Irische Mythologie

Dullahan – Der kopflose Reiter

Dullahan
Written by Monika Dockter

Dullahan, der kopflose Reiter – hinter diesem geheimnisvoll-gruseligen Titel verbirgt sich die Geschichte um eines der zahlreichen Wesen der irischen Mythologie. Der Dullahan gilt als der Vorbote des Todes. Aber anders als die irische Todesfee Banshee, die der Legende nach mit einem markerschütternden Schrei den Tod eines Menschen ankündigt, fordert sein Ruf den Tod des Entsprechenden direkt ein. Doch ehe wir uns den genauen Eigenschaften dieses Wesens und seinem Wirken zuwenden, lest hier zunächst einmal die Geschichte selbst!

Die Legende des Dullahan

In der Gegend um Roundstone und Ballyconneely begab sich eines Abends ein Mann auf seinen Heimweg. Die Sonne war bereits über dem Meer untergegangen und Dunkelheit legte sich auf die Hügel und Moore. Der Mann beschleunigte seine Schritte.

Plötzlich vernahm er hinter sich das eilige Trappeln von Hufen. Er wandte sich um. Ein Reiter auf einem großen, schwarzen Pferd sprengte den Hügel hinab. Er trug seinen Kopf nicht auf den Schultern, sondern unter dem Arm. Es war Dullahan, der Todesengel! Vor Schreck schrie der Mann laut auf und begann zu laufen, was seine Beine hergaben.

Doch niemand entkommt dem Dullahan und seinem rasenden Hengst. Näher und näher kamen Pferd und Reiter. Schon erkannte der Mann die feurigen Augen und Nüstern des Tieres, den wehenden Umhang des Reiters und vor allem dessen Kopf, der unter seinem Arm leuchtete wie eine Laterne!

In panischer Angst warf der Flüchtende eine kleine Goldmünze auf seinen Weg. Fast im selben Augenblick ertönte in der Luft ein Röhren wie von einem gewaltigen Sturm, und als der Mann sich wieder umwandte, waren Pferd und Reiter verschwunden. Die kleine Goldmünze hatte ihn vor dem Dullahan und seinem sicheren Tod bewahrt.

Die Eigenschaften des Dullahan

Auf sehr anschauliche Weise wird hier das Erscheinen des „dunklen Mannes“, wie Dullahan auch genannt wird, beschrieben.

Sein mächtiger schwarzer Hengst ist so schnell wie der Wind, sein Hufschlag lässt den Boden erbeben und seine Nüstern sprühen Feuer. Manche Versionen der Legende ersetzen den Hengst als Reittier auch durch einen Wagen, gezogen von einem Gespann aus sechs schwarzen Pferden. Diese galoppieren so schnell, dass ihre Hufe die Hecken neben dem Weg in Brand setzen. Außerdem öffnen sich alle Tore vor ihnen – gleich, wie sicher sie auch verschlossen waren.

Die Beschreibungen des kopflosen Reiters selbst, Dullahan, sind sich alle sehr ähnlich. In jedem Fall trägt er einen dunklen Umhang, der im Wind hinter ihm her weht. Sein Körper endet bei den Schultern, denn seinen Kopf trägt Dullahan in der Hand. In der anderen Hand hält er eine Reitpeitsche, die aus dem Rückgrat eines Menschen besteht.

Der Kopf leuchtet hell wie eine Laterne, und obwohl er vom Körper abgetrennt ist, kann er sprechen. Allerdings spricht er jeweils nur ein einziges Wort, nämlich den Namen des Menschen, den der Todesengel mit sich nimmt.

Außerdem kann er auch sehen. Mit übernatürlichem Blick erspäht er auf jede Entfernung Häuser, in denen Menschen im Sterben liegen.

Jeder, der es wagen sollte, Dullahan heimlich zu beobachten, ist dazu bestimmt, entweder auf einem Auge zu erblinden oder in seinem eigenen Blut zu baden. Und es gibt nur ein Mittel, dem todbringenden Reiter zu entkommen: Gold! Der Anblick von Gold, egal in welcher Form, schlägt Dullahan augenblicklich in die Flucht, wie obige Erzählung es andeutet.

Der Ursprung der Legende

All diese gruseligen, blutrünstigen Einzelheiten weisen auf den vermutlichen Ursprung der Legende hin: einen keltischen Fruchtbarkeitsgott namens Crom Dubh (oder Black Crom).

In vorchristlicher Zeit regierte in Irland ein König namens Tighermas, der diesen Gott anbetete. Um den Gott der Fruchtbarkeit gnädig zu stimmen, opferte er ihm an bestimmten Festtagen auch Menschen, die er zu diesem Zweck enthaupten ließ. Dieser heute unvorstellbare Brauch existierte so lange, bis christliche Missionare ihn verboten.

So gehörten die Opfer für Crom Dubh bald der Vergangenheit an, die Furcht vor dem grausamen Gott jedoch existierte weiter in den Herzen der Menschen. In der Legende des kopflosen Reiters, Dullahan, nahm sie ganz konkrete Gestalt an.

Nicht umsonst lautet die Lehre, die aus der Legende gezogen wird, besonders in den Nächten der alten Opferfeste im August und September, sich hinter verschlossenen Gardinen im Haus aufzuhalten und keinesfalls im Freien.

Die Legende des kopflosen Reiters in anderen Kulturen

Tatsächlich existiert die Vorstellung eines kopflosen Reiters bis über die Grenzen der Insel hinaus. Nordamerika kennt ihn ebenso wie die Sagenwelt Deutschlands, wo er in regional unterschiedlichen Versionen auftritt.

Oft wird er als Ritter in Waffenrüstung dargestellt, erscheint stets zu nächtlicher Stunde und bringt denen, die ihn sehen oder die er berührt, stets den Tod. Im Rheinland beispielsweise spricht man von einem kopflosen Junker. Dieser stellte jungen Frauen und Mädchen nach, die sich nachts draußen aufhielten, berührte sie an der Brust und tötete sie damit innerhalb weniger Tage.

Die Ähnlichkeit zu der Figur des Vampirs, der seine Opfer durch einen Biss tötet, ist hier nicht zu übersehen.

Der kopflose Reiter in Literatur und Film

„The Legend of Sleepy Hollow“ von dem amerikanischen Autor Washington Irving ist vermutlich die bekannteste literarische Verarbeitung dieses Sagenstoffes. Sie stellt den kopflosen Reiter als den Geist eines ehemals deutschen Söldners dar, der den Bewohnern des Dorfes Sleepy Hollow gruselige Streiche spielt. Sehr wahrscheinlich wurde der Autor durch eine vorangegangene Reise ins Rheinland zu dieser Geschichte inspiriert.

Der Roman wurde bereits mehrfach verfilmt. In vielen Versionen wurde dabei der kopflose Reiter von dem ursprünglichen, Streiche-spielenden Schreckgespenst zu einem grausamen Massenmörder, der unschuldigen Bürgern die Köpfe abschlug und im Wald versteckte.

Außerdem gibt es mehrere Sammlungen deutscher Sagen, in denen der kopflose Reiter sein Unwesen treibt. Offenbar spukt der Dullahan, oder wie man den kopflosen Reiter auch bezeichnen mag, bis heute nicht nur durch die Köpfe der irischen Bevölkerung…

Über den Autor

Monika Dockter

Als Schriftstellerin bedeutet Irland für mich Inspiration in ihrer schönsten Form. Ich finde diese Inspiration in den Worten begnadeter irischer „Storyteller“, zwischen den verschlungenen Wurzeln einer uralten Eiche und auf der Brücke über einen Bach, dessen Wasser vom Torf so braun ist wie der Ginster am Ufer gelb…
Für die gruene-Insel.de zu schreiben betrachte ich als einmalige Gelegenheit, etwas von der für mich so faszinierenden Atmosphäre dieses Landes weiterzugeben – und zwar an eingefleischte Irlandfans ebenso wie an solche, die genau das einmal werden wollen.

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