Irland Geschichte

Mass Rocks – Mystischer Steinaltar in Irland

Mass Rocks
Written by Nadja Uebach

Die Vergangenheit der Grünen Insel ist geprägt von Unterdrückung und Aufständen, diskriminierenden Gesetzen und organisiertem Widerstand. Als die Anglo-Normannen im 12. Jahrhundert Irland für sich entdeckten und für ihre Krone beanspruchten, veränderten sie das Land und seine Leute damit für immer! Die Iren mussten nicht nur ihre Kultur und ihre Sprache aufgeben, sondern auch ihre Religion. So leicht gab sich das Inselvolk allerdings nicht geschlagen. Anstatt ihre Messen in Kirchen abzuhalten, feierten sie ihren Glauben heimlich an sogenannten Mass Rocks. Steinaltare, die in Irland bis heute ein Zeichen für die Unbeugsamkeit des irischen Volkes sind!

Mass Rocks: Irland in Zeiten der Penal Laws

Bereits Mitte des 14. Jahrhunderts versuchten die Engländer unter Lionel von Antwerpen eine klare Grenze zwischen den Iren und Engländern zu ziehen. Die Statuten von Kilkenny sollten es den Iren verbieten, ihre eigene Kultur in Form ihrer traditionellen Kleidung und Sprache auszuüben. Irische Namen durften nicht mehr vergeben werden und es wurde den in Irland lebenden Engländern untersagt, Ehen und Handelsverträge mit Einheimischen einzugehen. Aufgrund fehlender englischer Einsatzkräfte vor Ort konnten diese Statuten jedoch nie durchgesetzt werden. In Vergessenheit gerieten sie allerdings nie.

Cromwell ebnete den Weg für diskriminierende Gesetze

Nach einem Aufstand des Inselvolkes im Jahr 1641 entsandte die englische Krone Oliver Cromwell auf die Grüne Insel, um die irische Kultur ein für alle Mal auszurotten. Cromwell tat wie ihm geheißen und ging äußerst brutal gegen die irische Bevölkerung vor. Enteignungen standen unter Cromwell genauso an der Tagesordnung der Iren, wie die Verschiffung nach Amerika und Australien.

Cromwells brutales Verhalten gegenüber der irischen Katholiken ebnete den Weg für die sogenannten Penal Laws. Diese Gesetze wurden in ihrer ersten Form 1695 erlassen und sollten das irische Volk nach der gescheiterten Rebellion 1688 in Schach halten. Selbst wenn man die Penal Laws in den darauffolgenden Jahrhunderten mehrmals änderte und ergänzte, waren es durchgehend diskriminierende Gesetze, die den Iren ihr bisheriges Leben absprachen.

Die Penal Laws

  1. Irischen Katholiken war es untersagt, die Sprache Irisch in Wort oder Schrift zu verwenden.
  2. Kinder irischer Katholiken erhielten keine Bildung.
  3. Öffentliche Stellungen durften nicht mit irischen Katholiken besetzt werden.
  4. Die Ausübung des katholischen Glaubens war in jeglicher Form verboten. Stattdessen mussten protestantische Gottesdienste besucht werden.
  5. Irische Katholiken durften keinen Handel betreiben.
  6. Katholiken in Irland durften keine Pferde besitzen, die einen Wert von mehr als 5 Pfund hatten.
  7. Irische Katholiken durften kein Land und keine Immobilien erwerben.
  8. Katholiken auf der Grünen Insel durften keine Kinder adoptieren und ihre eigenen Kinder nicht unterrichten.
  9. Irische Katholiken durften nicht wählen.
  10. Irischen Katholiken durften keine Waffen besitzen.
  11. Irische Katholiken durften sich nicht weiter als fünf Meilen von ihrem Zuhause entfernen.

Später kamen noch weitere Gesetze hinzu, die sich insbesondere mit dem Erbrecht und der Vertreibung katholischer Geistlicher beschäftigte. Wer beim Brechen der Penal Laws erwischt wurde, musste im besten Fall mit einer Geldstrafe rechnen. Die schlimmsten Vergehen wurden mit der Verschiffung in die Kolonien oder der Todesstrafe geahndet.

Steinaltar Irland: Heimliche Gottesdienste

Seit der Christianisierung Irlands war der katholische Glaube ein großer Teil der irischen Kultur. Er gab den Menschen Halt und war das Garn, das die Gesellschaft fest miteinander verwob. Die Tatsache, dass die Engländer diesen enormen Bestandteil der irischen Identität unter der Androhung von Strafen verboten hatte, sorgte bei den Iren für Widerstand.

Nachdem alle Kirchen entweder zerstört oder zweckentfremdet wurden und das Abhalten von Messen in den Wohnhäusern zu offensichtlich und gefährlich war, suchten die Katholiken der Grünen Insel nach einer Alternative.

Versteckte Steinaltare der Grünen Insel

Mass Rock

Altar Wedge Tomb. Mizen Peninsula, Co. Cork, Irland @Chris Hill, Tourism Ireland

Das Inselvolk hatte schon bald die perfekten Orte gefunden, um ihrem Glauben ohne das Wissen der Engländer weiterhin nachzugehen: Mass Rocks! Dabei handelte es sich um Felsen, die sich meist versteckt in der Landschaft befanden. In vielen Fällen waren es Orte, die bereits bei den Kelten eine Rolle gespielt hatten. So wurde beispielsweise ein alter keltischer Wedge Tomb in der Nähe von Toormoor auf der Mizen Halbinsel im County Cork als Mass Rock verwendet, und erhielt aus dieser Zeit auch seinen Namen ‚Altar Wedge Tomb‘.

Allerdings handelte es sich nicht immer um große Felsgebilde, sondern manchmal lediglich um einen kleinen flachen Stein, der in der Natur als Altar genutzt werden konnte. Die genauen Standorte dieser Mass Rocks hielten die katholischen Iren nie schriftlich fest. Orte und Uhrzeiten der heimlichen Gottesdienste verbreitete man ausschließlich von Mund zu Mund. So wollte man verhindern, dass die Engländer davon erfuhren.

Der Friede währte jedoch nicht lange. Sobald die englische Krone von den heimlich stattfindenden katholischen Messen erfuhr, beauftragte sie sogenannte Priester-Jäger. Diese versuchten, die Standorte der Mass Rocks in Erfahrung zu bringen, um sich dort auf die Lauer zu legen. So wollten sie die Geistlichen, die dort Messe feierten entweder festnehmen oder töten. Die Iren ließen sich dadurch allerdings nicht von ihrem Glauben abbringen und nutzten die Mass Rocks bis ins späte 18. Jahrhundert.

Mass Rocks im modernen Irland

Heutzutage befinden sich rund 100 Mass Rocks in Irland in archäologischen Verzeichnissen der Insel. Schätzungen zufolge existieren allerdings noch weit über 400 dieser bedeutenden Felsen in der irischen Landschaft.

Besonders sehenswerte Steinaltare

  1. Altar Wedge Tomb in Toormoor, Co. Cork
  2. Keem Bay Mass Rock auf Achill Island, Co. Mayo
  3. Penal Chapel in Glencullen, Co. Dublin
  4. Shantalla Mass Rock in Galway City
  5. Oughaval Mass Rock im Oughaval Forest, Co. Laois
  6. Srahwee Wedge Tomb auf dem Clew Bay Trail, Co. Mayo
  7. Aherlow Mass Rock in Newton, Co. Tipperary
  8. Derrynafinchin Mass Rock im Derrynafinchin Steinkreis, Co. Cork
  9. Curraheen Mass Rock in Inchigeela, Co. Cork

Die katholische Kirche in Irland hat in den letzten Jahren regelmäßig Messen an einigen dieser Mass Rocks abgehalten. So wollen sie an die Zeiten der Penal Laws erinnern und den Menschen gedenken, die den katholischen Glauben in Irland durch diese schwere Zeit getragen haben.

Besonders zu Ostern und anderen Feiertagen kann man auf der Grünen Insel an einem solchen Mass Rock Gottesdienst teilnehmen. In dieser Youtube-Übertragung eines Ostergottesdienstes bei Sonnenaufgang am Mass Rock in der Keem Bay auf Achill Island wird deutlich, wie eindrucksvoll ein solcher Gottesdienst ist. Egal, ob gläubig oder nicht, die Mischung aus der beeindruckenden Natur und der bewegten Geschichte dieser Orte sorgt dabei garantiert für Gänsehautmomente!

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Über den Autor

Nadja Uebach

Da ich seit dreizehn Jahren auf der grünen Insel lebe, bedeutet Irland für mich in erster Linie Alltag. Wenn ich nicht mit meinem Laptop bewaffnet in einem Café oder Zuhause sitze und schreibe, findet man mich höchstwahrscheinlich mit meinen drei Kindern am Strand. Die Natur, die Kultur und insbesondere die Menschen sorgen dafür, dass sich in unseren Alltag immer wieder ein bisschen Magie einschleicht. Diese besondere irische Alltagsmagie versuche ich in meinen Texten in Worte zu fassen.

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