Die Höhlen von Cesh Corran (auch Keshcorran) liegen an der Westküste Irlands im County Sligo. Genauer gesagt handelt es sich beim Keshcorran um einen 359 Meter hohen Hügel. In dessen Flanke liegen siebzehn kleinere und größere Höhlen. Von hier aus bietet sich ein grandioser Blick über den ganzen Küstenabschnitt. Ausgrabungen in den Höhlen brachten tierische Überreste zutage, die teilweise 12.000 Jahre zurück datiert werden konnten. Genutzt wurden die Höhlen auch von prähistorischen Menschen. Zudem waren sie bis ins 20. Jahrhundert hinein der Ort für rituelle Versammlungen.
Soweit die nüchternen Fakten, die Ihr auch in diesem Artikel findet. Hier wollen wir nämlich ausschließlich darauf eingehen, dass diese Höhlen als verzaubert gelten! Welche Legenden verbergen sich in den Tiefen dieser Höhlen? Von welchen Geheimnissen könnten die grauen Kalkstein-Höhlenwände berichten, wenn wir sie nur zum Sprechen bringen könnten? Lasst Euch gerne selbst von dieser Erzählung, die ich aus mehreren unterschiedlichen Legenden herausgepickt habe, bezaubern!
Inhaltsverzeichnis
Die Höhlen von Cesh Carron und Fionn Mac Cumhaill
Um diesen Helden des Kampfes und der Jagd ranken sich in Irland nicht wenige Legenden, von denen wir euch einige bereits vorgestellt haben. Die Legende des Giants Causeway ist die bekannteste darunter, aber auch die Geschichte um Diarmid und Grainnhe (Fionns Braut) wird sehr gerne erzählt.
Wie gesagt, Fionn war ein sehr fähiger, weiser und umsichtiger Krieger und Jäger, der Anführer einer Kämpferschar, die man die Fianna nannte. Eines Tages nun saß Fionn am Eingang seiner Jagdhöhle am Berg Cesh Corran, während seine Männer auf der Jagd Wald und Dickicht durchkämmten. Mit großem Vergnügen vernahm der große Anführer die Rufe und Pfiffe der Jäger um sich herum. Er spürte, wie der Erdboden unter der wilden Jagd erzitterte und genoß den Anblick der Sonne und des klaren blauen Himmels.
Fionn und der Feenkönig in den Höhlen von Cesh Corran
Doch er war nicht der Einzige, der die Jagd und die Jäger beobachtete. Auch Conaran, der Anführer der Shí (Feen) von Cesh Corran, ließ sie nicht aus den Augen. Für Fionn freilich war Conaran unsichtbar. Die Menschen können die Feen nämlich erst sehen, wenn sie deren Reich betreten. Conaran, der Feenkönig, mochte den Helden Fionn nicht leiden. Und als er nun erkannte, dass dieser bis auf seinen beiden Hunde und einen einzigen seiner Männer alleine war, hielt Conaran seine Zeit für gekommen. Denn nun konnte er Fionn in seine Gewalt bekommen.
Conoran hatte vier Töchter. Er selbst liebte und verehrte sie, doch in ganz Irland gab es niemanden, der ihnen an Häßlichkeit und an Bosheit gleichkam. Ihr Haar war schwarz wie Tinte. Störrisch wie Draht stand es ihnen in allen Himmelsrichtungen vom Kopfe ab. Das Haar wuchs sogar am ganzen Körper, sodass sie zum Teil an Hunde und zum Teil an Katzen erinnerten. Selbst im Gesicht spross das Haar, versah sie mit Bärten und Haaren, die auch aus den Lippen wuchsen.
Ihre Münder waren schwarz und voller Fangzähne, ihre Augen trübe und blutrot und anstelle von Fingernägeln besaßen sie Krallen so spitz wie Dornen. Kurzum, sie waren so abscheulich anzusehen, dass man allein von ihrem Anblick hätte sterben können.
Die bösen Pläne des Feenkönigs und seiner Töchter
Zu der Stunde, da Conoran Fionn in seiner Höhle erblickte, waren drei dieser Töchter anwesend, und Conoran hetzte sie auf Fionn. „Seht nur, meine Lieben, er ist fast ganz allein“, sprach er. „Wollen wir diese Gelegenheit nicht nutzen?“
„Das ist die Gelegenheit!“, stimmten sie zu und lächelten ihr Lächeln, dass nur für sie selbst eines wahr, in den Augen jedes Menschen aber ein Anblick zum Sterben. „Aber er kann uns nicht einmal sehen!“, stellten die drei enttäuscht fest, „und wir sind es doch wert, angesehen zu werden!“
So beschlossen sie gemeinsam mit ihrem Vater, Fionn die Augen zu öffnen. Sie nahmen sich bei den Händen, tanzten und sangen und Conoran verzauberte Fionn und seinen Gefährten, sodass sie plötzlich die Feenwelt sehen konnten.
Eine unsichtbare Macht zog Fionn und seinen Freund tief und immer tiefer in die Höhle hinein, und bei dem, was sie dort zu sehen bekamen, glaubten sie zu träumen. Es waren drei Frauen, die dort hinter einem Gewirr aus Weißdornzweigen an ihren Spinnrädern saßen und spannen. Viel konnte man von ihrem abstoßenden Anblick nicht erkennen, einzig die wirren Bärte der drei Feenkönigstöchter.
Das Unheil nimmt seinen Lauf in den Höhlen von Cesh Corran
Getrieben von seiner Neugier und furchtlos wie stets in seinem Handeln schritt Fionn näher an die Spinnerinnen heran und schob die Weißdornzweige beiseite. Just in diesem Augenblick überkam den Helden eine unerklärliche Schwäche. Seine Fäuste wurden so schwer, dass sie unbrauchbar an seinen Armen hin- und herschwankten, seine Beine wurden schwach wie Strohhalme und sein starker, muskelbepackter Nacken so weich, dass sein Kopf von einer Seite zur anderen wackelte.
Fionns Freund erging es nicht anders, und ehe die beiden heldenhaften Krieger wussten, wie ihnen geschah, hatten die abstoßenden Frauen sie überwältigt, gefesselt und verschnürt, dass sie nicht einen Finger mehr bewegen konnten. Auch ihre Hunde oder ihre Krieger, die Fianna, die noch immer draußen vor der Höhle jagten, vermochten sie nicht zu Hilfe zu rufen.
„Wir sind erledigt!“, stellte Fionn fest, und die Feen stimmten ihm zu: „Erledigt seid ihr in der Tat!“ Denn ihr Zauber zog auch sämtliche Fianna von draußen in die Tiefen der Höhle, wo sie ebenso geschwächt und verschnürt wurden wie ihr Anführer Fionn.
Die drei Feen ergötzten sich an dem Anblick der hilflosen Menschen, jubilierten und erwogen, die Männer mit Haut und Haaren zu verspeisen, als von draußen ein entsetzliches Geheul ertönte. Es war die versammelte Hundemeute der tapferen Jäger: zu schlau, um sich mit in die Höhle locken zu lassen, stimmten sie einen grauenvollen Lärm um ihre Herren an. Sie bellten und knurrten, bleckten die Zähne und heulten und kläfften und jaulten und grollten, wie sie es nie zuvor getan hatten.
Rettung in letzter Sekunde
Schon nahmen die drei Schwestern ihre kunstvoll geschmiedeten Schwerter zur Hand, um Fionn mitsamt seinen Fianna zu töten, als plötzlich ein einzelnder, nicht gefesselter Krieger vor ihnen stand.
Es war niemand anders als Goll mac Morna, ein Krieger nicht weniger heldenhaft als Fionn und ehemaliger Anführer der Fianna, den die Hunde mit ihrem Heulen zu Hilfe gerufen hatten.
„Wir nehmen diesen hier zuerst!“, entschied mordlustig die erste der Schwestern. „Es ist doch nur einer!“, stimmte die zweite verächtlich zu, und die dritte krähte gehässig: „Wir dagegen sind zu dritt!“
Gemeinsam drangen sie auf den Krieger ein, während eine unheimliche Stille über die Welt fiel. Die Hunde und der Wind verstummten, die Wolken standen still und der Hügel selbst hielt den Atem an. Es war ein langer, harter Kampf. Zwei der Schwestern hatte Goll mit seinem Schwert endlich erledigt, als die dritte wie ein Panther auf seinen Rücken sprang und sich wie eine achtfüßige, klebrige Spinne an ihn klammerte. Doch mit einer raschen Drehung warf Goll diese Spinne zu seinen Füßen nieder – wo sie in der Tat der Mut verließ.
„Wenn du mein Leben verschonst“, so wimmerte sie, „will ich Fionn und alle eure Männer von unserem Bann befreien!“ Und eben so geschah es: Im Nu fielen die Fesseln von der Kriegerschar ab, die Männer sprangen auf ihre Beine und all ihre Kräfte und ihr Mut kehrten zu ihnen zurück, als sie jubelnd aus der Höhle hinaus liefen.
Die vierte Tochter des Feenkönigs
Doch kaum waren sie im Freien, als ein dunkler Schatten auf sie alle fiel: Die vierte Tochter des Feenkönigs war zurück, noch häßlicher und abstoßender als die übrigen in ihrem Eisenpanzer. Bittere Tränen strömten aus ihren feurigen Augen, als ihr Blick auf die toten Schwestern fiel, und zur Vergeltung forderte sie einen Zweikampf. Einer von Fionns Kriegern sollte gegen die schwerbewaffnete Feenkönigstochter antreten.
„Es ist dein gutes Recht, Vergeltung zu verlangen!“, stimmte Fionn zu. Wiederum war es Goll, der sich als Kämpfer anbot. „Ich sollte vollenden, was ich mit den anderen Schwestern bereits begonnen habe!“
„So soll es sein!“, erklärte die Fee. „Zuerst töte ich Goll mac Morna, gleich nach ihm Fionn und danach jeden einzelnen Fianna, bis keiner von ihnen mehr übrig ist.
Und wieder entbrannte erbittert der Kampf. Das Schwert der Königstochter war schnell wie ein Blitz und zerstörerisch wie ein Sturm. Doch Goll stand felsenfest und aufrecht wie eine alte Eiche, dabei ebenso wendig wie ein Aal im Wasser.
Der Sieg der Helden in den Höhlen von Cesh Corran
Und endlich gelang es ihm, der Fee einen tödlichen Schlag zu versetzen. Besiegt lag sie zu seinen Füßen, während tosender Jubel durch die Reihen der Fianna ging. Conoran und seine abscheulichen Töchter waren endgültig besiegt!
Erfüllt von grenzemlosen Dank schenkte Fionn seinem Retter Goll mac Morna seine eigene geliebte Tochter zur Frau. Und dies war das Ende von Fionn mac Cumhaills Abenteuer in den verzauberten Höhlen von Cesh Corran.




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