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Molly Malone – Die Geschichte hinter dem Song

Molly Malone Denkmal
Heike Fries
Written by Heike Fries

Ach, Molly Malone, was für ein schöner melancholischer Song. Ergreifend und bittersüß schildert er, wie die junge Molly Malone ihren Karren voller frischer Fische und Muscheln durch die engen Gassen und belebten Straßen von Dublin schiebt – irgendwann Ende des 17. Jahrhunderts.

Über Kopfsteinpflaster hinweg, an Menschenmengen vorbei ruft sie lautstark nach Kunden: „Hier gibt es Miesmuscheln und Herzmuscheln, lebend, lebend, ooh.“ Denn der Fisch und die Meeresfrüchte kommen frisch aus dem Meer. Im Songtext erfahren wir, dass schon ihre Eltern Fischverkäufer waren und auch sie so ihren wahrscheinlich eher kargen Lebensunterhalt verdienten. Irgendwie klingt es traurig und romantisch zugleich, das Leben dieser jungen Frau, die der Verfasser der Textzeilen als lieblich besingt. Das will was heißen in Dublin, in dem seiner Meinung nach ohnehin alle Mädchen und Frauen hübsch sind. Hören sie doch einfach in den Song hinein, während sie weiter lesen und mehr über die Hintergründe der Frau und des Liedes erfahren. Von The Dubliners gibt es zum Beispiel eine sehr schöne Version – neben unzähligen Aufnahmen anderen Musikern. Den Text in der deutschen Übersetzung finden Sie am Ende dieses Artikels:

Melancholischer Fan-Gesang

Der Liedtext ist zugegebenermaßen sehr kurz für eine irische Ballade und sie endet wirklich tragisch. Denn die hübsche Molly Malone stirbt früh an einem Fieber. Doch genau diese spärlichen Zeilen haben wahrscheinlich dazu beigetragen, dass der Song bis heute eine ungeheure Sogkraft entwickelt und Einheimische und Touristen in seinen Bann zieht. Fast jeder Dubliner kann das Lied sofort anstimmen und deshalb gilt es als inoffizielle Hymne der Stadt. Es wird sogar bei Spielen der Dubliner Fußball- und Hurling-Mannschaften von den Fans gesungen.

Das ist schon ein wenig seltsam, denn der Song ist keineswegs ein Partyhit. Er ist eigentlich ziemlich traurig und betört mit einer langsamen Melodie. Aber er beschreibt genau das Leben, das wir uns für das Dublin des 17. Jahrhunderts vorstellen: Wir hören geradezu den Lärm der Stadt, sehen die Menschen und die Tiere durch die Straßen der Stadt ziehen. Es ist irgendwie schmutzig auf den Straßen, überall gibt es Straßenhändler – und die Armut ist groß. Und mittendrin Molly Malone, die wie so viele andere ihrer Zeitgenossen ums Überleben kämpft. Manche denken, dass sie mehr als nur Fische und Muscheln verkauft hat, denn sie starb schließlich an einem Fieber. Klar, damit kann natürlich die Syphilis gemeint sein. Wahrscheinlich war es gar nicht so unüblich, dass einige Frauen damals in ihrer Not zu Prostituierten wurden. Aber der Song gibt keinen direkten Hinweis darauf.

Molly Malone und die Kraft der Musik

Manche – der eher sittsamen – Fans argumentieren deshalb, dass Molly Malone in diesem Song verewigt wurde, gerade weil sie keusch war und ihren Körper nicht anbot. Das klingt widersprüchlich? Ja, aber genau das ist die Stärke des Songs: Er lässt Platz für eigene Interpretationen und erweckt Molly Malone mit wenigen Worten und einer unwiderstehlichen Melodie zum Leben. Und das ist ja ohnehin die große Kraft der Kunst, der Musik und der Geschichten. Figuren wie Molly erscheinen uns so real und begleiten uns über Jahrhunderte hinweg – weil sie etwas in unseren Herzen ansprechen. Und das hat auch dieser kleine Song geschafft.

Ein irischer Folksong?

Aber jetzt kommt noch ein interessanter Fakt: Bei genauerem Hinsehen ist Molly Malone nämlich gar kein irischer Song und ein traditioneller schon gar nicht. Kein Wunder also, dass der Text so kurz ist. Der Song tauchte erstmals 1883 in den USA auf und fand erste Erwähnung in Europa im Jahr 1884 als die Noten in London veröffentlicht wurde. Autor ist der Schotte James Yorkston. Vielleicht hat er sich bei seinem Lied auf einen irischen Folksong bezogen, wahrscheinlicher ist aber, dass er ihn neu geschrieben hat. Denn er passt vom Stil genau ins Ende des 19. Jahrhunderts. Tatsächlich taucht eine Figur namens Molly Malone bereits in einem anderen Song aus dem Jahr 1790 auf. Er ist Teil einer Liedersammlung namens Apollo‘s Medley und eindeutig anzüglicher. Wobei nicht klar wird, ob diese Molly tatsächlich als Prostituierte arbeitete, oder ob bloß die Fantasie des Songschreibers mit ihm durchging. Ob es irgendeinen Zusammenhang zwischen beiden Liedern gibt, ist unklar.

Aber das ist auch vollkommen egal, wie ich finde. Es spielt doch gar keine Rolle, aus welchen Jahr ein Song ist, ob er echt irisch ist und worauf er beruht. Hauptsache ist doch, dass er in den Zuhörern etwas auslöst. Eins steht fest: Molly Malone hat etwas ausgelöst und die Menschen berührt – und sie tut es bis heute.

Die Sehnsucht nach Echtheit

Denn sie hat mittlerweile viele Fans. Einige sind felsenfest davon überzeugt, dass der Song auf einer echten Person beruht. Deshalb haben sie sich durch Akten und Unterlagen gewühlt und schließlich eine Molly Malone aus Dublin aufgespürt, die am 13. Juni 1699 dort starb. Na bitte: Das musste sie einfach sein. Ist doch egal, dass es bestimmt unzählige Molly Malones gab und der Songschreiber vielleicht einfach den Namen schön fand. Sogar die damaligen Offiziellen der Stadt Dublin ließen sich von der Begeisterung um eine echte Molly Malone anstecken – und machten kurzerhand aus dem 13. Juni den offiziellen Molly-Malone-Tag.

Ein Geschenk zum Tausendsten

Zu solch einem Ehrentag gehört standesgemäß natürlich auch eine Statue. Deshalb beauftragten sie die Künstlerin Jeanne Rynhart, eine lebensgroße Plastik von Molly Malone zu entwerfen. 1988 wurde die bronzene Molly im Rahmen der Eintausend-Jahr-Feierlichkeiten Dublins dem Publikum vorgestellt. Errichtet an der Ecke Grafton Street/Suffolk Street zog sie 2014 wegen Baumaßnahmen vorübergehend vor die Touristeninformation in der Suffolk Street um. Bisher ist sie noch nicht wieder an ihren alten Platz zurückgekehrt.

Über die Statue kann man geteilter Meinung sein. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob die Künstlerin den gleichen Song gehört hat, wie ich. Aber das macht ja nichts. Denn die bronzene Molly mit ihrem Karren ist unbestritten eines der beliebtesten Touristenziele in Dublin. Ob das daran liegt, dass diese Molly keinesfalls mit ihren Reizen geizt? Schließlich heißt sie bei den Einheimischen schlicht The Tart with the Cart – was in etwa soviel heißt wie die heiße Schnalle mit dem Karren.

Am besten schauen Sie einfach selbst, was es damit auf sich hat. Dublin ist immer eine Reise wert, aber für Molly-Fans lohnt sich besonders der Molly-Malone-Tag am 13. Juni  – gruene-Insel.de bringt Sie hin.

Molly Malone (ziemlich frei übersetzt)

In der schönen Stadt Dublin
wo die Mädchen so hübsch sind
warf ich sofort ein Auge auf die liebliche Molly Malone
als sie schob ihren Karren
durch breite Straßen und Gassen
und dabei rief: Herzmuscheln und Miesmuscheln, lebend, lebend, ooh

Lebend, lebend, oh-ooh
Lebend, lebend, oh-ooh
Rief: Herzmuscheln und Miesmuscheln, lebend, lebend, ooh

Sie war eine Fischverkäuferin
und das war kein Wunder
denn das waren ihr Vater und ihre Mutter zuvor auch
Und auch sie schoben ihre Karren
durch breite Straßen und Gassen
und riefen: Herzmuscheln und Miesmuscheln, lebend, lebend, ooh

(Refrain)

Sie starb an einem Fieber
und niemand konnte sie retten
und das war das Ende der lieblichen Molly Malone
Nun schiebt ihr Geist ihren Karren
durch breite Straßen und Gassen
und ruft: Herzmuscheln und Miesmuscheln, lebend, lebend, ooh

Über den Autor

Heike Fries

Heike Fries

Irland ist eine Herzensangelegenheit für mich und neben der irischen Musik hat es mir vor allem der irische Sagenzyklus angetan.

Ich habe Irland schon als Schülerin mehrmals besucht. Damals hatte ich das Glück, die ganze Insel über mehrere Wochen kennenzulernen. Das blieb natürlich nicht ohne Folgen: Es ist bis heute mein Lieblingsland.

Ich bin Autorin und Künstlerin und irische Motive schmuggeln sich auch immer wieder in meine Zeichnungen. In meiner Freizeit spiele und singe ich in einer Band. Wir sind zwar keine richtige Folkband, haben aber den ein oder anderen irischen Song im Programm. Ich spiele außerdem ein wenig Bodhrán. Da ich nicht genug übe, bin ich nicht besonders gut – aber ich bin mit Begeisterung dabei.

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