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Das wunderbare Land – Irland

Irland Bildband
Ina Brecheis
Written by Ina Brecheis

Wir bitten zum Interview. Und zwar Hans Jörg Rafalski, den es schon seit nunmehr 25 Jahren immer wieder auf die Grüne Insel zieht. So hat er nicht nur vieles gesehen und entdeckt, sondern war auch Zeuge der Veränderung, die Irland erlebte. All das hat er in einem wirklich einzigartigen Bildband, “Das wunderbare Land” festgehalten. Alles andere, erzählt er Ihnen am besten selbst:

Hans Jörg Rafalski Autor

Wie ist Irland in dein Leben gekommen? Was war der Moment, der in dir die Neugierde auf die Grüne Insel geweckt hat?

Das Buch rührt aus einer großen Jugendsehnsucht und ist mit der Erfüllung dieser Sehnsucht gewachsen. Ich habe 25 Jahre lang daran gearbeitet. In seinem Ursprung sagt das Buch somit aber erst einmal mehr über die DDR, aus der ich komme, und über die Art der Welt, wie sie in den 80ern gewesen ist. Während unter meinen Mitschülern ansonsten Australien und Kanada die großen Sehnsüchte formulierten, war es bei mir immer das Verborgene, das, an dem noch etwas Geheimnisvolles zu hängen schien. Das, worüber nichts oder wenig bekannt war. Mir erschien Irland damals als das verborgenste Land Europas. Irland von dieser Seite des Eisernen Vorhangs aus zu entdecken, glich einem riesigen Puzzle. Meine Annäherung begann mit uralten Lexika, in denen ich die bekannten Klischeefotos in Schwarz/Weiß entdeckte. In Buchläden und Bibliotheken fand ich dann Joyce und Flann O’Brien und in Zeitungen die fortlaufenden Sechs- bis Zwölfzeiler über die Troubles in Nordirland. Daraus ergab sich natürlich kein Bild eines Landes, aber daraus entstand schon damals die Idee, aus vielen kleinen Informationen das gesamte Bild zusammenzusetzen. Und ich bin nie müde darin geworden, die Insel entdecken und kennenlernen zu wollen.

Kannst du dich noch daran erinnern, mit welchen Erwartungen und inneren Bildern du das erste Mal, 1992, nach Irland gereist bist? Was davon hat sich bewahrheitet? Welche davon musstest du über Bord werfen?

Diesen ersten Tag habe ich heute tatsächlich noch vor Augen wie den gestrigen. Der Blick von der Fähre aus auf die Südküste war ja irgendwie der Blick in einen lange gehegten Traum. Nur grün war da nichts, sondern alles dunstverhangener Schemen. Ich war auf jedes Wetter eingestellt – natürlich den guten alten soft day – stattdessen wurde es ein sonniger und warmer Frühsommertag. Ich war natürlich auf das alte Irland aus, die Ruinen, die bunt ausgemalten, aber auch die weniger farbigen kleinen Orte. Das Authentische eben, wie ich es in den alten Büchern so lange betrachtet hatte. Wir tasteten uns mit einem europäischen Skoda von Cork aus langsam in den Linksverkehr Richtung Timoleague vor. In schmale, von dichten Brombeer- und Fuchsienhecken zur Uneinsehbarkeit eingefasste Serpentinen zur Küste. Straßen, beinahe ohne Verkehr. Und, begegnete uns doch einmal jemand, dann eine alte Kiste am Rande des Fahrbaren und die grundsätzlich mit überhöhter Geschwindigkeit. In diesem Labyrinth zu fahren erschien uns als selbst gesuchtes Himmelfahrtskommando. Aber wir hatten Spaß daran, daß uns auf dem Land praktisch jeder grüßte. Die Iren geben einem sehr schnell das Gefühl willkommen zu sein. Wir schlugen unser Zelt für die erste Nacht in einer dicht überkrauteten Ruine auf und fühlten darin eine Dimension von Freiheit, die wir aus Deutschland nicht kannten.

Wenn du das Irland von 1992 in einem Bild beschreiben müsstest, was wäre darauf zu sehen?

Die Mitte eines dieser “little places like the Crooked Cross … where a nation’s life is laid”, von denen Brendan Kennelly schrieb. Es ist das Bild eines Pols, eines Ruhepols, wenn man so will. Eines aus Stillstand, das dem Land wie ein Fundament dient. Und das natürlich noch von den alten Requisiten bevölkert ist: der grünen Telefonzelle, einem mit grüner Farbe besiegten Briefkasten mit den Insignien König Edward VII, einer alten Zapfsäule und dabei einem irgendwie immer wieder zusammengeflickten amerikanischen Wagen aus den 50ern. Und über allem an einem Giebel die gemalten Typen aus dem Book of Kells zur Bewerbung eines local butcher.

2017 bist du das letzte Mal auf der Grünen Insel gewesen. Kannst du auch dieses Irland in einem Bild festhalten und beschreiben?

Jetzt ist es das Bild einer Stadt. Einer Stadt voller Fahrzeuge und da, wo sie die alten engen Straßen nicht verstopfen, die mit höchster Beschleunigung. Das ganze Land ist nun in Bewegung. Von den Hintergründen der alten Fassaden sind noch immer viele da – das Zusammenspiel zwischen Alt und Neu gelingt – aber das Irland heute ist schnell. Es ist laut, farbig und sehr selbstbewusst. Das Bild der Gegenwart bestimmen die Jungen, während es 1992 die Alten waren. Dieses Land ist ein Sinnbild der Lebensfreude, der Lebenslust, ja einer Lebensgier geworden. Es war ein sehr, sehr großer Sprung, auf den der Celtic Tiger sein Land mitgenommen hat.

In deinem Buch bezeichnest du dich selbst als “Zeuge des Sterbens des traditionellen, unbewegten Irlands”. Was siehst du als unwiederbringlich verloren?

Den Stillstand. Das Erstarrtsein in den Bildern der alten Orte und mit diesem Erstarrtsein die Vorhersehbarkeit. Ich fand dieses Land 1992 genau so, wie ich es in Jahrzehnte alten Büchern beschrieben gefunden hatte. Das Irland heute dagegen ist ein unvergleichlich dynamisiertes Land, ein Land voller Überraschungen. Das Land kann endlich gut zu den Menschen sein. Einer der tragischen Züge der Evolution liegt nur darin, dass wir zu jeder Zeit Dinge hinter uns zurücklassen. Und das diese Dinge verloren gehen, wenn sie durch Besseres abgelöst werden und nicht mehr gebraucht werden. Persönlich bin ich ein Mensch, der diese Verluste empfindet und bedauert, und aus dem Wunsch des Bewahrens werden die Inhalte meiner Bücher. Bücher sind ein gutes Medium, um Dinge vor dem Vergessenwerden zu bewahren, materiellen wie die ideellen.

Wenn etwas Altes geht, entsteht Raum für Neues. Wie würdest du das neue Irland beschreiben und wie stehst du diesem gegenüber?

Wenn ich auch die Verluste am Alten bedaure, bewundere ich das neue Irland. Es ist eines für die Menschen, eines zum leben. Irland erscheint so viel demokratischer, als es im übrigen Europa zugeht. So viele Menschen wirken an den Veränderungen aktiv mit und profitieren von ihnen. Die Menschen gehen für ihre Hoffnungen auf die Straße – beinahe jeden Samstag trifft man in der O’Connell Street auf eine Demo. In so vielen Orten gibt es kulturelle Initiativen. Die Menschen sind noch beieinander und sie gestalten ihr Land auf vielen Ebenen. Irland begreift Multikulturalität, Kreativität und Jugend als Chance, Zukunft zu gestalten. Davon können so viele Völker Europas, die, um mit Hamlet zu sprechen, sich “vor dem unbekannten Land, der Zukunft, fürchten”, lernen. Was die Iren sich erobert haben, ist die Gewalt, ihr Land zu gestalten. Und sie tun es, und das ist nicht weniger, als es jedes Volk verdient.

In deinem Buch bist du ein Zeitreisender, beschreibst in eindrücklichen Worten und Bildern deine Begegnungen in Irland über die Jahre. Könntest du eine davon beschreiben, die dir bis heute nachgeht und in deinen Erinnerungen präsent ist? Kannst du ergründen, weshalb sie in dir einen so bleibenden Eindruck hinterlassen hat?

Ich habe die Ulysses erst sehr spät gelesen, dafür mit einer großen Intensität. Es ist eines der großartigsten Bücher, die ich je gelesen habe, wenn auch keine leichte Lektüre. Um 2005 bin ich dann mehrfach nach Dublin gefahren, nur um mich an bestimmten Orten für längere Zeit aufzuhalten, um sie zu erspüren. Habe versucht, in der O’Connell Street und ihren “Bewohnern” zu lesen. Im Ergebnis ist der Text “Nur einmal” entstanden – ein Bisschen auch inspiriert vom damals aktuellen Musical “Once”. Ich hatte dem grandiosen Glen Hansard, der darin eine der beiden Hauptrollen spielt, zuvor bei einem Konzert im Belfaster GOH praktisch gegenüber gesessen – kaum ein Künstler hat mich je mehr beeindruckt, als dieser Mann mit seiner unglaublichen Stimme. Ich bin wahrscheinlich Irland in keinem Text emotional näher gekommen, als in “Nur einmal”. Dublin ist eine Stadt, die sich nicht so leicht erobern läßt, die ich mir erarbeiten musste, aber bereits im Schreiben dieses Textes wurde mir klar, dass das meine Liebeserklärung an diese Stadt sein würde.

In den Bildern deines Buches fängst du ein Irland ein, das man noch nicht kennt. Du wählst ungewöhnliche Perspektiven, Motive; hast einen ganz eigenen Blick auf das Land. Würdest du nach all deinen Reisen dorthin sagen, dass du das Land und seine Menschen kennst? Was macht die Magie Irlands für dich aus?

Auf diese Frage möchte ich so antworten, wie ich es einmal in Nordirland gehört habe: “Wer glaubt, Nordirland zu verstehen, hat gar nichts verstanden”. Irland kann ein Bisschen wie eine Droge – man kommt nicht von los. Eigentlich habe ich noch einen großen Wunsch: Die Insel für ein Jahr kreuz und quer mit dem Fahrrad zu befahren. Ohne Kamera, nur um zuzuhören und aufzuschreiben.

 

Hier finden Sie den Bildband “Das wunderbare Land”

Das wunderbare Land

Über den Autor

Ina Brecheis

Ina Brecheis

Ich habe mich während meines Studiums in Dublin in Irland verliebt. Zuvor war da nur eine vage Anziehung zu diesem Land mit seiner lebensfrohen Musik und lebendigen Kultur. Dort war es dann um mich geschehen und ich habe eine unvergessliche Zeit auf der Grünen Insel verbracht. Seither zieht es mich immer wieder dorthin zurück. Umso mehr freue ich mich, über mein grünes Lieblingsland hier bei gruene-Insel.de zu schreiben.

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