Wenn man sich nach Irland träumt, dann zieht einen die eigene Vorstellung meist an den Rand steiler Klippen mit dem Tosen des Atlantiks in den Ohren. Vielleicht auch mitten in die endlos erscheinenden grünen Hügel, die das Land überziehen, oder zu den zahlreichen Ruinen, Steinkreisen und Hügelgräbern. An das urbane Gesicht der Grünen Insel denken viele erste im zweiten Anlauf. Dabei ist es genau hier, wo sich das Leben abspielt. Nicht nur in den fünf großen Städten der Inselrepublik, sondern vor allem in den unzähligen kleinen Ortschaften und Dörfern, kommt man dem Puls des irischen Lebensgefühls ganz nah. Von belebten Hauptstraßen über urige Pubs und gemütliche Wochenmärkte laden die schönsten Kleinstädte Irlands dazu ein, tief in das einzutauchen, was die Menschen der Grünen Insel so besonders macht.
Inhaltsverzeichnis
Kleinstädte Irlands – Kenmare: das Tor zu zwei Welten
Wie ein stiller Brückenpfeiler zwischen zwei der berühmtesten Panoramastraßen Irlands liegt Kenmare, das sich im County Kerry zwischen dem Ring of Kerry und dem wilderen, geheimnisvolleren Ring of Beara an eine idyllische Bucht schmiegt. Die Henry Street, mit ihren bunt gestrichenen Fassaden und liebevoll dekorierten Läden, lädt zum gemächlichen Bummeln ein – besonders dann, wenn der Duft frisch gebackener Scones durch die Gassen zieht, aus einem der vielen Pubs Live-Musik klingt und Künstler ihre Werke auf den Gehsteigen präsentieren.
Wer sich tiefer auf die Magie des Ortes einlassen möchte, findet am Rande der Kleinstadt den Kenmare Stone Circle. Die stehenden Steine ruhen hier bereits seit über 3.000 Jahren zwischen Farnen und knorrigen Bäumen, ein Anblick, der nicht selten für Gänsehaut sorgt. Das beschauliche Städtchen wurde 1670 als neue Siedlung für die protestantischen Kolonialherren gegründet und spiegelt heute den irischen Kleinstadtcharakter wie kaum ein anderer Ort.
Westport: lebendig und jung am Heiligen Berg
An der Mündung des Carrowbeg River gelegen, begeistert Westport im County Mayo nicht nur mit einem georgianischen Stadtkern, sondern mit einer belebten und herzlichen Atmosphäre. Seine anmutig geschwungenen Brücken, die sich wie feine Adern durch den Ort ziehen, verbinden die bunten Häuserfronten mit dem Geist einer Stadt, die es versteht, ihre Geschichte mit dem modernen irischen Lebensgefühl zu verbinden. Das Besondere an Westport ist die Tatsache, dass sie von vornherein als Kleinstadt geplant und angelegt wurde. Im 18. Jahrhundert ließ der im Westport House ansässige Lord Sligo die Ortschaft für die Beschäftigten seines Anwesens erbauen.
Wer das leise Abenteuer sucht, plant den Aufstieg auf den 764 Meter hohen Gipfel des Croagh Patrick, jenem Berg, auf dem der Heilige Patrick einst 40 Tage fastete. Noch heute pilgern Tausende barfuß auf seinen windgepeitschten Gipfel, um Besinnung zu finden und die Aussicht über die Clew Bay zu genießen. Rund um den Fuß des Berges warten sanftere Pfade. Der Great Western Greenway, ein ehemaliger Bahndamm, lockt Radfahrer und Spaziergänger mit verträumten Blicken auf Moorlandschaften, Berge und Küstenlinien. Und wenn im Sommer das Folk and Bluegrass Festival durch die Straßen hallt, zieht es ganz Westport nach draußen und man spürt den Puls der Stadt ganz deutlich.
Dingle: quirlige Kleinstadt am Wild Atlantic
Dingle schmiegt sich wie ein erfrischender Farbtupfer an die Atlantikküste auf der Dingle-Halbinsel im County Kerry und scheint sich gegen die Eile der Welt verschworen zu haben. Enge Gassen, deren Pflastersteine alle eine andere Geschichte zu erzählen scheinen, führen zu Pubs, Galerien und kleinen Handwerksläden, während vom Hafen stets eine salzige Brise in den Ort weht.
Das Städtchen blickt auf eine lange Geschichte als einer der bedeutendsten Handelshäfen der Grünen Insel zurück. Besonders zu Spanien hatte Dingle eine enge Handelsverbindung, die bis heute in der St. James Kirche zu sehen ist, die von Spaniern erbaut wurde. In der heutigen Zeit ist Dingle jedoch durch seinen langjährigen „Bewohner“, dem Delfin Fungie, berühmt geworden. Der Meeressäuger lebte über 35 Jahre lang in der Bucht und verzauberte dort Generationen von Besuchern. Ein besonderes Highlight vor den Toren der Kleinstadt ist der Slea Head Drive. Sobald die Straße den Ort verlässt und sich an der zerklüfteten Küste entlangschlängelt, scheint es, als sei Irland selbst nur noch ein letzter Gedanke vor dem offenen Meer.
Kilkenny: kleine Stadt, große Geschichte
Kilkenny, schon der Name klingt nach Rittern, Türmen und Echos längst verklungener Turniere. Und tatsächlich, diese Stadt im Südosten Irlands scheint ihr mittelalterliches Gewand mit Stolz und Stil zu tragen. Das imposante Kilkenny Castle thront seit dem 12. Jahrhundert am Ufer des River Nore und verzaubert mittlerweile zahlreiche Besucher der irischen Kleinstadt.
Doch Kilkenny war mehr als nur Adelssitz und spielte im Laufe der Jahrhunderte immer wieder eine zentrale Rolle. Im 17. Jahrhundert war sie beispielsweise Irlands erste Hauptstadt und Zentrum des irischen Widerstands gegen die Engländer. Die St. Canice’s Cathedral mit ihrem Rundturm erzählt von noch älteren Zeiten, von Mönchen und Missionaren, von Wikingern und Wandel.
Kilkenny kann allerdings nicht nur Geschichte. Im Design Centre verschmelzen alte Handwerkskünste mit modernem Stilbewusstsein. Besonders während des Art Festivals, das jeden Sommer stattfindet, strahlt die Stadt in einem zeitgenössischen, aber dennoch tief verwurzelten Antlitz.
Kinsale: Hafen, Geschichte und Gaumenfreuden
Kinsale ist eine irische Hafenstadt wie man sie sich vorstellt. Bunte Häuser schmiegen sich entlang der Küste einer malerischen Bucht. Ein Anblick, der nicht nur das Herz von Fotografen erobert. Vom tiefblauen Hafen weht der Duft von Algen und Salz, geröstetem Knoblauch und frischem Fisch durch die Gassen des Städtchens und gibt damit einen leisen Vorgeschmack auf das kulinarische Angebot der Küstenstadt. In Kinsale reihen sich Restaurants und Gastropubs aneinander, die mit einem breiten Angebot an Speisen ein tiefes Eintauchen in die traditionelle sowie neue irische Küche erlauben – besonders im Herbst, wenn das Gourmet-Festival Feinschmecker aus aller Welt anlockt.
Doch hinter der kulinarischen Fassade liegt ein Kapitel irischer Geschichte. Die Seeschlacht von Kinsale im Jahr 1601 besiegelte das Ende der gälischen Ordnung – ein Wendepunkt, der Irlands Schicksal veränderte. Heute wacht das sternförmige Charles Fort wie ein steinerner Wächter über die bewegten Wasser der Vergangenheit und zieht Besucher und Einheimische gleichermaßen in seinen Bann. Wer Ruhe sucht, findet sie auf dem Scilly Walk, wo die Klippen ins Meer stürzen und der Wind durchs Haar fährt.
Kleinstädte Irlands – Clifden: Hauptstadt Connemaras
Clifden, eine Stadt, in der das raue Herz Connemaras leise, aber bestimmt schlägt. Zwischen windverwehten Hügeln und zerklüfteten Küsten scheint die Stadt wie ein Zufluchtsort für alle, die sich nach einer Verbindung zum Ursprünglichen sehnen.
Erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde die Kleinstadt durch den Großlandbesitzer und High Sheriff of Galway John D’Arcy gegründet. Man erhoffte sich dadurch, der bis dato als gesetzlos geltenden Region zu mehr Ansehen zu verhelfen. Wenn man Clifden heutzutage erlebt, ist dieser Plan definitiv aufgegangen. Im Sommer herrscht zwischen den bunten Ladenfronten eine ausgelassene und fröhliche Atmosphäre, während die Pubs im Winter mit urigem Charme und einem lodernden Feuer für Gemütlichkeit sorgen. Als Startpunkt der Sky Road begeistert Clifden mit grandiosen Weitblicken über die Landschaft Connemaras, an denen man sich kaum sattsehen kann.
Cobh: das letzte Stück Irland vor Amerika
In Cobh (ehemals Queenstown) schwingt die Geschichte irischer Auswanderungen wie ein stummes Lied in der Atlantikbrise mit. Wer durch den pittoresken Hafenort an Corks Südküste schlendert, spürt den Hauch Melancholie der vielen Abschiede auch heute noch. Über zwei Millionen Iren kehrten hier ihrem Heimatland den Rücken und brachen in Richtung Amerika auf. Darunter auch jene, die 1912 an Bord der Titanic gingen. Das Titanic Experience Museum erzählt die Geschichten der irischen Passagiere auf persönliche und berührende Weise.
Über dem Hafenbecken wacht die majestätische St. Colman’s Cathedral mit ihrem neugotischen Turm wie ein stiller Beobachter der Stadtgeschichte. Cobh war nicht nur die letzte Station vieler irischer Träume, sondern auch ein wichtiger Marinehafen. Bis heute hat sich die geschäftige und gleichzeitig maritim-entspannte Atmosphäre an der Promenade und in den steilen Gässchen der Kleinstadt erhalten und wird von Einheimischen und Besuchern gleichermaßen geschätzt.
Trim: Lebendige Geschichte
In Trim, wo sich mittelalterliche Mauern beinahe nahtlos in das alltägliche Leben der kleinen Stadt fügen, wirkt Geschichte nicht wie etwas Abgeschlossenes, sondern wie ein stiller Begleiter des modernen Alltags. Die Überreste des im 12. Jahrhundert erbauten Trim Castle überragen das Stadtbild noch immer mit einer Selbstverständlichkeit, als wären die Jahrhunderte seither nur flüchtige Gäste gewesen.
Als größte normannische Festung Irlands nimmt die Burg eine besondere Stellung ein – nicht nur architektonisch, sondern auch als Symbol für die politische und militärische Bedeutung, die Trim im Mittelalter innehatte. Kein Wunder, dass die Burg auch einer der bekanntesten Drehorte in Irland ist. Hier wurden unzählige Szenen für den Film Braveheart gedreht.
Abseits der Burg lohnt sich ein Spaziergang zum Yellow Steeple, einem hoch aufragenden Turm, der einst zu einer Augustinerabtei gehörte und noch heute über das Boyne-Tal wacht. Gerade in den frühen Morgenstunden, wenn Nebelschwaden vom Fluss aufsteigen und die Silhouetten der Ruinen sich kaum vom Himmel abheben, entfaltet Trim jene stille Kraft, die nur Orte ausstrahlen, deren Geschichte tief in der Landschaft verwurzelt ist.
Irlands schönste Kleinstädte: Wo das grüne Herz der Inselnation schlägt
Das Herz der Grünen Insel schlägt nicht nur am Rand windgepeitschter Klippen oder im Nebel über keltischen Hügelgräbern, sondern in den kleinen Orten, die im ersten Moment unscheinbar wirken – und doch alles beinhalten, was Irland ausmacht. Dort, wo auf Wochenmärkten Geschichten gehandelt werden, wo das Lachen aus den Pubs hinaus aufs Kopfsteinpflaster schallt, wo Vergangenheit und Gegenwart in uralten Ruinen genauso zusammenfinden wie in modernen Cafés.
Wer Irlands schönste Kleinstädte entdeckt, findet mehr als nur malerische Kulissen und bunte Häuser, er begegnet einem Lebensgefühl, das mit einer leisen Ehrlichkeit von der ersten Minute an begeistert.










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