Abhartach – der Häuptling der Vampire: Eine irische Legende - ☘ gruene-insel.de
Irische Mythologie

Abhartach – der Häuptling der Vampire: Eine irische Legende

Written by Nadja Uebach

Irland ist ein Land, das man nicht nur besucht, sondern mit allen Sinnen erlebt. Wer die endlos scheinenden grünen Hügel der Insel schon einmal im dichten Herbstnebel erlebt hat, der weiß, dass die Grenzen zwischen Vergangenheit und Gegenwart hier manchmal verschwimmen. Alte Steinmauern ziehen sich wie geheimnisvolle Narben durch die Landschaft, uralte Bäume ragen wie Wächter über Felder und Moore. Und während das Licht der untergehenden Sonne sanft über das Gras gleitet, spürt man, dass diese Insel nicht nur voller Schönheit, sondern auch voller Geschichten ist. Neben den bekannten Legenden von Feen und Kobolden gibt es in Irland auch Sagen, die weitaus düsterer sind. Sie erzählen von Schrecken, Angst und einer Macht, die den Tod überdauert. Eine dieser Legenden führt uns in den Norden der Grünen Insel, in die Grafschaft Derry, zu einem einsamen Dolmen unter einem Weißdornbaum. Dort soll Abhartach begraben liegen, ein Clanoberhaupt, der den Tod mehr als einmal überwunden hat.

Seine Geschichte ist keine verträumte Erzählung, sondern eine Schauergeschichte aus Blut, Terror und Unsterblichkeit. Und wer an seinem Grab steht, spürt vielleicht, warum viele Stimmen behaupten, dass nicht der transsilvanische Fürst Vlad die wahre Inspiration für Bram Stokers „Dracula“ war, sondern der irische Vampir-Häuptling Abhartach.

Abhartach – Wer war der irische Vampir

Obwohl es über Abhartach nicht viele Aufzeichnungen gibt und seine Geschichte über Jahrhunderte hinweg nur mündlich überliefert wurde, steht fest, dass er kein gewöhnlicher Mann war. Er lebte vermutlich im 5. oder 6. Jahrhundert im heutigen County Derry. Damals war Irland in kleine Königreiche und Stammesgebiete unterteilt und Häuptlinge wie Abhartach regierten mit einer Mischung aus Macht, List und gelegentlicher Grausamkeit.

Abhartach wird als klein gewachsen beschrieben, worauf auch sein Name hindeutet. Denn Abhartach ist das irische Wort für Zwerg oder entstellte Person. Möglicherweise war sein Aussehen das Resultat einer Verletzung. Was ihm allerdings an Körpergröße fehlte, machte er durch einen scharfen Verstand und Entschlossenheit wett. Es heißt, dass er sowohl kriegerische Fähigkeiten als auch ein tiefes Wissen über die Natur und die alten Bräuche besaß. Manche Quellen deuten sogar an, dass er einen Druiden an seiner Seite hatte, der ihn unterstützte. Je mehr Abhartach sich an den Praktiken des Druiden orientierte, desto grausamer wurde seine Herrschaft. Er nahm sich, was er wollte von den Menschen, die sein Land bewohnten, und bestrafte die, die nicht viel hatten.

Geografisch konzentrierte sich seine Macht lediglich auf ein kleines Gebiet südlich von Coleraine in Nordirland. Der heutige Name des Ortes, Slaghtaverty, geht sogar auf den Namen des Häuptlings zurück und setzt sich aus dem irischen Wort laght (Denkmal) und einer alternativen Version von Abhartach (Avartagh) zusammen. Damit wird heutzutage der Ort beschrieben, wo der mutmaßliche Vampir unter einem Dolmen begraben sein soll.

© Sonder Visuals, Fáilte Ireland

Vom Töten und blutigen Bedürfnissen

Abhartachs Herrschaft war von Angst und Unterdrückung geprägt. Seine Gewalt und Tyrannei lasteten so schwer auf den Menschen, dass sie schließlich um Hilfe baten. Cathain, ein Clanführer aus der Nachbarschaft, hörte diesen Hilferuf und stellte sich dem gefürchteten Herrscher in einem bitteren Kampf entgegen. Am Ende fiel Abhartach unter Cathains Schwert und sein Leichnam wurde unter den üblichen Riten bestattet. Für einen Moment glaubte man, der Schrecken sei besiegt.

Doch nur eine Nacht später kehrte Abhartach aus seinem Grab zurück. Mit bleichem Gesicht und von einer unheimlichen Kraft erfüllt, trat er erneut unter die Lebenden. Allerdings war er nun noch furchteinflößender, als er es je zu Lebzeiten gewesen war. Etwas Dunkles hatte von ihm Besitz ergriffen. Er verlangte von den Menschen nicht mehr nur Gehorsam oder Tribute in Form von Besitz, sondern forderte ihr Blut. Er befahl, Schüsseln mit frischem Blut zu füllen, damit er das Lebenselixier anderer trinken konnte.

Das Grauen nahm kein Ende

*ki-generiert

Cathain erschlug ihn erneut. In dem Glauben, ihn an einer erneuten Auferstehung zu hindern, begrub man ihn in einer aufrechten Position. Doch auch damit sollte das Grauen kein Ende nehmen. Wieder stand Abhartach von den Toten auf und diesmal schien er noch stärker und gieriger nach Blut zu sein. Die Menschen waren verzweifelt, denn auch ein weiterer Versuch, den Vampir-Häuptling zu töten und ihn zu begraben, schlug fehl.

Schließlich wandte sich Cathain an einen Druiden, dessen Wissen über die alten Mächte den entscheidenden Unterschied brachte. Der Weise erklärte, dass Abhartach kein gewöhnlicher Mensch mehr war, sondern ein neamh-mhairbh, ein untotes Wesen, das nicht noch einmal getötet werden konnte. Stattdessen müsse man sein Herz mit einem Speer aus Eibenholz durchbohren und ihn anschließend kopfüber begraben. Sein Grab soll von Dornen umgeben und mit einem gewaltigen Stein versiegelt werden. Nur so könne verhindert werden, dass er von neuem aufersteht.

Cathain folgte diesem Rat und Abhartach wurde schließlich gebannt. Doch die Furcht blieb, und mit ihr die Legende von einem Clanoberhaupt, das sich selbst durch den Tod nicht bezwingen ließ und dessen Hunger nach Blut bis heute unzählige Geschichten inspiriert.

Abhartach und sein Grab

Wer heute in der Region in Nordirland unterwegs ist, ahnt kaum, dass hier einer der geheimnisvollsten Orte des Landes verborgen liegt. Zwischen Wiesen, die sich weit in die Landschaft ziehen, erhebt sich auf einem kleinen Hang der unscheinbare Slaghtaverty Dolmen, ein einfacher Steinhügel unter einem knorrigen Weißdornbaum.

Der Weißdorn gilt in der irischen Folklore als heiliger Baum, oft verbunden mit der Feenwelt. In diesem Fall ist er vermutlich dazu gedacht, den rastlosen Geist Abhartachs zu bändigen. Auch wenn die Legende um den irischen Vampir-Häuptling mehrere Jahrhunderte alt ist, berichten Einheimische auch heute noch von merkwürdigen Begebenheiten rund um den Dolmen.

Als man vor einigen Jahrzehnten versuchte, den Weißdorn zu fällen, um mehr Ackerland zu schaffen, versagte die Motorsäge mehrfach. Ein Arbeiter verletzte sich an der Hand, sein Blut tropfte in die Erde und die Arbeit wurde abgebrochen. Auch der Versuch, den großen Stein zu heben, endete mit Unglücken. Für viele ein unmissverständliches Zeichen, dass man diesen Ort besser so lassen sollte, wie er ist.

Wer den Dolmen besucht, spürt die besondere Stimmung sofort. Es liegt etwas in der Luft, schwer und zugleich still, als würde die Zeit hier langsamer vergehen. Einheimische berichten von einem eigenartigen Druck und einer bedrückenden Stille. Egal, ob das nur der Phantasie der Menschen geschuldet ist, oder nicht, fest steht: Slaghtaverty ist kein gewöhnlicher Ort. Er ist Mahnmal und Mythos zugleich, ein Stück irische Landschaft, das noch heute von einem uralten Schrecken durchdrungen scheint.

Abhartach – der wahre Graf Dracula?

Spricht man von Dracula, denkt man meist sofort an Vlad Tepes in Transsilvanien. Doch die Inspiration zu dem wohl bekanntesten Vampir könnte in Irland liegen. Bram Stoker, der Autor des berühmten Romans, wurde in Dublin geboren und wuchs inmitten einer Kultur voller Mythen und düsterer Legenden auf. Die Geschichte des Abhartach dürfte ihm dabei kaum entgangen sein.

Während Vlad Tepes zwar für seine Grausamkeit bekannt war, fehlten ihm jegliche vampirischen Züge. Abhartach hingegen ist ein Untoter, der aus dem Grab zurückkehrte und das Blut der Lebenden forderte. Schon Patrick Weston Joyce hielt seine Geschichte 1870 in einer Sammlung irischer Sagen fest, zu einer Zeit, als Stoker seine Ideen entwickelte.

Den Namen „Dracula“ übernahm Stoker seinen eigenen Aufzeichnungen zufolge bewusst aus der Walachei. In der Sprache der Walachen bedeutet er „Teufel“ und wurde oft an Personen vergeben, die sich durch Mut, grausame Taten oder List hervorgetan hatten. So verband Stoker die blutdürstige Gestalt des irischen Abhartach mit dem fremdartigen, bedrohlichen Klang des Namens „Dracula“ und schuf eine Figur, die bis heute fasziniert.

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Über den Autor

Nadja Uebach

Da ich seit 2008 auf der grünen Insel lebe, bedeutet Irland für mich in erster Linie Alltag. Wenn ich nicht mit meinem Laptop bewaffnet in einem Café oder Zuhause sitze und schreibe, findet man mich höchstwahrscheinlich mit meinen drei Kindern am Strand. Die Natur, die Kultur und insbesondere die Menschen sorgen dafür, dass sich in unseren Alltag immer wieder ein bisschen Magie einschleicht. Diese besondere irische Alltagsmagie versuche ich in meinen Texten in Worte zu fassen.

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