Nasses Gras schmatzt unter den Schuhsohlen. Der Wind fegt mit einer Mischung aus Salz- und Torfgeruch über die Hügel und zerrt an den Haaren. Der Blick fällt auf die unendlich erscheinende Landschaft des Derrigimlagh Moors. Hier scheint alles etwas weiter, leerer und stiller zu sein. Nur ein paar Holzplanken führen durchs wogende Braungrün, das sich wie ein Teppich bis zum Horizont zieht. Kein Haus, kein Zaun, kein Strommast. Und doch steht man hier nicht einfach in der Wildnis – sondern mitten in einem Stück Weltgeschichte. Denn genau hier, zwischen Nebel und Heidekraut, landeten 1919 zwei Männer mit zitternden Händen und klopfendem Herzen. Es war die erste Atlantiküberquerung im Flugzeug und Derrigimlagh wurde ihr Ziel. Oder besser gesagt: ihr rettender Zufall.
Die ganze Geschichte dieser legendären Fluglandung an Irlands einsamer Westküste haben wir in den nächsten Zeilen für Euch zusammengefasst.
Derrigimlagh: Ein Moor, das nicht nur einmal Geschichte schrieb
Auf den ersten Blick wirkt das Derrigimlagh Moor, dessen Name sich von den irischen Worten dearg (rot) und imleagh (morastige Küste) ableitet, wie ein Ort, der schon seit jeher still und unscheinbar ist. Ein Ort, der den Alltag verschluckt und an dem kaum etwas passiert. Genau diese Eigenschaften entwickelten sich jedoch zu Beginn des 20. Jahrhunderts zur Stärke der Moorlandschaft. Denn zu diesem Zeitpunkt galt diese abgelegene Gegend nahe Clifden im Herzen von Connemara als einer der modernsten und fortschrittlichsten Orte Europas. Hier, wo das Tosen des Atlantiks auf die karge Westküste der Grünen Insel trifft, baute der italienische Erfinder Guglielmo Marconi 1907 eine der ersten transatlantischen Funkstationen der Welt.
Mitten aus den unendlichen Torffeldern schickte Marconi die ersten Morsezeichen über den Nordatlantik bis nach Neufundland. Das Rattern der Generatoren und das Sirren der Antennen machten die Einsamkeit der Westküste rund um Derrigimlagh zu einem pulsierenden Knotenpunkt globaler Kommunikation.
Im irischen Unabhängigkeitskrieg wurde die gesamte Station zerstört, sodass heute nur noch die Grundmauern einiger Gebäude an diese Zeit erinnern.
Ein Flug für die Ewigkeit: Alcock & Brown
Zwölf Jahre später wurde dieses Moor im County Galway Schauplatz eines noch waghalsigeren Kapitels der Technikgeschichte. John Alcock und Arthur Whitten Brown, zwei britische Piloten, wagten das bis dahin Undenkbare: einen Nonstopflug von Nordamerika nach Europa. Damit wollten sie es nicht nur zu Ruhm und Ehre bringen, sondern auch ein Preisgeld von 10.000 Pfund abstauben, das von der Zeitung Daily Mail für den ersten erfolgreichen Transatlantikflug ohne Zwischenstopp ausgesetzt worden war.
Beide Männer brachten nicht nur fliegerischen Ehrgeiz mit, sondern auch ihre ganz eigenen Geschichten. Alcock war während des Ersten Weltkriegs in osmanische Gefangenschaft geraten, Brown war bei einem Aufklärungsflug über Deutschland abgeschossen worden. Ihre Erfahrung im Krieg, aber auch ihre Hartnäckigkeit machten sie zu einem eingespielten Team, das bereit war, sich einem Abenteuer zu stellen, das selbst unter Experten als fast selbstmörderisch galt. Viele hielten den Plan für Größenwahn. Zeitungen spekulierten über einen erneuten Absturz, Stimmen aus Fachkreisen äußerten offen Zweifel: Ein Doppeldecker über Tausende Kilometer offenen Ozeans, das klang eher nach einer kühnen Fantasiegeschichte als nach Realität.
Doch Alcock und Brown ließen sich nicht beirren. Gemeinsam mit dem Flugzeughersteller Vickers verbrachten sie Wochen damit, den ehemaligen Bomber Vickers Vimy für einen Langstreckenflug aufzurüsten und startklar zu machen. Das Wichtigste war, genug Platz für zusätzliche Treibstofftanks zu schaffen.
Über den Atlantik nach Irland
Am 14. Juni 1919 starteten sie ihre Maschine bei wechselhaftem Wetter in St. John’s, Neufundland. Es war ein Flug auf Messers Schneide. Sie kämpften gegen dichten Nebel, stürmischen Wind, technische Pannen und Eisansatz an den Tragflächen. Ihre Navigationsgeräte versagten teilweise und Brown musste sich mit einem Sextant und dem Sternenhimmel behelfen, der immer wieder durch den Nebel sichtbar war. Nicht nur einmal drohte die Maschine abzustürzen und das Schicksal der beiden Piloten und ihres Traumes zu besiegeln.
Nach über 16 Stunden Flugzeit erblickten sie unter den Tragflächen endlich wieder Land – Irland! Die Erleichterung währte allerdings nicht lange. Denn sobald sie in der Nähe von Clifden zur Landung ansetzten, gaben die weichen Torfschichten unter ihrer Maschine nach. Der Doppeldecker sackte beim Aufprall tief ins Moor, eine Bruchlandung, die wie durch ein Wunder glimpflich verlief.
Rückblickend war dieser weiche Boden vielleicht genau das, was sie rettete. Wäre der Aufprall auf hartem Untergrund erfolgt, hätte das Abenteuer tödlich enden können. So aber war der allererste Nonstop-Transatlantikflug der Geschichte ein voller Erfolg und Derrigimlagh wurde unverhofft zu einem weltberühmten Landeplatz.
Derrigimlagh heute: Moorwanderung mit Geschichte
Obwohl von der einstigen Marconi-Station und dem ersten erfolgreich gelandeten Nonstop-Transatlantikflug heute nur noch wenig zu sehen ist, erinnern mehrere Informationstafeln sowie ganz besondere „Time Viewer“ entlang des gut ausgebauten Moorwanderwegs an die einstigen technischen Durchbrüche, die sich in Derrigimlagh ereignet hatten. Es ist kein Museum im klassischen Sinn, sondern eher eine begehbare Erinnerung in einer Landschaft, die nichts zu vergessen scheint.
Seit der Eröffnung des Wild Atlantic Way im April 2014 ist Derrigimlagh auch ein Discovery Point auf der Küstenstrecke, was dem Ort einmal mehr Bedeutung schenkt und beweist, dass entlang der irischen Küste nicht nur unglaubliche Landschaften, Weitblicke und prähistorische Anlagen warten, sondern auch Orte, die in jüngster Geschichte eine große Rolle spielten.
Das Derrigimlagh Moor entdecken
Derrigimlagh liegt etwa vier Kilometer südlich von Clifden, einer der schönsten Kleinstädte in Irland mit Pubs, Live-Musik und dieser ganz besonderen irischen Atmosphäre. Der Rundweg durch das Moor ist rund fünf Kilometer lang, flach und gut ausgebaut, was ihn zu einem perfekten Familienwanderweg macht. Auf festes Schuhwerk sollte man aber dennoch besonders an nassen Tagen nicht verzichten. Die Informationstafeln entlang der Strecke erzählen die Geschichte von Alcock & Brown sowie Marconi mit Worten und Bildern.
Derrigimlagh: Wo Geschichte fliegen lernt
Wenn man heute durch das Derrigimlagh Moor spaziert, spürt man diese leise Magie der weiten Landschaft sofort. Doch dieses Gefühl beruht hier nicht nur auf der Stille, die eine Moorlandschaft mit sich bringt, viel mehr ist es der Nachhall des Vergangenen, was diesen Ort so besonders macht. Hier, wo Torf, Technik und Träume aufeinandertreffen, wird die Weite Irlands zur Landebahn der Geschichte. Und wer kurz innehält, kann im Wind vielleicht noch immer das Tuckern eines Motors aus einer anderen Zeit, oder das Knirschen von Metall im Moor und das Aufatmen zweier Männer hören, die den Atlantik bezwangen.





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