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Matchmaker – Der Heiratsvermittler in Irland

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Monika Dockter
Written by Monika Dockter

Matchmaker, also Heiratsvermittler, ist in Irland ein „Beruf“ mit Tradition. Oder ist es vielleicht eher Berufung als Beruf? So jedenfalls sieht es Willie Daly, der irische Matchmaker schlechthin. „Mein Name ist Willie Daly und ich bin ein traditioneller irischer Heiratsvermittler in dritter Generation: eine Gabe, die ich von meinem Vater und dessen Vater vor ihm geerbt habe.“ Mit diesen Worten stellt sich der weltbekannte Matchmaker auf seiner Webseite vor. Etwa 3000 Eheschließungen gehen auf sein Konto, und auch in Zeiten von Tinder und Co. erreichen ihn beständig neue Anfragen. Werfen wir also einen genaueren Blick auf die Tätigkeit des Matchmakers.

Willie Daly, der bekannte irische Matchmaker

Eigentlich ist Willie Daly ja Farmer, Pferde- und Eselzüchter. Mit seinem weißen Haar und Bart und der dicken, ledergebundenen Kladde in der Hand könnte er jedoch ebenso gut als Weihnachtsmann durchgehen. Und genau wie dieser bemüht sich Willie seit vielen Jahren (es sind bereits über fünfzig), Wünsche zu erfüllen. Partnerwünsche eben, die er in besagter Kladde, dem Matchmaking Book, sammelt.

Und so kam es dazu: Ende des 19. Jahrhunderts entdeckte man in Lisdoonvarna im County Clare, Dalys Heimatort, eine Heilquelle, und der Ort wurde zum ersten Kurbad des Landes. Unter den Kurgästen befanden sich auch Farmer aus der Umgebung, die nach der Ernte hierher kamen, um ihr Rheuma zu kurieren. Zur selben Zeit fand auch der große Herbstmarkt statt, das gesellschaftliche Ereignis im Leben der irischen Landbevölkerung. Hier traf sich Jung und Alt selbst von den entlegensten Farmen, es wurde gefeilscht, gekauft, verkauft, gegessen, getrunken und – geflirtet. So mancher Viehhändler nutzte diese Gelegenheit und betätigte sich für seine Kunden und zahlreichen bäuerlichen Bekannten nebenher als Heiratsvermittler. Als Matchmaker machte er die jungen Heiratswilligen (und natürlich auch diejenigen fortgeschrittenen Alters) beim abendlichen Tanz miteinander bekannt. Nicht nur in Lisdoonvarna, sondern in vielen Orten im ganzen Land.

Einer dieser Viehhändler war Willie Dalys Großvater. Er half seinen Bauern, die passende Partnerin für sich selbst oder den passenden Partner für deren Töchter zu finden. Dazu legte er ein Verzeichnis an, in dem er seine Kunden mit allen relevanten Daten aufführte – das Matchmaking Book. Es ist dieselbe ledergebundene Kladde, die auch Willies Vater als Matchmaker benutzte und die Willie noch heute im digitalen Zeitalter gebraucht. Auch wenn sich dieses Werk gelegentlich in seine einzelnen Bestandteile auflöst und Partnergesuche wie Federn durch die Luft wirbeln, legt der Matchmaker sehr großen Wert darauf.

Das Matchmaking Book

Ein Zugeständnis an die digitalen Medien macht Willie dennoch: Heiratswillige können auch über seine Webseite die entsprechenden Partnerwunsch-Formulare ausfüllen und ihm senden. Dann jedoch platziert er die Schriftstücke nach althergebrachter Weise im Matchmaking Book. Weshalb er das tut? Er glaubt, dass sein Buch magische Kräfte besitzt.

„Das alte Matchmaking Book, das über Generationen hinweg an mich weitergegeben wurde, besitzt romantische Kräfte. Es ist gewissermaßen ein ‚Lucky Love Book‘“, sagt Willie. „Wer es mit einer Hand berührt, für sieben Sekunden die Augen schließt und dabei die Liebe visualisiert, wird sich sehr wahrscheinlich innerhalb von sechs Monaten verlieben. Wer es mit beiden Händen berührt, für sieben Sekunden die  Augen schließt und dabei die Liebe visualisiert, wird sehr wahrscheinlich innerhalb von sechs bis neun Monaten verheiratet sein, oder, falls er das bereits ist, die ersten zwei Wochen seines Honeymoon noch einmal erleben.“

Große Worte über eine Sammlung von Partnerwünschen, nicht wahr? Doch Willie Daly geht noch weiter und bietet demjenigen, der nicht persönlich anwesend sein kann, die Möglichkeit, an seiner Stelle das Buch zu berühren und so dessen magische romantische Kräfte zu aktivieren.

Zumindest aber vertraut der Matchmaker bei seiner Tätigkeit nicht allein auf die Kräfte seines Buches, sondern ebenso auf seine ererbten Fähigkeiten.

Erfolgsrezept für einen Matchmaker

Vater und Großvater hätten ihm die Fähigkeiten eines Matchmakers vererbt, betont Daly. Wie diese beiden vor ihm weiß er instinktiv, was beziehungsweise wer zusammen passt. Was ihm dabei hilft, sind hauptsächlich Intuition, aufmerksame Beobachtung und Menschenkenntnis.

Und last but not least ist es die direkte zwischenmenschliche Interaktion, die das Matchmaking vom Online-Dating unterscheidet. Willie bietet den Partnersuchenden nicht nur seine Intuition, sondern echte zwischenmenschliche Kontakte, Begegnungen bei Musik und Tanz. Es geht um Augenkontakt, Körpersprache, Knistern in der Luft, kurz gesagt, „nicht darum, was auf dem Papier steht, sondern was im Herzen ist!“

Matchmaking Festival

No machine-readable author provided. Bogman assumed (based on copyright claims). [CC BY-SA 2.5], via Wikimedia Commons

Schlussendlich ist es Dalys Erfolg von mehr als 3000 Eheschließungen, der diese „Zutaten“ seines Rezepts bestätigt. Es sind die zahllosen Anfragen, die er bis heute aus aller Welt bekommt, die seine traditionelle Art des Matchmaking rechtfertigen.

Eine Erfolgsgeschichte erzählt der Matchmaker offenbar besonders gerne: Ein 56-jähriger Farmer aus dem Nachbarort wünschte sich dringend eine Ehefrau. Dennoch war es ihm so peinlich, den Matchmaker aufzusuchen, dass die beiden sich auf einem verlassenen Friedhof trafen. Als die beiden  Stimmen hörten, warf der Farmer sich selbst und den Matchmaker zu Boden. So lagen sie längelang auf einem Grab, als plötzlich eine junge Amerikanerin vor ihnen stand. In dieser doch nicht ganz alltäglichen Situation konnte Willie der jungen Frau klar machen, dass das Schicksal oft ungewöhnliche Wege geht. Und in der Tat heiratete die Amerikanerin den Farmer aus dem Nachbarort trotz des großen Altersunterschiedes …

Das Matchmaking Festival in Lisdoonvarna

Für jeweils einen Monat im Jahr sind der Matchmaker Willie und neuerdings auch seine Nachfolgerin, Tochter Mary, ganz besonders gefragt. Denn jeden September findet in Lisdoonvarna das Matchmaking Festival statt. Entsprungen aus dem ehemaligen Markt in Lisdoonvarna ist es heute das größte Single-Festival Europas.

Das bedeutet, einen ganzen Monat lang übernimmt die Liebe das Regiment im Ort und es herrscht eine Art Ausnahmezustand. Normalerweise hat die kleine Stadt in der Nähe der Cliffs of Moher etwa 800 Einwohner und es gibt weder Ampel noch Bank oder Geldautomaten noch Zahnarzt, dafür aber 13 Bars und Pubs. Während der Wochen des Festivals jedoch bevölkern insgesamt etwa 40.000 Menschen diese Straßen und die Pubs.

Die Singles kommen aus Irland und der ganzen Welt und sind zwischen 18 und etwa 70 Jahren alt. Dazu gesellen sich die Paare, die hier vor vielen Jahren ihren Partner kennenlernten und jährlich zurückkehren, um Jubiläum zu feiern. Gemeinsam schaffen sie – nicht nur, aber vor allem – bei Musik und Tanz jeden Abend Hochstimmung in den Bars, Pubs und Restaurants der Stadt.

Am Besten besucht ist dabei stets die Matchmaker Bar. Hier nämlich „residiert“ allabendlich ab 19 Uhr der Matchmaker beziehungsweise seine Tochter in derselben Funktion. Partnersuchende aus aller Welt stehen Schlange, um die Formulare auszufüllen und schlussendlich zu einem Gespräch mit dem Matchmaker selbst durchzudringen.

Der bei der Vermittlung natürlich auf einen großen Erfahrungsschatz zurückgreifen kann. „Deutsche Frauen mögen irische Männer, weil man mit ihnen gut singen, tanzen und Spaß haben kann!“, erklärt der Ire mit dem weißen Haarschopf zum Beispiel. „Aber am besten harmonieren irische Damen mit deutschen Herren, da Männer aus Germany besser aussehen und fleißiger sowie vernünftiger sind als Iren!“

 

Nun, darüber kann man geteilter Meinung sein, doch eines steht fest: der traditionsbewusste Matchmaker Willie ist ebenso einzigartig wie sein Festival und immer einen Besuch wert! In diesem Fall vermittelt Ihnen das Team der gruenen-insel zwar nicht die passende Partnerin, aber zumindest die passende Reise …

Über den Autor

Monika Dockter

Monika Dockter

Als Schriftstellerin bedeutet Irland für mich Inspiration in ihrer schönsten Form. Ich finde diese Inspiration in den Worten begnadeter irischer „Storyteller“, zwischen den verschlungenen Wurzeln einer uralten Eiche und auf der Brücke über einen Bach, dessen Wasser vom Torf so braun ist wie der Ginster am Ufer gelb…
Für die gruene-Insel.de zu schreiben betrachte ich als einmalige Gelegenheit, etwas von der für mich so faszinierenden Atmosphäre dieses Landes weiterzugeben – und zwar an eingefleischte Irlandfans ebenso wie an solche, die genau das einmal werden wollen.

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