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Straßenmusiker in Irland – Vom Suchen und Finden der Musik

Busker, Straßenmusik Dublin
Heike Fries
Written by Heike Fries

Sie haben es sicher schon gehört: Irland ist voller Musik. Sie ist in den Pubs, bei den Menschen Zuhause, auf Konzertbühnen – und natürlich auf den Straßen, wo unzählige Straßenmusiker den Ton angeben. Musik ist die Seele des Landes. Deshalb können Sie in Irland auch auf dem Weg zum Pub oder beim Einkaufen überall Musik genießen. In Dublins Einkaufsmeile Grafton Street oder in der Gegend um Temple Bar haben Sie die größte Auswahl. Anders als bei den traditionellen Sessions in Pubs ist die Musik auf Irlands Straßen internationaler und stilistisch vielfältiger.

Für Iren ist Straßenmusik eine respektierte Sache. In manch anderem Land gelten Straßenmusiker fast als Bettler. Aber Irland ist so sehr mit der Musik verwachsen, dass Musiker in jeder Form respektiert und geachtet werden. Musik ist Irlands Exportschlager und sie macht einen großen Teil der irischen Identität aus.

Straßenmusiker in Irland – Auf der Suche nach dem Glück

Die Iren nennen die Straßenmusiker “Buskers”. Genau genommen bezieht diese Bezeichnung alle Arten von künstlerischer Darbietung auf der Straße ein. Das kann Musik sein, aber auch Akrobatik, Tanz, Pantomime oder Theater. Das Wort tauchte wahrscheinlich erstmals um 1860 in der englischen Sprache auf und ist eine Abwandlung des spanischen Verbs buscarwas so viel wie “suchen” heißt. Die Tradition des Musizierens auf der Straße ist aber älter und Straßenmusiker sind seit jeher auf der Suche: nach Zuhörern, Geld und vor allem Glück. Viele hoffen, eine der beeindruckenden Karrieren nachzuahmen, die auf der Straße begannen. Doch dazu später mehr.

Straßenmusiker in Irland

Straßenmusiker brauchen auch mal eine kleine Pause

Musikerkarriere unter freiem Himmel

Bevor es Streaming-Dienste gab, waren Musiker auf andere Wege der Verbreitung angewiesen. Sie spielten sowohl in Pubs als auch auf der Straße – wer gut war, wurde gehört und konnte sich so ein wenig Ruhm und seinen Lebensunterhalt verdienen. Das hat sich bis heute nicht geändert – vor allem Dublin und Galway sind wahre Mekkas der Straßenmusik. Viele Straßenmusiker in Irland entscheiden sich heute ganz bewusst für den unmittelbaren Kontakt zum – oftmals unfreiwilligen – Publikum. Es ist eine eigene Form der musikalischen Karriere, mit der viele Musiker ihren Lebensunterhalt bestreiten.

Wenn Sie mehr darüber erfahren möchten, können Sie sich den Film Once anschauen. Er zeigt hautnah das Leben eines Musikers in den Straßen Dublins. Der Film ist nicht nur Fiktion, denn Hauptdarsteller Glen Hansard schmiss mit 13 Jahren die Schule und wurde auch im echten Leben Straßenmusiker – bis er im Jahr 1991 die Band The Frames gründete. Seine Erfahrungen auf Dublins Straßen verhalfen ihm zur Titelrolle in Once und machten ihn anschließend weltweit bekannt. Der Film gewann mehrere Preise und Glen Hansard gilt mittlerweile als einer der bekanntesten Busker Irlands. Im Jahr 2007 trat er mit seiner Band sogar im Vorprogramm von Bob Dylan auf.

Von solch einer Karriere träumen viele Musiker und in Irland erscheint es besonders leicht: Viele Jahre lang brauchten Straßenmusiker dort keine Genehmigung. Wer ein Instrument und den entsprechenden Mut hatte, konnte sich einfach eine Straßenecke aussuchen und spielen. So viel Freiheit sprach sich natürlich herum und Musiker aus aller Welt kamen auf die Grüne Insel.

Von Lautsprechertürmen und Bürokratie

Die Konkurrenz ist mittlerweile immens. Die Laufbahn als Straßenmusiker in Irland hat in den letzten Jahren so viel an Attraktivität gewonnen, dass es zwischenzeitlich zu bizarren Auswüchsen kam. So türmten einige Musiker plötzlich riesige Verstärker und Karaokemaschinen in den Einkaufsstraßen auf. In einigen Städten begann eine Art Verstärker-Krieg. Der Lauteste gewann – allerdings nicht die Gunst der Zuhörer und schon gar nicht die der Ladenbesitzer um die Ecke. Denn so sehr Straßenmusik zu Irland gehört und so sehr es die Atmosphäre in den Städten bestimmt, gewisse Regeln müssen wohl auch im musikbegeisterten Irland sein.

In den letzten Jahren regte sich nämlich Widerstand gegen zu laute Musik und zu viel Tamtam und die Städte führten immer neue Beschränkungen für Straßenmusiker ein. Sie genau wiederzugeben wird mir nicht gelingen, denn sie ändern sich ständig und sind von Ort zu Ort verschieden. Soviel ist sicher: Mittlerweile brauchen Straßenmusiker in Irland eine Genehmigung, die es für einige Euro in jeder Polizei-Station gibt.

Um den akustischen Auswüchsen Herr zu werden, verboten einige Städte wie Galway und Dublin laute Verstärker. Teilweise dürfen sich keine Menschentrauben mehr bilden, wenn diese die Eingänge zu den Geschäften verstopfen. Außerdem müssen Straßenmusiker mindestens 20 verschiedene Songs auf Lager haben. Wenn ich mir vorstelle, in einem Laden zu arbeiten, vor dem ein hoffnungsvoller Musiker mit seiner Dauerperformance von Leonard Cohens Hallelujah das Geld für die Miete zusammenbekommen will – oh weh. Da kann ich den Unmut der Ladenbesitzer schon verstehen.

Zugegeben: Das Ganze ist ein Balanceakt zwischen künstlerischer Freiheit und den Anliegen empfindlicher Ohren und beeinträchtigter Geschäftsleute. Eins ist sicher: Wenn Sie heute durch die Grafton Street flanieren, treffen Sie dort noch immer auf unzählige, ambitionierte Musiker. Jetzt jedoch mit mehr Songs und weniger Verstärkern im Gepäck.

Buskers in Dublin

Buskers in Dublin, by Joseph Mischyshyn / Dublin – Grafton Street entertainers

Von der Hutkasse zum Superstar

Wer weiß, vielleicht hören Sie beim Vorbeischlendern sogar einen der kommenden Superstars: Denn so manche Karriere begann auf der Straße. Es liegt nahe, denn Straßenmusiker brauchen ein dickes Fell: Sie bekommen hautnah mit, was dem Publikum gefällt – und was nicht. So hat auch Ed Sheeran seine Karriere begonnen. Noch vor wenigen Jahren spielte er auf Galways Straßen und konnte sich wohl nicht vorstellen, dass er einmal riesige Stadien füllen würde.

Eine ähnliche Karriere machten vor ihm schon die Hothouse Flowers – die in den 80ern von Bono von U2 auf der Grafton Street entdeckt wurden. Bono war so begeistert, dass er die Band gleich unter Vertrag nahm – was sie schlagartig berühmt machte.

Bonos Herz schlägt noch immer für Straßenmusiker – sogar so stark, dass er hin und wieder selbst zum Busker wird. Jedes Jahr vor Weihnachten treten irische Stars in Dublin auf der Straße auf, um für einen guten Zweck zu singen. Diese Charity-Aktion ist mittlerweile Tradition und zieht viele Menschen an. Menschentrauben lassen sich da kaum vermeiden – in dem Fall drückt die Stadtverwaltung aber sicher ein Auge zu.

Irlands Straßen – für Musiker und Musikliebhaber

Für alle, die selbst als Straßenmusiker in Irland die ganz große Karriere machen möchten, habe ich folgende Tipps: Wer ein Instrument beherrscht und mehr als 20 Songs im Repertoire hat, ist schon auf einem guten Weg. Wer erfolgreich sein will und auch Einheimische begeistern möchte, verzichtet auf riesige Verstärkertürme und setzt ganz auf die Kraft der Musik.

Ganz wichtig ist ein ausreichend großer Geldbehälter: Gitarrenkoffer oder Hüte sind beliebt und haben sich bewährt. Wer in einer Gruppe auftritt oder treue Fans hat, schickt bestenfalls einen davon gelegentlich durch die Menge, um das Geld einzusammeln. Es lohnt sich, sein Glück auch jenseits der großen Einkaufsstraßen zu versuchen: Auch in Limerick oder Killarney gibt es tolle Plätze für Straßenmusiker.

Da gilt übrigens auch für alle, die sich lieber als Zuhörer an der Musik erfreuen. Buskers gibt es nahezu überall in Irland – nicht nur in den großen Städten. Und es ist ein schönes Erlebnis, durch die Straßen zu schlendern und unverhofft einen wundervollen Song zu hören. Bleiben Sie stehen und genießen Sie es, denn die Seele Irlands liegt auch in der Musik – egal ob auf der Bühne, im Pub oder auf der Straße. Kleiner Tipp: Wo auch immer Sie in Irland Musik hören möchten, www.gruene-Insel.de bringt Sie auf jeden Fall dorthin.

Über den Autor

Heike Fries

Heike Fries

Irland ist eine Herzensangelegenheit für mich und neben der irischen Musik hat es mir vor allem der irische Sagenzyklus angetan.

Ich habe Irland schon als Schülerin mehrmals besucht. Damals hatte ich das Glück, die ganze Insel über mehrere Wochen kennenzulernen. Das blieb natürlich nicht ohne Folgen: Es ist bis heute mein Lieblingsland.

Ich bin Autorin und Künstlerin und irische Motive schmuggeln sich auch immer wieder in meine Zeichnungen. In meiner Freizeit spiele und singe ich in einer Band. Wir sind zwar keine richtige Folkband, haben aber den ein oder anderen irischen Song im Programm. Ich spiele außerdem ein wenig Bodhrán. Da ich nicht genug übe, bin ich nicht besonders gut – aber ich bin mit Begeisterung dabei.

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