, die seiner Meinung nach noch irgendwo im Reich der Feen gefangen gehalten wurde. Die durchgeführten Rituale und schließlich die Vertreibung des Changelings durch das Feuer, waren in Michaels Glauben der einzige Weg gewesen.

In den Tagen nach der Tat wartete er viele Stunden an dem nahegelegenen Fairy Fort auf ihre Rückkehr. Es heißt, Michael wäre davon überzeugt gewesen, dass Bridget unversehrt und auf einem weißen Pferd reitend zu ihm zurückkehren würde.

Bridget Cleary: Der Prozess und die öffentliche Reaktion

Der Mord an Bridget Cleary sorgte nicht nur in Irland, sondern auch international für Aufsehen. Zeitungen in London und sogar in den USA berichteten über den Fall; oft mit sensationslustigen Headlines, die von „Irlands letzter Hexe“ sprachen. Zwar war Bridget nie offiziell als Hexe angeklagt, doch der Aberglaube, der zu ihrem Tod führte, wurde als Relikt einer „rückständigen“ irischen Kultur dargestellt. Eine Darstellung, die sich politisch negativ über die geforderte Unabhängigkeit Irlands von der britischen Herrschaft auswirkte. Ein Land, das offensichtlich noch so tief in alten Irrglauben verwurzelt war, konnte sich nicht selbst regieren.

Michael Cleary wurde in einem Prozess des Totschlags, nicht des Mordes, für schuldig befunden und zu 20 Jahren Zwangsarbeit verurteilt, von denen er 15 Jahre abarbeitete. Wenige Monate nach seiner Freilassung im April 1910 wanderte er nach Kanada aus, wo sich seine Spur verliert.

Mehrere Familienmitglieder und Nachbarn, die das Geschehen mit angesehen, mitgeholfen oder nichts dagegen unternommen hatten, erhielten kürzere Haftstrafen. Der Prozess entblößte nicht nur die Abgründe eines einzelnen Verbrechens, sondern auch das tiefe Spannungsfeld zwischen moderner Justiz und uralten Glaubensvorstellungen, die selbst im späten 19. Jahrhundert in manchen abgelegenen Regionen noch Macht über das Handeln der Menschen hatten.

Bridget Cleary: Ein unvergessenes Schicksal

Heute gilt Bridget Cleary als Symbolfigur, nicht nur für den verhängnisvollen Einfluss von Aberglauben, sondern auch für die Gefahren, die entstehen, wenn sich Misstrauen, soziale Kontrolle und patriarchale Strukturen verbinden. Sie war eine Frau, die aus der Reihe tanzte, die sich nicht in das enge Korsett der damaligen Normen pressen ließ und gerade das machte sie, vielleicht unbewusst, angreifbar.

Bridget Clearys Geschichte ist damit mehr als ein dunkles Kapitel irischer Folklore. Sie ist die Erinnerung an eine Frau, die in ihrer Zeit ungewöhnlich war und gerade deshalb verletzlich wurde. Indem wir sie nicht vergessen, bewahren wir auch das Bewusstsein dafür, wie leicht Angst und Aberglaube Menschlichkeit verdrängen können.

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Über den Autor

Nadja Uebach

Da ich seit 2008 auf der grünen Insel lebe, bedeutet Irland für mich in erster Linie Alltag. Wenn ich nicht mit meinem Laptop bewaffnet in einem Café oder Zuhause sitze und schreibe, findet man mich höchstwahrscheinlich mit meinen drei Kindern am Strand. Die Natur, die Kultur und insbesondere die Menschen sorgen dafür, dass sich in unseren Alltag immer wieder ein bisschen Magie einschleicht. Diese besondere irische Alltagsmagie versuche ich in meinen Texten in Worte zu fassen.

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